500 Jahre Pfarrkirche St. Laurentius in Amstetten

Laurentiuskirche in Amstetten-Dorf

Von Karlheinz Bauer, Amstetten

 

Lage des Orts

 

In der Beschreibung des Oberamtes Geislingen aus dem Jahre 1842 lesen wir über Amstetten: Der Ort „ist gesund; zur rauhen Winterszeit wird er öfters von heftigen Stürmen heimgesucht ... Der Ort zählt 40 Wohngebäude, welche meist einstöckig und mit Stroh gedeckt sind. Er ist zum Teil weitläufig, nur an einzelnen Stellen etwas gedrängter angelegt, übrigens reinlich ... Die Einwohner nähren sich von Ackerbau und Viehzucht auf der bedeutenden Markung von 3283 Morgen und sind meist wohlhabend ... Die Gemeinde hat weder Vermögen noch Schulden.“

Betrachtet man seine landschaftliche Lage, so liegt das Albdorf Amstetten in einer Senke der Albhochfläche, die gegen Westen durch Höhen geschützt ist; für sich selbst liegt der Ort fast ganz eben und gegen Norden und Osten ziemlich offen. Die europäische Wasserscheide verläuft unmittelbar nördlich der Kirche, wobei die unterhalb des Albtraufs neben der Geislinger Steige entspringende Rohrach die Landschaft in Richtung Rhein und Atlantik entwässert, während die Trockentäler der Urlone mit ihren verzweigten Nebenflüssen wie noch die heutige Lone der Donau und dem Schwarzen Meer zustreben. Spricht man aber von Amstetten, denkt jeder an die verkehrsgeographisch günstige Lage an dem bedeutenden Verkehrsweg Stuttgart – München.


Geschichte des Orts

 

Schon in vor- und frühgeschichtlicher Zeit war die Hochfläche der Geislinger Alb ein wichtiges Durchgangsgebiet. Davon zeugen Funde aus keltischer Zeit (eisenzeitliche Bronzebeile und Grabhügel im Ziegelwald) sowie Grundmauern römischer Bauwerke (Straßenstation im Ziegelwald) und Reste des Alblimes (Straße im Ziegelwald bis zum Steighof). Trotzdem gehört Amstetten nicht zu den ältesten Siedlungen unserer Gegend. Die Wasserarmut der Albhochfläche verhinderte zunächst eine dauerhafte Ansiedlung der Menschen. Viel günstiger für eine frühe Besiedelung waren die Talorte entlang der natürlichen Wasserläufe (Fils und Rohrach) oder die wenigen Stellen auf der Alb, wo es natürlich fließendes Wasser gab, wie in Urspring, Türkheim oder Stubersheim. Das Dorf Amstetten entstand nach dem Ausweis seines Ortsnamens erst im Zuge des frühmittelalterlichen Siedlungsausbaus. Solch spätere Siedlungen sind die Orte, deren Name mit „stetten“ endigt, neben Amstetten sind dies z. B. Hofstett-Emerbuch, Schalkstetten, Radelstetten, Scharenstetten.

Amstetten war die „Siedlung des Amano“. Im Jahre 1275 taucht „Amenestetten“ erstmals in den Urkunden auf, so im „Liber decimationis“, einem Zehntbuch der Diözese Konstanz, zu der unsere Gegend kirchlich zählte. Diesem Eintrag ist auch zu entnehmen, dass Amstetten damals bereits eine selbständige Pfarrei besaß.

 

Amstetten gehörte zum Herrschaftsgebiet der Grafen von Helfenstein. Dieses hochadelige Geschlecht, das von den Herren von Stubersheim abstammte, erbaute sich in der Zeit um 1100 auf den Felsen hoch über dem Rohrachtal eine Burg. Vom Helfenstein aus überwachten sie den uralten Albaufstieg, der ursprünglich entlang der Alten Weiler Steige über Stubersheim nach Augsburg führte. Das Rohrachtal war lange versumpft und unpassierbar. Erst allmählich entwickelte sich dann die Passage entlang der Rohrach, die heutige Geislinger Steige in Richtung Ulm. Zum Schutz ihrer Zollstelle, die an dieser neuen Straße lag und eine sehr einträgliche Geldquelle war, gründeten die Grafen von Helfenstein um 1200 die Stadt Geislingen.

 

In Amstetten gab es klösterlichen Besitz; hier waren das Zisterzienserkloster Kaisheim und das Benediktinerkloster Blaubeuren begütert. Das Kloster Kaisheim besaß im Dorf bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts einen Hof, zwei Feldlehen und vier Sölden; diese Güter beruhten auf Stiftungen der Grafen von Helfenstein. Ein Hof in Amstetten, genannt der Vilseggers Hof, erscheint 1340 im Besitz des Ritters Friedrich von Überkingen, der ihn im selben Jahr um 103 Pfund Heller an das Kloster Blaubeuren verkaufte. An dasselbe Kloster veräußerte 1361 Johannes von Ufenloch seine zwei Güter und eine Sölde in Amstetten für 80 Pfund Heller.

 

1396 waren die Grafen von Helfenstein gezwungen, den größten Teil ihrer Herrschaft einschließlich der Stammburg und der Residenzstadt Geislingen an die mächtige Reichsstadt Ulm zu verkaufen. Auch Amstetten gelangte damals in den Besitz der freien Reichsstadt Ulm, zu deren Gebiet es über 400 Jahre gehörte. Innerhalb der Unteren Herrschaft (mit dem Zentrum Geislingen) zählte Amstetten zunächst zum Amt Türkheim, bildete dann vorübergehend ein eigenes Amt (spätestens ab 1529), befand sich seit 1649 wieder beim Amt Türkheim und ab 1774 beim Amt Nellingen. Im Zuge der territorialen Neugliederung des deutschen Südwestens unter Napoleon gelangte Amstetten zusammen mit dem Ulmer Land 1803 an Bayern und 1810 an Württemberg; es gehörte zunächst zum Oberamt Geislingen, seit 1938 zum Kreis Ulm.


Entstehung der Kirche

 

1499 – Das eingemeißelte Datum über dem Spitzbogenportal der Pfarrkirche verleitet dazu, wie auch im älteren lokalhistorischen Schrifttum gelegentlich geschehen, dieses Datum als Zeitpunkt der Entstehung der Kirche zu deuten. Dies ist jedoch nicht richtig. Dieses Datum markiert keinen Neubau, sondern einen Umbau, mit dem eine Erweiterung und gründliche Erneuerung der Kirche zusammenhing. Diese These wird vor allem durch die Befunde am Bauwerk selbst, aber auch durch das Patrozinium bestätigt. Patrozinium meint den Schutzheiligen einer Dorfkirche. Er kann zur Altersbestimmung herangezogen werden, denn bestimmte Heilige sind typisch für bestimmte Zeiten.


Patrozinium

 

Die Pfarrkirche in Amstetten wurde dem hl. Laurentius (Lorenz) geweiht. Da die Menschen unserer Zeit mit den Heiligengeschichten nicht mehr so vertraut sind, sollen einige Sätze seiner Person und seiner Verehrung gelten. Dabei ist allerdings zu beachten, dass sich unser heutiges Wissen auf einer Mischung historischer und legendärer Überlieferungen stützt. Laurentius von Rom, so lautet seine offizielle Bezeichnung im Heiligenkalender, soll im 3. Jahrhundert in Aragon/Spanien als Sohn heiligmäßiger Eltern (beide sind hl. Märtyrer) geboren sein. Papst Sixtus II. hörte auf dem Weg zum Konzil von Toledo von seiner Heiligkeit und weihte ihn zum Diakon. Der römische Kaiser Valerian (um 200 – nach 262) veranlasste seit 257 eine Christenverfolgung und verfügte durch Edikt vom August 258 die sofortige Exekution für erkannte Kleriker. Papst Sixtus starb bereits am 6. August 258 zusammen mit vier Diakonen den Märtyrertod. Vier Tage danach, am 10. August 258, wurde Laurentius mit vier weiteren Diakonen mit dem Schwert hingerichtet. Vor seinem Tod hatte ihm der Papst das Kirchenvermögen übergeben. Laurentius wurde vor Kaiser Valerian geführt und sollte ihm das Kirchenvermögen ausliefern. Statt dessen verteilte er es an die Armen und führte diese mit dem Hinweis vor, sie seien das Vermögen der Kirche. Seine Marter auf dem glühenden Eisenrost – er soll darauf über dem Feuer gebraten worden sein – ist legendär und wohl eine spätere Zutat des 4. Jahrhunderts.

 

Sein Grab befindet sich in einem Gräberfeld an der Via Tiburtina in Rom, darüber erhebt sich die Basilika S. Laurentius extra muros (4. Jh.); sie gehört zu den sieben Hauptkirchen Roms. Das Grab gehört heute noch zu den meist besuchten Stätten in Rom. Inschriften bezeugen die frühe Popularität des Heiligen. Seine Festfeier am 10. August wird schon Anfang des 4. Jahrhunderts erwähnt. Die Erhebung seines Leichnams geschah 1447. Sein Haupt wird in der Kirche San Lorenzo in Florenz aufbewahrt. Späne vom Rost des Heiligen, der in San Lorenzo in Lucina, Rom, aufbewahrt werden soll, gelten als Berührungsreliquien. 

 

Der hl. Laurentius gilt als Patron der Armen und der Bibliothekare, ferner wegen seines Martyriums als Patron vieler Berufe, die mit Feuer zu tun haben (Bäcker, Glasbläser, Köche und Köhler). Er wird angerufen bei Verbrennungen und Hexenschuss sowie in der Volksmedizin bei „Brand“ (Fieber u.a.) und zur Bewahrung vor Fegefeuerqualen. Sein Fest ist Wetter- und Lostag im bäuerlichen Brauchtum. Sternschnuppen im August heißen Laurentiustränen. Jeden Freitag hat er nach dem Volksglauben das Privileg, eine Seele aus dem Fegefeuer zu befreien. Der Heilige wird dargestellt als junger Diakon, bartlos und barhäuptig mit Dalmatika. Seine drei wichtigsten Attribute finden sich bereits in seiner ältesten datierbaren Darstellung, einem Mosaik in der Grabkapelle der Galla Placidia in Ravenna aus dem 5. Jahrhundert: Laurentius mit Kreuz und Buch geht auf den glühenden Rost zu. Dennoch sind seine Attribute vielfältig: 1. Rost in bezug auf das legendäre Martyrium, die häufigste Darstellung. 2. Kelch, in dem sich Goldstücke befinden oder Börse im Zusammenhang mit der Legende als Verwalter des Kirchenvermögens. 3. Evangelienbuch als Zeichen des Diakons. 4. Prozessionskreuz. 5. Liturgische Geräte des Diakons. 6. Palme, die ihm nach der Legende ein Engel bei seinem Martyrium überreichte.

 

Der Kult des hl. Laurentius hat sich früh im gesamten Abendland verbreitet. Im 16. Jahrhundert fand er starken Eingang in Spanien. Philipp II. von Spanien machte ihn zum Nationalheiligen und legte den Escorial, die glanzvolle Residenz und Grablege der spanischen Könige unweit von Madrid, ihm zu Ehren nach rostförmigem Grundriss an. In Deutschland begann seine Verehrung im 10. Jahrhundert. In dieser Zeit fielen ständig ungarische Reiterheere nach Süddeutschland ein und gefährdeten die Bevölkerung. Kaiser Otto I. beendete die fortgesetzten Raubzüge in einer siegreichen Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg am 10. August 955, dem Tag des hl. Laurentius. Da dem Tagesheiligen der Sieg über die Ungarn zugeschrieben wurde, griff Kaiser Otto I. dessen bereits verwurzelten Kult zur Festigung des Reiches auf und stiftete ihm das Bistum Merseburg. Gleichzeitig entstand damals aus Freude und Dankbarkeit über die Befreiung von jahrzehntelanger Plünderung und Kriegsnot eine ganze Anzahl von Laurentiuskirchen. Von ihrer Entstehung her sind daher alle mittelalterlichen Laurentiuskirchen eigentlich Friedenskirchen. Die bekannteste unter ihnen steht in Nürnberg; sie ist eine der schönsten gotischen Kirchen überhaupt. Aber auch in unserer nächsten Umgebung entstanden Kirchen dieses Patroziniums: außer in Amstetten noch in Scharenstetten und Bad Ditzenbach.


Baugeschichte der Kirche

 

Der Ursprung der Amstetter Dorfkirche dürfte in die Zeit um das Jahr 1000 zurückgehen. Jedenfalls weist das Patrozinium des hl. Laurentius in diese Zeit. Es war für die Bevölkerung eine äußerst gefahrvolle Zeit; das Reich war politisch noch nicht stabilisiert und die deutsche Königsmacht stand im Kampf gegen vielfache feindliche Kräfte von innen und außen. Kein Wunder, wenn damals überall Verteidigungsanlagen entstanden. Die Zeit des mittelalterlichen Burgenbaus war angebrochen, hauptsächlich betrieben vom König und dem Adel. Aber auch die Kirchenbauten dieser Zeit spiegeln eine wehrhafte Grundhaltung. In ihren massigen und gedrungenen Formen präsentieren sie sich als Kirchenburgen und Wehrkirchen. Auch die Pfarrkirche in Amstetten war eine solche Wehrkirche. Dies lässt sich vor allem am Turm der Kirche ablesen.


Wehrkirche

 

Glockentürme gibt es etwa seit dem Jahr 1000 an ländlichen Kirchenbauten in Süddeutschland. Wo in jener frühen Zeit der Turm stand, ob im Osten, Westen, Norden oder Süden des Kirchengebäudes, war beliebig. In Amstetten steht der Turm an der Westseite. Besonders häufig treffen wir in Schwaben auf den Typus der Ostchorturmkirche, bei der Turm und Chor (Altarraum) im selben Bauteil liegen (z. B. Stubersheim, Scharenstetten). Kirchtürme dienten ihrem Wesen und ihrer Herkunft nach verschiedenen Zwecken. Zunächst beherbergten sie die Glocken, mit denen die Gebets- und Gottesdienstzeiten angezeigt wurden. Glocken dienten aber auch als öffentliche Uhr und als Warnsignale bei besonderen Gefahren (Feuer, Gewitter oder dem Nahen von Feinden). Kirchtürme dominierten die Erscheinungsbilder der Städte und Dörfer und markierten als Herrschaftszeichen den besonderen Stellenwert, den die Kirche als Institution in früherer Zeit einnahm. Schließlich waren Kirchtürme auch bedeutsam für den Schutz der Bevölkerung; als Wehrtürme mit schweren, dicken Mauern dienten sie der Verteidigung. In ihrer wenig gegliederten Form geben romanische Kirchtürme meist ein schroffes und abweisendes Bild ab. Ohne Portale und Fenster, nur mit kleinen Einsteigtüren zu den oberen Turmgeschossen und schmalen Schießscharten, gleichen sie eher den Festungstürmen der Burgen und den Türmen der Stadtbefestigungen.

Auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb begegnet man auffallend vielen solcher Wehrkirchen. Besonders bei kleinen Dorfkirchen waren die Türme gleichzeitig als Verteidigungstürme angelegt. Die Entstehung solcher Kirchenburgen hängt damit zusammen, dass es in der flachen Alblandschaft verhältnismäßig wenige Burgen gab. In den Talorten und in den Städten lagen die Verhältnisse anders. Dort übernahmen die zahlreichen Höhenburgen die Aufgaben der Landesverteidigung. Ebenso boten die ausladenden Befestigungsanlagen der Städte einen hinreichenden Schutz in Kriegszeiten.

Neben den Türmen zeigt häufig auch die Ummauerung der Friedhöfe einen wehrhaften Charakter. In gefahrvollen Zeiten flüchteten sich die Bewohner des Dorfes in den befestigten Friedhof (Kirchhof), um sich von hier aus zu verteidigen. Letzter Zufluchtsort war dann der als Feste angelegte Kirchturm. Auch die Amstetter Pfarrkirche stand früher inmitten eines solchen durch starke Mauern bewehrten Friedhofes. Die verbliebenen Reste der Kirchhofmauer vermitteln heute noch ein Gefühl der Geborgenheit. Der heutige Baubestand verwischt allerdings die Tatsache, dass der befestigte Friedhof einst ein wesentlich größeres Areal umschlossen haben muss. Der Kirchturm steht heute auffällig nahe an der Kirchgasse. Dieser offene Standort erscheint für einen Wehrturm völlig atypisch. Der Friedhof muss sich ursprünglich viel weiter nach Westen erstreckt haben. Vermutlich erfuhr er eine entscheidende Verkleinerung, als die alte Schule gebaut (nach 1598) und ein entsprechender Zugang zu ihr notwendig wurde. Die unorganische Verengung der Kirchgasse im Turmbereich könnte jedenfalls für eine Veränderung in späterer Zeit sprechen.

Ältester Teil der Amstetter Kirche ist der Turmunterbau. Mit seinen dicken Mauern (rd. 1,7 m, Bruchstein mit großen Tuffquadern), den schmalen Fensterschlitzen (Schießscharten) der unteren Geschosse und einem massigen Tonnengewölbe im Erdgeschoss trägt er durchaus wehrhafte Züge. Der Turm war ursprünglich ohne äußerlich sichtbaren Zugang und ohne Fenster; der heutige Eingang und das Westfenster wurden erst später eingebrochen. Den einzigen Zugang in das Innere des Turmes ermöglichte ehedem ein rundbogiges Hausteinportal, zu dem man vom Innenraum der Kirche in Höhe des Dachbodens gelangte und das ins Obergeschoss des Turmes führte. Der Wehrcharakter des Turmes ist eindeutig.


Romanische Vorgängerkirche

 

Eine exakte zeitliche Datierung des Turmunterbaus ist schwierig, ebenso eine Aussage darüber, ob die älteste Kirchenanlage überhaupt schon einen Turm besaß. Doch darf der Turmunterbau als ein noch vorhandener Zeuge eines romanischen Kirchenbaues betrachtet werden. Das dazugehörige romanische Langhaus ist verschwunden oder durch spätere Um- und Erweiterungsbauten in gotischer Zeit gründlich verfremdet. Es ist denkbar, dass in den Umfassungsmauern des Langhauses noch Reste einer Vorgängerkirche stecken. Am Turm haben sich deutlich die Abdrücke einer romanischen Vorgängerkirche erhalten. Der aufmerksame Besucher kann auf dem Dachboden der Kirche eine interessante Beobachtung machen. Im Verputz an der Ostseite des Turmes zeichnet sich noch heute der First eines früheren, niedrigeren Daches des Kirchenschiffs ab. Dieses Dach saß etwa in gleicher Traufhöhe auf, war aber bei wesentlich geringerer Neigung (rd. 43°) um etwa 3 m niedriger als das heutige Kirchendach. Dies kann als ein weiteres Zeichen dafür gelten, dass die Gestalt der Kirche im Laufe der Jahrhunderte grundlegende Veränderungen durchgemacht hat, ein Zeichen aber auch dafür, dass der Glockenturm mindestens in seinem unteren Teil älter ist als das heutige Kirchenschiff.

 


Gotische Umbauten
 
Das Langhaus der Kirche, wie es sich in der heutigen Form darstellt, ist zusammen mit dem Chor und der Sakristei hauptsächlich in gotischer Zeit entstanden. Äußerlich ist der Bau gänzlich schmucklos. Wegen des Verputzes ist die originale Steinsetzung nicht zu sehen. Deshalb sind auch einzelne Bauphasen nur schwer abzulesen. In jedem Fall handelte es sich aber um mehrere bauliche Eingriffe, die im Laufe der Jahrhunderte das Bild der Kirche immer wieder verändert und geprägt haben. Wohl im 14. Jahrhundert entstand der rechteckige Chor mit Diagonalstreben an den Ostecken, einem Spitzbogenfenster an der Ostseite (heute zugemauert hinter dem Altar) und einst einem Kreuzgewölbe. Ein neues, steileres Dach über dem Schiff bedingte eine erste Turmerhöhung; es entstand das Geschoss zwischen Wulstgesims und Glockenstube (Bruchstein). Vielleicht waren es diese Bauarbeiten, die um 1380 eine Ausmalung des Inneren veranlassten.

Ein grundlegender Umbau erfolgte sodann 1499. Diese Jahreszahl findet sich am spätgotisch profilierten Südportal zusammen mit einem Steinmetzzeichen (Winkelmaß und Buchstabe „b“), das bislang nicht zweifelsfrei zu bestimmen ist. Vielleicht verbirgt sich dahinter Meister Bernhard Winkler von Rosenheim, der seit 1499 als Steinmetz bei der Ulmer Münsterbauhütte tätig war und 1518 zum Münsterbaumeister bestellt wurde. Die Baumaßnahmen dürften allerdings im Kirchenraum selbst wenig bewirkt haben; allenfalls könnte damals zur besseren Belichtung des Altarraumes das große gotische Südfenster eingebrochen worden sein. Die Bauarbeiten von 1499 bezogen sich vor allem auf den Anbau der Sakristei an der Nordseite des Chores. Ein schlichtes Kreuzrippengewölbe bildet die hauptsächliche Zierde dieses neu gewonnenen Raumes. Damals entstand auch die auffällig asymmetrische Anordnung des gemeinsamen Daches für Chor und Sakristei. Im Zusammenhang mit diesen Arbeiten wurde schließlich auch das benachbarte Pfarrhaus errichtet.

Mit Ausnahme des Turmabschlusses war das Kirchengebäude von seinem Kubus her bereits zur Zeit der Reformation in seiner baulichen Gestalt fertig ausgebildet. Spätere Zeiten beschränkten sich auf Umgestaltungen des Inneren, auf Reparaturen und Renovierungen. 


Turmhelm

 

Da der Turm durch Proportion, Gliederung und Abschluss der charakteristischste Teil dieser alten Dorfkirche ist, soll hier noch auf die Errichtung seines Turmhelmes näher eingegangen werden. Der Turm zeigt etwa in halber Höhe ein gotisches Gesims, das zum unteren (romanischen) Teil nicht passt. Daraus ist leicht abzuleiten, dass der obere Teil des Turmes jüngeren Datums ist und der Turm in späteren Zeiten eine Erhöhung erfahren haben muss. Bereits bei der Umgestaltung der ursprünglich romanischen Kirche mit relativ flachem Dach in ein gotisches Kirchengebäude mit hohem Spitzdach musste der Turm aus Gründen der Proportion um ein Geschoss erhöht werden. Dieser Bauabschnitt (vermutlich 14. Jahrhundert) lässt sich im Inneren des Turmes an der unverputzten Mauerstruktur noch deutlich ablesen. Auf sauber gefügte Tuffsteinquader wurden damals rohe Bruchsteine aufgebracht. Was die noch höheren Geschosse betrifft, so erhielt der Turm, nach den Stilmerkmalen und weiteren Indizien zu urteilen, im ausgehenden 16. Jahrhundert mit Glockenstube und steilem Satteldach einen neuen Abschluss. In der Art seiner baulichen und künstlerischen Gestaltung steht er allerdings nicht isoliert; er lässt sich vielmehr in eine eindrucksvolle Entwicklungsreihe einfügen.

Die Türme vieler Dorfkirchen dieser Gegend sind mit den für die Alb so charakteristischen Satteldächern versehen. Gerade in unserer unmittelbaren Umgebung lagert sich eine ganze Gruppe von Kirchen mit derselben oder ähnlichen Turmform. Das gehäufte Auftreten bestimmter Turmformen auf engem Raum lässt sich begründen durch Nachahmung der Nachbarkirche und durch Erstellung durch die gleiche Bauhütte.

 

Die romanischen Kirchtürme, die im 11. Jahrhundert erstellt wurden, waren einfach und ungegliedert. Der Turmkörper erreichte nur eine mäßige Höhe. Das Dach der frühen Türme mag ein niedriges Satteldach oder ein flaches Zeltdach gewesen sein; ein alter Dachstuhl ist leider nirgends im Lande erhalten. Diesen einfachen Formen begegnen wir nicht nur bei unseren ältesten romanischen Kirchtürmen, sondern noch im 12./13. Jahrhundert bei den vielen kleinen Dorfkirchen, die mit sparsamsten Mitteln gebaut werden mussten (Beispiele: Stubersheim, Scharenstetten).

 

In der nächsten Stufe stilistischer Entwicklung stehen Türme, deren äußere Wandflächen durch senkrechte Mauerbänder und waagrechte Rundbogenfriese gegliedert sind (Beispiele: Waldhausen, Hofstett-Emerbuch). In gotischer Zeit wurden die ursprünglich niedrigen Satteldächer hochgezogen; die gleichseitigen Dreiecksgiebel wurden zu eleganten Spitzgiebeln (Beispiel: Schalkstetten). In der Gestaltung der Wandflächen trat eine immer größere Freiheit und Mannigfaltigkeit ein. Die einzelnen Zierformen machten dabei verschiedene Entwicklungsstufen durch. 

 

Dazu traten durchlaufende Gesimsbänder, welche nun die Bogenfriese begleiten. Dadurch entstand eine strenge Teilung des ganzen Turmkörpers in Stockwerke. Eine reiche Blendgliederung, die manchmal bereits im Glockengeschoss beginnt, markiert die einzelnen Turmgeschosse. Die Gliederung tritt nun mehrgeschossig auf und besteht aus senkrechten Lisenen und waagerecht verbindenden Rund- oder gedrückten Kielbogenfriesen. Oftmals sind die Dachschrägen durch Fialen belebt (Beispiele: Amstetten, Oppingen, Altheim).
 
In welcher Reihenfolge die Turmabschlüsse der genannten Kirchen errichtet wurden, lässt sich nur aus stilistischen Merkmalen herleiten. Altheim könnte dabei eine Vorbildfunktion zugekommen sein. Die Zierformen des Turmes sind betont spätgotisch; die Glocken stammen von 1515, 1516 und 1517. Auch in Amstetten tritt der flache Kielbogen noch auf; die ältesten Glocken stammen von 1585 und 1593. Für Oppingen ist die Jahreszahl 1591 überliefert.


Spätere Veränderungen

 

Ein entscheidender Eingriff in die Bausubstanz der Kirche erfolgte offenbar um 1630. Damals wurde der Chorbogen verändert. Die ursprünglich viel engere, dafür aber mit einem hohen gotischen Spitzbogen versehene Öffnung des Chores zum Langhaus wurde verbreitert und abgerundet, um bessere Sichtverhältnisse zum Altar zu schaffen; gleichzeitig wurden die Bogenpfeiler mit dem heute noch vorhandenen Eierstabprofil verziert. Außerdem erhielten die spitzbogigen Fenster des Langhauses ihre Stichbogenabschlüsse. Das östliche Chorfenster wurde geschlossen. Es entstanden großflächige Wandmalereien.

Eine wichtige Erneuerung fand 1776 statt, bei der das (baufällige ?) Chorgewölbe beseitigt wurde; noch 1738 war es mit den vier Evangelisten ausgemalt worden. Die Ansätze der früheren Kreuzrippen sind in den Ecken noch sichtbar. Erneuerungen im Zusammenhang mit der Reformationsfeier 1817, von denen u. a. eine Inschrift auf der Rückseite des Altares berichtet, führten 1825 zu einer neuen Orgel (von Schäfer, Göppingen) und deren Aufstellung im Chor. Die Turmuhr wurde 1897 an Stelle einer den Dienst versagenden alten Uhr eingebaut. Bei der Renovierung von 1910 kamen Teile von gotischen Fresken zum Vorschein, die aber wieder überdeckt wurden.

Einschneidend war die jüngste Restaurierung von 1970 bis 1973 unter Leitung von Architekt Folker Mayer, Ulm. Dabei wurde u. a. folgendes ausgeführt: Außen Dach, Portalvorbau (mit Emporentreppe) und Putz neu, im Inneren Höherlegung der Decke um rd. 90 cm, Neuordnung mit großer Westempore unter Berücksichtigung der Wandbilder und Verwendung der alten Emporenbilder, Beseitigung der Nord- und Choremporen und Verlegung der Orgel wieder nach Westen sowie Rückversetzung des Altares in den Chorraum, neues Gestühl, Nutzbarmachung des Turmerdgeschosses, elektrische Heizung; Entdeckung der älteren Emporenbilder; Freilegung und Restaurierung der Wandmalereien sowie Restaurierung der Ausstattung durch Adolf Schwenk, Ulm.
 

Ausstattung

 

Zu den wertvollsten Teilen der Ausstattung gehören die großflächigen Wandmalereien. Sie stammen aus unterschiedlichen Zeiten.

Gotische Fresken aus der Zeit um 1380:

Schiff Nordwand (westlich): 

Hl. Christophorus (monumental, Reste nicht aufgedeckt)
          
Freskenzyklus mit Darstellungen des Marienlebens und der Passion (einst wohl 3 x 8 Felder, nur knapp ein Drittel erhalten):                      
   
Marienleben:

Opfer Joachims
Ankündigung der Geburt Mariens
Joachim und Anna
Geburt Mariens
Verkündigung und Heimsuchung
Geburt Christi
Darbringung im Tempel

Passion: Abendmahl
 
Spätgotische Fresken aus der Zeit um 1499:

Schiff Westwand: Kreuztragung

Chor Fenster:  Ranken und hl. Diakon (Hl. Laurentius ?)


Renaissance-Fresken aus der Zeit um 1630:

Protestantischer Bilderschmuck mit dogmatisch-lehrhaftem Programm.

Schiff Nordwand (östlich): Verklärung Christi
Schiff Südwand (westlich): Erlösungs-Allegorie
Schiff Südwand (östlich): Aussendung der Apostel

Chor Nordwand: Taufe
Chor Ostwand: Verkündigung Mariens

Chorbogen: Weltgericht

(vermutlich wurde eine ältere Darstellung aus gotischer Zeit übermalt).


Tafelbilder:

Emporenbrüstung: 

Verschiedenartige Darstellungen (Reihenfolge nicht mehr
ursprünglich), u. a. Zehn Gebote, Christus und die 12  Apostel (1769/72, Johannes Schneider, Geislingen, bzw. Christoph Nikolaus Kleemann, Ulm).
                                          

Diese Bilder führen den Kern der reformatorischen Lehre, Teile des Katechismus, vor Augen.

 

Sakristei: Hl. Laurentius (Johann Leonhard Schneider, Geislingen).
                                           

Epitaphe:                        

Chor Südwand: Hans Spengler, Amtmann (1549 – 1631), Auferstehung.

Sakristei: Georg Fretscher, Pfarrer (1547 – 1621), Christus am Kreuz.


Altar: 

1738, Georg Finck, Schreiner von Aufhausen. 
Malerei (Abendmahl) von Johann Leonhard Schneider, Geislingen.

 

Taufstein: 1742/43, Johann Jakob Hacker, Ulm.

Kanzel: 1744/45, Christoph Gottfried Rößle, Geislingen.


Orgel:   

Der Ulmer Orgelbauer Georg Friedrich Schmahl baute 1763/64 eine Orgel mit 10 Registern.  Die heutige Orgel wurde vom Göppinger Orgelbauer  Schäfer 1825 gebaut; sie hat 11 Register. Der barocke  Prospekt und Teile der Schmahl-Orgel sind im heutigen Werk erhalten.

 

Glocken:

 

1. Die kleine Glocke von 1585
Inschrift: „zu gotes lob und er brauch man mich wolfgang neidthardt zu ulm gos mich 1585 iar“. Ton c.

 

2. Die mittlere Glocke von 1593
Inschriften „zu gotes lob ehr und dienst geher ich wolfgang neidhardt in ulm gus mich 1593“ und „da man wie oben zalt hanns spengler ambtman wart, davit stetdle Pfarher, martin heigele und pesti eisele heiling pfloger zu amsteten“. Ton a.

 

3.  Die große Glocke von 1951
Die ursprüngliche große Glocke stammte von 1667. Sie trug die Inschrift: „Ins Feld und Dorfe einen Klang, daß man zum Gebet und Kirchen gang und hole allda Gottes Segen, nach diesem das ewige Leben – Salutis Nostrae MDCLXVII [1667]“.  Ein Riss im Glockenmantel machte sie unbrauchbar und deshalb wurde sie zum Erwerb einer neuen Glocke  eingeschmolzen.  Die neue Glocke, 1898 von G. A. Kiesel (Heilbronn) gegossen,  trug die Inschrift „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ (Ton f). Leider  wurde diese Glocke 1942, während des Zweiten Weltkrieges  beschlagnahmt und eingeschmolzen.

Die heutige große Glocke wurde 1951 von der Gießerei Kurtz (Stuttgart) gegossen. Sie trägt die Inschrift: „Ich weiß, daß mein  Erlöser lebt – Zum Gedächtnis unserer Gefallenen und  Vermißten“. Ton fis.


Kirchenschatz:        

Kelch, 15. Jh. Hostienbüchse, um 1700.
                                       

Geschichte der Pfarrei

 

Wie bereits erwähnt, erscheint die Pfarrei Amstetten im Jahre 1275 erstmals in der urkundlichen Überlieferung. Dieser Umstand hat folgenden Zusammenhang: Auf der zweiten allgemeinen Synode von Lyon 1274 unter Papst Gregor X. wurde ein neuer Kreuzzug zur Verteidigung des Heiligen Landes beschlossen, der jedoch nicht zustande kam. Zur Bestreitung der Kosten wurde eine Generalbesteuerung des gesamten Klerus angesetzt. Alle Inhaber von kirchlichen Pfründen sollten den zehnten Teil ihrer Einkünfte beisteuern. Dieses Einzugsregister ist der „Liber decimationis“ (= Zehntbuch) der Diözese Konstanz von 1275. In ihm sind alle Pfarreien des damaligen Dekanats Süßen enthalten, zu dem auch Amstetten gehörte. Damit wird ausgesagt, dass Amstetten zu dieser Zeit bereits eine eigene Pfarrei besaß. Allerdings war sie die am schlechtesten besoldete: ganze 15 Pfund Heller waren die Einkünfte des Pfarrers.

 

Zum Glück verbesserte sich dieser Mangel in der Folge erheblich. In späteren historischen Quellen gibt es einige Anhaltspunkte dafür, dass die Pfarrei Amstetten ein besonderes Gewicht innerhalb des Kapitels Geislingen eingenommen hat.
1373 ist Johannes Schatzmann als hiesiger Kirchherr genannt; er war zugleich Dekan des Geislinger Kapitels.

 

Die Bedeutung der Amstetter Pfarrstelle bestätigt auch ein Zahlenvergleich der Pfarrerbesoldungen innerhalb des Kapitels (= Dekanat) Geislingen. Die einzelnen Pfarrerstellen waren früher sehr unterschiedlich dotiert. Das Einkommen eines Pfarrers beruhte in einer Zeit, in der es noch keine Kirchensteuer gab, allein auf Stiftungen der Pfarreimitglieder. Stiftungen waren ein Ausdruck frommen Sinnes der Bevölkerung. Je nachdem, in welchem Ort ein Pfarrer tätig war und wie spendenfreudig sich seine Gemeinde zeigte, saß er auf einer „fetten“ oder „mageren“ Pfründe, bezog er also ein höheres oder niedrigeres Einkommen.

 

Aus dem Jahre 1508, aus der Zeit kurz vor der Reformation, hat sich ein Register des Bistums Konstanz erhalten, das genaue Einblicke in die damaligen Einkommensverhältnisse der Pfarrer und Kapläne im Kapitel Geislingen ermöglicht. Daraus ergibt sich, dass die finanzielle Ausstattung der Pfründen im Durchschnitt sehr bescheiden war. Nicht nur Kapläne, auch viele Dorfpfarrer hatten aus ihrer Pfründe ein so geringes Einkommen, dass sie ihren Lebensunterhalt daraus nicht bestreiten konnten. Drei Viertel aller Geistlichen lebten damals am Rande oder unter dem Existenzminimum. Viele von ihnen versuchten, durch unerlaubte Nebentätigkeiten bis hin zum Ablasshandel ihr Einkommen zu verbessern. Dieser soziale Sprengstoff begünstigte nicht zuletzt die Hinneigung vieler Kleriker zu reformatorischen Ideen. Die schlechte Bezahlung führte außerdem dazu, dass nur schlecht ausgebildete Geistliche bereit waren, solche mageren Pfründen zu übernehmen. Für die seelsorgerliche Betreuung der Bevölkerung war diese Entwicklung mehr als ungünstig.

Eine umgekehrte Folge war natürlich, dass nur auf wenigen, besser dotierten Stellen Geistliche mit Universitätsausbildung oder gar mit einem akademischen Grad, etwa dem Doktortitel oder der Magisterwürde, zu finden waren. Die Pfarrei Amstetten schneidet bei diesem Vergleich hervorragend ab. Ihr Pfarrer lag mit einem Jahreseinkommen von 60 Gulden weit über dem Durchschnitt innerhalb des Geislinger Kapitels. Er saß also auf einer „fetten“ Pfründe; außerdem war er im Besitz der Magisterwürde. Es handelte sich damals um den Pfarrherren Magister Johann Hawg (Haug). Dieser Pfarrherr, seit 1493 in Amstetten, muss ein sehr rühriger und einflussreicher Mann gewesen sein. Während seiner Amtszeit wurde 1499 der bereits genannte Umbau der Kirche durchgeführt und gleichzeitig das heutige Pfarrhaus gebaut. Außerdem trat er unerschrocken als Kritiker der spätmittelalterlichen römischen Kirche hervor und wurde damit zu einem Wegbereiter der Reformation in unserer Gegend.

 


Reformation

 

Die Reichsstadt Ulm führte 1531 die Reformation ein, und zwar anfänglich nicht im Sinne Martin Luthers, sondern nach der Lehrmeinung des Schweizer Reformators Ulrich Zwingli. Die Einführung der Reformation geschah in der Reichsstadt Ulm nicht durch einen obrigkeitlichen Akt, sondern kam auf demokratischem Wege zustande. Eine breite Mehrheit, nämlich sieben Achtel der Ulmer Bürgerschaft stellten sich in einer Abstimmung entschlossen auf den Boden der evangelischen Sache. Was das Ulmer Land betraf, so sah der Ulmer Rat auch dort grundsätzlich von einer zwangsweisen Durchführung der Reformation ab. Vielmehr wurde beschlossen, sämtliche Untertanen nach ihren Amtsorten kommen und dort drei Tage hintereinander durch einen Prediger aufklären und für die neue Sache gewinnen zu lassen.

Die Amstetter Bevölkerung hörte die Predigten der Reformatoren entweder in Geislingen oder in Nellingen. Der Geislinger Geistlichkeit war schon zuvor der große Umschwung, der sich auch in ihren persönlichen Verhältnissen anbahnte, zum Bewusstsein gekommen. Der Ulmer Rat hatte der gesamten Geistlichkeit eröffnen lassen, dass alle Zinsen und Gülten für die Seelenmessen, Jahrtage, Bruderschaften, die für ihre Pfründen gestiftet seien, von der Obrigkeit übernommen und für die Almosen verwendet werden sollten. Begreiflicherweise erhoben die Betroffenen Einspruch dagegen unter Hinweis darauf, dass es sich dabei um einen wesentlichen Teil ihres Einkommens handle, das durch päpstliches und kaiserliches Recht geschützt sei. Der Rat ging bei seiner Maßregel von der Überlegung aus, dass alle diese Gottesdienste, für welche diese Pfründen gestiftet waren, durch die Reformation hinfällig werden und damit auch ihre Pfründen.

 

Ein besonders hartnäckiger Gegner der Reformation in unserer Gegend war der Pfarrer an der Geislinger Stadtkirche, Dr. Georg Oswald. Er kämpfte leidenschaftlich in Wort und Schrift gegen die neue Lehre und es gelang ihm auch, viele Pfarrer des Kapitels Geislingen gegen die Neuerungen aufzubringen. Der Ulmer Rat bestellte die Pfarrer der Landgemeinden zu einer eigens dafür anberaumten Versammlung nach Ulm, bei der ihnen 18 Artikel zur Stellungnahme vorgehalten wurden. Als dann die Pfarrer über ihre persönliche Haltung zu der neuen Lehre vernommen wurden, stellte sich heraus, dass sich von 67 Pfarrern nur 22 als Anhänger der neuen Richtung bekannten. Unter den Gegnern befand sich auch der Amstetter Pfarrer Kalhart. Er war „papistisch“ gesinnt und erklärte, die Artikel seien wider seinen Glauben, er bleibe bei den Konzilien, d. h. beim alten Glauben.

 

Bei der weiteren Verhandlung über die Frage, wie man sich zu den verhörten Geistlichen stellen sollte, verzichtete der Ulmer Rat ohne weiteres auf diejenigen, die sich zur alten Lehre bekannt hatten. Die anderen wurden aber nicht ohne Prüfung des Einzelfalles in den Kirchendienst übernommen, sondern der Rat hielt sich an eine Auslese der Tüchtigsten und Zuverlässigsten und lud die Gutherzigen und diejenigen, welche erklärt hatten, sie verstehen die neuen Artikel noch nicht recht, zu einer zweiten Prüfung nach Ulm. Das Ergebnis war, dass sämtliche bisherigen Geislinger Geistlichen als unbrauchbar abgelehnt wurden, unter den Laien untergetaucht waren und von da an aus der Geschichte vollständig verschwanden. Nur die Pfarrer von Altenstadt, Bräunisheim, Luizhausen und wenige andere durften in ihren Gemeinden bleiben, erhielten aber die Weisung, sich den Artikeln gemäß zu halten und ihre „Dirne“ zu ehelichen.

 

Der zähe Widerstand, den der streitbare Pfarrer der Geislinger Stadtkirche zusammen mit der Mehrzahl seiner altgläubigen Mitbrüder leistete, um dadurch die religiöse Neuordnung zu hintertreiben, war der Grund, dass sich die Ulmer Reformation von 1531 in unserer Gegend nicht sofort, sondern erst nach Ablauf mehrerer Jahre durchsetzte. So kam 1535 Johannes Lauterer als erster evangelischer Pfarrer nach Amstetten.

Neben der Erneuerung des Kirchenwesens zählte zu den Früchten der Reformation die Einrichtung deutscher Schulen. Dazu ist im ältesten Pfarrmatrikel von Amstetten vermerkt: „Anno 1598 10. Martii ist per Senatus Decretum [= Beschluss des Ulmer Rats] den Ambstettern vergunnt worden, weil die Jugend sich gemehrt und der Heilig [= Kirchenpflege] zimmlich vermögend, ein aigne Schul aufzurichten“. Die Gemeinde Amstetten besitzt damit schon seit 400 Jahren eine Schule.


Dreißigjähriger Krieg

 

Von den vielerlei Fehden und Kriegsstürmen der Vergangenheit wurde Amstetten wie das ganze Land betroffen, doch eine besondere Brandschatzung und Plünderung des Orts wurde nirgends aufgezeichnet. Lediglich in den Jahren 1610 bis 1612 fallen in den Kirchenbüchern drei Jahre lang verdoppelte Todesfälle auf. Der Pfarrer vermerkte damals im Totenregister „tempus grassantis pestis“ (= eine Zeit der grassierenden Pest), wobei heute nicht mehr zu entscheiden ist, ob es sich damals wirklich um die Schwarze Pest oder um eine andere Seuche gehandelt hat. Außer der möglichen Flucht in die Wälder oder dem gänzlichen Verlassen des Dorfes bot die Befestigung um die Kirche den einzigen Schutz vor aufziehenden Gefahren. Ob und wie oft die Bewohner davon Gebrauch machen mussten, ist nicht überliefert. Die größte Katastrophe, die unsere Gegend jemals in ihrer Geschichte erlebte, waren die Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648). Diese überaus bewegte Zeit brachte großes Leid auch über Amstetten.
 
Aus konfessionellen und machtpolitischen Gegensätzen erwachsen, hatte sich der Dreißigjährige Krieg rasch zu einem europäischen Flächenbrand ausgeweitet. Es handelte sich um den ersten Weltkrieg in der Menschheitsgeschichte; seine Kriegsschauplätze lagen überwiegend in Deutschland. Nach der Nördlinger Schlacht (1634), die für den deutschen Südwesten schicksalhaft wurde, raste die Kriegsfackel auch durch den Geislinger Raum und hinterließ dort ihre grausamen Spuren. Heerhaufen zogen plündernd, brandstiftend und mordend durch das Land. Welche Not diese Heere über die Menschen brachten, berichten zahllose Dokumente in den Archiven. Kriegssteuern und Inflation, Münzverschlechterung und Wucher vergrößerten die allgemeine Armut. Schwere Lasten und Nöte erduldete die Bevölkerung durch ständige Truppendurchzüge, Einquartierungen, Kampfhandlungen und Flucht. Zur Teuerung trat der Hunger. Den Plünderungen folgte die Feuersbrunst, ganze Städte und Dörfer wurden total niedergebrannt. Zu allem Unheil grassierten noch Seuchen, allen voran die Pest, die so wütete, dass viele Ortschaften nahezu ausstarben. Um das genaue Ausmaß der Kriegsfolgen in Amstetten zu ermitteln, hat der Referent die Kirchenbücher des hiesigen evangelischen Pfarramtes durchgearbeitet.

 

In den ersten Jahren des Krieges ab 1618 war unsere Gegend noch wenig vom Kriege berührt. Als Wallenstein, der Oberbefehlshaber der kaiserlichen Heere, 1627 bei Heidenheim sein Lager aufschlug, verlegten sich seine Truppen vor allem auf Plündern und Niederbrennen. 1628 fielen 16000 Mann kaiserliche Truppen ins Ulmer Land ein und verheerten zahlreiche Dörfer, u. a. Nellingen, Merklingen und Altheim. Die Kriegsherren traten den wilden, zügellosen Ausschreitungen ihrer Soldaten nicht entgegen. Eine rühmliche Ausnahme spielte sich in Geislingen ab: 1628/29 hielten die Kaiserlichen unter ihrem Feldmarschall Graf von Montecuccoli „ziemlich gut Regiment“ in der Stadt. Er ließ wegen Plünderung an einem einzigen Tag zehn Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten auf dem Geislinger Markt (= Hauptstraße) mit dem Schwert hinrichten. Doch die Ausschreitungen rissen in den folgenden Jahren nicht ab. Schon 1628 waren Soldaten auch nach Amstetten gekommen. Sie hatten teils ihre Frauen und Bräute dabei, denn es wurden hier Soldatenkinder getauft und Soldatenehen geschlossen; auch mehrere Todesfälle von Fremden vermerkt das Totenregister. Die Soldaten waren aus dem Raum Kassel, aus Eisenach, ferner aus Schlesien, Frankreich und der Schweiz. Sie starben hier während des Durchzugs in Richtung Italien.

 

1633 folgte der Auftritt der Schweden in unserer Gegend. König Gustav Adolf von Schweden hatte aktiv in den Krieg eingegriffen, einerseits zum Schutz des deutschen Protestantismus, andererseits aber auch aus machtpolitischen Gründen. Die Schweden lagerten bis 1634 zwischen Altenstadt und Süßen. Die Anwesenheit so vieler Truppenverbände im Filstal bedeutete eine hohe Gefahr für die Bevölkerung. In Amstetten fiel deshalb in diesen unruhigen Jahren immer wieder das Abendmahl aus.

 

Die größten Kriegsgreuel brachen nach der Schlacht bei Nördlingen (1634) an, bei der die Kaiserlichen über die Schweden siegten und danach kaiserliche wie schwedische Truppen erneut in den deutschen Südwesten einbrachen. Kaiserliche Truppen zündeten die Pfarrkirche in Altenstadt an; das Dorf Steinenkirch wurde fast gänzlich niedergebrannt. Sie zerstörten die Burg Hoheneybach, weil Christoph-Martin von Degenfeld als Oberst auf schwedischer Seite stand. Bei der Plünderung Geislingens kamen damals über 300 Personen zu Schaden, viele davon wurden ermordet, darunter der evangelische Stadtpfarrer Leo Roth. In Überkingen wurde der Badwirt Stephan Fink von den Soldaten am Feuer gebraten. 1635 plünderten die Kaiserlichen das Dorf Merklingen; die Orte Gingen und Stötten sanken ganz in Asche.

Kein Wunder, wenn die Bevölkerung in diesen Jahren massenweise auf die Flucht ging. Die Wehranlagen ihrer Kirchhöfe reichten angesichts der feindlichen Übermacht nicht mehr aus. Teils suchten die Menschen Schutz hinter den Mauern Ulms – dort brach aber die Pest aus - , teils verkrochen sie sich in die Wälder, dort wurden sie von den Kroaten mit Bluthunden aufgespürt und zu Tode gehetzt. Auch die Einwohnerschaft von Amstetten war damals vor den Kaiserlichen nach Ulm geflüchtet. Der Pfarrer vermerkte in den Kirchenregistern: es „wurd die ganze Gmein zerstreuet, fiel aller Gottesdienst aus“. Was von Plünderungen und Zerstörungen verschont geblieben war, rafften Hungersnot und Seuchen vollends dahin. In den Jahren 1634 bis 1637 dezimierte die Pest alle Städte und Dörfer des Landes. In unserer engeren Umgebung waren viele Dörfer nahezu menschenleer, u. a. Hofstett-Emerbuch, Stubersheim, Böhmenkirch, Treffelhausen, Schnittlingen und Donzdorf.

 

Auch in der Gemeinde Amstetten hielt damals der Tod reiche Ernte. Die langen Namenslisten im Sterberegister berichten von den Opfern der Pest, der hitzigen Krankheit, des Hungers, des natürlichen Todes aus Schwäche und des gewaltsamen Todes durch Erschießen oder durch Selbstmord aus Verzweiflung. In den besonders schlimmen Jahren 1634 und 1635 starben in Amstetten 143 Männer, Frauen und Kinder. Bei einer geschätzten Zahl von etwa 200 Einwohnern entsprach das einem Bevölkerungsverlust von drei Vierteln innerhalb von zwei Jahren. Angesichts der hohen Sterberate wurden die Toten ohne Leichenpredigt beerdigt. Unter den Toten befanden sich besonders viele Wöchnerinnen und Kinder. Die Neugeborenen starben fast alle nach der Nottaufe. Hochzeiten fanden in diesen Notjahren kaum noch statt; meist Witwer wagten vereinzelt diesen Schritt, vermutlich um eine Mutter für die verwaisten Kinder zu bekommen. In den Amstetter Kirchenbüchern finden sich immer wieder kurze Randnotizen des Pfarrers, die schlaglichtartig die allgemeine Stimmung beleuchten. Da heißt es z. B. „Pestmonat“, „Du Würgemonat! “, „Ach! Auch ein leidiges Trauerjahr“. Und immer wieder ist die Rede von der Flucht. Von 1638 bis 1648, zehn lange Jahre, befanden sich die Amstetter auf der Flucht, teils nach Ulm, aber meist zogen sie nach Geislingen. Gerade auf der Flucht starben viele, vor allem die Kinder an Dysenterie (= Durchfall).

 

Die landwirtschaftliche Arbeit der Bauern war völlig zum Erliegen gekommen. Die Fluren waren verödet, die Äcker wurden nicht mehr bestellt, an ihrer Stelle wucherte mit Buschwerk überwachsenes Heideland. Große Rudel Wildschweine und Wild zerstörten die Forsten, und selbst Wölfe trieben sich durch die verwilderte Gegend. Die Besitzverhältnisse waren oft ungeklärt, denn die meisten Urkunden waren verlorengegangen. Noch bis zum bitteren Ende des Krieges währten die Schrecknisse. 1647 brannte das Dorf Gruibingen, 1648, kurz vor Friedensschluss, wurde Wiesensteig von den Schweden in Brand gesetzt, weil die völlig verarmte Stadt die verlangte Kontribution nicht mehr leisten konnte. Ob Freund, ob Feind, für die geschundene Bevölkerung machte es keinen Unterschied, wer ihr brutal zusetzte, die Kaiserlichen, die Kroaten, die Spanier, die Bayern, die Schweden oder die Franzosen. Schwer wogen die Bevölkerungsverluste. Deutschland hatte durchschnittlich 50 % seiner Bewohner verloren. In den am meisten in Mitleidenschaft gezogenen Gebieten, wie in unserer Heimat, überlebte nur etwa ein Drittel der Bevölkerung. Ganze Familien wurden ausgelöscht und verschwanden aus der historischen Überlieferung der Städte und Gemeinden.

 

Während der langen Kriegsjahre waren in Amstetten immer wieder Soldaten einquartiert, die von dem Wenigen, das die Bevölkerung noch hatte, verpflegt werden mussten. Die menschlichen Verhältnisse zwischen Einheimischen und den Fremden scheinen gar nicht so schlecht gewesen zu sein. Gegen Ende des Krieges traten oft Soldaten als Paten auf bei Amstetter Kindstaufen. Sogar die Heirat eines Soldaten mit einem Amstetter Mädchen ist im Kirchenbuch vermerkt. Allerdings wurde dieser Vogel später samt seinem Nest wegen Bigamie des Landes verwiesen.

 

1648 wurde nach 30 Kriegsjahren der langersehnte „Westfälische Friede“ in Münster und Osnabrück unterzeichnet. 1650 gab es in Amstetten ein Dankfest. 1651 predigte ein schwedischer Superintendent in der hiesigen Pfarrkirche. 1652 fand hier die Taufe eines Kindes polnischer Flüchtlinge statt. Überhaupt siedelten sich nach dem Dreißigjährigen Krieg in unserer Gegend, die insbesondere durch die Pest einen hohen Bevölkerungsverlust erlitten hatte, viele Flüchtlinge an; sie waren im Tross des Krieges aus aller Herren Ländern gekommen, waren total entwurzelt und suchten in der Alblandschaft eine neue Heimat. Als „merkwürdig“ wird berichtet, dass sich Amstetten nach dem Großen Kriege sehr bald erholte und „trotz mancher Drückereien seitens der Amtleute wohlhabend wurde“.
 


Neuere Geschichte

 

Die Pfarrei Amstetten umfasste ursprünglich nur das Dorf und den Steighof mit der Ziegelhütte, wobei letztere Parzelle politisch schon immer (und bis heute) zu Geislingen zählte. Für das Jahr 1786 sind die ersten exakten statistischen Daten bekannt: Danach zählte Amstetten 210 Einwohner; das waren 36 Haushalte in 33 Häusern. Der Viehbestand der Bauern umfasste 40 Pferde, 125 Kühe und 49 Schafe.

 

Im 19. Jahrhundert entstanden entlang der uralten Verkehrslinie, die vom Filstal über die Geislinger Steige nach Ulm führt, vereinzelte Gebäude. Mit dem Bau des Bruckenwirtshauses im Jahre 1814 neben der kleinen Straßenbrücke über den vom Hofstetter Weg herunterkommenden Graben entstand der Weiler „Neuhaus“. In den Jahren bis 1848 kamen drei weitere Anwesen dazu. In der Beschreibung des Oberamts Geislingen von 1842 wurden im Dorf 299 und in der Parzelle „Neuhaus“ – auch Bruckenwirtshaus genannt – 14, also insgesamt 313 Einwohner, gemeldet. Weiter werden in diesem Bericht 55 Pferde und Fohlen sowie 197 Kühe und Schmalvieh angegeben.

 

Bald entwickelte sich aus der Parzelle „Neuhaus“ ein eigener neuer Ortsteil von Amstetten. Hauptsächliche Ursache war der Bau der württembergischen Staatseisenbahn, die seit 1850 als Hauptbahn des Landes von Stuttgart-Bad Cannstatt über die Geislinger Steige nach Ulm und von dort weiter nach Friedrichshafen führte. Mit dem Eisenbahnbau und dem Bau der Station Amstetten (Einweihung 29. Juni 1850) vergrößerte sich der Weiler Neuhaus sprunghaft (Steighof 1850, Gasthaus „Zur Post“ 1860, Gasthaus „Zum Rößle“ 1875). Am 20. Oktober 1901 wurde die schmalspurige Privatbahn Amstetten – Laichingen sowie eine Postagentur eröffnet. Durch die am 30. Juni 1906 eröffnete vollspurige Privatbahn Amstetten – Gerstetten wurde die Stubersheimer Alb dem Verkehr erschlossen. Damit war Amstetten ein kleiner Eisenbahnknotenpunkt geworden. Gleichzeitig hatte durch diese Nebenbahnlinien der Wirtschaftsraum Geislingen eine beachtliche Erweiterung erfahren. Große Teile der Bevölkerung des Bezirks waren nun näher an das Industriezentrum Geislingen gerückt.
 
Die weitere Entwicklung der Gemeinde Amstetten wurde bestimmt durch die Lage des Bahnhofs im Tal. Während das Dorf Amstetten seinen Charakter als altes Albbauerndorf fast unverändert bewahren konnte, bekam der Bahnhof Amstetten seine besondere Bedeutung dadurch, dass hier die Bremser für die Bergauf- und –abfahrten auf der Geislinger Steige zusteigen und vorher die Bremsen nachgeprüft werden mussten. Schon bald bildete sich um diesen „Bremserbahnhof“ eine kleine Eisenbahnersiedlung, die sich ständig erweiterte durch neue Industrieunternehmen.

 

Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1905 ergab sich folgendes Bild: Dorf 263, Neuhaus 143, Bahnhof 39 und Steighof 8, insgesamt 453 Einwohner. Die stetige Weiterentwicklung am „Bahnhof“ durch Ansiedlung von Gewerbebetrieben und die Arbeitsmöglichkeiten in den Geislinger Industrien zeigte sich in der Volkszählung vom 16. Juni 1925: 502 evangelische und 27 katholische, zusammen 529 Einwohner. Dieser Zuwachs entfiel in der Hauptsache auf den Weiler Neuhaus einschließlich des Bahnhofs. Mit der Bekanntmachung des Ministers des Innern vom 9. April 1926 wurde der Beschluss des Amstetter Gemeinderats genehmigt, dass die Wohnplätze Bahnhof, Neuhaus und Steighof die einheitliche Bezeichnung „Amstetten-Bahnhof“ führen, während der westlich der Bahnlinie gelegene Teil die bisherige Bezeichnung Amstetten behielt.

 

Schon in 1930er Jahren, aber insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich um den Bahnhof Amstetten eine starke Bautätigkeit. Inzwischen hatten sich hier immer mehr Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten angesiedelt, so dass der Ortsteil „Amstetten-Bahnhof“ von den Bevölkerungszahlen her bald das Dorf überflügelte. Die entsprechenden Zahlen lauten für das Jahr 1966: Amstetten-Dorf 287 (269 ev., 16 kath., 2 sonst.), Amstetten-Bahnhof 1030 (677 ev., 324 kath., 29 sonst.), zusammen 1317 (zuzüglich 167 Gastarbeiter). Später kam noch die Aurain-Siedlung dazu. Heute zählt Amstetten (ohne Eingemeindungen) 2468 Einwohner (Stand vom 31.12.1998).

 

Dieser sprunghafte Bevölkerungszuwachs brachte auch viele Probleme für die Evangelische Kirchengemeinde Amstetten mit sich. Vor allem wirkte sich die Tatsache aus, dass der Ortsteil „Amstetten-Bahnhof“ plötzlich mehr als doppelt so viele evangelische Gemeindeglieder zählte wie das Dorf, dem Standort der alten Pfarrkirche. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hielt der Ortspfarrer im Winter Bibelstunden am „Bahnhof“ ab. Diese fanden bis 1960 im Saal des Gasthauses „Zum Rößle“ statt. Im gleichen Raum begannen ab 1954 auch Gottesdienste. 1955 wurde das neue Schulhaus am Sandrain eingeweiht. Die Gottesdienste konnten dann dort gehalten werden. Der Gedanke, Amstetten-Bahnhof müsse ein eigenes Gotteshaus bekommen, fand zuerst starken Widerspruch. Doch angesichts der immer weiter wachsenden Gemeinde setzte sich allmählich der Gedanke eines Neubaus durch. Nach den Plänen des Architekten Hans Krell, Ellwangen, entstand die Friedenskirche. In herrlicher landschaftlicher Umgebung, auf dem höchsten Punkt des Sandrains gelegen, erhielt sie am 22. Mai 1966 ihre feierliche Weihe. Ihr nadelförmiger Turm beherbergt 5 Glocken (a – c‘ – d‘ – e‘ – g‘).

 

Karlheinz Bauer

 

Quellen:

Archiv des Evangelischen Pfarramtes Amstetten:

„Ältestes Taufregister, Totenregister u. Trauungsregister (Nro I) der Gemeinde Amstetten 1601 – 1683“.

Protokolle des Kirchengemeinderats.

Pfarrberichte.


Literatur:

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Das Königreich Württemberg. Eine Beschreibung von Land, Volk und Staat. Hg. von dem Königlichen statistischen Landesamt, Bd. 3. Stuttgart 1886, S. 677.

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Dinkelacker, Christoph: Gemeinde Amstetten – Um den „Bremserbahnhof“ entsteht eine neue Gemeinde, in: Heimatbuch Geislingen/Steige und Umgebung, hg. von den Evangelischen Kirchengemeinden des Dekanats Geislingen. Stuttgart 1957, S. 60 f.
 
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