Sanft duldender Christustyp

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 5

Von Hans Schaal

 

Die spätgotische Kreuzigungsgruppe, heute im Chorbogen der Stadtkirche aufgehängt, ist wohl um 1500 entstanden. Ihr Schöpfer ist unbekannt. Doch gilt ihre Herkunft aus einer namhaften Ulmer Werkstatt als sehr wahrscheinlich.

 

Als beherrschender Blickfang hängt am Eingang zum Chorraum der Gekreuzigte, umgeben von Maria und Johannes. Ein Verkündigungsengel mit dem Blutkelch verbindet das Sterben Jesu mit dem Abendmahl. Die Gruppe wird erstmals erwähnt als Bestandteil eines Renaissancealtars. Dieser Altar war eine Stiftung zum hundertjährigen Jubiläum der Reformation 1617; er wurde wahrscheinlich erst 1619 in der Kirche aufgestellt.

 

Die Kreuzigungsgruppe selbst ist mit Sicherheit deutlich früher entstanden. Dafür sprechen der spätgotische Verkündigungsengel und die scharfkantigen Gewandfalten und Säume bei Maria und Johannes. Außerdem geht aus einem Schreiben des Ulmer Pfarrkirchenbaupflegamtes vom 3. August 1619 an die Geislinger Gemeinde hervor, dass sich vor allem das Kreuz schon vorher in der Kirche befand. Die Figuren Maria und Johannes sind wesentlich kleiner als der Gekreuzigte. Außerdem wirken sie gegenüber der eher in sich ruhenden Christusfigur extrovertiert und fast ein wenig pathetisch. Es ist nicht sicher, ob sie von Anfang an zu diesem Christus gehört haben. Vielleicht sind sie erst beim neuen Altaraufbau 1619 dem Kruzifix hinzugefügt worden.

 

Bei der Restaurierung der Stadtkirche 1892 wurde dieser Altar entfernt und die Kreuzigungsgruppe an der nördlichen Chorseitenwand oberhalb des Chorgestühls angebracht. Erst bei der Restaurierung 1971 bis 1975 erhielt die Kreuzigungsgruppe ihren heutigen Platz im Chorbogen über dem Altar. Dabei wurde auch die farbige Fassung der Figuren restauriert.

Kreuzigungsgruppe in der Stadtkirche

Wenn in der Hochgotik das Sterben Christi noch mit äußerst dramatischen Mitteln, wie etwa mit zusammengesunkenem Körper, gebrochenen Augen und kalkiger Haut dargestellt wurde – auch Hans Multscher hat diese Darstellung beim Scharenstetter Altar 1453 gewählt – , so hat man es hier eher mit einem sanft duldenden Christustyp zu tun. Er entspricht einem idealen männlichen Schönheitsbild dieser Zeit, das am besten mit den Worten Albrecht Dürers beschrieben werden kann: "Wie die Alten ihrem Abgott Apollon die schönste Gestalt eines Menschen zugemessen haben, also wollen wir dasselbe Maß brauchen zu Christus dem Herrn, der der Schönste aller Welt ist".

 
So entstand ein perfekt modellierter, vollkommener Körper. Der Schnitzer legte großen Wert auf die Ausbildung von Muskeln und Bewegungsfunktionen, eine in dieser Zeit sehr moderne Auffassung. Dies ist vor allem im Bereich der Brust- und Schultermuskulatur sowie an den Beinen zu erkennen.

 

Weitere Einzelheiten erhöhen die Dynamik zusätzlich: Der ganze Körper hat eine Krümmung nach links, die wie eine Bogenspannung wirkt. Das vorne einfach gebundene Lendentuch wirkt äußerst bewegt; das linke Tuchende erscheint wie von einem Windstoß nach oben geweht. Eine ähnliche Darstellung findet sich bei einem Kruzifix, das Michel Erhart 1494 für die Michaelskirche in Schwäbisch Hall angefertigt hat.

An den Beinen ist die Anordnung Standbein und Spielbein deutlich zu erkennen. Der Gekreuzigte scheint eher am Kreuz zu schweben als zu hängen. Die Schwerkraft wirkt wie aufgehoben. Diese Form der Darstellung weist in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts. Der Höhepunkt dieser Schaffensperiode lag in den Jahren 1490 bis 1510. In Ulmer Werkstätten wurden in dieser Zeit zahlreiche Kreuze geschaffen, viele davon stammen von Michel Erhart. Auch das Geislinger Kruzifix ist mit großer Wahrscheinlichkeit in einer dieser Werkstätten entstanden. Die Nähe zu Michel Erhart ist nicht zu übersehen. Klarheit könnte hier nur eine genauere Untersuchung bringen.