Vom Wert eines Wahrzeichens

Stadtkirche Geislingen  
Die Geislinger Stadtkirche im Wandel der Zeiten

Von Karlheinz Bauer

 

Nachdem am 26. April 1424 Klaus Ungelter als Vertreter des Ulmer Rates den Grundstein zur Geislinger Stadtkirche gelegt hatte, glich die Stadt auf Jahre hinaus einer riesigen Baustelle. Schwer beladene Pferdefuhrwerke brachten täglich Steine und Bauholz, auf den Gerüsten sorgten Handwerker für ein geschäftiges Treiben, und die Bürger begleiteten den Baufortschritt mit Neugier – und mit ihrem Geld.

 

Welche Gründe bewegten die Menschen damals, solch ungeheure Mühen und Opfer auf sich zu nehmen, um einen ehrgeizigen Kirchenneubau zu verwirklichen, der Platz bot für die gesamte Einwohnerschaft?

 


Machtzeugnis und Glaubensstärke

 

Zunächst war es der Ulmer Rat, der ein Interesse daran hatte, Geislingen als dem Mittelpunkt seiner Unteren Herrschaft zu einigen repräsentativen Bauwerken zu verhelfen, die ihrerseits wieder die Macht Ulms als neuer Obrigkeit demonstrieren sollten. Hatte doch Geislingen 1396 mit dem Verkauf der Grafschaft Helfenstein an Ulm seine Funktion als Residenzstadt verloren. Als ulmische "Morgengaben" erhielten die Geislinger in rascher Folge: 1422 das (Alte) Rathaus, 1445 den Alten Bau, 1471/72 das umgebaute und erweiterte Spital, 1495 den Alten Zoll, um 1500 den Neubau des Klosters der Franziskanerinnen (heute Pfarrhaus neben der Stadtkirche) und bereits 1424 – die Stadtkirche.

 

Die kapitalkräftige Reichsstadt Ulm förderte den Kirchenneubau, kassierte hier aber auch reichlich an Steuern, Zöllen und Geleitgeldern. Ein Gutteil der Finanzierung blieb an den Geislinger Bürgern hängen. Sie leisteten Hand- und Spanndienste, gaben ihre Scherflein, auch wenn es vielen schwer fiel, und kauften Ablasszettel, da sie um ihr Seelenheil bangten. Die Opferbereitschaft war groß; ein Gotteshaus ließ man sich etwas kosten. Religion und Kirche besaßen in einer glaubensstarken Zeit einen zentralen Stellenwert für die Gesellschaft und das Leben des Einzelnen.

Kirchen prägten die Stadtbilder

 

Kirchen prägten früher weithin sichtbar die Silhouetten der Städte. Rings um ihre hoch aufragenden Türme, Kuppeln und Dächer duckten sich die Wohnstätten der kleinen Leute. Auch die Burgen und Schlösser des Adels wie die wehrhaften Mauern, Tore und Türme der Befestigungsanlagen schufen zusätzliche Dominanten, die einer Stadt ihr unverwechselbares Gesicht gaben. Stadtbilder waren vertikal betont. Die repräsentativen Bauten der Kirche und des Adels verliehen zusammen mit den großbürgerlichen Machtzeichen den Städten ihren ganz persönlichen Charakter. Die variationenreiche Art ihrer architektonischen Gestaltung machte die Einmaligkeit der alten Stadtansichten aus.

 

Schon von weitem sahen Besucher, was den Bewohnern wichtig war. Leitendes Element des Städtebaus war stets die Bedeutungsperspektive. Was zu allen Zeiten einer Gesellschaft wichtig ist, bildet sie in großem Maßstab aus. Daraus profitierten früher in erster Linie die Sakralbauten. Ob wir das Ulmer Münster bewundern oder den Kölner Dom, die Kuppeln der Kirchen in Rom oder die Moscheen in Istanbul, all diese Bauwerke drücken zeichenhaft aus, wie wichtig ihren Erbauern ihr Glaube war.

 

 

Die Akzente verschieben sich

 

Das komplexe Beziehungsgeflecht menschlicher Tätigkeiten und Bedürfnisse unterliegt dem Wandel der Zeit. Die traditionell auf Landwirtschaft und Handwerk beruhende Agrargesellschaft wandelte sich erst schrittweise, aber bald beschleunigt zur Industriegesellschaft. Diese Entwicklung förderte die allgemeine Verstädterung der Landschaft und veränderte grundlegend das Gesicht unseres Lebensraumes.

 

Hervorstechendes Merkmal wurde seit der Industrialisierung und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg das stete Wachstum aller Wohnplätze. Immer mehr Menschen suchten und fanden in der Stadt ihre Existenzgrundlage. Dieser Wandel schlug sich im Stadtbild nieder. Stadtbilder sind heute horizontal betont. Ursprünglich homogene Siedlungsformen wucherten in Stadtlandschaften aus. Großflächige Wohnsiedlungen und Gewerbegebiete brachen hart in die Landschaft ein, riesige Einkaufszentren und Fachmärkte bevölkerten die randstädtischen Bereiche.

 

Das Gefüge der historischen Altstädte war infolge der Vielfalt neuer Bedürfnisse, vor allem der stetig zunehmenden Dienstleistungsbetriebe aller Art, dem Strukturwandel besonders stark ausgesetzt und in seiner Funktionsfähigkeit vielfach überfordert. Das führte zu dezentralisierten Standorten, aber auch zur Aushöhlung der Stadtmitte, die wesentliche Eigenschaften ihrer Multifunktionalität einbüßte. Diese Vorgänge wurden erleichtert, weil dank des Wirtschaftswachstums das Auto nahezu allgemein verfügbar geworden ist. Die damit erreichte Freizügigkeit wird freilich mit vermehrter Verkehrsbelastung und Hektik bezahlt.

Großstädte suchten durch das Modell Verdichtung einer Verödung ihrer City zu begegnen, um mittels wirtschaftlich begründeter konzentrierter Bauformen neue funktionale Qualitäten zu gewinnen. Hochhäuser bestimmen dort immer stärker die "Skyline". In Geislingen gab es solche Planungen auch. Man legte sie zum Glück rasch zu den Akten; sie hätten das Gesicht der Stadt bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Doch der tief greifende Strukturwandel hatte gleich einer Kettenreaktion auch in kleinen Städten erhebliche Folgen. Die veränderten Lebensansprüche, die zunehmende ökonomische Konkurrenz, der Profitzwang für die bauliche Nutzung, die Überalterung baulicher Substanzen, multikulturelle Entwicklungen, die funktionale Aufwertung hier, das Absterben gewisser Bereiche dort machen dies anschaulich.

 

Auch geistig und gesellschaftspolitisch haben sich die Verhältnisse gewandelt. Die demokratisch verfasste Industriegesellschaft versteht sich selbstbewusst liberal und pluralistisch. Das bedeutet: Traditionelle Werte verändern sich, vertraute Formen lösen sich auf, Schwerpunkte werden anders gesetzt, Akzente verschieben sich, letztlich wird alles beliebig. Darin offenbart sich eine eigene Problematik. Angesichts der Unwirtlichkeit mancher Stadtbilder entstehen Fragen an die Stadtplanung nach der Vermeidbarkeit solcher Ergebnisse oder nach anderen besseren Modellen.

 


Die Gesellschaft prägt ihr Stadtbild

 

Das wechselseitige Bezugsverhältnis zwischen Gesellschaft und Stadt wirkt sich unvermittelt im Städtebau aus. Städtebau ist zugleich Handlungsfeld und Ergebnis der Gesellschaftspolitik, deren Wertvorstellungen und Zielsetzungen den Launen des Zeitgeistes frönen. Ein Wertewandel hat mannigfache Folgen für die Stadtplanung. In ihr spiegelt sich die pluralistische Gesellschaft. Ihr Handlungsspielraum ist erheblich begrenzt durch die Fülle der Gesetze, politische Einflussnahmen, widerstreitende Belange, finanzielle Schranken, Sachzwänge aller Art und Modeströmungen. Bei der Realisierung von Ideen kommt es auf ein produktives Wechselspiel zwischen öffentlicher und privater Initiative an, was leider häufig nicht gelingt.

 
Ein Stadtbild dokumentiert in baulichen Veränderungen politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen wie die geistigen und gesellschaftlichen Kräfte, die Generationen hindurch solche Prozesse unter sich ändernden Bedingungen und Leitbildern, materiellen und immateriellen Ansprüchen, technischen Fähigkeiten und Mitteln verursachen und betreiben, letztlich die Stadtgestalt prägen.

Und die Stadtkirche?

Was zu allen Zeiten einer Gesellschaft wichtig ist, bildet sie in großem Maßstab aus. Davon profitieren heute nicht mehr Kirchen, sondern Supermärkte, Industrie- und Verkehrsbauten, Parkhäuser, Banken, Einrichtungen für Freizeit und Spaß. Der Bevölkerungsrückgang in der Geislinger Altstadt wird folgenreich für die Stadtqualität sein. Nostalgische Ereignisse vor historischer Kulisse, wie etwa der jährliche Hock oder der Weihnachtsmarkt, bieten nur kurzzeitige Episoden. Und die Stadtkirche? Wird sie in den Sog der Auszehrung hineingerissen oder bleibt sie ein fester Ankerplatz in der anonym gewordenen Stadtlandschaft?

 

Nachdem am 26. Juli 1428, nach nur vierjähriger Bauzeit, die Geislinger Stadtkirche durch Bischof Thomas von Konstanz ihre feierliche Weihe erhalten hatte, war dem Stadtbild sein prägender Akzent verliehen. Der Landschaft war ein weithin sichtbares Wahrzeichen, der Stadt ihre kulturelle Mitte und der Bevölkerung eine geistliche Heimstatt und Zuflucht in aller Not gegeben. Es verbleibt die Frage: Ist uns in der Hektik einer kurzatmigen Zeit, im Strudel der zentrifugalen Kräfte, auch in einer pluralistischen Gesellschaft der unverwechselbare Wert dieses Ortes bewusst? "Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz" (Mt 6, 21).

Bibel vor dem Daniel-Mauch-Altar