Modellarchitektur des Ulmer Münsters

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 2

Von Karlheinz Bauer

 

Die Bauformen der Stadtkirche, ihr harmonischer Innenraum und die Qualität ihrer Ausstattung haben schon immer die Aufmerksamkeit der Besucher auf dieses Bauwerk gelenkt. Die Kirche ist das Werk der Ulmer Münsterbauhütte.

 

In der über 400jährigen Geschichte der Zugehörigkeit des Raumes Geislingen zur Reichsstadt Ulm lässt sich mehrmals nachweisen, dass bei größeren Bauprojekten Ulmer Baumeister und Künstler ihre Hände im Spiel hatten. Es war durchaus üblich, dass der Ulmer Rat seine Fachleute für besondere Bauaufgaben, insbesondere für Planfertigungen innerhalb des Reichsstadtgebietes einsetzte.

 

Den Umbau und die Erweiterung des Heilig-Geist-Spitals in Geislingen besorgte 1471/72 der Münsterbaumeister Moritz Ensinger; er vollendete damals in Ulm die Einwölbung des Mittelschiffes. Größere Erneuerungen an der Burg Helfenstein leitete 1503 der Baumeister Burkhard Engelberg; zur selben Zeit war er mit statischen Sicherungsarbeiten am Ulmer Münster beauftragt. Bei dem starken Engagement, das der Ulmer Rat beim Bau der Geislinger Stadtkirche bewiesen hat, liegt es nahe, dass auch dieses Bauwerk die Ulmer Münsterbauhütte entworfen und geleitet hat.

 

Zur Zeit des Baues der Stadtkirche zeichnete Hans Kun als Münsterbaumeister verantwortlich. Er hatte die Oberaufsicht über den Münsterbau aus den Händen seines berühmten Schwiegervaters Ulrich von Ensingen übernommen, von dem der geniale Plan für den Bau des Straßburger Münsterturmes stammte. Von 1417 bis 1435 lässt sich Kuns Tätigkeit in Ulm nachweisen. Während seiner Bauleitung wurde dort vor allem am Westturm weitergebaut; außerdem bestimmte er die Höhe des gewaltigen Mittelschiffes. Daneben wurde er zu auswärtigen Planungs- und Bauarbeiten zugezogen, so zum Dombau in Basel, zum Bau der Georgskirche in Nördlingen – und zum Stadtkirchenbau in Geislingen.

Innenraum der Geislinger Stadtkirche

War ein so renommierter Baumeister im Spiel, sucht man nach Parallelen zwischen der Geislinger Stadtkirche und dem Ulmer Münster. Zunächst seien die trennenden Kriterien genannt. Bei der Stadtkirche ist keine westliche Schaufassade ausgebildet, auch weist der Turm keinen quadratischen, sondern einen rechteckigen Grundriss auf. Es fehlt die Bauplastik, das äußere und innere Strebewerk sowie im Langhaus ein Gewölbe aus Stein (das vorhandene ist eine spätere Zutat aus Holz). Außerdem fehlt es dem Raum an Licht. Die Gründe sind lokal bedingt. Sie liegen im begrenzten Baugrund, am bodenständigen porösen Tuffstein und in den gegenüber Ulm doch provinziellen Verhältnissen.

 

Viel deutlicher fallen an der Stadtkirche die Merkmale ins Auge, die mit dem Ulmer Münsterbau übereinstimmen. Ein 63 m hoher Westturm dominiert das Stadtbild. Im Grund- und Aufriss präsentiert sich die Kirche als Basilika mit hohem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen. Die Seitenschiffe schließen nach Osten gerade ab, führen also nicht in Nebenchöre. Ein Querschiff fehlt. Dafür ist der Chorraum sehr lang gezogen und bot Platz für liturgischen Aufwand und ein ausladendes Chorgestühl. Die Scheitelhöhe des Chores liegt niedriger als die des Langhauses. Der Turm öffnet sich ins Mittelschiff. Jeden Besucher überrascht die große Weite des Innenraumes; ein auffallender Breitenzug schafft ein großzügiges Raumbild.

 

Die Geislinger Stadtkirche darf als das Werk der Ulmer Münsterbauhütte und insbesondere des Münsterbaumeisters Hans Kun angesprochen werden. Viele, teils bestechende Übereinstimmungen machen sie zu einer Modellarchitektur des Ulmer Münsterbaues. Die Geheimnisse einer Bauhütte beruhten auf der Beherrschung der Geometrie. In den Proportionen ihres Grund- und Aufrisses ist die Stadtkirche mit Hilfe einer sehr reifen Quadratur bemessen. Für den Meister war allein das Quadrat und seine geometrischen Ableitungen maßgebend. Man war davon überzeugt, dass der Schöpfung Gottes, dem Kosmos, mathematische Regeln zu Grunde liegen. Ein formdurchdachtes Ambiente schuf im Zusammenstimmen aller Teile nach Maß und Zahl ästhetischen Wohlklang und ein Abbild des himmlischen Jerusalems.