Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Altenstadt

Von Karlheinz Bauer, Amstetten


Von den Anfängen bis zum Beginn der Industrialisierung


Frühe kirchliche Verhältnisse

 

Die Zeit der römischen Besetzung unserer Landschaft endete im 3. Jahrhundert in den Wirren der germanischen Völkerwanderung. Die Alamannen, die auf der Suche nach neuen Siedlungsplätzen für ihre Stammesgenossenschaften waren, wanderten in bereits von den Römern kultivierte Gebiete ein. Wirklich sesshaft wurden die Stämme im 4. Jahrhundert. Aus einzelnen Gehöften und Hofgruppen entstanden die Keimzellen unserer Dörfer. Altenstadt gehört zu den Ursiedlungen dieser Gegend; das bezeugen ausgedehnte alamannische Gräberfelder mit reichem Fundgut. In der sonnigen, fruchtbaren Talaue am Filsknie mit reichlich Wasser mag sich ein Sippenführer mit seinen Gefolgsleuten, den „Giselingen“, niedergelassen haben; denn der ursprüngliche Name von Altenstadt lautete „Giselingen“. Erst nachdem um 1200 im Rohrachtal eine helfensteinische Stadt gegründet war, wurde es in „Altengiselingen“ und sodann in „Altenstadt“ umbenannt.  

Über die Einführung des Christentums schweigt die historische Überlieferung.  Nach den archäologischen Zeugnissen, insbesondere nach der Auswertung von Grabbeigaben, muss davon ausgegangen werden, dass die Bevölkerung im 6./7. Jahrhundert allmählich mit dem Christentum vertraut wurde. Woher die Missionare gekommen waren, weiß man nicht. Um 700 war die Christianisierung zumindest äußerlich abgeschlossen; die Landbevölkerung hatte allgemein den christlichen Glauben angenommen. Es kam zur Gründung der Urkirchen und Urpfarreien. Von der kirchlichen Organisation her unterstanden sie dem Bischof in Konstanz.

 

Die Urkirche unserer Gegend stand auf dem Lindenhof in Altenstadt.  Sie war dem hl. Michael, dem Schutzpatron der Alamannen, geweiht. Der flächenmäßig große Umfang ihres Pfarrsprengels spricht für die frühe Bedeutung dieser Kirche. Zur Urpfarrei Altenstadt gehörten außer dem Pfarrort Altenstadt noch die Orte Kuchen, Stötten, Türkheim und Amstetten. Die Pfarreien der zuletzt genannten Orte verselbstständigten sich, nachdem sie von der Urpfarrei abgeteilt waren.

 

Die Pfarrei Altenstadt erscheint im Jahr 1275 erstmals in der urkundlichen Überlieferung, und zwar in einem Zehntbuch („Liber decimationis“) der Diözese Konstanz.  In ihm sind alle Pfarreien des damaligen Dekanates Süßen enthalten. Altenstadt erscheint darin noch unter der Bezeichnung „Altengiselingen“, und seine Pfarrei war die mit Abstand am besten besoldete im ganzen Dekanat. Das beweist den hohen Rang von Altenstadt als Mutterpfarrei einer weiten Umgebung. Ganze 80 Pfund Heller waren die Einkünfte des Pfarrers; sein Vikar bekam nur 20 Pfund Heller.

 

Aus dem Jahr 1508, der Zeit kurz vor der Reformation, hat sich ein Register des Bistums Konstanz erhalten, das ebenfalls genaue Einblicke in die damaligen Einkommensverhältnisse der Pfarrer des Kapitels Geislingen ermöglicht.  Es zeigt, dass die einzelnen Pfarrstellen früher sehr unterschiedlich dotiert waren. Das Einkommen eines Pfarrers beruhte in einer Zeit, in der es noch keine Kirchensteuer gab, allein auf Stiftungen der Pfarreimitglieder. Stiftungen waren ein Ausdruck frommen Sinnes der Bevölkerung. Je nachdem, in welchem Ort ein Pfarrer tätig war und wie spendenfreudig sich seine Gemeinde zeigte, saß er auf einer „fetten“ oder „mageren“ Pfründe, bezog er also ein höheres oder niedrigeres Einkommen.

 

Die Pfarrei Altenstadt schneidet bei diesem Vergleich der Pfarrbesoldung zwiespältig ab. Für eine ausreichende Lebensführung waren im ausgehenden Mittelalter etwa 40 bis 50 Gulden jährlich nötig. Mit einem Jahreseinkommen von 100 Gulden lag der Altenstädter Pfarrer weit über dem Durchschnitt innerhalb des Geislinger Kapitels. Er saß auf einer „fetten“ Pfründe, was erneut die herausragende Bedeutung der Pfarrei Altenstadt unterstreicht. 1436/38 trug der Altenstädter Kirchherr Ludwig Maurer sogar den Titel „Dekan“.  Der Kaplan, der in Altenstadt die Frühmesse las, lag dagegen mit nur 17 Gulden erheblich unter dem Durchschnitt; ebenso der Kaplan in der Siechenkapelle mit nur 23 Gulden. Sie saßen auf „mageren“ Pfründen und nagten am Hungertuch. 

Die durchschnittliche finanzielle Ausstattung der Pfründen war damals völlig unzureichend. Drei Viertel aller Geistlichen lebten damals am Rand oder unterhalb des Existenzminimums. Viele von ihnen versuchten daher, durch unerlaubte Nebentätigkeiten bis hin zum Ablasshandel ihr Einkommen zu verbessern. Die schlechte Bezahlung führte außerdem dazu, dass nur schlecht ausgebildete Geistliche bereit waren, die mageren Pfründen zu übernehmen. Eine umgekehrte Folge war, dass auf den wenigen, gut dotierten Stellen Geistliche mit Universitätsausbildung und akademischen Graden zu finden waren. Diese sozialen Missstände, verbunden mit daraus resultierenden Notständen in der Seelsorge verstärkten allgemein den Ruf nach einer Reformation. 


Einführung der Reformation

 

Die Kunde über den Thesenanschlag Martin Luthers vom 31. Oktober 1517 verbreitete sich in Windeseile und sein mutiges Auftreten im Sinne einer Erneuerung der Kirche löste in weiten Teilen des Reiches hohe Erwartungen, aber auch bange Fragen aus. In unserem Gebiet war es zuerst die Reichsstadt Ulm, in der die Schriften Luthers eifrig gelesen wurden.  Als dort allerdings 1521 die ersten Prediger erschienen, um die neue Lehre zu verkünden, wurden sie als Aufwiegler ins Gefängnis gelegt. Doch bald milderte sich die Haltung des Rates. 1524 wurde als evangelischer Prediger Konrad Sam aus Rottenacker angestellt; er war ein Freund des Schweizer Reformators Ulrich Zwingli. Um das Kirchenwesen zu verändern, ging der Ulmer Rat äußerst vorsichtig zu Werk. Die Reformation wurde in der Reichsstadt nicht durch einen obrigkeitlichen Akt eingeführt, sondern kam auf demokratischem Wege zu Stande. Die gesamte Bürgerschaft war am 3./4. November 1530 zur Abstimmung aufgerufen. Bei dieser denkwürdigen Befragung entschieden sich sieben Achtel der Bevölkerung für die evangelische Sache. Angesichts dieser breiten Mehrheit sah sich der Ulmer Rat gezwungen, die Reformation durchzuführen. Er bestellte dazu 1531 die berühmten Prediger Martin Butzer von Straßburg, Johann Ökolampad von Basel und Ambrosius Blarer von Konstanz. Es waren Theologen, die weniger im Sinne Martin Luthers dachten, sondern der Lehrmeinung Ulrich Zwinglis folgten. 

Es war unausbleiblich, dass der reformatorische Brandherd in Ulm auch einen Funkenflug nach Geislingen und in die Gemeinden des Ulmer Landes bewirkte.  Der Geislinger Pfarrer Dr. Georg Osswald sah sich im Frühjahr 1526 veranlasst, gegen die evangelische Bewegung vorzugehen. Es war ihm bekannt geworden, dass auch in Geislingen schon Leute das Neue Testament besitzen und lesen. Von der Kanzel aus schalt er den Ulmer Prediger Konrad Sam einen Ketzer und behauptete, in Ulm lebe man „türkisch, viehisch und teuflisch“. Daraufhin wurde Osswald vor den Ulmer Rat geladen, der ihm sein höchstes Missfallen ausdrückte und ihn vor weiteren Schmähungen warnte. Doch der kampfbereite Pfarrer ließ sich davon nicht beirren und wetterte auf der Kanzel der Geislinger Stadtkirche weiterhin leidenschaftlich gegen die neue Lehre. Es half freilich wenig. Ulm setzte schon 1527 in Geislingen einen evangelischen Prädikanten ein; es war Paulus Beck aus Munderkingen, der zunächst in der dortigen Spitalkirche (ehemals am Wilhelmsplatz) predigte.

 

Auch im Ulmer Land sah der Ulmer Rat von einer zwangsweisen Durchführung der Reformation ab. Es wurde beschlossen, sämtliche Untertanen in ihre Amtsorte zu laden, dort drei Tage hintereinander durch einen Prediger aufklären und für die neue Sache gewinnen zu lassen. Man ging davon aus, dass sich die Abschaffung der Messe und die Beseitigung der Bilder aus den Kirchen leichter durchführen lasse, wenn eine entsprechende Belehrung des Volkes vorausgegangen wäre. 

 

Diese Predigtaktion wurde am Pfingstsonntag (28. Mai) 1531 begonnen. Gepredigt wurde u. a. in Geislingen und Gingen. Die Aktion geschah ohne jegliche Vorbereitung und wurde geradezu überstürzt. Sämtliche Untertanen im Ulmer Land wurden am Samstag vor Pfingsten zusammengeläutet. Man befahl ihnen, mit all ihren Weibern, Kindern und Dienstboten schon am nächsten Tag (Pfingstsonntag) in aller Morgenfrühe um 7 Uhr in den Kirchen der gebotenen Amtsorte zu erscheinen, um dort eine Ratsbotschaft entgegenzunehmen. Die Altenstädter Bevölkerung war zur Unterweisung nach Gingen befohlen.

Nachdem die Bevölkerung über die neue Lehre und die kirchlichen Veränderungen unterrichtet war, leitete man in Ulm die systematische Auseinandersetzung mit der Geistlichkeit ein. Zu diesem Zweck hatte eine Kommission 18 Artikel aufgestellt, die man das Ulmer Glaubensbekenntnis nennen kann und deren Formulierung den Geist Zwinglis spiegelte. Der Ulmer Rat bestellte die Pfarrer der Landgemeinden auf 7. Juni 1531 zu einer Versammlung nach Ulm, in der ihnen diese Artikel zur Stellungnahme vorgehalten wurden.  Als dann die Pfarrer über ihre persönliche Haltung zu der neuen Lehre vernommen wurden, stellte sich heraus, dass sich von 67 Pfarrern nur 22 als Anhänger der neuen Richtung bekannten. Offenbar war es dem hartnäckigsten Gegner der Reformation in unserer Gegend, dem Geislinger Pfarrer Dr. Osswald, gelungen, viele Pfarrer seines Kapitels gegen die Neuerungen aufzubringen.

 

Bei der Vernehmung seiner Pfarrer zeigte sich der Ulmer Rat wenig nachsichtig. Wer die Neuerungen ablehnte und sich weiterhin zur alten Lehre bekannte, wurde kurzerhand entlassen.  Die anderen Pfarrer wurden nicht ohne Prüfung des Einzelfalles in den Kirchendienst übernommen. Vielmehr hielt sich der Rat an eine Auslese der Tüchtigsten und Zuverlässigsten und lud sie zu einer zweiten Prüfung nach Ulm. Das Ergebnis war, dass die Mehrzahl der bisherigen Geistlichen im Raum Geislingen als unbrauchbar abgelehnt wurden.

Aus Altenstadt waren Pfarrer Magister Hans Ruß und sein Frühmesser Ludwig Krapf ins Ulmer Rathaus zitiert.  Beide zeigten sich von Anfang an aufgeschlossen für die Reformation und erklärten bei ihrer Vernehmung, sie hielten die Ulmer Artikel für christlich. Beide legten den geforderten Eid auf das veränderte Kirchenwesen ab und durften daher in ihrer Gemeinde bleiben. Hans Ruß war also der letzte katholische und zugleich erste evangelische Pfarrer in Altenstadt. Über sein Verbleiben beschloss der Ulmer Rat: „Ist zu dulden, in [der] Hoffnung, er werde Gottes Wort fleißiger als bisher obliegen“. Weiter erging die Weisung, er soll „sich aber ehrlich den Artikeln gemäß halten und seine Dirne [Haushälterin] ehelichen.“ Ein Freund der Ehe scheint der gute Mann nicht gewesen zu sein, denn einige Wochen später wird über ihn berichtet: „Der Pfarrer zu Altenstadt hat seine Kellnerin noch immer zum Ärgernis bei sich und will sie nicht zur Kirche führen.“

 

Starke altgläubige Kräfte, vor allem der kämpferische Pfarrer der Geislinger Stadtkirche mit der Mehrzahl seiner Mitbrüder suchten die religiöse Neuordnung zu hintertreiben, ein Grund, dass sich die Reformation in unserer Gegend nicht sofort, sondern erst nach Ablauf mehrerer Jahre durchsetzte. Die evangelischen Prediger klagten, in den Gemeinden nähmen die Laster zu und die Frömmigkeit ab. Die heftigen konfessionellen Streitigkeiten verunsicherten die einfachen Leute. In ihren Köpfen lebte noch lange altkirchliches Glaubensgut fort; viele liefen nach wie vor der „Götzerei“ nach und allenthalben blühte der Aberglaube.

Der Besuch der evangelischen Gottesdienste ließ anfangs sehr zu wünschen übrig.  Viele aus Altenstadt, die am alten Glauben festhalten wollten, besuchten noch lange die katholischen Gottesdienste in Eybach. Dieser Ort gehörte nicht zum Ulmer Herrschaftsgebiet, sondern teils dem Stift Ellwangen, teils den Grafen von Degenfeld, die erst 1607 in dem ihnen gehörigen Teil des Orts die Reformation einführten. So war Eybach der nächstgelegene Ort, wo noch katholische Messen gelesen wurden. Viele trugen ihre Kinder nach Eybach zur Taufe, ließen dort noch Wachs und Palmen weihen.

 

Auch der Bilderkult blühte noch lange Zeit nach.  Auf der ersten Synode von 1532 war die Rede von Abgötterei, weil aus der Altenstädter Kirche die „Götzen“ (Bilder) noch nicht weggeschafft seien. Außerdem hatten etliche Weiber aus Altenstadt berichtet, ein Marienbild habe sich aufgerichtet, geredet und angezeigt, der Heiland sei so sehr erzürnt über die neue Lehre, die jetzt überall überhand nehme und er diese nicht länger dulden wolle. Schon innerhalb von zwölf Tagen habe dann das „Geläuf“ angefangen, dass schon 150 Menschen das Bild besucht hätten. Der Ulmer Rat ließ sofort die Kirche schließen und stellte die Frage, was daraus wohl für ein Götzenspiel geworden wäre, wenn man dem Teufel nicht gewehrt hätte. Auch in Geislingen stifteten alte Frauen seltsame Wunderzeichen, dass man zur Nacht die hl. Maria sehe, wie sie in einem weißen Mantel um die Stadtkirche gehe. Auch würden Engel in den Lüften gesehen, die Hostien trugen.

 

Noch 1557/67 brachte der Altenstädter Pfarrer vor, dass ein Marienbild und eine Sebastiansfigur noch in der Kirche stehen und bisweilen mit Kränzlein verehrt werden. Darauf erhielt der Amtmann die Anweisung, beide Bilder nachts durch den Mesner beseitigen und an einem unzugänglichen Ort verwahren zu lassen. Selbst noch 1592 musste man die „Abgötterei“ bei den „4 Linden unseres Herrgotts Ruh“ (wohl auf dem Lindenhof) verbieten. Selbst der Friedhof musste dort geschlossen werden, damit das Ärgernis mit dem Weihwasser vermieden bleibe.  

 

Überhaupt fand die Altenstädter Bevölkerung bei den Kirchenvisitationen keine gute Beurteilung.  Die Gemeinde gehe „unfleißig zu Kirch und Nachtmahl“ und unterlasse das Almosen. Statt ein gottseliges Leben zu führen, gingen die Leute allerhand Lastern nach. Um die Zeit der Predigt saßen viele auf dem Kirchhof oder waren gar im Wirtshaus beim Wein zu treffen; der Amtmann erklärte dazu, man habe ihn zwar angewiesen, gegen den Unfug einzuschreiten, aber „nit zu strafen, weil es am Umgeld [Steuer] abgehe“. Doch er musste sich vorwerfen lassen, er zeche, spiele und trinke selbst mit „über die Glocken“ hinaus und halte nicht fleißig die Gebote. Die Pfarrer klagten über Gotteslästerei, Fluchen und Völlerei, das Trinken gehe bis in die Nacht. In Altenstadt herrsche eine schlechte Kinderzucht; der Ungehorsam der Kinder gegen ihre Eltern, die sie ins Gesicht hinein dutzen dürfen, nehme immer zu. Die Jugend stelle sich so frech, wild und rasend an und verursache hier die größten Krawalle. Beklagt wurde, dass die jungen Leute miteinander in den Kammern und im Bett buhlen, und zwar mit Wissen ihrer gottlosen Eltern, die sie noch entschuldigen und sagen, es sei ein alter Brauch, und „so zwei einander genommen haben, liegen sie gleich zusammen, ehe sie Hochzeit haben“. Hartnäckig hielten sich einige Zwinglianer, die sich durch rohes Gespött über die lutherische Lehre vom Abendmahl und seine Feier missliebig machten. Noch 1584 wies der Ulmer Rat den Anwalt von Altenstadt aus dem Ulmer Gebiet aus, weil er trotz aller Warnung nicht nur auf seinem zwinglischen Irrtum verharrte, sondern sich auch noch unterstand, andere Leute zu verführen. Aber nicht nur die Altenstädter wurden damals von ihren Pfarrern so schlecht eingestuft. Die Geislinger kamen noch viel übler weg: Es gebe nirgends eine so verfluchte, gotteslästerliche und teuflische Gemeinde wie in Geislingen.

Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 schuf klare Fronten. Wer die politische Herrschaft über ein Gebiet besitzt, soll auch die konfessionelle Zugehörigkeit seiner Untertanen bestimmen dürfen. Im gesamten Ulmer Land galt nun allein der evangelische Glaube, und zwar lutherischer Prägung. Die Ulmer Reformation hatte inzwischen ihre oberdeutschen Züge (Zwingli) ganz aufgegeben und sich vollständig dem Luthertum angeschlossen.

Im kirchlichen Leben der Gemeinden nahm der Gottesdienst einen breiten Raum ein.  Am Sonntag fanden zwei Predigtgottesdienste statt, am Vormittag der Hauptgottesdienst, am Nachmittag ein weiterer mit Predigt über den Katechismus.

Anschließend wurden die Kinder und Jugendlichen abgefragt. An Wochentagen waren täglich Gottesdienste, für Donnerstag war zusätzlich eine Predigt vorgeschrieben. Die täglichen Gottesdienste hatte es schon vor der Reformation gegeben; diese Praxis entsprach der Gewohnheit der Gläubigen. Die Zahl der Abendmahlsfeiern wurde jetzt auf die kirchlichen Hauptfeste (Ostern, Pfingsten, Michaelis, Weihnachten) begrenzt. Neu eingeführt wurde der Gemeindegesang mit deutschen Texten. Die Predigt wurde stark aufgewertet. sie durfte nicht mehr als eine Stunde dauern. Ihre zeitliche Dauer wurde in der Regel auf einer Sanduhr abgelesen. Der Besuch des Gottesdienstes war für jedes Gemeindemitglied Pflicht. Die weltliche Obrigkeit sorgte für die Einhaltung. Dazu waren in jedem Dorf zwei Kirchenaufseher bestellt, die kontrollierten, ob jemand fehlte. Versäumnisse wurden vom Amtmann, später vom Kirchenkonvent bestraft.

 

Eine wichtige Änderung kam 1811: die Einführung der Konfirmation. Diese Neuerung hing mit der Eingliederung des Ulmer Landes nach Württemberg zusammen. Bis dahin genügte den Ulmern die Katechismuslehre, die Kinderlehre und der Religionsunterricht in der Schule zur religiösen Unterweisung der heranwachsenden Jugend. In Württemberg war dagegen die Konfirmation schon fast 100 Jahre zuvor unter dem Einfluss von Pietismus und Aufklärung eingeführt worden. Das Anliegen des Pietismus war, das Sprechen des Katechismus als reine Belehrung sollte durch persönliche Überzeugung und Bekehrung abgelöst werden. Die Aufklärung verband mit der Konfirmation das Anliegen, die Konfirmanden zu selbstständig urteilenden und lebenstüchtigen Christen heranzubilden.

 
Schule

 

Mit der Geschichte der Kirchengemeinde hängt auch das Schulwesen zusammen. Ein dringendes Anliegen der Reformatoren war, den Gläubigen die Bibel in die Hand zu legen. Das setzte allerdings voraus, dass die Leute lesen und schreiben konnten, was damals vor allem auf dem flachen Land keineswegs selbstverständlich war. So hatte die Reformation den entscheidenden Anstoß für den Aufbau von Volksschulen gegeben.

Der Altenstädter Kaplan Ludwig Krapf hatte sich zunächst für die reformatorische Lehre entschieden, revidierte aber bald seinen Entschluss und wollte „beim alten Wesen bleiben“.  Ulm reagierte prompt, entzog ihm seine Frühmesspfründe und schuf mit deren Einkünften die Stelle eines Schulmeisters. Als erster Lehrer wurde Gregor Seibold bestellt, ein ehemaliger Mönch des Klosters Anhausen an der Brenz. Bei der Kirchenvisitation von 1535 erhielt er ein günstiges Zeugnis; er „halte sich wohl, nur meinen einige, er schlage die Kinder zu sehr“. Kein Wunder, dass er zugeben musste, er habe nur vier Schüler zu unterrichten. Der Unterricht fand lange Zeit in der Wohnung des Lehrers statt; unterrichtet wurde einklassig. Noch 1816 gab es in Altenstadt erst zwei Lehrer, einen ständigen und einen Provisor, und erst seit 1872 gab es ein eigenes Schulhaus (in der Gutenbergstraße).
 

Pfarreivermögen

 

Von der Pfründe, den Einkünften des Pfarrers, unterschied sich das Kirchengut. Es konnte in den einzelnen Gemeinden recht unterschiedlich bemessen sein und beruhte zum größten Teil ebenfalls auf Stiftungen. Das Kirchengut bildete die wirtschaftliche Ausstattung zum Unterhalt der Kirche und wurde als das besondere Eigentum des Kirchenheiligen betrachtet, kurz „der Heilige“ genannt. Die Verwaltung des „Heiligen“ besorgten die Heiligenpfleger, die über Einnahmen und Ausgaben gewissenhaft Rechnung ablegen mussten. Auf Markung Altenstadt besaß die Pfarrei 75 Äcker. Ein großer Teil davon lag an der Oberböhringer Straße; damit erklärt sich der Flurname „Heiligenäcker“. Die Hauptgüter der Pfarrei Altenstadt lagen allerdings in Amstetten. Sie umfassten dort fünf Bauernhöfe (1 Hube und 4 Selden) samt Äckern, Wiesen und Waldanteilen. Auch diese Besitztümer gingen auf Schenkungen in mittelalterlicher Zeit zurück, wobei die Namen der Stifter unbekannt sind.
 

Kirchen in Altenstadt

 

Entsprechend der Bedeutung seiner Pfarrei und dem ausgeprägten religiösen Sinn der Bevölkerung besaß Altenstadt am Ende des Mittelalters vier Kirchen:


Michaelskirche auf dem Lindenhof

 

Vom Lindenhofhügel aus mit seiner markanten Spornlage oberhalb dem Filsknie beherrschte eine bedeutsame Kirchenanlage die Talaue.  Ihre topographisch auffällige Lage, ihre historisch hohe Bedeutung und ihr Michaels-Patrozinium lassen den Schluss zu, dass diese älteste Kultstätte in die Zeit der Christianisierung zurück reichen muss; denn der Erzengel Michael war der Patron der Alamannen. Sein Kult als Überwinder des Satans mag dort an die Stelle eines alamannischen Heiligtums getreten sein. Die Michaelskirche war die Urkirche und jahrhundertelang der geistliche Mittelpunkt eines weiten Umkreises.

 

Wie sah diese Kirche aus? Es sind keinerlei historische Bilder erhalten, so dass man bei einer Rekonstruktion ausschließlich auf die Befunde archäologischer Grabungen angewiesen ist. Der Umbau des Kinderheimes Lindenhof 1960 bot die Gelegenheit, die Fundamente dieser Kirche zusammen mit ansehnlichen Bauresten zu entdecken.

 

Die Michaelskirche war eine ausgesprochene Wehrkirche. Um die Kirchenanlage legte sich ein starker Mauerring mit Türmen. Auch diese Fundamente ließen sich durch Grabungen nachweisen. Die am Fuß des Lindenhofhügels auf drei Seiten zum Teil noch erhaltenen Stützmauern geben heute noch einen Eindruck vom einstigen Charakter der wehrhaften Anlage.

 

Ihrem Bautypus nach war die Kirche eine romanische dreischiffige Pfeilerbasilika mit einem östlichen Querhaus. Die Seitenschiffe waren so angeordnet, dass sie sich hinter den Querarmen als Nebenchöre fortsetzten und wie der Hauptchor mit je einer halbrunden Apsis schlossen. Diese drei Apsiden sind archäologisch gesichert. Auf der Westseite war vor dem Mittelschiff ein mächtiger Turm mit quadratischem Grundriss angelegt, der einen massig-schweren Eindruck machte. 

 

Durch das Hauptportal an der Frontseite des Westturmes gelangte man zunächst in eine quadratische Vorhalle. Das innere Portal leitete in das basilikale Langhaus von drei Jochen im ungebundenen System. Die Bauformen der aus Tuff- und Braunjurasteinen bestehenden Pfeilerarkaden waren durchweg sehr karg, ebenso die Hochwände. Die Kirche trug durchweg eine flache Holzdecke, war also nicht gewölbt. Vor der quadratischen Vierung leiteten Stufen zum Chor hinauf. Darunter lag eine einfach gestaltete Krypta.

Die Länge der Kirche ohne Vorhalle betrug 25 m, die Weite ohne Querarme 13 m, die Höhe vermutlich kaum über 10 m. Das Raumbild wirkte streng. Den Grundriss beherrschte die Geometrie. Den mittelalterlichen Baumeistern war der heute übliche freie Entwurf unbekannt; Bauten wurden nach geometrischen Formen und Maßverhältnissen bemessen. Im Grundriss entdecken wir Proportionen, denen das gleichseitige Dreieck zu Grunde lag, das Symbol der göttlichen Dreifaltigkeit und der Vollkommenheit. Die Bauzeit der Michaelskirche lässt sich nach den Formen in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts legen. Es war die Zeit des Aufstiegs und der ersten Blüte der Helfensteiner Grafen, die um 1100 ihre Burg bauten.

 

Im Gefolge der Reformation wurde das religiöse Leben einer Gemeinde bewusst konzentriert, Sonderkulte wurden abgeschafft. Viele Kirchen, Kapellen und andere Andachtsorte wurden beseitigt oder anderweitig verwendet. So wurde 1582 auch die Michaelskirche – sie war eine beliebte Wallfahrtskirche – teilweise abgebrochen und in ein Pfarrhaus umgebaut. Von 1822 bis 1880 diente das Gebäude als Forsthaus und danach als Gasthaus. Seit 1946 beherbergten die alten Mauern ein Kinderheim. Seit dem Umbau von 1960 ist zumindest äußerlich der Eindruck verwischt, dass in diesem Gebäude ein gewaltiger basilikaler Torso steckt.


Martinskirche

 

Auch bei der Martinskirche handelt es sich um eine sehr frühe Gründung, wie sich aus ihrer Lage und ihrem Patrozinium erschließen lässt.  Sie steht auf den Ruinen einer römischen Villa und auf Gelände, das zum Altenstädter Meierhof gehörte, dem Hagmeyerhof. Sie war dem hl. Bischof Martin von Tours, dem Patron der Franken, geweiht. Leider ist uns von der alten Anlage nur wenig erhalten geblieben. Die heutige Martinskirche ist wohl die vierte Kirche an dieser Stelle. Wie die ursprüngliche Martinskapelle ausgesehen hat, wissen wir nicht. Im 13. Jahrhundert wurde die Kapelle neu erbaut und wohl auch vergrößert. Sie enthielt u. a. einen Marienaltar (1410 erwähnt). Nach der Reformation wurde diese Kapelle 1582 anstelle der Michaelsbasilika zur Pfarrkirche von Altenstadt erhoben. Dieses Bauwerk fiel dem Dreißigjährigen Krieg zum Opfer.

Im September 1634, nach der Schlacht bei Nördlingen, kam ein Trupp kaiserlicher Reiter nach Altenstadt. Ulmischer Vogt in Geislingen war damals Johann Reinhard Kröll von Dambach, der in den Jahren 1627 und 1628 Kapitän und Oberst der Garnison in Ulm war und als solcher mit seinen Soldaten die Bevölkerung überall vor den „Plackereien der feindlichen Marodeurs“ zu schützen suchte. Er hielt die nach Altenstadt gekommenen kaiserlichen Reiter für Streifbanden, die, wenn man ihnen den nötigen Ernst zeigte, alsbald verschwinden würden. So ließ er mit den Glocken Sturm läuten. Alles strömte zusammen, ein Handgemenge entstand, ein Soldat wurde getötet. Da ergriffen die anderen die Flucht mit der Drohung, sie wollten „den Glocken schon den Ton geben“. Nach kurzer Zeit kehrten sie in vermehrter Zahl zurück und hausten in grausamer Weise: Sie raubten, mordeten und zündeten die Kirche an, die bis auf den Grund niederbrannte.

 

Pfarrer und Gemeinde standen nun vor der Frage einer Notkirche. Ganz in der Nähe der abgebrannten Kirche stand eine kleine Kapelle, die so genannte „Kapelle des Spitzenbergers“. Bis Weihnachten 1634 wurde diese Kapelle für den kirchlichen Gebrauch instandgesetzt und erhielt deshalb den weiteren Namen „Kripplein Christi“. Es war freilich nur ein Notbehelf. Doch vor Kriegsende war ein Neubau undenkbar. Ein Teil der Gemeinde schien sich mit dem Notbehelf auch bereits abgefunden zu haben, denn es bedurfte nicht nur des immer wiederholten Drängens der Pfarrer, sondern sogar des Eingreifens der geistlichen und weltlichen Behörden in Ulm, bis am 10. Mai 1659 der Grundstein für eine neue Kirche gelegt werden konnte. Die Bauarbeiten nahmen über zwei Jahre in Anspruch. Am 4. August 1661 konnte die Kirche durch den Geislinger Pfarrer Magister David Stromayer eingeweiht werden.

 

Die neue Kirche war einschiffig. Langhaus und Chorraum trugen flache Holzdecken. Der Chorraum befand sich im Untergeschoss des Turmes, hatte gotische Maßwerkfenster und öffnete sich in einem spitzen Bogen gegen das Langhaus. Altar und Orgelempore befanden sich im Chorraum, der Taufstein stand vor dem Chorbogen. Schönster Schmuck der Kirche war die 1660 vollendete Kanzel mit ihrem Reichtum an holzgeschnitzten Figuren von Schreinermeister Martin Häberle in Geislingen. Der quadratische Turm ging in einen niedrigen, achteckigen steinernen Stock mit barock-gekuppelten Rundbogenfenstern über und war von einer achteckigen Haube bedeckt. Um die Kirche lag bis 1841 der Friedhof.

 

Der Wiederaufbau der Martinskirche von 1659/61 berücksichtigte den Raumbedarf der damaligen Dorfbevölkerung, die der Dreißigjährige Krieg durch Hunger und Pest stark dezimiert hatte. Erst als die Bevölkerungszahlen im Zeitalter der Industrialisierung erheblich zunahmen, erwies sich die Kirche als zu klein und verursachte 1904 den heutigen Neubau. Über die Einzelheiten dazu wird Herr Pfarrer Wiborg anschließend berichten. An die mittelalterliche Kirchenanlage erinnert heute nur noch der Unterbau des Turmes, der den ehemaligen Altarraum umschloss.


Kapelle des Spitzenbergers

 

Dieses Kirchlein muss wohl bereits im Hochmittelalter von einem Angehörigen der Herren von Spitzenberg, die ihre Stammburg hoch über Kuchen hatten, gestiftet worden sein („aedicula Spitzenbergeri“).  Seine genaue Lage ist nicht bekannt. Es soll aber auf dem Friedhof bei der Martinskirche „um und uff der Kirchmaur“ gestanden haben. In dieser Kapelle wurde noch von 1634 bis 1661 Gottesdienst gehalten, als die Martinskirche nach der Schlacht bei Nördlingen von den kaiserlichen Truppen niedergebrannt worden war. Noch 1699 wurde darin viermal jährlich gepredigt. Die Spitzenberger Kapelle wurde 1753 als baufällig abgebrochen.


Siechenkapelle

 

Diese noch bestehende Kapelle bei der Filsbrücke in Richtung Kuchen ist der Rest der alten Siechenhausanlage, die sich seit dem 14. Jahrhundert und noch bis Ende des 18. Jahrhunderts im Gewann Espan unterhalb von Altenstadt befand.  Das Siechenhaus (siech = schwach, krank) beherbergte vor allem Aussätzige, die dort verpflegt und kirchlich versorgt wurden. Die hohe Ansteckungsgefahr und der große Abscheu vor diesen Kranken erklären es, dass diese Anlage außerhalb des alten Wohnbezirkes liegen musste. Die Kapelle stammt aus dem Jahr 1496. Nicht mehr erhalten ist das kleine Türmlein sowie der einstige Chorraum, der noch 1766 einen Altar mit Kreuz und Bildnis Christi enthielt. Außerdem trugen die Wände spätgotische Fresken. Das Siechenhaus selbst wurde 1811 abgebrochen.

 

Zur Siechenverwaltung gehörte eine Kaplanei. Der einzige uns bekannte Geistliche war Johannes Zollmayer.  Er erscheint 1532 in den Ulmer Reformationsakten als „Kaplan zu Altenstadt bei den guten Leuten“. Er bat damals, ihm statt des Zehnten, den er krankheitshalber nicht einsammeln könne, eine bestimmte Summe Geldes zu geben, auch seiner Magd, die bisher redlich bei ihm ausgehalten und das Ihrige zugesetzt habe, 6 Gulden zu geben. Er sei seit neun Jahren bresthaft, die Nase sei ihm weggefault, auch der Rachen, deswegen er nimmer reden könne, er habe ein sehr böses Gehör, es gehe ihm ein Fluss aus dem Mund heraus, die Sohlen an den Füßen seien ihm auch abgefault, er sei krumm und lahm, könne weder gehen noch stehen, man müsse ihn heben und legen. Der Kaplan litt selbst an der Lepra. Er kam darauf ins Ulmer Siechenhaus, wo er absterben durfte.


Pfarrhäuser

 

Das älteste Altenstädter Pfarrhaus befand sich auf dem Lindenhof, unmittelbar westlich der Michaelskirche.  Dort wurden bei Bauarbeiten die Grundmauern samt Keller freigelegt. Als 1582 die bisherige Martinskapelle zur Pfarrkirche erhoben war, wurde die alte Michaelskirche zu einem Pfarrhaus umgebaut und blieb es bis 1822. Damals kam es zum Tausch: Der Lindenhof wurde zum Forsthaus und das bisherige Forsthaus, unmittelbar unterhalb der Martinskirche gelegen, ein ehemaliges Bauernhaus (1786 erbaut), wurde zum Pfarrhaus bestimmt.

 

Damit bin ich am Ende meiner Ausführungen angelangt. Nachdem Sie von Ihren frühen Pfarrern so schlecht beurteilt wurden, darf ich Ihnen zum Schluss den sanften Trost zusprechen: Professor Stälin, der viel zitierte Verfasser der Geislinger Oberamtsbeschreibung von 1842, hat die Altenstädter kurz, aber trefflich charakterisiert, indem er schreibt: „Die Einwohner sind rührige, fleißige Leute.“


Karlheinz Bauer