Warum auf dem Dach ein Stuhl liegt

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 8

Von Ulrich Kottmann

 

Bei Fachleuten löst das Dach der Geislinger Stadtkirche Staunen aus. Seine außergewöhnliche Konstruktion als "liegender Stuhl" gehörte in der Zeit der Gotik zum Modernsten, was die Zimmermannskunst zu bieten hatte.

 

Die früheste Konstruktionsform für ein Satteldach ist das so genannte Pfettendach (A), bestehend aus Sparren, Firstpfette auf Firstpfosten und Schwelle. Diese Konstruktion, erweitert um eine oder mehrere Mittelpfetten, wird auch heute noch über Wohnhäusern häufig ausgeführt.

 

Aus dieser Urform hat sich im Mittelalter eine Reihe weiterer Dachkonstruktionen entwickelt, so zunächst das Sparrendach (B). Dabei erhält jedes Sparrenpaar einen zugehörigen Deckenbalken, so dass ein unverschiebbares Dreieck entsteht.

 

Beim Kehlbalkendach (C) wird dem Sparrendach (B) etwa in halber Höhe ein waagrechtes Holz, der Kehlbalken, eingefügt. Wenn nun die Windkraft den linken Sparren nach innen biegt, muss sich der rechte Sparren nach außen biegen. Somit hilft jeder Sparren seinem Partnersparren, die Last zu tragen.

(A) Pfettendach, (B) Sparrendach, (C) Kehlbalkendach

Eine Variante bildet das Kehlbalkendach mit stehendem Stuhl (D). Da für größere Spannweiten das Kehlbalkendach (C) zu weich wird, müssen die Sparren durch Mittelpfetten unterstützt werden. Jede Mittelpfette hat die Last aus drei bis fünf Sparren aufzunehmen und an die Pfosten (im Abstand von 3 bis 5 Meter) abzugeben. Falls die Pfosten nicht durch das Erdgeschoss herabgeführt werden können, was bei Kirchen niemals möglich ist, müssen sie von den Deckenbalken (Binderbalken) getragen werden.

 

Die Mittelpfetten zusammen mit den senkrechten Pfosten werden "stehender Stuhl" genannt. Der Nachteil dieser Konstruktion ist, dass sich bei Wind- und Schneelast der Binderbalken durchbiegen kann. Als Folge kann dann das ganze Dach etwas bewegt und undicht werden. Außerdem wird unter Umständen die Tragfähigkeit des Binderbalkens überschritten.

 

Eine entscheidende technische Verbesserung bietet hier das Kehlbalkendach mit liegendem Stuhl (E). Um die Nachteile des stehenden Stuhls zu beseitigen, werden die senkrechten Pfosten in die Dachebene "gelegt". Damit werden aus den Pfosten Streben und diese geben ihre senkrechte Last direkt in die darunter liegenden Wände ab. Nun mag diese Veränderung des stehenden Stuhls zum liegenden Stuhl heute nicht unbedingt als eine große geistige Leistung erscheinen. Die Baumeister und Handwerker dieser Zeit konnten aber noch keine statischen Berechnungen anstellen, besaßen jedoch ein ausgeprägtes Gefühl für Kräfteverlauf und Materialien. Eine moderne Berechnung ergab für die Strebe eine horizontale Auflagekraft von rund 2,5 Tonnen nach außen. Erst als die Handwerker im Stande waren, diese Kraft im Knotenpunkt von Strebenfuß und Binderbalken zu "verzimmern", konnten sie wagen, den liegenden Stuhl auch auszuführen.

(D) Kehlbalkendach mit stehendem Stuhl, (E) Kehlbalkendach mit liegendem Stuhl

Das Dach der Geislinger Stadtkirche wurde, wie das gesamte Bauwerk, wohl von der Ulmer Münsterbauhütte 1427 erstellt. Um den wertvollen, trockenen Dachraum überhaupt nutzen zu können, mussten die etwa 10 Meter langen Deckenbalken in der Mitte durch einen Unterzug unterstützt werden. In den Bindern wurde, im Abstand von 4,90 Meter, die Auflagekraft der Unterzüge von einer Hängesäule aufgenommen und zum großen Teil über ein zusätzliches Strebenpaar wieder abgeleitet. Die korrekte Bezeichnung für das Stadtkirchendach wäre demnach: Kehlbalkendach mit liegendem Stuhl und Hängesäule.

Das Stadtkirchendach

Lange galt als ältester liegender Dachstuhl in Deutschland die Konstruktion über dem alten Rathaus in Esslingen (1430). In neuerer Zeit wurde ein noch älterer Dachstuhl in Schwäbisch Hall (1400) nachgewiesen. Gemessen an diesen Befunden stellt die Dachkonstruktion der Geislinger Stadtkirche eines der frühesten Beispiele einer neuartigen Technik dar, die sich großflächig erst Jahrzehnte später durchgesetzt hat.

Detailaufnahmen vom Dachstuhl