Wie kamen die Evangelischen ins Lautertal?

Evangelische Christuskirche in Donzdorf

Von Karlheinz Bauer, Amstetten

Gehalten anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Evangelischen Kirchengemeinde Donzdorf im Jahr 2007

 

Jedes Jubiläum berechtigt zu dankbarer Freude über das bis dahin Erreichte, ist aber auch zugleich ein Anlass, Atem zu holen. Es ist wie bei einer langen Wanderung. Hat man eine Höhe erklommen, wird man eine kurze Rast einlegen. Man schaut zurück, woher man gekommen ist, und man schaut vorwärts, wohin der weitere Weg noch führen soll. Am heutigen Festabend „50 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Donzdorf“ fällt mir die Aufgabe zu, Rückschau zu halten, um aufzuzeigen, wie es dazu kam, dass wir gemeinsam dieses Jubiläum festlich begehen können. Dabei will ich nicht so sehr den Verlauf der vergangenen 50 Jahre im Einzelnen schildern; das ist bei früheren Gelegenheiten schon hinreichend geschehen. Ich möchte heute viel weiter in die Geschichte zurückgreifen, um darzulegen, wie überhaupt evangelisches Leben ins traditionell katholische Lautertal einziehen konnte.
 

Frühe kirchliche Verhältnisse

 

Die christlichen Traditionen reichen im Lautertal weit zurück. Zwar schweigt die historische Überlieferung über die Einführung des Christentums in dieser Landschaft, aber nach den archäologischen Zeugnissen, insbesondere nach der Auswertung von Grabbeigaben aus einem größeren alamannischen Gräberfeld in Donzdorf, muss davon ausgegangen werden, dass die Bevölkerung im 6./7. Jahrhundert allmählich mit dem Christentum vertraut wurde. Woher die Missionare gekommen waren, weiß man nicht. Bei der Bekehrung hatten offensichtlich der Adel und das fränkische Beispiel große Bedeutung.

Um 700 war die Christianisierung zumindest äußerlich abgeschlossen; die Landbevölkerung hatte allgemein den christlichen Glauben angenommen. Es kam zur Gründung der Urkirchen und Urpfarreien, wobei die Kirchen in Donzdorf und Nenningen mit ihren Martinspatrozinien in eine frühe Zeitschicht zurück reichen. In der Folge teilten sich deren Sprengel allmählich in einzelne Dorfpfarreien auf. Viele der ältesten Dorfkirchen waren anfangs einfache Bauten aus Holz; bis heute bezeugen dies Ortsnamen wie Böhmenkirch im Gegensatz zu Steinenkirch.

 

Die kirchliche Organisation, notwendig zur Festigung der Christianisierung des Landes, ging in der Hauptsache von dem um 600 gegründeten Bischofssitz Konstanz aus, dem unsere Gegend unterstand. Im 8. bis 10. Jahrhundert bildete sich ein lückenloses System von Pfarrsprengeln heraus, dessen Organisation um 1100 bereits gefestigt war. Auch die Einteilung in Dekanate darf man schon im 11. Jahrhundert als abgeschlossen betrachten.

Ins helle Licht der urkundlichen Überlieferung tritt das Lautertal im Zehntbuch („Liber decimationis“) des Bistums Konstanz von 1275. Damals wurde der gesamte Klerus mit einer Steuer belegt, um die Kosten eines neuen Kreuzzuges zur Verteidigung des Heiligen Landes zu bestreiten, der allerdings nicht zu Stande kam. Alle Inhaber von kirchlichen Pfründen sollten den zehnten Teil ihrer Einkünfte beisteuern. In diesem Einzugsregister sind alle Pfarreien des damaligen Dekanates Süßen enthalten, zu dem auch das Lautertal gehörte. Demnach gab es zu dieser Zeit selbstständige Pfarreien in Donzdorf, Hürbelsbach, Reichenbach, Winzingen und Nenningen. In diesem Register fehlt Weißenstein; der Ort gehörte lange zur Pfarrei Treffelhausen und erhielt erst 1478 eine eigene Pfarrei.

 

Die einzelnen Pfarrstellen waren früher sehr unterschiedlich dotiert. Das Einkommen eines Pfarrers beruhte in einer Zeit, in der es noch keine Kirchensteuer gab, allein auf Stiftungen der Pfarreimitglieder. Stiftungen waren ein Ausdruck frommen Sinnes der Bevölkerung. Je nachdem, in welchem Ort ein Pfarrer tätig war und wie spendenfreudig sich seine Gemeinde zeigte, saß er auf einer „fetten“ oder „mageren“ Pfründe, bezog er also ein höheres oder niedrigeres Einkommen. Aus dem Jahr 1508, aus der Zeit kurz vor der Reformation, hat sich ein Register des Bistums Konstanz erhalten, das genaue Einblicke in die damaligen Einkommensverhältnisse der Pfarrer ermöglicht. Danach bezog allein der Pfarrer von Donzdorf ein gutes Einkommen, die übrigen Pfarrer im Lautertal lagen unterhalb des Existenzminimums.

Einen nachhaltigen Einschnitt in die kirchlichen Verhältnisse brachte die Reformation. Um zu verstehen, wie unterschiedlich die neue Lehre damals aufgenommen wurde, ist ein Blick auf die politische Landkarte nötig.


Zersplitterte Herrschaftsgebiete

 

Der Untergang des staufischen Kaiserhauses (1268) veränderte die Besitzlandschaft in unserem Raum grundlegend. Die Auflösung des staufischen Besitzes hatte ein Machtvakuum geschaffen, von dem aufsteigende territoriale Kräfte profitierten. Die Grafen von Württemberg konnten damals ihren Einfluss von Westen her bis nach Göppingen ausweiten. Die Reichsstadt Gmünd erlangte ein stattliches Hoheitsgebiet, das bis vor die Tore Aalens reichte. Auch die Reichsstadt Ulm hatte sich seit 1396 mit dem Kauf der Grafschaft Helfenstein ein weit flächiges Herrschaftsgebiet geschaffen, das sich im Norden bis nach Großsüßen erstreckte.

 

Eingekeilt zwischen diese erstarkten Machtblöcke lag das Gebiet zwischen Salach im Westen und Böhmenkirch im Osten einschließlich des Lautertales. Hier saßen die einstigen staufischen Dienstmannenfamilien Rechberg und Degenfeld, die es verstanden, ihre Güter als Eigentum zu behalten und sich von einer übergeordneten Landesherrschaft frei zu halten. Das Haus Rechberg als bedeutendste staufische Ministerialenfamilie – sie hatte einst das Marschallamt des Herzogtums Schwaben inne – konnte ihren Hausbesitz durch Heiraten und Kauf zu einem ansehnlichen Herrschaftsgebiet ausbauen. Dem Haus Degenfeld gelang es, sich am Rand des rechbergischen Besitzes eine kleine Herrschaft zu schaffen, wobei für unsere Betrachtung vor allem dessen Begüterungen in Degenfeld und Nenningen wichtig sind. Später kamen noch die rechbergischen Güter Kleinsüßen und Winzingen durch Heirat in den Besitz der Freiherren von Bubenhofen. 

 

Am Ende des Mittelalters stellte sich unsere Gegend als ein kleinräumiges, bunt gegliedertes Herrschaftsgeflecht dar, wo die Menschen keine nennenswerten Möglichkeiten kannten, ihre Wohnsitze frei zu wählen und wo auch der Reisende überall sehr schnell an Grenzen stieß. Vor allem in der Zeit der Reformation, wenn sich der Einzelne frei zu seinem religiösen Glauben bekennen wollte, wirkte sich diese Kleinstaaterei recht folgenschwer aus.


Das Umland wird evangelisch

 

Die Kunde über den Thesenanschlag Martin Luthers vom 31. Oktober 1517 verbreitete sich in Windeseile und sein mutiges Auftreten im Sinne einer Erneuerung der Kirche löste in weiten Teilen des Reiches hohe Erwartungen, aber auch bange Fragen aus. Auch in unserem Gebiet wurden die Schriften Luthers, vor allem von Theologen, eifrig gelesen. In Ulm erschienen 1521 die ersten Prediger, um die neue Lehre zu verkünden; sie wurden als Aufwiegler ins Gefängnis gelegt. In Göppingen wirkte Martin Cleß, von Uhingen gebürtig, seit 1516 als Prädikant am Stift Oberhofen. Weil er sich zu der neuen Lehre bekannte, musste er fliehen. Er hatte aber Glück: Philipp von Rechberg war damals Obervogt in Göppingen und sympathisierte selbst mit der reformatorischen Bewegung. Er nahm Cleß in Schutz und versteckte ihn auf seinem Schloss Ramsberg. Cleß wurde später der erste evangelische Stadtpfarrer in Göppingen und danach Superintendent und Konsistorialrat in Stuttgart.

 

Die geistige Lawine, die Martin Luther losgetreten hatte, ließ sich nicht mehr aufhalten. Im Ulm hatten sich 1530 in einer Volksabstimmung sieben Achtel der Bürgerschaft für die evangelische Sache entschieden. Angesichts dieser breiten Mehrheit sah sich der Ulmer Rat berechtigt, in seinem gesamten Hoheitsgebiet das Kirchenwesen zu reformieren. Er bestellte dazu die berühmten Prediger Martin Butzer von Straßburg, Johann Ökolampad von Basel und Ambrosius Blarer von Konstanz. Es waren Theologen, die weniger im Sinne Martin Luthers dachten, sondern der Lehrmeinung des Schweizer Reformators Ulrich Zwinglis folgten. 

 

Zwangsweise sollte die Reformation im Ulmer Land nicht eingeführt werden. Es wurde vielmehr beschlossen, sämtliche Untertanen in ihre Amtsorte zu laden, dort drei Tage hintereinander durch einen Prediger aufklären und für die neue Sache gewinnen zu lassen. Man ging davon aus, dass sich die Abschaffung der Messe und die Beseitigung der Bilder aus den Kirchen leichter durchführen lasse, wenn eine entsprechende Belehrung des Volkes vorausgegangen wäre.

Die Predigtaktion begann am Pfingstsonntag 1531. Sämtliche Untertanen mussten mit all ihren Weibern, Kindern und Dienstboten morgens um 7 Uhr in den Kirchen zur Unterweisung erscheinen. Nachdem die Bevölkerung über die neue Lehre und die kirchlichen Veränderungen unterrichtet war, setzte man sich mit der Geistlichkeit auseinander. Alle Pfarrer der Landgemeinden wurden nach Ulm geladen und mussten ihre persönliche Haltung zu der neuen Lehre darlegen. Bei der Vernehmung seiner Pfarrer zeigte sich der Ulmer Rat wenig nachsichtig. Wer die Neuerungen ablehnte und sich weiterhin zur alten Lehre bekannte, wurde kurzerhand entlassen.
 
Starke altgläubige Kräfte suchten natürlich, die religiöse Neuerung zu hintertreiben. Vor allem der kämpferische Pfarrer der Geislinger Stadtkirche, Dr. Georg Osswald, wetterte leidenschaftlich auf der Kanzel gegen die ketzerischen Vorgänge, indem er behauptete, in Ulm lebe man „türkisch, viehisch und teuflisch“. Doch es half wenig. Das Ulmer Land war am Ende der Wirren ein evangelisches Territorium.

 

Das Herzogtum Württemberg folgte dem Ulmer Beispiel kurze Jahre später. Herzog Ulrich war wegen seiner Misswirtschaft und vieler Untaten 1519 vertrieben worden, das Land kam 15 Jahre lang unter österreichische Herrschaft. Unter dem politischen Druck des Hauses Habsburg hatte die Reformation in den württembergischen Gebieten zunächst keine Chance. Erst als Herzog Ulrich 1534 in sein Land zurückkehren durfte, zielten seine ersten Verordnungen auf eine Erneuerung der Kirche. Dabei ging er rigoros vor. Alle Pfarrer befragte man, wie sie sich zur neuen Lehre stellten. Wer sie bejahte, behielt seine Einkünfte. Wer sie ablehnte, kam in Pension. Die Messe wurde abgeschafft. Kirchliche Gerätschaften aus Edelmetall kamen in die staatliche Münze. Die Klostergüter wurden eingezogen, um die vom Herzog verursachten  Kriegskosten und Schulden zu bezahlen.     

Sein Sohn, Herzog Christoph, führte das Werk der Reformation zu Ende, unterstützt von dem Theologen Johannes Brenz, der die Landeskirche gestaltet hat. Nach der grundlegenden Neuordnung des Kirchenwesens wurde die evangelisch-lutherische Lehre zur ausschließlichen Landesreligion in Württemberg erhoben.


Ein Hort des alten Glaubens

 

Die reichsritterschaftlichen Familien verhielten sich in der Zeit der Glaubenskämpfe sehr unterschiedlich. Reichliche Turbulenzen gab es in Winzingen. Der Ort kam 1607 durch Kauf an den Freiherren Joachim Berchthold von Roth, der das dortige Schloss neu erbaute und bis 1621 regierte. Im lokalhistorischen Schrifttum wird er als ein äußerst gewalttätiger, händelsüchtiger Herr geschildert, der mit der Familie Rechberg und seinem Ortspfarrer im Streit lag. Dem Pfarrer warf er schwerste Versäumnisse in seiner Amtsführung vor und verjagte ihn aus dem Ort. Als ihn darauf der Bischof von Konstanz mit der Exkommunikation belegte, wurde er evangelisch. Er versuchte mit Gewalt, in Winzingen die Reformation einzuführen. Dies löste im Dorf einen Aufstand aus. Die Einwohner boykottierten die evangelischen Gottesdienste. Es rückten 150 Mann württembergische Truppen an, die Rädelsführer wurden verhaftet und mussten schriftlich erklären, gehorsam zu sein, den evangelischen Gottesdienst zu besuchen oder auszuwandern. Der Ortsherr schrieb damals: „Wollt Gott, ich hätt Winzingen nie gesehen!“ Als er dann nach wenigen Monaten kinderlos starb, kam das Rittergut durch Kauf an die Freiherren von Bubenhofen. Sie waren Gegner der Reformation und führten den katholischen Glauben wieder ein. Im Volk lebte Baron Roth als der „Tyrann von Winzingen“ noch lange in der Sage fort. Er soll als der „Wilde Reiter“ und als „Holzbrockeler“ umgegangen sein und für nächtlichen Spuk gesorgt haben.

Weniger dramatisch ging es in den degenfeldischen Besitzungen zu. Die Herren von Degenfeld waren der Lehre Luthers zugetan und führten in ihrem Herrschaftsgebiet die Reformation ein. Als Christoph von Degenfeld seinen Besitz am Dorf Degenfeld zusammen mit fünf Bauernhöfen in Nenningen 1597 an Württemberg verkaufte, wurde der Neuerwerb evangelisch.

An der Herrschaft Rechberg prallten alle Stürme der Zeit ab. Das Haus Rechberg schloss sich der neuen Lehre nicht an. Es blieb ein Hort des Katholizismus und dafür gab es Gründe. Es bestanden starke familiäre Bindungen an das katholische Bayern und an Österreich. Eine ganze Reihe von Rechbergern durchlief glanzvolle Karrieren in politischen, diplomatischen und militärischen Diensten Bayerns und Österreichs, und mehrere Angehörige der Familie versahen hohe Ämter in der katholischen Kirche. Außerdem gab es die materielle Seite der Reformation, und auf diesem Sektor waren für die Rechberger keine Reichtümer zu erwerben. Innerhalb ihres Territoriums gab es keine Klöster, deren reiche Güter sie hätten einziehen können, wie dies die württembergischen Herzöge mit großem Gewinn gemacht hatten.

Die Herren von Bubenhofen widersetzten sich der Reformation ebenfalls mit Erfolg in ihrer kleinen Herrschaft, die Winzingen, Ramsberg, Kleinsüßen und Krummwälden umfasste. Auch diese Adelsfamilie sah sich dem alten Glauben verpflichtet, zumal viele ihrer nachgeborenen Söhne in hohen kirchlichen Ämtern standen, besonders bei den Bischöfen in Würzburg und Bamberg. Schließlich blieb auch die benachbarte Reichsstadt Gmünd mit ihrem weiten Territorium katholisch.

 

Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 schuf klare Fronten. Wer die politische Herrschaft über ein Gebiet besaß, sollte auch die konfessionelle Zugehörigkeit seiner Untertanen bestimmen dürfen. In den ulmischen, württembergischen und degenfeldischen Gebieten galt nun allein das evangelische Bekenntnis, in den Herrschaften Rechberg und Bubenhofen blieb es beim katholischen Glauben. Dies bedeutete, dass politische Grenzen nun auch zu konfessionellen Grenzen geworden waren. In einem katholischen Territorium gab es nur noch katholische Einwohner; für Evangelische war kein Platz mehr; in evangelischen Herrschaftsgebieten war es umgekehrt. Dies schränkte die soziale Mobilität der Bevölkerung in erheblichem Maß ein. Heiraten waren jetzt nur noch innerhalb des kleinen rechbergischen Gebietes möglich. 

Eine Ausnahme bildeten die Juden. Das Herzogtum Württemberg sowie die Reichsstädte Ulm und Gmünd hatten zwischen 1498 und 1501 sämtliche Juden aus ihren Territorien vertrieben. Den Juden blieb nur ein Rückzug in kleinere adelige Herrschaftsgebiete übrig. Auch die Herren von Rechberg nahmen damals Juden auf, weniger aus humanitären Gründen, sondern weil deren Ansiedlung eine einträgliche Geldquelle war. Für ihren Aufenthalt zahlten die Juden Schutzgelder.

 

Ein tragischer Fall, der auch die Gegensätze unter den Konfessionen deutlich macht, ereignete sich 1553 in Weißenstein. Der Jude Ansteet wurde wegen wiederholter Diebstähle von der rechbergischen Herrschaft zum Tod durch den Strang verurteilt. Die Hinrichtung fand auf dem Galgenberg in Weißenstein statt. Die Bevölkerung hatte sich dazu in großer Zahl von nah und fern eingefunden. Neben den örtlichen katholischen Pfarrern war auch der damals junge evangelische Theologe Jakob Andreae angereist; der spätere einflussreiche Reformator war zu dieser Zeit noch als Pfarrer in Göppingen tätig. Den anwesenden Pfarrern ging es hauptsächlich darum, den Juden vor seinem Tod noch zum christlichen Glauben zu bekehren. Während der Jude an den Beinen aufgehängt wurde, redeten die katholischen Geistlichen auf ihn ein, er möge sich von ihnen taufen lassen. Der Jude lehnte kategorisch ab und betete Psalmen in hebräischer Sprache. Dann trat Jakob Andreae hinzu und sprach mit ihm, und siehe da, von ihm ließ sich der Jude taufen. Die katholischen Priester hatten mit Zitaten aus dem Neuen Testament argumentiert, was bei dem Juden ohne Wirkung blieb, Andreae aber hatte ihn durch alttestamentliche Zeugnisse überzeugt.


Evangelisches Leben im Lautertal

 

Der Schritt in die moderne Zeit wurde erst möglich, als 1810 das Königreich Württemberg als einheitlich regiertes Staatswesen errichtet wurde und damit die lähmende Kleinstaaterei ihr Ende fand. Jetzt war an großräumige Planungen zu denken, jetzt konnten sich die Menschen wieder freizügig bewegen, jetzt waren Heiraten über territoriale Konfessionsgrenzen hinweg möglich, jetzt durften sich auch evangelische Arbeitskräfte im katholischen Lautertal niederlassen. Ihr Zuzug wurde durch die allmähliche Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse begünstigt.

 

Das wirtschaftliche Leben war traditionell von der Landwirtschaft geprägt. Donzdorf profitierte noch von seiner weiten Lage, aber in den übrigen Dörfern gaben die steilen Berge bei aller Mühe nur spärlichen Ertrag. Der Nahrungsstand war gedrückt, die Bewohner waren meist arm und ihre Häuser von ärmlicher Bauart. Die meisten Bewohner waren auf einen Nebenerwerb angewiesen. Lange Zeit war die Leinenweberei das bedeutendste Gewerbe, viele ernährten sich vom Spinnen der Baumwolle oder arbeiteten als Strumpfwirker. Bedeutsam waren die Steinbrüche. Der gelbe „Donzdorfer Sandstein“ und die „Weißensteiner Platten“ waren sehr begehrt, die Gräflich Rechbergsche Schlossbrauerei in Weißenstein, die größte Brauerei im Oberamt Geislingen, lieferte ihr Bier bis nach Stuttgart und Karlsruhe.

Als im Lautertal die Industrie aufblühte, brachte sie alte Erwerbszweige zum Erliegen, bot aber nun auch vielen Arbeitsuchenden neue Verdienstmöglichkeiten. In Donzdorf entstanden mehrere Fabriken der Textil- und Metallbranche. Freilich zog das stärker industrialisierte Filstal auch viele Arbeitskräfte ab, so dass die Bevölkerungszahlen in den Gemeinden des Lautertales nach 1870 sanken. Doch Omnibuslinien und die 1901 eröffnete Eisenbahn von Süßen nach Weißenstein förderten den Berufsverkehr und führten zur verstärkten Ansiedlung einer industriellen Arbeiterschaft im Lautertal. 

 

Nach der Beschreibung des Oberamtes Geislingen wohnte 1842 in Donzdorf ein Protestant, dazu kamen in Weißenstein 8, auf der Kuchalb etwa 10 und in Nenningen 18. Die ersten evangelischen Zuwanderer waren Knechte und Mägde, Land- und Wanderarbeiter, die auf den gräflichen Gütern oder sonst bei Bauern im Dienst standen. Bald ließen sich Handwerker und Industriearbeiter nieder. Ihnen folgten Angestellte und Beamte, die zum Teil im Dienst des rechbergischen Hauses standen. Mit der wachsenden Mobilität der Menschen stieg auch die Zahl konfessioneller Mischehen, vor allem durch Einheiraten evangelischer Handwerker in heimische Betriebe. Das Familienregister des damals zuständigen Pfarramtes Süßen verzeichnet eine bunte Palette von Berufen der frühen evangelischen Mitbürger, wie Weber, Mechaniker, Schäfer, Stallmeister, Ökonom, Gutsverwalter auf Messelhof und Ramsberg, Sekretäre, Rentamtmann, Postexpeditor, Arzt, Apotheker und Notar.

 

Die Evangelischen aus Donzdorf und Winzingen gehörten zur Pfarrei Süßen, die aus Reichenbach waren nach Salach, die aus Nenningen und Weißenstein nach Degenfeld und die auf der Kuchalb nach Gingen eingepfarrt. Durch den Zuzug weiterer Arbeitskräfte in das Lautertal wuchs die kleine Gemeinde zwar langsam, aber kontinuierlich. Im Jahr 1886 lebten 97 Evangelische im Lautertal (Donzdorf 55, Reichenbach 14, Winzingen 1, Nenningen 13, Weißenstein 14). Bis zum Jahr 1900 war ihre Zahl auf 107 gestiegen (Donzdorf 63, Reichenbach 11, Winzingen 2, Nenningen 18, Weißenstein 13). Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten 125 evangelische Christen allein in Donzdorf.

Sie mussten zu den Gottesdiensten, Taufen und Konfirmationen ins benachbarte Süßen, und sie gingen den Weg lange zu Fuß, meist in einer Gruppe von 20 bis 25 Personen, wie man auch von Weißenstein zur Kirche nach Degenfeld pilgerte. Seit 1910 kam dann der Pfarrer aus Süßen alle vier Wochen nach Donzdorf, um hier Gottesdienst zu halten. Die äußeren Bedingungen waren freilich mehr als einfach. 


Der Ruf nach Selbstständigkeit

 

Ein sprunghaftes Ansteigen der evangelischen Bevölkerung war infolge des Zweiten Weltkrieges zu verzeichnen. Allein durch die Evakuierung der Bombengeschädigten aus Stuttgart stieg ihre Zahl auf rund 200 an. Nach dem Ende des Krieges kamen die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten und suchten Obdach. Unter ihnen waren viele evangelische Neubürger, die meist aus Schlesien, aber auch als Umsiedler aus Schleswig-Holstein und der DDR kamen. Noch 1955 sprach der Oberkirchenrat von Donzdorf als einer „fast reinen Flüchtlingsgemeinde“.

Bis 1946 war die Zahl der Evangelischen so weit angewachsen, dass ihnen der weite Weg in die Nachbargemeinde nicht mehr zugemutet werden konnte. Pfarrer Martin Pfleiderer von Süßen hielt nun jede Woche in Donzdorf Gottesdienst. 1951 zog der Vikar von Süßen nach Donzdorf. Sein Arbeitspensum war groß; er predigte jeden Sonntag in Donzdorf und alle zwei Wochen in Reichenbach.

 

In der wachsenden Gemeinde wurde unterdessen der Wunsch nach einer eigenen Kirche immer lauter. 1952 war es endlich so weit: Im Lautergarten konnte die neue evangelische Kirche eingeweiht werden. Sie war eine Montagekirche nach den Plänen des Architekten Otto Bartning und gefördert vom Lutherischen Weltbund. Mit dem Bau der kleinen Holzkirche war erstmals ein evangelisches Zentrum für das Lautertal entstanden.

Inzwischen war die Zahl der Evangelischen allein in Donzdorf auf rund 800 gestiegen. Das Vikariat in ein selbstständiges Pfarramt umzuwandeln, wurde immer dringlicher. Nach teils schwierigen Verhandlungen mit dem Oberkirchenrat erhielt Donzdorf 1956 eine Pfarrverweserei. Bald war auch die letzte Hürde genommen. Mit Schreiben vom 11. Februar 1957 hat das Kultusministerium Baden-Württemberg die neu gebildete Evangelische Kirchengemeinde Donzdorf staatlich anerkannt. Dieses Ereignis von 1957 ist der Grund, dass in diesem Jahr das Jubiläum „50 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Donzdorf“ dankbar begangen werden kann.

 

Seit der Gemeindereform von 1972/73 umfasst die Kirchengemeinde außer Donzdorf die Orte Reichenbach, Winzingen, Nenningen und Weißenstein mit inzwischen rund 2600 Gemeindemitgliedern. Mit der Einweihung der neu erbauten Christuskirche mit Gemeindezentrum am 21. Oktober 1979 haben die evangelischen Christen im Lautertal schließlich ihren Mittelpunkt erhalten. Wenn heute die Glocken dieser Kirche in der Tonfolge des mittelalterlichen Hymnus erklingen „Christ ist erstanden“, dann darf auch die Gemeinde in diesen Jubel einstimmen: „Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.“


Karlheinz Bauer

 

 

 

Liste der Pfarrer

Pfarramt I (seit 1957)

Fritz Lang 

 1956 – 1969
Martin Baeuchle 

 1970 – 1976
Hans-Martin Steck 

 1976 – 1981
Joachim Stier

  1982 – 1997
Michael Waldmann 

 1997 – 2004
Gerd-Ulrich Wanzeck

 seit 2005


Pfarramt II (seit 2004)

Annette Leube     

 seit 2004  

 


Quellen und Literatur

Akermann, Manfred: Der Göppinger Raum vom Ende der Staufer bis zum Ersten Weltkrieg. In: Der Kreis Göppingen, Veröffentlichungen des Kreisarchivs Göppingen, Bd. 1. Stuttgart und Aalen 1973, S. 54 ff.

Bächle, Hans-Wolfgang: Das Adelsgeschlecht der Rechberger. Burgen und Schlösser, Kirchen und Kapellen, Kunstwerke, Grabdenkmäler. Schwäbisch Gmünd 2005, S. 123 ff., 128.
 
Beschreibung des Oberamts Geislingen. Hg. von dem Königlichen statistisch-topographischen Bureau (verfasst von Bibliothekar Prof. Stälin). Stuttgart und Tübingen 1842, S. 53 f., 77 ff., 82, 178 ff., 220 ff., 254 ff.

Beschreibung des Oberamts Gmünd. Hg. von dem Königlichen statistisch-topographischen Bureau. Stuttgart 1870, S. 413, 457.

Beschreibung des Oberamts Göppingen. Hg. von dem Königlichen statistisch-topographischen Bureau (verfasst von Finanzrat Moser). Stuttgart und Tübingen 1844, S. 100 ff., 140 ff., 147, 292 f.

Burkhardt, Georg: Die ältesten Pfarreien unserer Gegend und ihre Einkünfte. In: Geschichtliche Mitteilungen von Geislingen und Umgebung, Heft 15. Geislingen 1957, S. 3 ff.

Burkhardt, Georg: Geschichte der Stadt Geislingen an der Steige, Bd. 1: Von der Vor- und Frühgeschichte bis zum Jahre 1803. Konstanz 1963, S. 179 ff.

Das Königreich Württemberg. Eine Beschreibung von Land, Volk und Staat. Hg. von dem Königlichen statistischen Landesamt, Bde. 1 – 3. Stuttgart 1882/86. Bd. 3, S. 517, 519, 678 f., 682, 684.

Das Königreich Württemberg. Eine Beschreibung nach Kreisen, Oberämtern und Gemeinden. Hg. von dem K. Statistischen Landesamt, Bde. 1 – 4. Stuttgart 1904/07. Bd. 3, S. 210 ff., 219, 238, 241 f.; Bd. 4, S. 135 ff., 147, 154 f., 160 f., 165 f.

Eisele, K./Köhle, M./Schöllkopf, Chr.: Geschichtliche Heimatkunde des Filsgaus. Göppingen 1926, S. 15, 24, 26 f., 39, 69, 72, 76, 86, 108, 128, 141, 144, 150, 177 f.

Evangelisches Pfarramt I Süßen: Familienregister 1808 ff.

Gaier, Albert: Die Geschichte des adeligen Geschlechts der Herren von Bubenhofen. In: Hohenstaufen, Veröffentlichungen des Geschichts- und Altertumsvereins Göppingen, 7. Folge. Göppingen 1970, S. 31 ff.

Gross, Uwe: Ergänzende Bemerkungen zu den Gefäßbeigaben der „Dame von Donzdorf“ (Grab 78). In: Hohenstaufen/Helfenstein, Historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen, Bd. 1. Weißenhorn 1991, S. 11 ff.

Holtz, Sabine: Vierzig Jahre Evangelische Kirche in Donzdorf 1952 – 1992. Festvortrag am 6. September 1992. Hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Donzdorf. Donzdorf 1992.

Hummel, Heribert: Die meisten Geistlichen nagten am Hungertuch. In: Geschichtliche Mitteilungen von Geislingen und seiner Umgebung, Heft 19. Geislingen o. J., S. 27 ff.

Lang, Stefan: „Spectaculum miserabile“ – Die Hinrichtung des Juden Ansteet in der rechbergischen Herrschaft Weißenstein 1553 und seine Bekehrung durch Jakob Andreae. In: Hohenstaufen/Helfenstein, Historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen, Bd. 11. Weißenhorn 2002, S. 81 ff.

Neuffer, Eduard M.: Merowingerzeitliche Adelsgräber im Kreis Göppingen. In: Hohenstaufen, Veröffentlichungen des Geschichts- und Altertumsvereins Göppingen, 9. Folge. Göppingen 1975, S. 29 ff.

Planck, Dieter: Vor- und Frühgeschichte. In: Der Kreis Göppingen, Veröffentlichungen des Kreisarchivs Göppingen, Bd. 1. Stuttgart und Aalen 1973, S. 28 ff.

Schellenberger, Bernardin: Die berühmt-berüchtigte Regierungszeit des Joachim Berchthold von Roth zu Winzingen (1607 – 1621). In: Hohenstaufen/Helfenstein, Historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen, Bd. 4. Weißenhorn 1994, S. 67 ff.

Schmid, Reinhold: Der Waldenbühl bei Donzdorf. In: Hohenstaufen/Helfenstein, Historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen, Bd. 1. Weißenhorn 1991, S. 155 ff.

Stier, Joachim: 40 Jahre evangelische Kirche in Donzdorf 1952 – 1992. Hg. vom Evangelischen Pfarramt Donzdorf. Donzdorf 1992.

Weller, Karl/Weller, Arnold: Württembergische Geschichte im südwestdeutschen Raum. Stuttgart und Aalen 1971, S. 151 ff.

Ziegler, Walter: Von der fränkischen Zeit bis zum Ende der Staufer. In: Der Kreis Göppingen, Veröffentlichungen des Kreisarchivs Göppingen, Bd. 1. Stuttgart und Aalen 1973, S. 32 ff.