Ein Baldachin für die Kirchenpatronin

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 3

Von Karlheinz Bauer

 

Das Nordportal der Stadtkirche ist das Zitat einer Bauform aus dem Ulmer Münster, während die Vorhalle des Südportals als ein schützender Baldachin für ein im Mittelalter viel verehrtes Marienbildnis diente.

 

In vielen mittelalterlichen Städten beobachtet man die Lage von Kirche, Schloss oder Kloster in den Ecken der ummauerten Altstadt. Auch in Geislingen befindet sich das helfensteinische Stadtschloss in der nordöstlichen Ecke und die Stadtkirche im entgegengesetzten südwestlichen Winkel der Altstadt. Dies mag man symbolhaft deuten: Wie die weltliche Macht im Nordosten, so schützt die Kirche und das Gebet im Südwesten die Stadt.

 

Rings um die Stadtkirche zog sich auf gedrängtem Raum der Friedhof. Er war in geringem Abstand im Westen durch die Klause der Franziskanerinnen (heute Pfarrhaus), im Süden durch die Stadtmauer abgeschlossen. 1608 wurde der Friedhof nach Rorgensteig verlegt.

 

Die Stadtkirche hat in südlicher und nördlicher Richtung je ein Portal. Ein Westportal, das bei alten Kirchen im allgemeinen die Funktion des Hauptportals besitzt, weist die Stadtkirche nicht auf, auch ist die Westfassade nicht als Schaufront ausgebildet. Dies hängt damit zusammen, dass die Kirche im Westen unmittelbar an die Stadtmauer stieß. Der kleine spitzbogige Eingang im Westen wurde erst 1892 durchgebrochen.

 

Das Nordportal der Stadtkirche mit dem Stifterrelief von 1424 ist das ausdrückliche Zitat einer Bauform aus dem Ulmer Münster. Wie das Gerichts- oder Brauttor an der Südostseite des Münsters stellt es sich als Doppeltor mit Mittelpfeiler und zwei Kleeblattbogen dar, die von einem Spitzbogen überfangen werden. An der reichen Gestaltung des Nordportals lässt sich ablesen, dass es ursprünglich eine höhere Bedeutung besaß. Es war der Hauptzugang der Kirche von der Innenstadt her.

Südportal der Stadtkirche, das sogenannte "Kirchle"

Das Südportal am Kirchplatz, das heute wesentlich repräsentativer erscheint, hatte lange eine nahezu untergeordnete Bedeutung. Es lag eingezwängt zwischen Kirche und Stadtmauer und nur vom Friedhof aus zu betreten. Auch ein direkter Zugang von der oberen Vorstadt war nicht möglich. Das Tor lag praktisch "hinter" der Kirche. Das Portal selbst ist einfach gestaltet, zwar ebenfalls zweiteilig und mit Mittelpfeiler, doch hat man hier auf die schmückenden Kleeblattbögen verzichtet.

 

Was die Südseite der Stadtkirche heute imposant erscheinen lässt, ist die zierliche, polygonale Portalvorhalle, verbunden mit der heutigen Platzgestaltung, die seit dem Wegfall der Stadtmauer eine Schauseite der Kirche suggeriert. Dieser Anbau, der 1467 aus hellem Sandstein angefügt wurde, ist das Werk des Hans Schweinbacher von Windsheim (Mittelfranken), was sich auf Grund der Steinmetzzeichen und durch seine Mitgliedschaft bei der Geislinger Sebastiansbruderschaft nachweisen lässt. Er war als Polier (Bauführer) an der Münsterbauhütte Ulm tätig.

 

Die Vorhalle mit ihrer beschwingten Note, das so genannte "Kirchle", ist aus fünf Seiten eines Achtecks gebildet, wobei sich jede Seite in einem hohen Spitzbogen öffnet. Die Decke zeigt ein Sterngewölbe und eine Madonna als Halbfigur mit dem Jesuskind im Strahlenkranz als Schlussstein.

 

Das "Kirchle" stand im Zusammenhang mit einem Fresko aus dem 15. Jahrhundert, das die Krönung Mariens, der ehemaligen Schutzpatronin der Kirche, darstellte. Das Bild befand sich im Bogenfeld über dem Portal. Die spätgotische Vorhalle wurde als Baldachin zum Schutz und zur besonderen Zierde dieses Gemäldes errichtet. Das Wandbild stammte vielleicht von dem Geislinger Maler Calixtus Klotzer. Es wurde nach der Reformation übertüncht. Bei Renovierungen der Jahre 1883 und 1923 wurde es wieder entdeckt. Doch erschienen die Reste der Malerei zu dürftig, als dass sich eine Restaurierung gelohnt hätte. So schlummert das Bildnis von der Krönung der hl. Jungfrau auch heute noch unter der Tünche.

Sternengewölbe der Portalvorhalle