Zeichen christlicher Hoffnung - die Glocken unserer Kirchen

Von Claus Huber

 

Seit weit über tausend Jahren läuten in Europa Kirchenglocken. Jeder kennt und hört sie, doch nur wenige wissen genauer über sie Bescheid oder haben sich schon einmal näher mit ihnen beschäftigt und entdeckt, welche geschichtliche, technisch-musikalische und theologische Tiefe sich hier auftut. Die Glocken unserer Kirchen und Kapellen, der Friedhöfe und städtischen Gebäude stellen das klangliche unverwechselbare Bild jeden Dorfes und jeder Stadt dar. Ihr Läuten oder Stundenschlag ist gleichsam der Pulsschlag des öffentlichen und privaten Lebens und gibt dem Tagesablauf Ordnung und Zeit. Es ist daher ein trauriges und erschreckendes Zeichen, wenn heute mancher Turm bei Nacht plötzlich schweigt, gleichsam tot ist. Da wird einem das Wort von Reinhold Schneider eindringlich bewusst: "Verlieren die Glocken Ihre Gewalt über den Lärm, die Türme die Herrschaft über die Dächer, so ist keine Hoffnung und kein Leben mehr." Wie die Glocke gerade auch bei Nacht Trost und Hilfe bietet und sagen will, wenn auch alles schläft, einer wacht und hält alles in seiner Hand, so ist jeder Glockenruf ein Hinweis auf Gott und Christus, den Herrn der Kirche. Passend charakterisiert den Dienst der Glocken auch ein Wort von Paulus: "So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns" (2. Kor. 5, 20). Doch gerade durch diese Aufgabe und durch dieses eindeutige Zeichen ist die Glocke manchen Menschen zur Last, ja zum Ärgernis geworden, erinnert sie doch unüberhörbar an den Sinn und das Ziel des Lebens, weckt Gedanken, die man oft gerne von sich kehren möchte, wenn man sich von Glauben und Kirche entfernt hat. Doch gerade aus diesen Gründen sollte die Kirche das Läuten ihrer Glocken wieder wichtiger nehmen und seine Bedeutung den Menschen vermehrt bewusst machen. Hell und fröhlich oder ernst und schwermütig.

 

Ein Geläute besteht meist aus mehreren Glocken, drei oder vier sind die Regel, manchmal auch bedeutend mehr. Doch bereits mit drei und vier Glocken ist es notwendig zu wissen, wie man richtig und musikalisch angemessen damit umgeht. Das beginnt schon beim Schalten der Glocken, was heute oft nur noch durch einen vorprogrammierten Computer geschieht und nicht mehr mit menschlicher Hand am Schalter, ganz abgesehen von den Fällen, wo die Glocke noch kunstvoll und mit Sinn für den richtigen Anschlag mit dem Seil geläutet wird. Da gibt es wohl im Geislinger Bezirk mit Ausnahme von einigen wenigen Kapellen kein solches Geläute mehr. Doch auch die elektrisch betriebenen Glocken können musikalisch schön erklingen. Darum sollen die Glocken langsam nacheinander, mit der kleinsten beginnend, einsetzen und ebenso wieder verstummen.

Glocke in der Geislinger Stadtkirche (l.) und Glocke vor dem modernen Gemeindezentrum Wiesenteig (r.)

Auch ist es wichtig, dass in einer Läuteordnung, die der Kirchengemeinderat festgelegt hat, genau bestimmt ist, zu welchen Gottesdiensten und Läuteanlässen mit wie vielen Glocken geläutet wird. Wenn zu allen erdenklichen Anlässen immer nur das Vollgeläute aller Glocken erklingt, was leider oft zu finden ist, so wirkt das nicht nur langweilig und entwertet das Geläute in seiner musikalischen Vielfalt, sondern es zeigt auch ein fehlendes Gespür für die liturgisch angemessene Ausgestaltung der Gottesdienste. Da sind dann vor allem die Pfarrer und Kirchengemeinderäte gefordert, daran etwas zu ändern. Schon bei nur drei, mehr noch bei vier Glocken gibt es eine ganze Anzahl von Teilgeläuten aus nur zwei bzw. drei Glocken, die musikalisch ganz unterschiedlich wirken können. Mal hell und fröhlich, mal ernst und schwermütig. Das Vollgeläute bleibt dem sonntäglichen Hauptgottesdienst vorbehalten, dagegen werden zu kleineren Werktags- oder Nebengottesdiensten entsprechend kleinere Geläute zusammengestellt. Es sollten möglichst auch Trauungen und Beerdigungsgottesdienste deutlich von einander unterschieden werden.

 

Glocken sind Musikinstrumente, mit welchen man richtig musizieren kann, nur eben auf ihre besondere Art. So wie wir in den Gottesdiensten immer wieder andere, passend ausgewählte Lieder singen, muss auch das Geläute zum Charakter des jeweiligen Gottesdienstes passen. So erkennt die Gemeinde schon am Klang des Geläutes, zu welchem Gottesdienst eingeladen wird.

 

Je nach Anlass die passende Glocke

 

Aber nicht nur das Geläute mehrerer Glocken ist von Bedeutung, auch jede einzelne Glocke hat eine besondere Funktion, zu der sie ganz allein erklingt. Am bekanntesten ist das tägliche Läuten zum Morgen-, Mittag- und Abendgebet, zu welchem die Betglocke erklingt. Auch zum Vaterunser läutet diese Glocke. Die anderen täglichen Läutezeiten, die schon seltener in ihrer Vollständigkeit zu finden sind, wollen an die Passion Christi erinnern und werden deshalb mit einer anderen Glocke, der Kreuzglocke durchgeführt: um 9 Uhr zur Kreuzigung des Herrn, um 11 Uhr zur Stunde der einbrechenden Finsternis, um 15 Uhr zur Todesstunde Christi und, parallel zum abendlichen Betläuten je nach Jahreszeit wechselnd, um 16, 17 oder 18 Uhr das sogenannte Vesperläuten zur Kreuzabnahme und Grablegung Christi. Ferner gibt es eine Taufglocke, die während der Taufhandlung läutet, um auch die nicht im Gottesdienst anwesenden Gemeindeglieder zur Fürbitte aufzurufen. In gleicher Weise soll ja auch das Vaterunser-Läuten zum Mitbeten aufrufen. Sind auf dem Turm drei Glocken vorhanden, ist die größte die Bet-, die mittlere die Kreuz- und kleinste die Taufglocke. 


Je mehr Glocken vorhanden sind, umso mehr Glockenfunktionen kann man vergeben, als wichtigste wären noch zu nennen: die Zeichenglocke, welche eine bestimmte Zeit vor Gottesdienstbeginn zur rechtzeitigen Bereitung mahnt; die Schiedglocke, die den Heimgang eines Gemeindeglieds verkündet; und bei besonders großen, tontiefen Geläuten eine "Dominika", die Sonntagsglocke; und manchmal auch noch eine "Gloriosa" die Festtagsglocke. Wer sich näher mit der Tradition der landeskirchlichen Läuteordnung befassen möchte, dem sei die interessante Abhandlung im Amtsblatt Band 37, Beiblatt Nr. 3, "Der Dienst der Glocken" empfohlen.

 

Musik aus untergegangenen Zeiten

 

Wie in ganz Deutschland hat auch der Kirchenbezirk Geislingen in den Weltkriegen erhebliche Verluste unter den Glocken erlitten. Die jüngsten Glocken mußten jeweils als Metallreserve abgeliefert werden, nur die kleinste Glocke durfte verbleiben. Hatte man ältere Glocken, etwa aus dem Barock oder der Gotik, blieben sie oft von der Ablieferung verschont. Auch in den Sammellagern waren zumindest die wertvolleren Glocken von der sofortigen Verhüttung zurückgestellt. Auf diese Weise hat manche Gemeinde ihre schon verloren geglaubten Glocken nach dem Krieg wieder zurückerhalten. Doch sind vollständig erhaltene historische Geläute nicht nur im Geislinger Raum eine Seltenheit.

 

Im massigen Turm von Gruibingen findet sich noch ein Dreiergeläute aus zwei gotischen und einer kleinen barocken Glocke. Die größte ist ein selten schönes Meisterwerk des Esslinger Gießers Pantlion Sydler aus dem Jahr 1511 und hat eine für diese Zeit außerordentliche Größe. Die beiden anderen stammen von 1408 und 1774. Ein kleineres Geläute, aber mit fast gleich alten Glocken findet sich in der alten katholischen Kirche von Bad Ditzenbach. Eines der wenigen barocken Dreiergeläute – heute durch zwei moderne Glocken erweitert – besitzt die Ulrichskirche in Süssen, gegossen 1708 von Theodosius Ernst in Ulm. Die meisten Geläute haben jedoch im Lauf der Jahrhunderte mehr oder weniger große Änderungen erfahren durch Ersatz oder Zuguss von Glocken.

 

Relativ groß ist aber immer noch die Zahl von historisch wertvollen Einzelglocken des 15. Jahrhunderts und 17./ 18. Jahrhunderts. Die älteste Glocke des Geislinger Raumes dürfte wohl in der katholischen Pfarrkirche von Deggingen hängen, sie wird ins 13. Jahrhundert datiert. Nicht viel jünger sind zwei Glocken in Drackenstein aus der zweiten Hälfte bzw. Ende des 13. Jahrhunderts. Die älteste heute evangelische Glocke finden wir in Schalkstetten, sie wird in die Zeit zwischen 1350 und 1400 datiert. Es ist immer wieder beeindruckend, den eigenartigen Klang solcher 700 bis 800 Jahre alter Instrumente zu hören, originale Musik aus einer längst untergegangenen Zeit.

Besonders klangschöne und relativ große Exemplare aus der Spätgotik finden sich neben der schon genannten Grui¬binger Glocke ebenfalls in Deggingen, 1459 aus der Werkstatt von Hans Eger in Reutlingen und eine weitere von Pantlion Sydler 1510 in Unterböhringen. Eine ungewöhnlich reich verzierte gotische Glocke ist in Bad Überkingen zu sehen. Sie wurde 1436 durch Johannes Fraedenberger von Ulm geschaffen und zeigt eine sehr feingliedrige Kreuzigungsgruppe, ergänzt durch die Evangelistensymbole, St. Georg als Drachentöter und einen Hahn. Über dem unteren Glockenrand findet sich eine Verkündigungsszene, flankiert von einer Marien- und Bischofsfigur. Eher selten sind die Glocken der Renaissance und des Barock vertreten und erreichen auch keine bedeutende Größe.

 

Massenproduktion in der Nachkriegszeit

 

Die überwiegende Zahl der Glocken stammt aus den Jahren des Wiederaufbaus der 1950er und 1960er Jahre. Sie kamen meist aus der Gießerei Kurtz (Stuttgart), seltener von den beiden Firmen Bachert (Heilbronn und Kochendorf) oder von der Firma Rincker (Sinn in Hessen). Leider zeigt sich diese große Massenproduktion in einer sehr kargen, oft ganz fehlenden Glockenzier und immer wieder gleichen Standardinschriften. Klanglich sind diese Glocken jedoch von einer Qualität, wie sie seit der Hochblüte des späten Mittelalters nicht mehr erreicht worden war. Allerdings hat man den Geläuten wieder viel an klanglicher Güte genommen, indem oft wertvolle historische Holzstühle durch dünne Stahlkonstruktionen ersetzt wurden. So klingt manches Geläute heute härter und metallischer als in früheren Jahrhunderten.

Land Land Land höre des Herrn Wort

Tausendjährige Kultur am Leben halten

 

Die meisten Geläute des Geislinger Bezirks bestehen aus drei Glocken, seltener sind schon die Vierer- oder Fünfergeläute. Die umfangreichsten Geläute mit sechs Glocken finden sich in der Geislinger Stadtkirche und seit kurzem auch in Kuchen, dessen Geläute vervollständigt wurde. Es dürfte in seiner klanglichen Rundung und Geschlossenheit eines der klangschönsten Geläute des Bezirks darstellen. Sechs Glocken haben auch die katholischen Kirchen von Donzdorf und Wiesensteig. Eine Besonderheit sind die 1964 und 1968 entstandenen Fünfergeläute der modernen Kirchen von Amstetten-Bahnhof und Eybach, die nach dem Prinzip "reiche Glockenzahl, dafür kleine Glocken" als "Zymbelgeläute" entworfen wurden. Grundsatz bei der Glockenwiederbeschaffung nach dem Krieg war es, die Geläute entsprechend dem Zeitgeschmack nur noch "melodisch" aufzubauen. Die Glockentöne sollten eine Melodie bilden, während die davor üblichen Geläute hauptsächlich akkordische Zusammenstellungen aus reinen Dur- und Molldreiklängen hatten. Letztere sind heute sehr selten, obwohl sie durchaus auch ihren Reiz haben. Manches Geläute ist auch gegenüber früher kleiner, das heißt tonhöher geworden, weil die Glockentöne jetzt enger beieinander liegen.


Was im Geislinger Bezirk allerdings seit je fehlt, sind Glocken von größerer Tontiefe. Überhaupt gilt Württemberg als ein Land mit nur relativ kleinen Glocken. Schon zahlreicher sind Glocken mit über 3 Tonnen Gewicht in den Nachbarländern Bayern und Baden. Und wer eine Fahrt jenseits des Bodensees in die Schweiz unternimmt, wird nicht selten in einem Dorf von nur wenigen Tausend Einwohnern Glocken mit 4 bis 7 Tonnen Gewicht finden, die mit majestätischer Klangpracht die Voralpenlandschaft füllen. Auch die Geislinger Stadtkirche hätte ursprünglich noch eine große Glocke bekommen sollen. Und so manch anderer Kirchturm in Stadt und Land hat noch viel Platz in der Glockenstube. Hier gäbe es noch eine reiche Möglichkeit für die Zukunft, die tausendjährige Glockenkultur weiter am Leben und in Bewegung zu halten.

 

Glocken predigen in einer eigenen Sprache

 

Ziel und Sinn eines jeden Geläutes, ob groß oder klein, soll ja sein, die Menschen in ihrem Denken und Handeln herauszuholen aus der Begrenztheit von Zeit und irdischem Leben, hinzuweisen auf eine andere Welt, auf Gottes Gegenwart und Herrlichkeit. Die Glocken predigen in einer eigenen Sprache, die von allen Menschen verstanden wird. Nur wenn sie richtig und bewusst eingesetzt werden, dann ist ihre Botschaft klar und eindeutig. Lassen wir uns darum rufen von ihren Klängen, sei es zum Gottesdienst in die Kirche oder zu kurzem, betenden Innehalten beim Läuten der Betglocke oder wenn am Freitag um 15 Uhr die Kreuzglocke unsere Gedanken auf das Kreuz Christi richten will: "Danke, Herr, dass Du mich erlöst hast und Hoffnung und Zukunft gibst."


Claus Huber
ist der Glockensachverständige der Württembergischen Landeskirche