Der Geislinger Abendmahlsstreit

Von Karlheinz Bauer

 

Nachdem die Grafen von Helfenstein gezwungen waren, den Großteil ihrer Herrschaft an die benachbarte Reichsstadt Ulm zu verkaufen, gehörte Geislingen von 1396 bis 1803 als Mittelpunkt der "Unteren Herrschaft" zum Ulmer Land. Mehr als vier Jahrhunderte wurden die Geschicke der Stadt durch Ulm bestimmt und von dort aus mit fester Hand geleitet. An der Spitze des Staatswesens stand der Rat oder Magistrat der Reichsstadt Ulm; er übte die Landeshoheit aus. Dem Ulmer Rat stand die freie unumschränkte Macht zu. Wie der römische Senat zur Zeit der Republik, so gebot der Ulmer Rat über die Untertanen seines weiten Territoriums.

 

Lange Zeit behielt sich der Ulmer Rat alle Angelegenheiten der Verwaltung seiner Städte und Dörfer vor. Als er jedoch den wachsenden Arbeitsanfall kaum noch bewältigen konnte, wurde das Herrschaftspflegamt geschaffen, das von Patriziern besetzt war und den Magistrat in der Verwaltung des Landes vertrat. Ihm unterstand eine Hierarchie von Beamten, die von der Obrigkeit in Ulm eingesetzt wurden und in den Städtchen und Dörfern dafür zu sorgen hatten, dass im Ulmer Land stets die zielstrebige, zentrale, manchmal allzu harte Hand der Reichsstadt spürbar blieb.

 

In der Stadt Geislingen saßen seit 1651 vier herrschaftliche Beamte: der Obervogt, der Visierer, der Kornschreiber und der Zoller. Der Obervogt stand als Vertreter des Ulmer Rates an der Spitze der Stadtverwaltung; er entstammte den renommierten Ulmer Patrizierfamilien; sein Amtssitz war das "Pflegerhaus" (Schubartstraße 13). Der Visierer (auch Umgelder oder Oberamtsgegenschreiber genannt) war mit der Finanzverwaltung betraut; sein Amtssitz war das ehemalige Helfensteinische Stadtschloss (Schlossgasse 7). Dem Kornschreiber oblag der Einzug der Abgaben aus dem Gebiet der "Unteren Herrschaft", die damals meist in Naturalien (vor allem in Getreide) geleistet wurden; sein Amtssitz befand sich im heutigen Gasthaus "Zum Kornschreiber" (Moltkestraße 7), gegenüber dem Alten Bau. Der Zoller besorgte schließlich den Einzug der Zollabgaben, den die Passanten der Geislinger Steige zu entrichten hatten; sein Amtssitz war der Alte Zoll (Hauptstraße 24).

 

Das Haus des Kornschreibers in Geislingen

Neben diesen Ulmer Beamten, welche im Städtchen die hohe Obrigkeit repräsentierten, gab es noch eine Reihe von Geislinger Dienstleuten, die unter der Aufsicht des Obervogtes spezielle örtliche Verwaltungsaufgaben wahrnahmen. Hier sind vor allem die drei Bürgermeister und der Stadtschreiber zu nennen. Die Bürgermeister hatten verwaltende Funktionen (aus Kontrollgründen waren immer drei gleichzeitig bestellt), während der Stadtschreiber den gesamten Schriftverkehr erledigte. Die städtischen Bediensteten kamen ihren Aufgaben meist in ihren privaten Wohnungen nach, ehe ein eigener Kanzleibetrieb im Alten Rathaus (Hauptstraße 19) eingerichtet wurde.

 

Insgesamt gesehen waren sowohl die Ulmer Herrschaftsämter als auch die Geislinger Gemeindedienste in eine strenge Hierarchie eingebettet. Die hierarchische Ordnung regelte nicht nur die Kompetenzen der Amtsträger im Tagesgeschehen, sondern spiegelte auch den Grad ihrer jeweiligen Wertschätzung im öffentlichen Ansehen. Dabei strahlte die gesellschaftliche Geltung dieser Herren auch auf deren andere Ehehälften aus, zumal sich der Rang der Frauen früher ausschließlich nach Beruf und Vermögen ihrer Ehemänner definierte.

 

Im Jahr 1782 brach in Geislingen ein Rangstreit aus, der die damals herrschende kleinbürgerliche Enge, die schon den Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart gestört hatte, trefflich spiegelt. Schon seit geraumer Zeit fühlten sich die Kornschreiber bei öffentlichen Veranstaltungen durch die Bürgermeister und deren Frauen sowie die Witwen früherer Bürgermeister zurückgesetzt. Es wurmte den Kornschreibern samt ihren Frauen, dass diese Rivalen und Rivalinnen sichtlich darauf bedacht waren, bei festlichen Gelegenheiten immer die besseren Plätze einzunehmen, um damit einen höheren Rang zu dokumentieren. Die Kornschreiber vertraten die Ansicht, dass sie als herrschaftliche Beamte der Reichsstadt Ulm über die Geislinger Amtsträger gesetzt seien. Peinlich war, dass der schwelende Streit der Kampfhähne ausgerechnet in der Stadtkirche zum Eklat führen musste.

Seit alters war es in der Geislinger Stadtkirche Tradition, dass die Austeilung des Heiligen Abendmahls nach einer strengen Regelung vollzogen wurde. Dabei spielte die gesellschaftliche Hierarchie, die im Städtchen herrschte, eine ausschlaggebende Rolle. Bestimmte Persönlichkeiten bestanden auf dem Privileg, entsprechend ihrem Stand und Ansehen das Abendmahl als Erste zu empfangen, bevor das gemeine Volk an den Altar trat. So hatte sich folgende Rangfolge herausgebildet, nach der das Abendmahl zu reichen war: 1. die Geistlichen, 2. der Obervogt, 3. der Stadtarzt, 4. der Visierer, 5. die drei Bürgermeister, 6. der Stadtschreiber, 7. die Kornschreiber, 8. die Bürgerschaft.

 

Es ist leicht verständlich, dass eine solch fest gefügte "Ordnung" zuweilen die menschliche Eitelkeit herausforderte. So geschah es, dass am 1. Adventssonntag 1782 der Kornschreiber vor den Bürgermeistern das Abendmahl nahm. Als er sah, dass die Bürgermeister ihre Bänke verließen, um vor den Altar zu treten, kam er ihnen geschickt zuvor, zumal er näher als diese beim Altar saß. Damit störte er eine uralte Ordnung und verursachte Ärgernis und Zerstreuung der Andacht bei allen übrigen Kommunikanten. Auch wenn der Kornschreiber während des Gottesdienstes näher beim Altar saß, hätte er die eingeführte Rangfolge beachten müssen. Dass er dies außer Acht ließ, konnte nur eitle Absicht gewesen sein.

 

Es kam in der Folge zum offenen Streit, der die örtlichen Kompetenzen offenbar weit überschritten hatte. Sowohl Kornschreiber als auch Bürgermeister sandten umfangreiche Klageschriften an die Herrschaft nach Ulm, in denen sie sich gegenseitig der unberechtigten Amtsanmaßung beschuldigten und sich gegen jegliche Degradierung entschieden zur Wehr setzten. Den Kornschreibern ging es darum, als ulmische Beamte über den Geislinger Bürgermeistern zu stehen, während die Bürgermeister eine Beeinträchtigung ihres Ansehens und ihrer Geltung innerhalb der Bürgerschaft fürchteten.

 

Die Ulmer Behörden reagierten rasch und untersuchten diesen Fall genau. Ein weises Urteil beendete den ärgerlichen Rangstreit. Es sollte bei der altgewohnten Ordnung verbleiben, wonach die Geislinger Bürgermeister rangmäßig über den ulmischen Kornschreibern stehen. Den Bürgermeistern sowie deren Frauen und Witwen durfte auch künftig das Abendmahl vor den Kornschreibern und deren Ehehälften gereicht werden. Dies bedeutete die Aufwertung eines städtischen Amtes nach außen, obwohl deren Inhaber weiterhin an der straffen Ulmer Leine zappelten.


Karlheinz Bauer

 

 

Quellen:

  • Bauer, Karlheinz: Geschichte der Stadt Geislingen an der Steige, Band 2: Vom Jahre 1803 bis zur Gegenwart. Geislingen o. J., S. 1 – 6.
  • Schöllkopf, Chr.: Wie ein im Jahre 1782 zwischen den Kornschreibern und den Bürgermeistern zu Geislingen ausgebrochener Rangstreit endete. In: Geschichtliche Mitteilungen von Geislingen und seiner Umgebung, Heft 3. Geislingen 1931, S. 148 – 151.