Gotische Schnitzwerke und ihre Rätsel

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 4

Von Karlheinz Bauer

 

Dem Bildersturm der Reformation im Ulmer Land sind viele Kunstschätze zum Opfer gefallen. In der Geislinger Stadtkirche "überlebten" nur wenige gotische Schnitzereien, allen voran das Chorgestühl und der Daniel-Mauch-Altar.

 

Der Charakter des Chorraumes der Stadtkirche wird zu einem beträchtlichen Teil bestimmt von dem dunklen, in Eiche gearbeiteten Chorgestühl. Die Inschrift an der Nordwand und die lateinischen Verse von Martinus Myllius an der Südseite weisen darauf hin, dass es 1512 vom Ulmer Meister Jörg Syrlin d. J. geschaffen wurde.

 

In der neueren Forschung ist man mit der Zuweisung gotischer Schnitzwerke auf Vater und Sohn Syrlin vorsichtig. Man geht davon aus, dass die beiden Syrlin vor allem Unternehmer und Schreiner waren und die figürlichen Schnitzarbeiten anderen Ulmer Meistern und ihren Werkstätten anvertrauten.

 

Das Chorgestühl ist entlang der Nord- und Südwand des Chorraumes aufgestellt. Jeder Teil besteht aus zwei Sitzreihen. Die hintere umfasst jeweils 15, die vordere 12 Sitze mit zwei Durchgängen, also eine Gesamtzahl von 54 Plätzen. Es findet seine Ergänzung in einem dreiteiligen Levitenstuhl in der Südostecke des Chores.

 

Die ungewöhnliche Größe des Gestühls erklärt sich damit, dass in der Zeit vor der Reformation rund ein Dutzend Geistliche an der Stadtkirche wirkten, wie die Zahl der Altarstiftungen ausweisen. Bei feierlichen Gottesdiensten mit großem liturgischen Aufwand nahmen diese Kleriker mit ihren zahlreichen Ministranten im Chorgestühl Platz. Der Dreisitz diente dem zelebrierenden Geistlichen und seiner Assistenz.

Das Gestühl zeigt Propheten und Könige des Alten Bundes, die durch Schrifttafeln mit biblischen Zeugnissen bezeichnet sind. Menschliche und tierische Figuren, auch Teufelsfratzen beleben die Pultwangen. Die in Baldachinen stehenden Skulpturen der Apostel Petrus, Paulus und Johannes wurden erst 1884 aufgesetzt; es sind Kopien nach Vorbildern am Sebaldusgrab Peter Vischers in der Sebalduskirche in Nürnberg. Am Dreisitz ist neben dem Reichsadler und dem Ulmer Wappen das Geislinger Wappen mit der ältesten Überlieferung der Stadtrose angebracht.

 

Bis zur Reformation lassen sich in der Stadtkirche mindestens elf Altäre nachweisen. Von diesen ist nur ein ehemaliger Seitenaltar erhalten, der heute im Chor steht. Er stellt eine besondere Kostbarkeit dar. Der Altar, dessen Stil auf die Zeit um 1520 weist, wird dem Ulmer Bildschnitzer Daniel Mauch zugeschrieben, der um diese Zeit im Grundbuch der Geislinger Sebastiansbruderschaft wiederholt erwähnt wird.

Altar von Daniel Mauch

Der aus Lindenholz geschnitzte spätgotische Flügelaltar besteht aus einem Schrein und zwei beweglichen Flügeln; er ist ohne Bemalung. Drei vollplastische Figuren sind im Schrein nebeneinander aufgereiht; sie stehen wie in einer Art Kapelle. Die Mitte nimmt Maria mit dem Jesuskind ein; sie steht auf einer Mondsichel. Ihr zu Seite stehen Maria Magdalena mit dem Salbengefäß und ein jugendlicher Heiliger mit nachträglich zugefügtem Kommandostab, der als Mauritius oder Sebastian gedeutet wird. Die beiden Seitenflügel zeigen Elisabeth von Thüringen, die Nothelferin der Armen, mit Kanne und Glas, Brotlaib und Teller, sowie Rochus, den Patron der Pestkranken.

Engelfigur, Maria, Elisabeth von Thüringen (v.l.)

Unterhalb des Schreines wird das Fegefeuer sehr drastisch vor Augen geführt. Als Thema des Altars kann man die Werke der Barmherzigkeit verstehen.

Fegefeuer

Bemerkenswert sind die beiden Mädchen zu Füßen der Maria und des Rochus, wobei das ältere die Pestbeule des Heiligen berührt. Man vermutet, dass die beiden Kinder an der Pest gestorben sind (1519 wütete die Pest im Ulmer Land) und der Altar zu deren Gedenken gestiftet wurde. Eine andere Vermutung bringt den Altar in Zusammenhang mit der Geislinger Sebastiansbruderschaft, die ursprünglich ein Bund der Schützen war und sich später sozialen Zwecken zuwandte. In jedem Fall haben die Stifter den Altar, der nur wenige Jahre vor der Reformation fertig gestellt war, noch rechtzeitig an sich genommen, um ihn vor den Bilderstürmern zu schützen.