Stadtkirche Geislingen - die Außenrestaurierung

Stadtkirche Geislingen, Außenrestaurierung Südseite und Turm

Aussenrestaurierung der Stadtkirche in Geislingen 2005 und 2010

 

 

Im Jahr 1396 mussten die stark verschuldeten Grafen von Helfenstein die Stadt Geislingen mit dem gesamten Umfeld (21Dörfer und Gehöfte!) endgültig an die Freie Reichsstadt Ulm verkaufen. Von diesem Zeitpunkt an wurde Geislingen konsequent zum Mittelpunkt der „Unteren Herrschaft“ ,  wie dieses Gebiet von Ulm benannt wurde, ausgebaut. Eines der wichtigsten Bauvorhaben war die neue Stadtkirche, die von 1424 - 1428 an Stelle der abgebrochenen Marienkapelle errichtet wurde. Den Bau dieser, für das kleine Geislingen sehr großen  Kirche, hat mit Sicherheit die Ulmer Münsterbauhütte entworfen und geleitet. Münsterbaumeister war in dieser Zeit von 1417 – 1435 Hans Kun. Seine Handschrift ist besonders an dem wunderbar gelungenen Chorgewölbe und dem mächtigen Turm zu erkennen. Diesen hat er nicht -  wie sein Lehrmeister Ulrich von Ensingen am Ulmer Münster -  ganz ins Mittelschiff eingezogen,  sondern nur zur Hälfte. Ein  stilistisches Kennzeichen, das  Hans Kun auch bei seinem Plan für die St. Georgskirche in Nördlingen angewendet hat.  

 

 

Der Bau ist sehr massiv ausgeführt worden mit Wanddicken bis 1,30 m beim Mauerwerk und maximal 2,20m beim Turm.  Als Baumaterial diente der heimische Kalktuff, ein leichter und leicht bearbeitbarer Werkstoff, der aus der nahe gelegenen  Steingrube auf dem Gebiet des heutigen Stadtparks stammt. In nassem Zustand  ist er noch ziemlich weich und kann sehr leicht in die erforderlichen Quader zersägt werden. Unter dem Einfluss von Luftsauerstoff bildet er schnell eine sehr harte Oberfläche, die ausserordentlich widerstandsfähig gegen Witterungs-und Umwelteinflüsse ist. Leider macht der poröse Stein die Herstellung filigraner Strukturen und feiner Steinmetzarbeiten  wie z.B. Masswerke in Fenstern sehr schwierig und figürliche Darstellungen praktisch unmöglich.

 

Für nahezu jedes mittelalterliche Gebäude in Geislingen wurde Tuffstein für Kellerwände mit Gewölben, sowie für Erdgeschosswände, verwendet.

Finanziert wurde die Stadtkirche durch drei Ablässe und Frondienste der Geislinger Bevölkerung.
 
Wenn wir heute nach mehr als 580 Jahren die erste umfassende Aussenrenovierung durchführen, so spricht das für die Solidität des Bauwerks und für das Können des Baumeisters und seiner Mitarbeiter aus der Münsterbauhütte.

 

 

Die notwendigen Renovierungsarbeiten wurden in zwei Bauabschnitte aufgeteilt:

-1. Bauabschnitt 2005/2006 mit dem nördlichem Seitenschiff und dem Chor
-2. Bauabschnitt 2010 mit dem südlichem Seitenschiff und dem Turm

Die gesamte Renovierung der Stadtkirche wurde seit 2005 von dem Architektenteam Treide und Rapp geleitet und betreut.

 

 

Als erste Massnahme musste das Mauerwerk von einer schwarzen Schmutzschicht bezw. Kruste befreit werden. Sie stammte  aus einer Zeit, in der man es mit dem Umweltschutz noch nicht so genau genommen hatte. Ursachen waren Abgase von der nahegelegenen MAG-Giesserei, Russ von Dampfloks bzw. vom Hausbrand, sowie unterschiedliche Salzablagerungen, neuerdings auch durch sauren Regen.

 

 

In Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalschutz wurde ein schonendes Niederdruck-Strahlverfahren entwickelt, das die Schmutzkruste entfernt, aber den Tuffstein möglichst wenig angreift. Mit diesem Verfahren konnte die Schmutzschicht am Chor, am nördlichen Seitenschiff und am Turm ziemlich gut entfernt werden. Am südlichen Seitenschiff gab es Probleme. Die Kruste war dicker und widerstandsfähiger, außerdem waren viele Steine mit einer harten Zementschlämme überzogen. Für eine zufriedenstellende Reinigung musste hier Druck und Körnung des Granulats  modifiziert werden. Diese Zementkruste war so hartnäckig, dass sie an verschiedenen Stellen von Hand mit dem klassischen Scharriereisen entfernt werden musste.

 

 

Die Sanierung des Mauerwerks stand natürlich im Mittelpunkt aller Arbeiten. Neben dem Ersatz von schadhaften und gelockerten Steinen mussten alle durch Witterungseinfluss erodierten und beschädigten Fugen und Risse neu verfüllt und gegebenenfalls befestigt werden. Es ist interessant, dass auch heute, wie bei der Erbauung der Kirche, materialverwandter Tuffsand als Basis für den Fugenmörtel verwendet wird. Leider mussten auch hier die Sünden der jüngeren Vergangenheit beseitigt werden. Vor allem am südlichen Seitenschiff waren in großem Umfang Fugen und Risse mit ungeeignetem Zementmörtel ausgebessert worden. Dieser sehr harte und dichte Werkstoff – er machte auch bei der Reinigung Schwierigkeiten – verhindert, dass eingetretene Feuchtigkeit wieder ausgeschieden werden kann. Der poröse Tuffstein nimmt ständig, witterungsbedingt Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab. Wenn dies durch ein ungeeignetes und zu dichtes Material wie Zementmörtel verhindert wird, kann er nicht mehr „atmen“, d.h. Fugen und angrenzende Steine nehmen Schaden. Beim Ablösen dieser Krusten kann man beobachten, dass darunter der Stein regelrecht „zerkrümelt“. Vor allem im Sockelbereich mussten Steine ersetzt werden, die komplett mit Zementmörtel überzogen waren. Abgewitterte Simse und Fensterbänke wurden repariert und teilweise komplett ersetzt. Bei Fehlstellen, die mit Mörtel verfüllt waren, der teilweise schon lose war, wurden neue Steine eingesetzt.

 

Das Heraustrennen erfolgte möglichst erschütterungsfrei und grösstenteils von Hand mit konventionellen Mitteln. Eine Trennschleifmaschine war das einzige mechanische Werkzeug. Die Anzahl und der  Ort aller ersetzten Steine wird in einer Dokumentation festgehalten.

 

 

Folgende Schäden sind noch zu nennen:

  • An den Abdeckungen der Chorstrebepfeiler waren einzelne Steine bedingt durch Bewuchs und witterungsbedingte Fugenerosion soweit gelöst, dass Teile herabzustürzen drohten. Sie wurden komplett erneuert.
  • Bedingt durch das normale Setzverhalten des Bauwerks hatten sich vor allem an den Spitzbogen der Maßwerkfenster und am Nordportal Risse gebildet, die befestigt und verfüllt werden mussten. Bei der Ausbesserung des ebenfalls beschädigten, filigranen Masswerks konnten die Mitarbeiter der Steinmetzfirma ihr Können zeigen.
  • Am Turm mussten die Schäden des Efeubewuchses an Mauerwerk und Fugen behoben werden; außerdem waren Reparaturen an den seitlichen Giebelbegrenzungen (Ortgange!) notwendig.
  • Die aus Metall (Zinkguss, bezw. Stahlguss und Kupferblech) gefertigten Wasserspeier und Kreuzblumen hatten unter der Witterung stark gelitten.  Korrosionsschutz einschließlich Lackierung wurden komplett erneuert.
  • Am schiefergedeckten Turmhelm und am Dach vom „Kirchle“ entdeckten die Dachdecker  Beschussspuren (Einschusslöcher!) aus neuerer Zeit. Die beschädigten Dachziegel wurden ersetzt.
  • Die Witterung hatte der Turmuhr stark zugesetzt. Deshalb musste die Lackierung der Zifferblätter und die Blattvergoldung der Uhrzeiger erneuert werden.

 

Die spätgotische Vorhalle, das sogenannte „Kirchle“ wurde 1467 aus Sandstein vor dem Südportal erbaut. Eine umfassende Restaurierung fand bereits 1987 statt. Inzwischen sind witterungsbedingte Schäden, unter anderem auch durch Tausalz,  vor allem im Sockelbereich wieder unübersehbar. Deshalb wurde jetzt von der Restauratorin Martina Fischer eine umfassende Schadensaufnahme durchgeführt. Die Beseitigung dieser Schäden wird noch im Rahmen der Aussenrenovierung durchgeführt.

 

In diesem Zusammenhang erlebten wir eine traurige Überraschung. Das unter dem Putz vermutete Bild einer Marienkrönung über dem Südportal, zu dessen Schutz einst die Vorhalle erbaut worden war, existiert nicht mehr. Nach seiner Entstehung um 1460 war es im Bildersturm nach der Reformation übertüncht worden. Bei einer Untersuchung 1883 muss es es nach einer Beschreibung von Alfred Klemm wohl noch vollständig vorhanden gewesen sein. 1979 stellte der Restaurator Adolf Schwenk fest , dass sich unter dem Putz von 1926 keine alten Putz- und Farbreste mehr befanden. Das Bild war also spätestens 1926 komplett abgeschlagen worden; ob in Unkenntnis oder absichtlich, lässt sich heute nicht mehr klären. Eine Untersuchung der Restauratorin  vom August 2009 bestätigte diese Ergebnisse. Heute erinnert nur noch eine Mariendarstellung im Schlussstein der Vorhalle an das verschwundene Bild.

Neben der Sanierung des Mauerwerks sind noch weitere Arbeiten zu nennen, die entweder bereits  ausgeführt sind, oder noch anstehen:

 

-Der Schaden, der eigentlich die Außenrenovierung ausgelöst hatte, war das undichte und stark vermooste Dach des nördlichen Seitenschiffs. Neben Reparaturen am Dachstuhl wurde die Bedachung mit Biberschwänzen komplett erneuert.

 

-Die wertvollen Chorfenster erhielten neue Edelstahlschutzgitter, das große Westfenster am Turm wird folgen.

 

-Im Jahr 2005 wurde das Stifterrelief über dem Nordportal restauriert und repariert.

 

-An der Nordseite des polygonalen Chorabschlusses wurden ebenfalls 2005 mittelalterliche Malereifragmente entdeckt und untersucht.

 

-Die Kirchenheizung erhielt  eine neue, digitale Steuerung in Verbindung mit einer leistungsfähigen Befeuchtungsanlage. Diese Investition war zur Vermeidung von Schäden an Holzbildwerken in der Kirche dringend erforderlich.

 

-In den nächsten Jahren soll eine Restaurierung der Kunstwerke in der Stadtkirche auf der Basis einer Untersuchung des Landesamts für Denkmalschutz in Angriff genommen werden. Ein Termin liegt wegen der fehlenden Finanzierung noch nicht fest.

 

 

Die Schäden und ihre Behebung konnten in dieser Aufstellung nur kurz und teilweise unvollständig dargestellt werden. Alle Maßnahmen, Berichte und viele Fotos sind in einer Dokumentation der Außenrenovierung 2005 bis 2010 enthalten, die sich im Archiv der Stadtkirche befindet.
Abschliessend konnten wir feststellen, dass der heimische Kalktuff sich über die Jahrhunderte wesentlich stabiler und widerstandsfähiger gegen Witterungs- und Umwelteinflüsse verhalten hat wie der beim „Kirchle“ verwendete Sandstein. Vielleicht ist der manchmal belächelte Tuffstein schlussendlich doch ein „High – Tech“ Werkstoff!   

 

 

Hans Schaal und Ulrich Kottmann                                                                        

Dezember 2010

            

Mehr Information 

Sanierung der Stadtkirche 2005/2010

 

 

Auf dem Turm-Gerüst der Stadtkirche Geislingen

Gerüst Südseite Stadtkirche Geislingen

Die Wasserspeier auf dem Turm der Stadtkirche


Hoch oben am Turm an den unteren  Ecken des Dachaufbaus sitzen vier Fabelwesen mit drohend aufgerissenem Rachen. Im Mittelalter wurden Wasserspeier -  neben der praktischen Aufgabe das herabströmende Wasser vom Mauerwerk fernzuhalten - symbolisch als Schutz gegen Dämonen und böse Geister angesehen.

 

Unsere Wasserspeier sind mit Sicherheit erst bei der großen Turmerneuerung 1861/1862 dort oben angebracht worden. Dafür spricht auch die technische Ausführung, die es vor dem 19. Jahrhundert noch nicht gab. Sie bestehen aus Zinkguss  und sind aus mehreren, unterschiedlichen Teilen zusammengelötet worden. Am Hals  vor der Schulterlinie wurde ein durchgesteckter Eisenstab mit Splint als zusätzliche Sicherung angebracht. Die ganze Figur ist  mit mehreren ca. 20mm starken Schrauben oben am Eckbalken des Turmhelms und  unten am Gesims befestigt. Ursprünglich war sie am Rücken oben offen. Das Wasser konnte von den Giebelbegrenzungen her unbehindert ein – und aus dem weit geöffneten Rachen wieder ausströmen.

 

Bei der Turmrenovierung 1970/1971 wurde die Wasserführung geändert; es wurde nun über Leitbleche in ein  im Wasserspeier liegendes Rohr geleitet und strömte am Rachen wieder aus. Ziel war ein deutlich stärker gebündelter Wasserstrahl nach außen. Damit wurde auch verhindert, dass Wasser  in die Figur hineinlaufen kann und dort Korrosionsschäden verursacht.  Anschließend wurde die Öffnung am Rücken mit einem aufgelöteten Blech  verschlossen.
Bei Untersuchungen im Sommer 2010 wurden von der Restauratorin Martina Fischer unter dem grauen  Schutzüberzug Reste einer roten Farbschicht entdeckt, die vermutlich noch von der Originallackierung stammen.
Der inzwischen stark beschädigte Überzug wurde jetzt komplett erneuert. Nach einer mechanischen Reinigung wurde wie bei den Kreuzblumen ein neuer, umweltfreundlicher Korrosionsschutz auf Kunststoffbasis aufgebracht.

 

Hans Schaal

April 2011