Ulms prachtvolle Morgengabe

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 1

Von Karlheinz Bauer

 

Die Geislinger Stadtkirche, ab 1424 auf Betreiben der Reichsstadt Ulm erbaut, setzt von ihrer künstlerischen Aussage her den stärksten architektonischen Schwerpunkt gotischer Baugesinnung in der weiten Umgebung.

 

Die mittelalterliche Stadt Geislingen, von den Grafen von Helfenstein um 1200 gegründet und planmäßig angelegt, besaß ursprünglich keine eigene Pfarrkirche. Die Einwohnerschaft war der Peterskirche im benachbarten Mühlenort Rorgensteig zugeordnet, die dort noch bis 1537 im heutigen Friedhof stand.

 

Geislingen selbst besaß in der südwestlichen Ecke der inneren Stadtmauer eine Marienkapelle, die mit einem kleinen Franziskanerinnenkloster in Zusammenhang stand. Über Größe und Gestalt dieser Kapelle kann mangels urkundlicher oder archäologischer Nachweise nichts ausgesagt werden. Vermutlich handelte es sich um einen schlichten romanischen Bau ohne Turm. Allzu klein kann die Kapelle allerdings nicht gewesen sein, denn für sie sind mindestens sechs Altäre bezeugt. 1393 erhob der Bischof von Konstanz die Kapelle in den Rang einer Pfarrkirche.

Stadtkirche Geislingen

Nachdem die Grafen von Helfenstein wegen ihrer Schuldenlast 1396 den größten Teil ihrer Herrschaft einschließlich der Stammburg und der Stadt Geislingen an die zahlungskräftige Reichsstadt Ulm verkauft hatten, entfaltete sich hier unter dem Einfluss Ulms eine rege Bautätigkeit. Den gewaltigsten Aufwand verursachte der Bau einer neuen Stadtkirche. Das Projekt fiel in eine sehr baufreudige Zeit. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts entstanden in den meisten Städten Schwabens spätgotische Stadtkirchen als Ausdruck des Aufblühens der Städte und als Machtzeichen eines bürgerlichen Selbstbewusstseins.

 

Der Ulmer Rat beschloss, die Marienkapelle abzubrechen und an ihrer Stelle den Neubau einer großen Pfarrkirche ins Auge zu fassen, die sich dem Zentralort seiner "Unteren Herrschaft" würdig erwies. Gemessen an der Größe der Stadt erschien das Bauprojekt von vornherein überdimensioniert. Ob die Verantwortlichen damals bevorzugt an die höhere Ehre Gottes oder gar an ein mögliches zukünftiges Bevölkerungswachstum gedacht haben, mag dahingestellt bleiben. Schließlich sollte die neue Geislinger Kirche auch die Ulmer Herrschaft repräsentieren.

 

Um den kühnen Plan zu verwirklichen, bedurfte es eines großflächigen Baugrundes. Dazu musste außer der alten Kapelle noch eine unbestimmte Zahl von Bürgerbauten weichen. Die Kirche wurde in die kleinteilige mittelalterliche Stadtstruktur förmlich hineingepresst. Der riesige Baukörper beanspruchte ein Drittel der Breite der Stadt.

Stifterrelief am Nordportal der Stadtkirche

An die Grundsteinlegung erinnert das Stifterrelief über dem Nordportal an der Kirchstraße. Es zeigt die symbolische Übergabe der Stadtkirche durch den Vertreter der Reichsstadt Ulm. Die Inschrift lautet in moderner Umschrift: "Merke: Klaus Ungelter von Ulm hat den ersten Stein dieses Gotteshauses gelegt am Mittwoch in den Osterfeiertagen auf Geheiß des Rates zu Ulm im Jahr des Herrn 1424."

 

Klaus Ungelter war mit den Ulmer Ratsfamilien eng versippt und begleitete selbst einige Jahre das Amt eines Bürgermeisters. Auf dem Stifterrelief ist er mit seinem Familienwappen abgebildet; er hält kniend das Kirchenmodell. Sieht man von dem kleinen Dachreiter ab, stellt das Modell exakt den Chorbau der Stadtkirche dar, wie er sich noch heute von der Langen Gasse aus darbietet.

 

Das Bauwerk wuchs erstaunlich rasch in die Höhe. Schon 1428 konnte die Kirche zu Ehren der hl. Maria durch Weihbischof Thomas von Konstanz eingeweiht werden. Die kurze Bauzeit von nur vier Jahren hatte ihre Gründe: Der Tuffstein kam aus den Geislinger Steingruben; er war leicht zu bearbeiten und erlaubte wegen seiner porösen Eigenschaft keinen ornamentalen, zeitraubenden Schmuck. Vor allem aber setzte das hohe Bautempo eine leistungskräftige Bauhütte voraus. So entstand ein machtvoller Kirchenbau, der von seinem Volumen her die gesamte Einwohnerschaft aufnehmen konnte und bis heute eine überwältigende Wirkung ausstrahlt.