Das Licht als Baumaterial

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 10

Von Karlheinz Bauer

 

Die Glasmalerei zählte im Mittelalter zu den vornehmsten Zweigen der Malerei. Künstlerisch gestaltete, farbige Glasfenster gehörten zu jedem anspruchsvollen Kirchenbau. Sie schlossen den Raum lichtdurchlässig ab und dienten zugleich als liturgisches Hilfsmittel. In der transzendenten Zone zwischen Innen und Außen konnten heilsgeschichtliche Inhalte besonders "einleuchtend" dargestellt und dem Gläubigen vermittelt werden. Die Glasmalerei erreichte vor allem in gotischen Bauwerken ihre höchste Blüte.

 

Die technischen Neuerungen der gotischen Architektur und deren künstlerische Bewältigung äußerte sich neben der souveränen Beherrschung des Gewölbebaues in einer völligen Auflösung der Wandflächen. Die bisher schweren Mauern brachen jetzt förmlich auf und wurden zu einem gläsernen Gehäuse, das dünne Bauglieder und leuchtende Wände erlaubte. So erscheint die Gotik als eine Glasarchitektur oder besser: als eine Lichtarchitektur. Das Licht wurde selbst zum Baumaterial.

 

Das Halbdunkel gotischer Räume wird vom Licht begrenzt, aber nur scheinbar vom Licht der Fenster. Denn von Fenstern erwartet man Durchsicht; doch Glasfenster geben keine Nachricht von außen weiter, sie leuchten. Selbst direktes Sonnenlicht verwandeln sie in intensives farbiges Glühen. Farbige Glasfenster belichten den Raum irreal und machen ihn transparent. In ihren Malereien berichten sie von einer anderen Welt als von der Außenwelt. Szenen des Alten und Neuen Testamentes werden lebendig. Erst unter Lichteinfall verbreiten sie ihre Wirkung und in ihrer Vielfarbigkeit nehmen sie das übernatürliche Licht vorweg.

Chorfenster der Stadtkirche

Es liegt nahe, eine Verbindung zwischen gotischer Lichtarchitektur als Summe neuer Bauerfahrungen und einer Theologie des Lichtes als Summe einer neuen Weltinterpretation zu vermuten. Das vom Licht Geformte gilt als das eigentlich Schöne. Das Licht adelt alle Materie, und auch die Architektur einer Kirche gewinnt erst aus der Kraft des Lichtes Schönheit und Weihe. Farbige Glasmalereien wollen den Menschen über das Leuchten der Dinge zum höchsten Licht leiten.

 

Die Geislinger Stadtkirche besaß wohl von Anfang an in allen Fenstern, sowohl im Chorraum als auch in den Seitenschiffen, farbige Glasbilder. Sie sind leider zerstört. Die letzten Reste waren 1880 noch vorhanden; an einem Fenster des nördlichen Seitenschiffes las man die Inschrift 1450 und in einem Chorfenster waren mehrere Wappendarstellungen erhalten, die in die Zeit des Chorbaues zurück reichen dürften.

 

Es ist kaum anzunehmen, dass die mittelalterlichen Glasfenster den Bilderstürmern zum Opfer fielen; diese hatten mehr die Skulpturen und Tafelbilder beseitigt. Eher ist an kriegerische Wirren, einen gewandelten Zeitgeschmack, Witterungseinflüsse oder den natürlichen Verfall zu denken. Als Zeichen der Überwindung des "finsteren Mittelalters" wurden hauptsächlich im Zeitalter des Barock in zahlreichen Kirchen die mittelalterlichen Glasscheiben durch farbloses Glas ersetzt, damit die volle Kraft des Lichtes den Kirchenraum überfluten sollte. Erst das 19. Jahrhundert mit seiner Begeisterung für die Kunst des Mittelalters weckte wieder den Wunsch nach farbiger Verglasung. 1879/80 erhielt auch die Stadtkirche neue Chorfenster.

 

Bei der Renovierung von 1975/76 beauftragte man den Glasmaler Hans Gottfried von Stockhausen mit einem neuen Bildprogramm. Der renommierte Künstler hat in zahlreichen Kirchen des In- und Auslandes gearbeitet, u. a. auch im Ulmer Münster.
In ihrer theologischen Thematik sind die Chorfenster aufeinander abgestimmt. Das linke Fenster stellt die sieben Tage der Schöpfung dar. Das Mittelfenster, in dessen Zentrum Christus steht, hat die Erlösung zum Inhalt. Das rechte Fenster zeigt die Erneuerung der Welt als das Werk des Heiligen Geistes.

Marienfenster im Turmzimmer der Stadtkirche