Größte Orgel zwischen Ulm und Esslingen

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 9

Von Gerhard Klumpp

 

Mit ihren 53 Registern und über 400 Schaltern ist die Orgel der Stadtkirche ein wahres technisches Wunderwerk. Ihr Klangreichtum von über 4000 Pfeifen stellt Werke aller Epochen von der Renaissance bis zur Moderne gültig dar.

 

Bei der grundlegenden Innenrenovierung der Stadtkirche von 1971 bis 1976 musste die Holzempore samt der Weigle-Orgel aus dem Jahr 1934 weichen. Sie war eine durchaus respektable Orgel mit vielen romantischen Stimmen, aber auch schon erkennbaren Zügen der Orgelbewegung, die sich ab den 1920er Jahren allmählich ausbreitete und eine Rückkehr zum barocken Orgelklang zum Ziel hatte. Mit 53 Registern war sie nicht kleiner als die heutige Orgel, aber vom technischen System her veraltet, und ihr relativ dunkler Klang entsprach nicht mehr dem Klangideal der Zeit. Das relativ niedrig gehaltene, zweiteilige Gehäuse passte nicht ins Konzept des Architekten. So entschied man sich für eine neue Orgel.

Die Orgel der Stadtkirche Geislingen

Architekt Folker Mayer, der mit der Kirchenrenovierung beauftragt war, hatte zuvor schon eine neue Betonempore konzipiert, die wesentlich weiter als die alte in das Kirchenschiff ragte. Entsprechend musste auch ein neues Orgelgehäuse wesentlich höher werden als vorher, um die Verhältnisse zu wahren. Im Wesentlichen stammt der äußere Entwurf der jetzigen Orgel vom Architekten. Die Gehäuse-Silhouette korrespondiert in gegenläufiger Bewegung mit dem Gewölbe. Steil aufragende, über acht Meter hohe Türme mit je zwei Pfeifenfeldern der größten Metallpfeifen in der Front flankieren heute den Turmbogen, unter dem sich, etwas zurückgesetzt, das Mittelgehäuse mit drei sichtbaren Pfeifenfeldern befindet. Dieses wurde relativ niedrig gehalten, um einerseits den Blick auf das Westfenster im Turm freizulassen und andererseits den notwendigen Lichteinfall nicht zu beeinträchtigen. In den beiden Seitentürmen sind die Pfeifen des Hauptwerks und des Seitenwerks untergebracht. Im Mittelgehäuse befinden sich das Schwellwerk und das Kleinpedalwerk. Die Pfeifen des Großpedals stehen ohne Gehäuse frei im Turmraum an der Südwand.

Die klangliche Disposition entwarf Professor Herbert Liedecke (Stuttgart) zusammen mit Gerhard Klumpp. Es war die Zeit des neobarocken Klangideals, bei dem Wert auf einen silbrigen Gesamtklang gelegt wurde. Ziel von Prof. Liedecke und G. Klumpp war es aber auch, möglichst viele romantische Register aus der alten Orgel zu erhalten. Rund 90% der 4116 Pfeifen stammen aus der Vorgängerorgel, die ihrerseits schon Pfeifen aus noch älteren Instrumenten in sich geborgen hatte. Was am Ende herauskam, ist eine Universalorgel, auf der alle Werke sämtlicher Epochen gespielt und gültig dargestellt werden können, von der Renaissance bis zur Moderne. Ihre besondere Stärke liegt in der romantischen Musik, wobei sie, sowohl den deutschen Komponisten von Mendelssohn über Reger bis zu Karg-Elert, als auch den französischen von Franck bis Vierne gerecht wird. Auch Gastorganisten loben die große Vielfalt an Klangmöglichkeiten, die charaktervollen Einzelstimmen und den vollen, majestätischen Gesamtklang.

 

Der Spieltisch der Orgel steht auf einem fahrbaren Podest, das überall auf der Empore Platz findet, und ist lediglich über einen Kabelschlauch mit den Windladen verbunden, auf denen die Pfeifen stehen. Über drei Manuale und eine Pedalklaviatur werden die Pfeifen in den einzelnen Werken zum Klingen gebracht. Mit seinen mehr als 400 Registerschaltern, Knöpfen, Pistons, Leuchtanzeigen, dem Schwelltritt, der Walze wirkt er wie das Cockpit einer komplizierten technischen Anlage, was ja tatsächlich auch dahinter steckt.

 

Mit der Ausführung des Orgelbaus wurde Orgelbaumeister Kurt Oesterle aus Albershausen beauftragt. Mit der Werknummer 80 ist sie die größte Orgel, die je in dieser Werkstatt gebaut wurde und bis heute auch die größte Orgel im Landkreis Göppingen. In Dienst genommen wurde die Orgel am 2. Advent 1976, also noch im gleichen Jahr, in der die Kirche nach der Renovierung wieder eingeweiht wurde, mit einem Orgelkonzert. Gerhard Klumpp spielte Werke von J. S. Bach, Paul Hindemith, César Franck und Franz Liszt.