Der lange Weg zur Friedenskirche

Friedenskirche in Amstetten-Bahnhof

Geschichte eines Kirchenbaus

 

Von Karlheinz Bauer, Amstetten


Auch die Laurentiuskirche ist eine Friedenskirche

Wir freuen uns darüber, dass unsere Friedenskirche nun auch das Schwabenalter erreicht hat. 40 Jahre sind im Leben eines Menschen eine sehr lange Zeitspanne; für die meisten von uns markiert der 40. Geburtstag die Lebensmitte. Im Leben einer Kirchengemeinde sind dagegen 40 Jahre ein sehr kurzer Zeitraum. Denken wir an unsere Laurentiuskirche. Sie ist schon über 1000 Jahre alt und zählt damit immer noch nicht zu den ältesten Kirchen in unserer Umgebung.

 

Aber eines haben die Amstetter Kirchen gemeinsam: Beide sind Friedenskirchen. Wir wissen heute, dass die Laurentiuskirchen alle etwa zur selben Zeit entstanden sind, nämlich nach 955, dem Jahr, in dem Kaiser Otto I. die fortgesetzten Raubzüge der ungarischen Reiterheere in einer siegreichen Schlacht auf dem Lechfeld südlich von Augsburg beendete. Da die entscheidende Schlacht am 10. August stattfand, dem Gedenktag des hl. Laurentius, löste der Sieg eine Kultwelle zu Ehren dieses Heiligen aus. Die Freude über die Befreiung von jahrzehntelanger Plünderung und Kriegsnot und die Dankbarkeit für den ersehnten Frieden führte überall im Reich zur Gründung von Laurentiuskirchen.

 

Seit über 1000 Jahren bildet die Laurentiuskirche mit ihrem romanisch-gotischen Kernbau und dem machtvollen Glockenturm gleich einer wehrhaften Trutzburg den geistlichen Mittelpunkt der Gemeinde Amstetten. Wie viele Generationen hat diese Kirche kommen und gehen gesehen, in wie viel Freud und Leid haben Menschen in dieser Kirche Zuflucht gefunden!


Am Anfang war das Bruckenwirtshaus

 

Von seiner historischen Entwicklung her bestand Amstetten ursprünglich nur aus dem Dorf. Es lag weit abseits der überregionalen Verkehrswege, die anfangs durch den Ziegelwald, später über die Geislinger Steige liefen. Das bedeutet, dass es lange keinerlei Besiedlung zwischen Geislingen und Urspring gab.

 

Erst mit dem beginnenden 19. Jahrhundert entstanden vereinzelte Gebäude entlang dieser uralten Verkehrslinie, die vom Filstal nach Ulm führt. Anfangs waren die Siedler durchweg Leute, die vom Durchgangsverkehr profitieren wollten. Den Anfang machte der junge unternehmungslustige Zimmermann Stefan Schmid aus Amstetten, der bei seinen Eltern in der Spitalstraße 13 aufgewachsen war. 1814 baute er an der Staatsstraße ein einstöckiges Gebäude, in dem er ein Gasthaus eröffnete, das „Bruckenwirtshaus“ (heute Gebäude Hauptstraße 21-25). Der Name rührt daher, dass die Staatsstraße unmittelbar daneben eine kleine Brücke über den Graben passiert, der vom Alten Ettlenschießer Weg herunterkommt. Dort strömte häufig, je nach Wetterlage, das Wasser aus den Trockentälern zusammen, was zu periodischen Hochwassern führte.

 

In den ältesten Flurkarten erscheint das Bruckenwirtshaus als das „Neuhaus“. Es war für einige Jahrzehnte ein einsam stehendes Haus an der „Chaussee“ und entwickelte sich bald zu einer beliebten Absteige für Fuhrleute auf der wichtigen Verkehrsachse zwischen Geislingen und Ulm. Und weil die Fuhrleute damals nicht mit dem Auto oder Lkw kamen, sondern mit Pferden, hieß die Wirtschaft bald „Zum Rößle“ (seit 1835). Das Wirtshaus hatte eine Kegelbahn und war ein beliebter Tanzboden, auf dem man es mit der Polizeistunde nicht so ernst nahm. In den Straflisten erscheint der Bruckenwirt oft wegen Überschreiten der Polizeistunde und wegen „verbotener Musik“, also nicht eingeholter Tanzerlaubnis. Gegenüber den seriösen Wirtschaften im Dorf erschien das Bruckenwirtshaus mitunter etwas dubios.

 

Der erste Bruckenwirt Stefan Schmid hatte seinen Zimmermannsberuf mit dem des Wirts getauscht und widmete sich daneben dem Fuhrgewerbe. In den Jahren bis 1845, noch vor dem Bau der Eisenbahn, betrieb er für jedes seiner Kinder den Bau weiterer drei Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft, die heutigen Gebäude Hauptstraße 8 (Thieringer), 15 – 17 (Wachter) und 19 (Herrlinger). Auch seine Söhne und der Schwiegersohn waren als Fuhrleute im Transportgewerbe tätig. Die Parzelle Neuhaus war also als reiner Familienbetrieb entstanden und umfasste lange Zeit nur diese vier Häuser.
 
1839 ging das Bruckenwirtshaus durch Kauf an die Familie Thierer aus Hofstett-Emerbuch. Die Thierers eröffneten dort 1866 eine Holzhandlung und bauten 1875 auf der anderen Straßenseite schräg gegenüber ein neues Gasthaus, das heutige „Rößle“ (heute Gebäude Hauptstraße 62). Das alte Bruckenwirtshaus dient seitdem Wohnzwecken.


Ansiedlungen um den Bahnhof

 

Der Bau der Eisenbahn über die Geislinger Steige veränderte die ländliche Idylle. Mit der Errichtung einer Station an der Eisenbahnlinie Stuttgart – Ulm (1850) erhielt der Weiler Neuhaus einen eigenen Schwerpunkt. Amstetten hatte nun den Anschluss an die große, weite Welt. Mit dem Bau der Nebenbahnen nach Laichingen (1901) und Gerstetten (1906) wurde der Bahnhof Amstetten zwangsläufig Knotenpunkt und Umschlagplatz für ein weites Hinterland auf der Mittleren Alb. Die hier zusammenfließenden Verkehrsadern brachten den raschen Aufbruch in das technisch-industrielle Zeitalter. Der Verkehrserschließung folgten unmittelbar die ersten gewerblichen Ansiedlungen rings um das Bahnhofsgelände, zumeist Gründungen auswärtiger Unternehmer. Im Schatten des aufblühenden Gewerbes ließen sich Arbeitskräfte nieder; sie stammten meist aus den Dörfern der Ulmer Alb.

 

Die Gebäude, die rund um den Bahnhof entstanden, betrafen zumeist den direkten Dienstleistungsbereich der Bahnlinie. Als Erster errichtete der Ulmer Holzhändler Georg Gagstetter 1866 östlich des Bahnhofes an der Staatsstraße ein Wohnhaus, in dem er einen Wirtschaftsbetrieb eröffnete (als Bahnhofsrestauration), das heutige Gasthaus „Zur Alten Post“ (Gebäude Hauptstraße 96). Mit der Eröffnung der Nebenbahn von Amstetten nach Laichingen 1901 wurde für Amstetten eine eigene Postagentur errichtet. Sie befand sich im Gasthaus „Zur Alten Post“; der jeweilige Wirt war zugleich Posthalter. 1902 errichtete der Postwirt Daniel Straub unmittelbar beim Bahnhof eine freistehende Wirtschaftsbude, ziemlich provisorisch mit Bretterwänden, und als sich der Gastbetrieb gut angelassen hatte, erstellte er 1906 an dieser Stelle das heutige Gasthaus „Zum Bahnhof“. 1862 entstand der Steighof als Neugründung. Bauherr war Johann Michael Däschler, der aus einem landwirtschaftlichen Betrieb im Dorf Amstetten stammte (heutiges Anwesen Spitalstraße 3).

 

Überall im Land hatte der Bahnbetrieb neue Arbeitsplätze geschaffen. Ihre Bandbreite reichte vom Bahnhofsvorstand über Schaffner, Bremser und Rangierer bis zu den Schranken- und Weichenwärtern. Auch in Amstetten wurde die Eisenbahn für lange Zeit der wichtigste Arbeitgeber. Viele Bewohner fanden auch in der rasch aufblühenden Geislinger Industrie lohnenden Verdienst. Sie pendelten täglich mit der Eisenbahn zwischen Wohn- und Arbeitsstätte.

Die Wohnbebauung hatte sich seit 1871 vor allem entlang der östlichen Seite der heutigen Hauptstraße entwickelt. Dort wohnten vorwiegend „Eisenbahner“ mit ihren oft kinderreichen Familien. Aber auch Tagelöhner, Fabrikarbeiter, Handwerker und allerlei Kleingewerbetreibende siedelten sich an.

Die Infrastruktur des Weilers Neuhaus verbesserte sich, als sich 1905 ein Bäcker niederließ (heutiges Gebäude Hauptstraße 74, Bäckerei Schöll), der nicht nur die Bewohner von Neuhaus, sondern auch das Dorf täglich mit frischer Ware versorgte. Schon ein Jahr später (1906) siedelte sich ein Metzger an (heutiges Gebäude Hauptstraße 81, Metzgerei Nagel). Auch dieses Geschäft wurde mit Freuden begrüßt, da bisher das Fleisch in Geislingen geholt werden musste.

Nach 1918 wurden zwischen der Hansengasse (bei der Bäckerei Schöll) und der Nebenbahn nach Gerstetten mehrere Wohnhäuser erstellt. Die Bauherren waren hauptsächlich Bedienstete der Bahn und WMF-Arbeiter. So entstand die Panoramastraße. Sie begann im Süden von der Alten Hofstetter Straße her und entwickelte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Richtung Norden zum Weißen Weg hin.

 

Die Entwicklung der Gemeinde Amstetten wurde ein Jahrhundert lang durch die Lage des Bahnhofes im Tal bestimmt. Während das Dorf Amstetten seinen Charakter als altes Bauerndorf fast unverändert bewahren konnte, hatte sich die bescheidene Parzelle „Neuhaus“ in ein eigenständiges Wohngebiet gewandelt, dessen Wachstum die Industrie weiter beschleunigte.


Alte Tradition der Steinwerke

 

Mit der Verkehrsanbindung an Schiene und Straße war die Voraussetzung gegeben, dass in Amstetten industriell produziert werden konnte. Schließlich konnten nun die Industrieprodukte mit Hilfe der Eisenbahn direkt, preisgünstig und zuverlässig zu den Märkten transportiert werden; auch billige Arbeitskräfte aus dem Hinterland konnten jetzt rasch die hiesigen Betriebe erreichen.

Die Industrie mit der längsten Tradition und bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch bedeutendster Arbeitgeber ist die Gruppe Steine und Erden. Bereits um 1500 wird in Amstetten der „Ziegelstadel ob der Steig“ und 1608 der erste Steinbrecher erwähnt. Es war der hier anstehende, von der Natur gegebene und schon von der Reichsstadt Ulm gebrochene hochwertige Weißjurakalk, für den sich auswärtige Unternehmen interessierten und den sie nunmehr in großem Maßstab abzubauen begannen. Dies führte zu ersten Industrieansiedlungen, die mehrere Steinbrüche und Schotterwerke betrieben.

1885 legte der Rößleswirt Johann Jakob Thierer einen Steinbruch am Scharfenholz im Dettal an, dem ein Schotterwerk folgte. Seit 1908 nahm der Verein Chemischer Fabriken in Mannheim dort den Betrieb zur Kalkgewinnung auf. 1942 ging das Areal in das Eigentum der Steinwerke Hans Heitmann über. Vom Steinbruch und Schotterwerk führte ein normalspuriges Industriegleis zur Eisenbahn.

 

1913 eröffnete der Stuttgarter Architekt Hugo Reck an der Industriestraße einen Steinbruch und ein Schotterwerk. Auch diese Betriebsanlagen waren durch ein Rollbahngleis mit der Eisenbahn verbunden. Im April 1945 griffen Tiefflieger das Werksgelände an, was schwere Zerstörungen verursachte. 1954 siedelte sich auf dem Werksareal die DASAG Deutsche Naturasphalt GmbH & Co. KG. an.

Am Ramsberg betrieb Georg Hagmeyer, Bauer und Anwalt in Wittingen, einen eigenen Steinbruch. 1918 verkaufte er das gesamte Gelände an Hans Heitmann, Besitzer der Rheinisch-Westfälischen Terrazzo-Steinwerke in Köln. Dieses Unternehmen errichtete ein Schotterwerk unter dem Albucher Stich. Eine Drahtseilbahn transportierte die Steine vom Steinbruch am Ramsberg in die Werksanlagen, die wiederum über ein Industriegleis an die Eisenbahn angeschlossen waren. Die Ausbeutung der Amstetter Steinbrüche erreichte ihren Höhepunkt nach 1918, insbesondere durch das Unternehmen Heitmann, zuletzt unter dem Namen „Montenovo-Werke“.

 

In dieser Branche sind weiterhin zu nennen: die Firma Max Bäumler seit 1934 als Betonsteinwerk und die Firma Albrecht Braun, ursprünglich in Lonsee ansässig, seit 1950 mit einer Produktionsstätte in Amstetten. Nicht vergessen sei auch das Sägewerk Kräuter seit 1927 an der Hofstetter Straße; das Werksareal ist inzwischen als Wohngebiet überbaut.


Der Bahnhof überflügelt das Dorf

 

Eine rege Bautätigkeit hatte dazu geführt, dass sich fernab vom historisch gewachsenen Dorf längst ein eigener Ortsteil entwickelt hatte, der allmählich auch ein eigenes Gewicht innerhalb des Gemeinwesens beanspruchte. Als Erstes bekam der Weiler Neuhaus einen „richtigen“ Namen. Viele Bürger verlangten selbstbewusst, man solle den Namen „Weiler Neuhaus“ in Wegfall kommen lassen; es handle sich bei diesem neuen Wohnplatz ja um keine Filiale des Dorfes. Daraufhin genehmigte das Innenministerium 1926, das Gebiet künftig „Amstetten-Bahnhof“ zu nennen. 

 

Schon Ende der zwanziger, aber vor allem in den dreißiger Jahren ging es auf vielen Gebieten aufwärts. Das Geld war wieder etwas flüssiger und eine positive Grundstimmung beflügelte so manche Initiative. Die Bauern im Dorf modernisierten ihre Anwesen, bauten um und stockten ihre Häuser auf. Auch im Ortsteil Bahnhof entstanden neue Häuser entlang der Hauptstraße und im südlichen Teil der Panoramastraße. Das Gewerbegebiet am Bahnhof erweiterte sich. Es gab neue Arbeitsmöglichkeiten in der Geislinger Industrie. Neue Arbeitsplätze und neuer Wohnbedarf ergab sich durch die Anlage, welche die Wifo (Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft mit Leitung in Berlin) ab 1937 im „Deutschen Wald“ erstellte. Hinter dieser getarnten Bezeichnung verbarg sich ein Treibstofflager der deutschen Wehrmacht. All dies ließ den Ortsteil Bahnhof durch den Zuzug Fremder ungleich stärker wachsen als das Dorf. Schon 1925 waren die Ortsteile Dorf und Bahnhof von den Einwohnerzahlen her gleich groß (Dorf 265, Bahnhof 264). In den dreißiger Jahren verschob sich der Akzent weiter in Richtung Bahnhof, der das Dorf deutlich überflügelte. 

 

Diese Entwicklung verlief nicht ohne Spannungen – hier das Bauerndorf, dort eine Industriesiedlung. Zunehmend empfand man erschwerend, dass Rathaus, Schule, Kirche und Pfarrhaus im alten Dorf standen, die Neubaugebiete um den Bahnhof aber ohne Infrastruktur waren. Im Dorf betrachtete man das Anwachsen der Bahnhofsiedlung mit Misstrauen. Man fürchtete wachsende Lasten für die Gemeindekasse, obwohl am Bahnhof inzwischen recht leistungsfähige Steuerzahler saßen. Der Gedanke, dass der Ortsteil Bahnhof eines Tages gar eine eigene Schule und eine eigene Kirche beanspruchen könnte, begegnete dem zähen Widerstand der Bauern im Dorf. Dennoch – im Pfarrbericht von 1940 erwog Pfarrer Leube bereits die Errichtung einer Schule und eines Betsaales für Amstetten-Bahnhof, zumal dieser Ortsteil inzwischen so viele evangelische Gemeindemitglieder zählte wie das Dorf. Es war abzusehen, dass sich das Gefüge der Gemeinde Amstetten ändern würde.

 

1942 lag ein Bebauungsplan des Staatlichen Vermessungsamtes Ulm vor, der eine großflächige Erweiterung des Ortsteiles Bahnhof im Gebiet südlich der Alten Hofstetter Straße vorsah. In der neuen Siedlung sollten einige Dutzend Häuser mit 50 Wohnungen, insbesondere für die Beschäftigten der Wifo, errichtet werden. Man erwartete, dass das Depot im „Deutschen Wald“ noch weiter ausgebaut würde. Geplant war damals ein neues, großzügig angelegtes Ortszentrum mit Rathaus, Schulhaus, Turnhalle, Gemeinschaftshaus, ein Heim für die Hitlerjugend, Kindergarten, Aufmarschplatz und öffentlichen Anlagen. Das neue Ortszentrum sollte vor der Einmündung der heutigen neuen Landstraße von Hofstett-Emerbuch in die B 10, im Bereich der beiden Einkaufsmärkte Sky und Finkbeiner, zu stehen kommen. Eine kirchliche Anlage sah die Planung in diesem Gebiet nicht vor. Trotzdem spiegelten diese Pläne eine Vision, wonach die Möglichkeiten einer zukünftigen Entwicklung der Gemeinde nicht im Dorf, auch nicht in der Engstelle zwischen Bahnhof und Sandrain, sondern im Süden der Markung liegt, wobei die Ulmer Raumplaner wohl auch an Wachstumszonen in die Fluren Dettal, Kreuzstein und Egelsee hinein gedacht haben mögen. Doch es kam alles anders. Es kam der Zweite Weltkrieg. Die geplante Siedlung wurde nicht gebaut und auch der Plan eines geistlichen Stützpunktes musste zu den Akten gelegt werden. Die Zukunft des Ortsteiles Bahnhof war in dieser unsicheren Zeit unklar.


Neubeginn nach schwerer Zeit

 

Nach dem Krieg, ab Oktober 1945 kamen die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten hier an und suchten Obdach. Auf den Menschen lasteten schier unüberwindliche Sorgen. Doch voll zäher Energie ging die Bevölkerung daran, die allgemeine Notlage zu meistern. In harter Arbeit erkämpften sich Einheimische und Zugezogene langfristig den gemeinsamen Erfolg.

 

Wie im ganzen Land war auch in Amstetten die Wohnungsnot sehr groß. Die zahlreichen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, die das Schicksal in die hiesige Gemeinde geführt hatte, lebten eingepfercht in den Häusern und Wohnungen der Einheimischen. Die Beschaffung von neuem Wohnraum bildete daher in den Nachkriegsjahren das vordringlichste Problem, zumal in vielen Familien, vor allem der Neubürger, der Wunsch nach eigenen vier Wänden bestand.     

Es war die einmütige Auffassung des Gemeinderates, dass nahezu das gesamte Gelände östlich der Bahnlinie, insbesondere in Richtung Geislingen, für Bauzwecke in Frage kommt. Schon im August 1948 wurden die Weichen gestellt, dass am Sandrain mit dem Bauen begonnen werden konnte. Das Bauinteresse war groß und die Bauplätze wurden bald knapp. Seit 1951 errichtete die Firma Hans Heitmann unmittelbar im Anschluss an ihr Betriebsgelände eine Werksiedlung an der Industriestraße, die „Heitmann-Siedlung“.

 

1953 wurde nach dem Tod des Bauern Johannes Däschler der Steighof versteigert. Die Gemeinde sah darin eine Chance für die Baulanderweiterung und kaufte das Hofgut. Auf den Flächen des Steighofes konnte nun die so genannte „Vogelsiedlung“ gebaut werden. 1958 wurde die Panoramastraße von der Hansengasse nach Norden weiter ausgebaut. Auch neue Industriebetriebe hatten sich angesiedelt (u. a. seit 1948 die Firma Jörg Lederer) und schufen begehrte Arbeitsplätze. Mit dem Aufblühen des so genannten „Wirtschaftswunders“ wurden menschliche Arbeitskräfte zunehmend knapp. Aus dem Ausland mussten „Gastarbeiter“ angeworben werden. Später folgten Asylanten und Bürgerkriegsflüchtlinge. Man machte die ersten Erfahrungen mit Muslimen und Farbigen. 

 

Das übermäßige Anwachsen der Bevölkerung zeigte, dass sich im Ortsteil Bahnhof wegen der günstigeren Verkehrslage der Schwerpunkt der Gemeinde entwickeln würde. Außerdem bestand der politische Wunsch, das Dorf mit seiner unversehrten landwirtschaftlichen Struktur nicht zu stören. Waren 1925 die Ortsteile Dorf und Bahnhof von den Einwohnerzahlen her gleich groß, so wohnten in den 1950er Jahren am Bahnhof schon doppelt so viele Menschen wie im Dorf. Heute entfallen mehr als drei Viertel der Einwohner auf den Ortsteil Bahnhof. 

 

Der Zustrom fremder Menschen schichtete die Struktur der Gemeinde tiefgreifend um und veränderte zugleich das in Jahrhunderten gewachsene heimische Volkstum einschneidend. Insbesondere wurde die stammesmäßige und konfessionelle Geschlossenheit des schwäbischen Volksteiles beseitigt. Der schleichende Prozess der Überfremdung hält seit 1945 bis heute kontinuierlich an, nicht zuletzt durch immer neue Industrieansiedlungen (seit 1985 die Heidelberger Druckmaschinen AG).


Das Verhältnis Dorf - Bahnhof

 

Die Strukturen, die sich in den beiden Ortsteilen Dorf und Bahnhof im Lauf der Zeit herausgebildet haben, hätten gegensätzlicher nicht sein können. Wo sollte für ein Bauerndorf und eine Industriesiedlung zukünftig der gemeinsame Nenner liegen? Wie sollte es gelingen, so unterschiedliche Ortsteile zu einer lebendigen Gemeinschaft zu verschmelzen?

 

Zwar bestand schon immer ein Gegensatz zwischen Dorf und Bahnhof. Seit den Nachkriegsjahren musste aber von zwei verschiedenen Welten gesprochen werden. Früher war das Dorf der wirtschaftlich stärkere Teil, war auch zahlenmäßig dem Bahnhof überlegen und hatte die Führung in Händen. Das ist alles anders geworden. Auf Grund der Industrie- und Gewerbeansiedlungen und seinen ausgewiesenen Wohngebieten entlang der Bahnlinie hatte der Ortsteil Bahnhof dem alten Albdorf längst den Rang abgelaufen.

Die Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wesentlich dazu beigetragen, die sozialen Unterschiede zwischen Dorf und Bahnhof erheblich zu vergrößern. Auch wenn im Ortsteil Bahnhof inzwischen Unternehmer, Geschäftsleute, Handwerker, freiberuflich Tätige, Beamte und Angestellte wohnten, dominierte dort ein zahlenmäßig starkes Arbeiterpotenzial. Die Familien lebten bunt zusammengewürfelt und zunächst recht zusammenhanglos nebeneinander, teils weil sie das Schicksal hierher verschlagen hat, teils weil sie hier günstige Bauplätze oder in der Nähe einen Arbeitsplatz fanden. Das Leben der „Bahnhöfler“ ist mehrheitlich von der Industrie bestimmt: täglicher Pendelverkehr, Schichtarbeit, die Frau als Mitverdiener. Ihre Arbeitsplätze liegen zwischen Stuttgart und Ulm, vor allem in Geislingen, aber auch in Amstetten selbst. Die vielen Fremden, vielfach ohne sich gegenseitig zu kennen, fanden kein inneres Verhältnis zu „ihrer“ Gemeinde. Das 2 km entfernte Bauerndorf war ihnen fremd, es ging sie scheinbar nichts an, als dass dort Rathaus, Schule, Kirche und Friedhof lagen.

 

Im Gegensatz dazu hat das alte Dorf seinen bäuerlichen Charakter bis heute bewahrt. Der Kern des Dorfes blieb, was die Zahl der Anwesen betrifft, in den letzten Jahrhunderten ziemlich unverändert. Das Dorf fühlte sich traditionell als geschlossene Einheit, was sich besonders bei Hochzeiten und Beerdigungen zeigte, aber auch bei anderen Anlässen, die immer als eine Sache der gesamten Dorfgemeinschaft verstanden wurden. Entsprechend zäh hielt man am Altüberkommenen fest. Bis in die 1960er Jahre blieb das Blauhemd vom Schulbuben bis zum Greis die einheitliche Kleidung des Bauern. Die Bewohner des Bahnhofes blieben dem Dorf fremd.

 

Während sich der Schwerpunkt der Gemeinde eindeutig zum Bahnhof hin verlagert hatte, präsentierte sich das Dorf noch lange als Führungsmacht, als ein geschickt geführter Block, der sich auf der ganzen Linie durchsetzte und auch, wo er konnte, seinen Vorteil wahrnahm. Doch war auch am Bahnhof eine selbstbewusste Führungsschicht von Industriebürgern herangewachsen, entschlossen, sich auf gleicher Augenhöhe neben die Bauern zu stellen. Das musste zwangsläufig zu Spannungen führen. Erstmals 1953 hatte der Gemeinderat eine Bahnhofsmehrheit.

 

Zündstoff entlud sich vor allem bei der Planung und dem Bau der neuen Schule am Sandrain. Da inzwischen mehr Kinder im Ortsteil Bahnhof als im Dorf wohnten, ließ sich ein Schulhausneubau nicht länger aufschieben. Nach der ursprünglichen Planung sollte die Schule in der Mitte der beiden Ortsteile zu stehen kommen. Allerdings befürchtete das Dorf, diese neue Schule könnte langfristig die Existenz der alten Schule aushöhlen. Dies führte (auf Betreiben des Dorfes) zum Entschluss, den Neubau am Sandrain, also möglichst weit weg vom Dorf zu erstellen, um sicher zu gehen, dass das Dorf nach wie vor seine eigene Schule behalten konnte. Pfarrer Dinkelaker schrieb damals: „Der Schulhausbau stand unter dem Zeichen der Feindschaft zwischen Dorf und Bahnhof. Da der Bau auf die [östliche] Höhe jenseits des Lonetales zu stehen kam, ist er zum Symbol der Trennung von Dorf und Bahnhof geworden. Wäre das Schulhaus auf die westliche Talhöhe zu stehen gekommen, hätte es zu einem Bindemittel zwischen den Ortsteilen werden können. Jetzt gehen die Kinder aus den verschiedenen Ortsteilen in verschiedene Schulen, lernen sich weithin gegenseitig gar nicht mehr kennen.“ Der Schulhausbau am Sandrain ließ sich nicht verhindern; 1955 war die Einweihung.

 

Zum Glück siegte langfristig dann doch die Vernunft oder besser gesagt, die Einsicht, dass man im selben Boot saß. Führende Köpfe im Dorf und am Bahnhof sahen, dass man nur durch Gemeinsamkeit zu einem allseits befriedigenden Ziel gelangen konnte. Ein ausgleichendes und verbindendes Element bildeten dabei die Vereine, in denen sich zunehmend Mitglieder aus beiden Ortsteilen zusammenfanden. Bald anerkannte man, dass auch das Rathaus nicht mehr auf Dauer im Dorf bleiben konnte. 1978 bis 1990 entstand dann das Verwaltungs- und Schulzentrum unterhalb des Aurain, und inzwischen spricht man vom neuen Baugebiet östlich des Bahnhofes sogar von der „neuen Mitte“.


Kritische Analyse des Gemeindelebens

 

Die Zweiteilung des Wohnplatzes Amstetten in Dorf und Bahnhof erschwerte die Seelsorge ungemein. Dies ist den Pfarrberichten deutlich zu entnehmen. Immer wieder findet sich die Klage: „Die seelsorgerliche Betreuung des Bahnhofes stellt an den Pfarrer weit größere Anforderung als die des Dorfes.“ Dazu kam, dass die Pfarrer von jeher hohe, vielleicht zu hohe Erwartungen an ihre Gemeinde stellten. Immer wieder vermerkten sie kritisch, dass es in Amstetten kein auf einer eigentlichen Erweckung beruhendes christliches Leben gebe, sondern es sei die Gewohnheit, die den Wandel reguliere und in einem äußerlich ehrbaren Gleis erhalte. Vor allem am Fleiß im Erwerb des Zeitlichen lasse es die Gemeinde nicht fehlen.

 

Ein steter Dorn im Auge der Pfarrer war, dass die Sonntagsordnung nicht nach ihren Vorstellungen ablief. Die Männer seien am Sonntag Nachmittag regelmäßig in den hiesigen Wirtshäusern herkömmlich verteilt und redeten dort von allerlei Werktäglichem, und bei den Frauen gehöre das Nähen, Stricken und Flicken zur Sonntagsarbeit. Zwar herrsche sonntags im Dorf eine wohltuende Stille, aber im Weiler Neuhaus gehe es weniger still zu wegen der dortigen Wirtschaften, die massenhaft besucht würden, vor allem von Knechten und Mägden, aber auch von Fremden, und wo es immer lärmende Vergnügungen gab.

 

Ein zeitloses Thema war stets die Jugend; ihr stellten die Pfarrer durchweg ein wenig gutes Zeugnis aus. Sie komme zwar zur Kirche und zum Abendmahl, zeige in ihrem Verhalten jedoch wenig christlichen Wandel. Statt dessen habe sie sich ziemlich laxe Anschauungen zugelegt und sei vom Vorwurf des Leichtsinns und lockerer Sitten nicht frei zu sprechen. Ein Pfarrer vermerkte, dass die männliche Jugend am Abendmahl entschieden fleißiger teilnehme als die weibliche Jugend. Dies habe seinen „tieferen Grund ohne Zweifel in dem Umstand, dass die ledige männliche Jugend weniger verdorben ist und sittlich noch höher steht als die weibliche.“

 

In der Laurentiuskirche war es seit undenklichen Zeiten üblich, dass jedes erwachsene Gemeindemitglied einen Kirchenstuhl gepachtet und dafür gezahlt hatte. So wusste jeder, wo er bei gottesdienstlichen Feiern hingehörte. Selbst als 1888 beschlossen wurde, von einer Verpachtung der Kirchenstühle künftig abzusehen und nur noch für Honoratioren Plätze auszuweisen, hielt sich noch Jahrzehnte eine starre Sitzordnung; jeder beharrte in der Kirche auf „seinem“ Platz. Das führte dazu, dass in dieses Gefüge die frühen Bewohner des Ortsteils Neuhaus nicht recht passten; für sie mussten eigene Plätze eingerichtet werden.

 

Waren die Pfarrer seit alters gewohnt, dass die Bauernfamilien des Dorfes am Sonntag geschlossen in der Kirche erschienen, so beklagten sie seit Beginn des 20. Jahrhunderts einen schleichenden Rückgang der Kirchenbesucher. Wieder war es die jüngere Generation, die daran schuld war. Es heißt, viele zögen den Besuch von Vereinsfesten oder Gesellschaftsausflüge mit Eisenbahn und Auto der sonntäglichen Predigt vor. Zwar seien die Elternhäuser bei der bäuerlichen Bevölkerung noch in erfreulicher Weise auf Zucht bedacht, aber die zu zwei Dritteln am Bahnhof aufwachsende Jugend sei zu viel sich selbst überlassen; das wirke sich ungünstig aus und stecke die „Dörfler“ an.


Erschwerte Seelsorge im Ortsteil Bahnhof

 

Es ist ganz interessant, sich in diesem Zusammenhang das sonntägliche Angebot an Gottesdiensten ins Gedächtnis zu rufen. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg fanden am Sonntag Vormittag drei Gottesdienste hintereinander statt: Predigt, Christenlehre, Kinderkirche. Der Predigtgottesdienst war von etwa 100 bis 120 Erwachsenen besucht, an Festtagen kamen 150 bis 200. Die Christenlehre umfasste drei bis vier konfirmierte Jahrgänge. In der Kinderkirche zählte man etwa 30 bis 40 Kinder. Zu den Nachmittagsgottesdiensten, die es noch an Festtagen gab, kamen 20 bis 30 Personen. Mit Bibelstunden tat man sich dagegen schwer. Sie waren im Ulmer Land (anders als im Altwürttembergischen) nicht durch alte Sitte eingebürgert.

 

Beim Kirchenbesuch wirkte sich zunehmend der Umstand aus, dass ein großer Teil der Gemeindemitglieder in den stark wachsenden Parzellen Neuhaus und Bahnhof wohnte. Viele waren ortsfremd, ohne Bezug zu ihrem Wohnort, teils auch der Kirche entfremdet. Viele scheuten aber auch den halbstündigen Weg zur Kirche ins Dorf. Zumal bei Regen und Sturm, in Schnee und Eis bedeutete er für die Bewohner der Siedlung am Bahnhof eine besondere Belastung. Im Blick auf den weiten Weg veranstaltete Pfarrer Helbling in den 1930er Jahren in der Privatwohnung Dinkel in Amstetten-Bahnhof zweimal monatlich Bibelstunden für Alte und Gebrechliche; sie wurden meist von etwa 6 bis 12 Frauen besucht. Die Albbewohner mochten das Stundenwesen nicht sehr, sie anerkannten die „Stunde“ nicht als Gottesdienst. So lud später Pfarrer Leube im Wechsel mit dieser Bibelstunde je am ersten Sonntag in den Wintermonaten nachmittags zu einem „richtigen“ Gottesdienst in den Gasthof „Zur Post“ ein. Der Versuch begann hoffnungsvoll. Der Besuch war besser als im Stundenhaus; es kamen 12 bis 20 Frauen. Im Krieg ließ sich der Versuch nicht fortführen.

 

Nach Kriegsende nahm die Teilnahme am Gottesdienst deutlich zu. Dazu trugen die Erlebnisse herber Notjahre bei. Die Mehrzahl der Neubürger am Bahnhof war zwar katholisch; es gab aber auch evangelische Volksgruppen, etwa die Donauschwaben aus Ungarn. Pfarrer Langanke schrieb damals freudig: „Feiertagsgottesdienste sind zum Teil überfüllt, so dass Bänke hereingetragen werden müssen.“ Auch gesellige Veranstaltungen der Kirchengemeinde wurden dankbar aufgenommen; mindestens einmal im Jahr fand in beiden Ortsteilen ein Gemeindeabend statt. Bibelstunden wurden für das Dorf in der Schule, für den Ortsteil Bahnhof im Gasthaus „Zum Rößle“ gehalten (insgesamt 70 bis 80 Besucher).

 

Inzwischen zählte der Ortsteil Bahnhof mehr als doppelt so viele evangelische Gemeindemitglieder wie das Dorf. 1949 bemühte sich Pfarrer Langanke beim Oberkirchenrat um den Bau eines Gemeindehauses oder eines Notkirchleins in Amstetten-Bahnhof. 1951 kam der Bescheid, dass Bauvorhaben wegen der finanziellen Bedrängnis der Landeskirche derzeit nicht möglich seien. Doch inzwischen wuchs „der Bahnhof“ weiter.

 

In die Amtszeit von Pfarrer Dinkelaker fielen die Auswirkungen des so genannten „Wirtschaftswunders“; eine unvergleichliche Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse aller Bürger breitete sich aus. Dies führte zu einer vorher nicht gekannten Mobilität der Menschen. Das Auto machte beweglich, Feste und Vergnügungen lockten. Ein neuer Säkularisierungsschub ergriff die Gesellschaft mit Auswirkungen auf den Kirchenbesuch, der spürbar zurückging. Nachgelassen hatte vor allem der Besuch der Männer; die Frauen stellten fast zwei Drittel. Die kirchliche Entfremdung der Elternhäuser, der fehlende Bezug der „Bahnhöfler“ zum Dorf und der weite Kirchweg wogen schwer.

 

Um die rasch wachsende Zahl der Bewohner von Amstetten-Bahnhof stärker in das kirchliche Leben zu integrieren, war notwendig, dort regelmäßige Gottesdienste einzurichten. Seit 1954 wurde einmal monatlich Sonntag abends im Gasthaus „Zum Rößle“ ein Gottesdienst gehalten. Ein großer Fortschritt war, als 1955 die neue Schule am Sandrain eingeweiht werden konnte. Jetzt fand dort zweimal im Monat Sonntag nachmittags ein Predigtgottesdienst statt; auch für Abendmahlfeiern, Taufen und die Kinderkirche war die neue Schule gut. Seit 1956 war in der neuen Schule an jedem zweiten Sonntag früh Predigt.

Von den Bewohnern des Ortsteiles Bahnhof kamen anfangs nur wenige zur Predigt, einige Alte und Gehbehinderte. Etliche Hausfrauen gesellten sich dazu. Nur sehr langsam nahmen die Besucherzahlen zu, auch als das neue Schulhaus zur Verfügung stand. Aber allmählich gewöhnte man sich an das bequem zu erreichende geistliche Angebot in der neuen Schule, verlangte doch ein Gang zur Dorfkirche eine zusätzliche Stunde Weges. Bald stießen auch Männer und Jugendliche dazu, vor allem viele Neubürger. Der Gottesdienst „am Bahnhof“ bürgerte sich ein. Im Durchschnitt waren 50 bis 80 Teilnehmer zu zählen. Seit 1961 waren regelmäßige Sonntagsgottesdienste eingeführt: um 9 Uhr in der neuen Schule und um 10 Uhr im Dorf. Man spürte, dass hier Gemeinde wachsen wollte. Aber noch fehlte eine „richtige“ Kirche.


Alter Wunsch wird Wirklichkeit

 

Bei der Einweihung der neuen Schule am Sandrain im Januar 1955 erwähnte Pfarrer Dinkelaker erstmals öffentlich den Bau einer eigenen Kirche in Amstetten-Bahnhof als eine Notwendigkeit, die auf die Gemeinde zukomme. Dieser Gedanke schien vermessen und stieß anfangs, vor allem bei der Bevölkerung des Dorfes, auf starken Widerspruch. Da sich aber Sonntag für Sonntag eine wachsende Gemeinde zum Gottesdienst in der neuen Schule versammelte, setzte sich der Gedanke gegen alle Bedenken von selbst durch. Als dann im Sommer 1958 die Katholiken anfingen, für eine Kirche in der „Vogelsiedlung“ zu sammeln, war dies der Startschuss für die evangelische Gemeinde. 1958 fing der Kirchengemeinderat an, zu Spenden für den Kirchenbau aufzurufen. Man schloss Bausparverträge ab, es gab Haussammlungen. Die Gemeindemitglieder nahmen große Opfer auf sich und spendeten reichlich. Die Mehrzahl erklärte sich bereit, im Monat einen Stundenlohn für den Kirchenbau zu geben.

 

Die größte Schwierigkeit war die Frage eines geeigneten Bauplatzes. Es sollte, fern vom lärmenden Verkehr, ein Platz gefunden werden, der einen Mittelpunkt für die Ortschaft bildete und von allen Gemeindemitgliedern möglichst gut zu erreichen war. Dies schien am „Bahnhof“ fast unmöglich zu sein. Der Ortsteil liegt entlang der Bundesstraße 10 vom Steighof bis zur Abzweigung der Straße nach Ettlenschieß weit auseinander und ist sehr schmal. Im Streifen zwischen Bahn und B 10 erwartete man eher industrielle Ansiedlungen. Die Plätze innerhalb der Ortschaft, die sich für eine Kirche eigneten, waren längst vergeben und überbaut. Was allenfalls in Frage kam, lag am Rand des Baulandes. Vom Ortsbild aus gesehen erschien ein Platz auf der Höhe des Sandraines über dem neuen Schulhaus besonders geeignet. Dieses Grundstück war jedoch Staatswald und lag zudem bereits auf Markung Stubersheim. Mit Hilfe des Staatlichen Forstamtes Geislingen gelang es der evangelischen Gemeinde, in landschaftlich schönster Lage ein Stück des Staatsforstes zu erwerben. Dieses Grundstück wurde später (1965) durch Markungsausgleich der Markung Amstetten angeschlossen.

 

Am 21. September 1961 beschloss der Kirchengemeinderat, die Kirche nach den

Plänen des Architekten Hans Krell in Ellwangen zu bauen. Die örtliche Bauleitung wurde dem Architekten Karl Kräuter in Amstetten übertragen. Da die Kirchengemeinde bis dahin im Ortsteil Bahnhof über keine eigenen Räume für Bibelstunden, Jugendarbeit u. a. verfügte, sollte die Kirche als Gemeindezentrum ausgestaltet werden und mit Saal und Jugendraum verschiedenen Bedürfnissen dienen. Die Baukosten beliefen sich nach der Endabrechnung auf 603 500 DM.

 

Welchen Namen sollte die neue Kirche bekommen? Einige Kirchengemeinderäte wollten die Kirche am liebsten „Waldkirche“ nennen. Da der Vorschlag aber keinerlei kirchliche Aussage enthält, blieben für die engere Wahl die Namen: Kreuzkirche, Heilig-Geist-Kirche und Friedenskirche. Mit 5:3 Stimmen entschied man sich für „Friedenskirche“. Im Protokoll heißt es dazu: „Es wird laufende Aufgabe der Predigt in dieser Kirche sein, herauszustellen, was der Friede Gottes ist, der der verlorenen Welt geschenkt wird durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi, den im Glauben zu bewähren und zu bezeugen die Aufgabe einer christlichen Gemeinde ist.“


Ein neues Wahrzeichen

 

Im Herbst 1962 wurde auf dem Baugrundstück am Sandrain eine Waldlichtung gehauen; eine Kiefernkulisse, die bisher den Waldrand gebildet hatte, blieb bewusst stehen. Bis Ostern 1963 lagen die staatlichen und kirchlichen Baugenehmigungen vor. Am 10. August 1963 konnte der erste Spatenstich gemacht werden. Am 23. Mai 1964 fand die Grundsteinlegung mit Dekan Straub aus Geislingen statt. Es war ein herrlicher Maientag, die Sonne lachte aus wolkenlosem Himmel. 

 

Eine Urkunde, auf Pergament geschrieben, wurde mit etlichen Beigaben in eine kupferne Kassette gelegt und im Grundstein unter der späteren Orgelempore gegenüber dem Altar versenkt und eingemauert. Den Wortlaut der Urkunde hat Pfarrer Dinkelaker verfasst. Er beginnt pathetisch: “Im Jahr eintausend neunhundert sechzig und vier nach der Geburt unseres Herrn und Erlösers, Jesus Christus, am Samstag nach dem Pfingstfest, am dreiundzwanzigsten Mai, wurde im Ortsteil ‚Amstetten-Bahnhof‘ der Grundstein gelegt für eine zweite Kirche der evangelischen Kirchengemeinde Amstetten, die nach dem Beschluß des Kirchengemeinderats den Namen ‚Friedenskirche‘ tragen soll.“ Nach einigen Sätzen zur Geschichte des Ortsteils und des Kirchenbaus heißt es weiter: „Im Jahr 1964 ist Pfarrer in Amstetten Christoph Dinkelaker, Dekan in Geislingen Jakob Straub, Prälat in Ulm Hermann Rieß, Landesbischof der evangelischen Landeskirche in Württemberg Erich Eichele. Bürgermeister der Gemeinde Amstetten ist Michael Schall, Landrat im Landkreis Ulm Wilhelm Dambacher, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg Kurt-Georg Kiesinger, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland Heinrich Lübke, Bundeskanzler Ludwig Erhardt, Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier.“ Die Urkunde schließt mit den Worten: „Einen andern Grund kann niemand legen außer den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.“

 

Der Bau der Kirche erfuhr starke Verzögerungen. Dadurch wuchsen auch die Kosten. Mit besonderer Spannung verfolgte die Bevölkerung die Errichtung des originellen, nadelförmigen, 40 Meter hohen Turmes. In zwei Teilen vormontiert, wurde er am 23. Juni 1964 mit Hilfe eines Spezialkrans in fünf Stunden aufgestellt. „Jetzt sind wir auch ein Dorf!“, hieß es „am Bahnhof“, als plötzlich ein Kirchturm über dem Ortsteil stand. Am 17. November 1964 konnte endlich das Richtfest der Kirche begangen werden. Es goss in Strömen. Der Richtspruch endete: „Gott zur Ehr, dem Haus zum Segen, unser Handwerk allerwegen.“ Im Advent 1964 war die Weihe der Glocken. Damit trat der merkwürdige Umstand ein, dass die Glocken schon 1 ½ Jahre vor Vollendung der Kirche zum Gottesdienst läuteten, der nebenan in der Schule gehalten wurde. Am 22. Mai 1966 war es dann soweit. Nach einer Bauzeit von 2 ½ Jahren erhielt die Friedenskirche ihre feierliche Weihe. Die Festpredigt hielt Prälat Rieß aus Ulm, die Liturgie übernahm Dekan Straub aus Geislingen. Ein lange gehegter Wunsch war jetzt in Erfüllung gegangen. Alle waren von Dankbarkeit und Freude erfüllt, kein Unfall hatte die Bauarbeiten getrübt.

 

In schlichter Schönheit steht die Kirche über dem Tal. Als „Zelt Gottes unter den Menschen“ wirkt sie gleichsam symbolhaft. Sie gibt dem Ortsteil Amstetten-Bahnhof ein markantes Gesicht und verleiht ihm einen würdigen Mittelpunkt. Für den Architekten Hans Krell war es keine leichte Aufgabe, dieses Kirchenensemble behutsam und harmonisch in die Landschaft einzupassen. Das bewegte Gelände bot die Möglichkeit, den Kirchenraum im Erdgeschoss des Baus einzuplanen. Im tiefer liegenden Talgeschoss ließ sich der Gemeindesaal samt allen Nebenräumen unterbringen. Die Gemeinde hatte sich einen zentral geformten Kirchenraum gewünscht mit dem Altar in der Mitte, flankiert von Taufstein und Kanzel, um damit im Gottesdienst der Sammlung der Gemeinde zu dienen. So entstand ein sechseckiges Raumgebilde mit einem zeltartigen, freitragenden Dachstuhl. Sowohl der Dachstuhl als auch die tragenden Elemente des Turmes bestehen aus einem Stahlgerippe. Bemerkenswert ist, dass für das gesamte Kirchenbauwerk ausschließlich natürliche Baustoffe Verwendung fanden. Die Mauern im Erdgeschoss sind in Backstein gefügt und im Inneren der Kirche sichtbar belassen. Der Fußboden wurde mit Solnhofer Platten ausgelegt. Für die innere Verkleidung des Zeltdaches wurde schlichtes Tannenholz gewählt, für die Dachhaut dient edler Naturschiefer.

Einen besonderen Schmuck erhielt das Kirchenbauwerk mit einem Zyklus prächtiger Glasfenster. Die Kirche trägt den Namen „Friedenskirche“ und ihre Fenster wollen eine Auslegung dieses Namens sein. Wenn die Bibel von Frieden spricht, ist das Verhältnis zwischen Gott und seiner Schöpfung gemeint, besonders sein Verhältnis zum Menschen. Durch die Sünde ist dieser Friede gestört. Wie aber Gott Frieden stiftet, ist das Thema der sieben farbigen Glasbilder. Entworfen und gefertigt wurden die Bilder von Adolf Saile, Stuttgart. 1977 wurde durch die Firma Link in Giengen an der Brenz eine Orgel eingebaut mit zehn Registern auf zwei Manualen und Pedal.

 

Der Turm der Friedenskirche beherbergt fünf Glocken. Sie stammen aus der Glockengießerei Gebrüder Rincker in Sinn/Dillkreis bei Wetzlar/Hessen. Die kleinste Glocke ist die „Taufglocke“ (Ton g‘) mit der Inschrift: „Siehe, ich mache alles neu“. Sie wurde gestiftet von den Konfirmanden des Jahrganges 1965/66, die den Betrag durch eine groß angelegte Altmaterialsammlung zusammenbrachten. Die „Zeitglocke“ (Ton e‘) trägt die Inschrift: „Der Meister ist da und ruft dich“. Die „Kreuzglocke“ (Ton d‘) mit der Inschrift: „Meinen Frieden gebe ich euch“ wurde gestiftet von Jörg Lederer. Die „Betglocke“ (Ton c‘) mit der Inschrift „Wachet und betet“ wurde gestiftet von der bürgerlichen Gemeinde Amstetten. Die größte Glocke ist die „Predigtglocke“ (Ton a) Sie trägt die Inschrift: „Dein Name werde geheiligt“.

 

Mit der Fertigstellung der Friedenskirche standen der evangelischen Gemeinde jetzt zwei Kirchengebäude zur Verfügung, in denen regelmäßige Sonntagsgottesdienste möglich waren (8.50 Uhr in der Friedenskirche und 10 Uhr in der Laurentiuskirche). Der durchschnittliche Besuch lag im Dorf bei 50, am Bahnhof bei 80 Personen. Jeder Ortsteil bekam seinen eigenen sonntäglichen Kindergottesdienst.

 

Recht bald stellte sich das Problem, die kirchliche Jugendarbeit neu zu organisieren. Allzu lange hatte es für Kinder und Jugendliche nur gottesdienstliche Unterweisungen gegeben. Im Pfarrbericht von 1951 wird erstmals von Jugendkreisen berichtet, die als Burschen- und Mädchenkreise bestanden. Im Dorf trafen sich die Gruppen im Pfarrhaus, während im Ortsteil Bahnhof die Raumfrage immer ein schwieriges Hindernis darstellte. Außerdem sah sich die kirchliche Jugendarbeit der wachsenden Konkurrenz der örtlichen Vereine gegenüber. Vor allem der Sport wirkte wie ein Magnet auf die Jugend, die damit zunehmend ihre Freizeit verbrachte. Seit 1965 kam die Christenlehre in Abgang. Die Jugendarbeit verlagerte sich verstärkt auf die Ebene des Alb-Distriktes, wo nun für überpfarreiliche Angebote gesorgt ist.

 

Pfarrer Lutz packte eine Aufgabe an, die seit Jahrzehnten ein Gesprächsthema war, aber aus finanziellen und anderen Gründen immer wieder aufgeschoben werden musste: der Bau eines Gemeindehauses. Bereits 1949 verhandelte man mit der bürgerlichen Gemeinde wegen eines Bauplatzes am Sandrain. 1977 stand sodann ein Platz beim Rathaus zur Diskussion. Auch die in den 1990er Jahren leer stehende Sandrainschule erwog man zu kaufen oder zu mieten. Schließlich entschloss man sich, in direktem Anschluss an die Friedenskirche einen zweigeschossigen Anbau zu erstellen, der einen Gemeindesaal und Begegnungsräume für Jung und Alt bietet. Die Pläne stammten von Architekt Prof. Andreas Marchtaler, Geislingen. Bei der Einweihung am 27. Juni 2004 hielt Landesbischof Dr. Gerhard Maier die Festpredigt. Mit der Fertigstellung dieses architektonisch vortrefflich gelungenen Projektes verfügt die Kirchengemeinde über beste Voraussetzungen für eine gedeihliche Arbeit der vielfältigen Pfarreigruppen.

 

Pfarrer: Christoph Dinkelaker (1953 – 1965), Heinz Schmid (1965 – 1975), Heinz Hinz (1975 – 1984), Emil Rist (1984 – 1996), Frank Lutz (1996 – 2005), Reinhard Hoene (seit 2005).            

 

Kirchengemeinderäte in der Zeit des Kirchenbaus:
Während der ganzen Bauzeit: Richard Wörz, Kirchenpfleger, Albrecht David Braun, Max Moll, Michael Schall, Johannes Scheible, Jakob Tonnier.
Bis Dezember 1965: Christoph Schöll, Johann Steitz.
Seit Januar 1966: Georg Bail, Hans Rösch.
 
Kirchenpfleger: Richard Wörz (1960 – 1993), Karlheinz Beutel (seit 1993). 

Mesner: Katharina Junger (1966 – 1986), Dora Pretschner (seit 1986), Carmen Rank (seit 2005).

Organisten: Renate Nägele (1958 – 1970), Anna Straub (1970 – 1986), Hans Dehner, Annegret Heß, Brigitte Carl, Irene Krawat, Harald Moll, Sabine Martin, Markus Schmid, Cornelia Schmid, Karlheinz Bauer.

Pfarramtssekretärinnen: Gisela Schmid, Helga Tonnier.

 

Lang war der Weg zur Friedenskirche: Ein steiler Pfad, von Dornen gesäumt, auf weiten Strecken recht steinig, doch stets stand das Ziel vor Augen.

 

Karlheinz Bauer