Als die Reformation nach Geislingen kam

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 6

Von Karlheinz Bauer

 

Die Pfarrerliste der Geislinger Stadtkirche enthält die Namen vieler markanter Persönlichkeiten. Zwei mutige Glaubenskämpfer aus der Zeit der Reformation ragen besonders heraus:
Dr. Georg Osswald und Paulus Beck.

 

Die Kunde über den Thesenanschlag Martin Luthers von 1517 verbreitete sich in Windeseile. Schon früh wurden auch in Ulm die Schriften Luthers eifrig gelesen. Als dann dort 1521 die ersten Prediger erschienen, um die neue Lehre zu verkünden, wurden sie als Aufwiegler ins Gefängnis gelegt. Doch bald milderte sich die Haltung des Rates; er bestellte in Ulm 1524 Konrad Sam als evangelischen Pfarrer.

 

Es war unausbleiblich, dass der reformatorische Brandherd in Ulm auch einen Funkenflug nach Geislingen auslöste. Als Pfarrer an der Stadtkirche wirkte seit 1509 Dr. Georg Osswald. Er stammte aus Ulm, hatte in Tübingen studiert und war ein promovierter Jurist. Während seiner Amtszeit kam 1512 das gotische Chorgestühl in die Stadtkirche. Im Frühjahr 1526 sah er sich veranlasst, gegen die evangelische Bewegung vorzugehen. Es war ihm bekannt geworden, dass auch in Geislingen Leute das Neue Testament besitzen und lesen. Von der Kanzel aus schalt er den Ulmer Prediger Konrad Sam einen Ketzer und behauptete, in Ulm lebe man "türkisch, viehisch und teuflisch". Prompt wurde Osswald vor den Ulmer Rat geladen, der ihm sein höchstes Missfallen ausdrückte und ihn vor weiteren Schmähungen warnte. 


Doch der kampfbereite Pfarrer ließ sich davon nicht beirren und wetterte auf der Kanzel der Stadtkirche weiterhin leidenschaftlich gegen die neue Lehre. Es half freilich wenig. Ulm setzte schon 1527 in Geislingen einen evangelischen Prädikanten ein: Paulus Beck aus Munderkingen. Er war etwa 27 Jahre alt, hatte in Heidelberg studiert und war danach in Munderkingen und Heidelberg als Kaplan tätig. Als er in Geislingen aufzog, predigte er zunächst in der kleinen Spitalkirche, die ehemals am Wilhelmsplatz stand und als Kirche für das einfache Volk galt.

 

Pfarrer Osswald setzte gegen den Konkurrenten alle Hebel in Bewegung. Mit seinen Klagen beschäftigte er das Geislinger Gericht, den Ulmer Rat, den Schwäbischen Bund und den Bischof von Konstanz. Er schreckte nicht vor persönlichen Angriffen zurück: Beck sei ein ungelehrter Mensch, ein Aufrührer im Bauernkrieg und ein ganz gewöhnlicher Pfarrer, während er immerhin den Doktorhut besitze.

 

Der Prädikant wehrte sich verzweifelt beim Ulmer Rat und forderte Pfarrer Osswald zu einer öffentlichen Disputation heraus, der sich dieser jedoch entzog. Unterdessen ging der zermürbende Kampf weiter. Beide Pfarrer beschimpften sich gegenseitig auf den Kanzeln. Ein schmerzlicher Zwiespalt belastete die ganze Stadt.

Prophet Sacharja

Als sich bei einer denkwürdigen Befragung sieben Achtel der Ulmer Bevölkerung für die evangelische Sache entschieden, sah sich der Ulmer Rat gezwungen, die Reformation durchzuführen. Dazu bestellte er 1531 berühmte Theologen; sie sollten die Bevölkerung aufklären. In der Geislinger Stadtkirche predigte Martin Butzer aus Straßburg. Dabei kam es zu einem höchst dramatischen Auftritt. Als Butzer seine Predigt beendet hatte, entgegnete ihm der streitbare Dr. Osswald: "Wenn Ihr nicht gelehrter seid, wäret Ihr wohl daheim geblieben." Dann bestieg er selbst die Kanzel und hielt eine Gegenpredigt, in der er Butzers Lehre als ketzerisch brandmarkte.

 

Es fehlte ihm nicht an Mut; sein Einfluss wirkte im ganzen Ulmer Land. In einer Verteidigungsschrift mit 72 Seiten suchte er die 18 Artikel der Ulmer Reformatoren zu widerlegen. Die Ulmer merkten, dass er den Widerstand gegen die neue Lehre verkörperte und organisierte. Nach einem Verhör in Ulm 1531 durfte er nicht mehr nach Geislingen zurück. Er starb 1541 als Pfarrer in Überlingen an der Pest.

Engel vom ehemaligen Altargitter

Osswalds geistiger Nachhall war so stark, dass Ulm 1593 in Geislingen eine zweite Reformation starten musste.

 

Kein Wunder, wenn der evangelische Pfarrer stöhnte, "dass es nirgends so eine verfluchte, gotteslästerliche und teuflische Gemeinde gebe wie in Geislingen".