Hoffen auf bessere Zeiten

Von Karlheinz Bauer

 

Das bescheidene Leben in der vorindustriellen Zeit

 

 

Der Mensch von heute hat gelernt, dass nur eine blühende Industrie mit übervollen Auftragsbüchern und relativer Vollbeschäftigung die notwendige Voraussetzung für den Wohlstand des Einzelnen bilden kann. Ein anhaltender Wachstumskurs wird als Normalfall des ökonomischen Geschehens gesehen, und jeder erwartet, dass er auch persönlich weiterhin davon profitiert. Tritt eine Wirtschaftskrise ein, wird sie nur als eine unvermeidliche Panne verstanden, die kurzzeitig die Wachstumskurve bremst. Reicht das Vorstellungsvermögen der erfolgsverwöhnten Konsumenten aus, um sich an das bescheidene Leben ihrer Großeltern in der vorindustriellen Zeit zu erinnern?

 

 

Karge Krume oder Kleinhandwerk

 

 

Der Oberamtsbezirk Geislingen trug bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch durchweg landwirtschaftliche Züge. Die Oberamtsbeschreibung von 1842 nennt als Hauptwirtschaftszweige Ackerbau, Viehzucht und Obstbau. Sie führt weiter aus: „Handel und Gewerbe sind nicht bedeutend.“

Den Albbauern gedieh ihr Getreide nur mühsam auf karger, steiniger Krume und sie litten unter ständiger Wassernot. Die Talbauern bewirtschafteten zumeist nur kleine Anwesen und betrieben nebenher ein Hausgewerbe, um ihre Familien zu ernähren. Wer nicht mehr in der Landwirtschaft sein Brot verdienen konnte, musste sich auf andere Verdienstmöglichkeiten besinnen. In Deggingen, Ditzenbach, Reichenbach und Gosbach verdingten sich viele in den Sommermonaten als Gipser und fertigten im Winter Spindeln. In Überkingen, Kuchen, Gingen, Süßen und Donzdorf war die Hausweberei stark verbreitet. Andere gingen weniger alltäglichen Gewerben nach. In Deggingen betrieb man die Fabrikation von Schröpfköpfen. In Gruibingen, Auendorf und Unterböhringen schnitzte man Peitschenstecken, in Eybach wurden Pfeifenköpfe gefertigt. In Wiesensteig handelte man mit Blutegeln. In Kuchen und Gingen züchtete man Schnecken, die an Feinschmecker nach Wien und Ulm verkauft wurden. Wieder andere vertrieben von Haus zu Haus geflochtene Körbe, Bürsten und Besen.

 

 

Reichstadt Ulm kontrolliert Umland

 

 

In der Gemarkung Geislingen fehlten größere landwirtschaftliche Flächen. Die Bevölkerung war auf eine nichtlandwirtschaftliche Erwerbstätigkeit angewiesen. Seit Jahrhunderten war das wirtschaftliche Leben in der Stadt vom Kleinhandwerk bestimmt, dem enge Grenzen gesetzt waren. Die mächtige Handels- und Kaufmannsstadt Ulm hielt die Handwerker in ihrem Herrschaftsgebiet kurz, um den Ulmer Zünften die Konkurrenz zu ersparen. Ulm sorgte auch dafür, dass sich in seinen Landstädten kein kräftiger Stand von Handelsherren ansiedeln konnte. So blieben hier Handwerk und Handel eingeengt; für die Initiative des Einzelnen blieb kaum Spielraum.

Die Zeit vor der Industrialisierung erlebten die Menschen im Raum Geislingen als eine ausgesprochene Notzeit. Die französischen Revolutionskriege, Napoleons Kriegszüge und die Befreiungskriege ließen das Land ausbluten und drückten das Gewerbe zu Boden. Die Missernten und Hungersnöte von 1816/17 und 1846/47, politische Reaktion, die Märzrevolution von 1848, schließlich der Zusammenbruch der Spar- und Leihkassen in Hofstett-Emerbuch und Stubersheim, der viele Handwerker ruinierte, veranlassten Massenauswanderungen nach Amerika und brachten einen Tiefstand des gewerblichen Lebens wie nie zuvor.

 

Die einzelnen Handwerksmeister beschäftigten nur wenige oder gar keine Gesellen und Lehrlinge. Vor allem aber war das Gewerbe zu dieser Zeit, gemessen an der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, völlig überbesetzt, so dass ein scharfer Konkurrenzkampf bestand. Junge Menschen taten sich sehr schwer, eine geeignete Arbeit zu finden, und ein Berufswechsel war nicht möglich, denn die Zünfte achteten argwöhnisch darauf, dass kein neuer Konkurrent auftauchte. Die Gesuche auswärtiger Personen, wenn sie einheiraten, das Bürgerrecht erwerben und einen Beruf ausüben wollten, wurden grundsätzlich abgelehnt, um die Konkurrenz und den harten Existenzkampf des ansässigen Gewerbes nicht noch stärker zu belasten. Kein Wunder, dass sich die Einwohnerzahl der Stadt Geislingen in all diesen Jahrzehnten kaum veränderte.

 

 

Handwerk ohne goldenen Boden

 

 

Wenngleich die wirtschaftliche Lage in der vorindustriellen Epoche im Allgemeinen überaus traurig war, so gab es doch innerhalb der einzelnen Gewerbezweige auch Unterschiede. Die Bierbrauer, Getreidemüller, Bäcker, Metzger, Färber und Gerber waren recht wohl im Stand, sich fortzubringen. Zu den ärmsten Handwerkszweigen gehörten dagegen die Beindrechsler, Tuch- und Zeugmacher, Schuhmacher, Schneider, Kleinhändler und Fürkäufler (Gebrauchtwarenhändler). 1834 klagte ein wegen seiner Armut im Spital wohnender Schuhmachermeister, der Verdienst, den ihm seine Profession gewähre, sei äußerst gering, dass er mit seiner zahlreichen Familie davon unmöglich leben könne; er sei daher genötigt, zu einem anderen Erwerbszweig seine Zuflucht zu nehmen, und würde, wenn er Erlaubnis erhalte, einen Handel mit Schwefelholz, Zunder, Feuerstein und Lumpen treiben. Das erhellt, dass ein solcher Kleinhandel damals mehr eintrug als das „ehrbare“ Handwerk, dem der „goldene Boden“ längst entglitten war.

 

Selbst das hohe Kunsthandwerk der Geislinger Beindreher und Elfenbeinschnitzer, das im 18. Jahrhundert seine Blütezeit erreicht hatte, litt größte Not. Der Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart schrieb 1791: „Geislingen, ein durch seine Künstler im Beindrechseln sonst weit berühmter Ort, versinkt allmählich in traurige, dumpfe Armut. Ein Nahrungszweig verdorrt nach dem andern ... Viele Einwohner verlassen den Ort ganz und gar.“ Die Drechslerzunft litt in zunehmendem Maß unter Absatzschwierigkeiten. Der einst blühende Export in das Ausland ging zurück; die Meister waren auf den heimischen Markt angewiesen. Zum täglichen Straßenbild Geislingens gehörte es, dass die Töchter der Drechsler die durchreisenden Fremden ansprachen, ja förmlich belagerten, um sie zum Kauf ihrer Waren zu bewegen. Eine Ursache für den Zerfall des Kunsthandwerks war auch der veränderte Zeitgeschmack, dem die Geislinger Künstler nicht genügend Rechnung trugen.

 

 

Industrialisierung bringt Not und Nutzen

 

 

Mehr als viele Worte beweist die Tatsache, dass sich 1848 bei der Neubesetzung der städtischen Schrannen- und Quartiermeisterstelle unter vielen Bewerbern allein zwei Beindrechsler, der einzige Papierfabrikant in Geislingen und ein Nagelschmied befanden. Sie alle wollten den schwankenden Boden des Handwerks verlassen und ein gering besoldetes, aber einigermaßen Sicherheit bietendes städtisches Amt annehmen. Einer der Bewerber, ein Nagelschmied, gab mit der Schilderung seiner Probleme, die ihn bedrängten, ein anschauliches Bild und zugleich ein überzeitliches Dokument der damaligen verzweifelten Lage. Mit schwerer Hand, die nur den Hammer zu führen verstand, brachte er seine Nöte zu Papier.

 

Die gedrückte Lage seiner geringen Vermögensumstände setzte er als bekannt voraus und meinte nur, er schleppe dazu eine schwere Schuldenlast und habe innerhalb von zehn Jahren „schon 6 Taufen und 4 Leichen gehabt“. Er habe sich über seine Kräfte dem Geschäft gewidmet, um immer den Kredit zu erhalten. Aber er wisse, wenn der Kredit ausbleibe, sei er lebendig tot. Die Hoffnung, das Geschäft möge je wieder besser gehen, hatte der Nagelschmied bereits aufgegeben. Während er noch jeden Nagel einzeln von Hand anfertige, fänden die in den Fabriken durch Maschinen gefertigten Nägel immer mehr Eingang, so dass er auf das Hausieren angewiesen sei. Inzwischen liefen seine Kollegen alle Tage mit dem Nagelsack herum und unterböten ihre Preise gegenseitig. Die Missgunst unter den Kollegen sei viel zu groß. Da gäbe einer immer ein Auge, wenn der andere blind wäre und man möchte mit jedem Taglöhner gerne tauschen. Welche Tragik spricht aus dieser Klage eines einfachen Mannes, der sich verzweifelt, aber vergeblich gegen Maschinen, Fabriken und eine Entwicklung wehrte, die letztlich der Gesellschaft von Nutzen war!

 

 

Eisenbahn macht dem Wachstum Dampf

 

 

Der Beginn der Bauarbeiten für die Eisenbahn von Stuttgart nach Ulm (1845) wirkte sich auf die wirtschaftliche Lage des Gewerbes positiv aus. Die Gewerbebetriebe verzeichneten zunächst einen erheblichen Aufschwung. Doch erwies sich dieser bei näherem Hinsehen nur als eine vorübergehende Konjunkturerscheinung. Durch die vielen Arbeitskräfte, die der Bahnbau angezogen hatte, war das wirtschaftliche Leben stark angekurbelt worden. Auch hatte mancher Gewerbetreibende neben dem allgemeinen Aufschwung durch direkte Leistungen für den Bahnbau verdient. Musste aber das Versiegen dieser Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten nach Beendigung der Bauarbeiten nicht zu einem wirtschaftlichen Rückgang führen? Es hatte durchaus den Anschein, als rufe die Eröffnung der Bahnlinie eine Krise beim Geislinger Gewerbe hervor. 1847 war in der örtlichen Zeitung zu lesen, „auf welch niedriger Kulturstufe hier die Gewerbe stehen, wie Fabriken sich hier nicht befinden und die Kapitalien nur in den Händen einiger wenigen Reichen kursieren ... Mag man auch für den Augenblick diesen Mangel und seine Wirkung auf den Wohlstand nicht so sehr empfinden, weil der Eisenbahnbau den Verbrauch und eben damit die Fabrikation steigert; wie wird es aber einmal aussehen, wenn die Dampfmaschinen an uns vorüberjagen und unser Klagelied vernehmen, ohne uns helfen zu können?“

 

Mit seiner Kritik wies der Einsender dieses Artikels gleichzeitig den Weg, durch den der drohende Konjunkturrückgang verhindert und das wirtschaftliche Leben neu befruchtet werden konnte: der Betrieb von Fabriken.  Den Anstoß gab der Bahnbau selbst. 1850 entstand die Maschinenfabrik Geislingen, 1852 die Süddeutsche Baumwolle-Industrie, 1853 die Württembergische Metallwarenfabrik, weitere Gründungen folgten. Innerhalb weniger Jahre erfuhr der Wirtschaftsraum Geislingen einen fundamentalen Strukturwandel. In das dumpfe, kleinliche Gewerbeleben fegte ein frischer Wind, stellte es wieder auf die Beine und lenkte es in neue Bahnen. Maschinen sollten zu einer Quelle des Wohlstandes werden, brachten allerdings die völlige Abhängigkeit vom Pulsschlag der Industrie, ja der Weltwirtschaft mit sich.


Karlheinz Bauer, Amstetten, war Stadtoberarchivrat und Leiter des Geislinger Kulturamtes von 1965 bis 1977