Enthüllungen aus dem Hochmittelalter - die Kirchenbau-Inschrift von Gingen an der Fils

Johanneskirche Gingen  
Von Hermann Schick

 

Was die evangelische Kirche in Gingen von allen anderen Gotteshäusern auszeichnet, ist die berühmte Bauinschrift, die älteste ihrer Art in Deutschland. Zwar befindet sich das Original der Inschrift nicht mehr an seinem ursprünglichen Platz, und die heutige Kirche ist auch nicht mehr die von damals, auf die sich der Text bezog, aber noch immer erinnert der Stein an die erste Weihe des alten Gotteshauses. Der Text lautet:

 

ANNO INC(ar)NATIONIS DOMINICAE DCCCCLXXXIIII FEBR REGNANTE DOM(i)NO OTTONE IUNIORE REGE SALEMANNUS ABBAS SPE CERTAE MERCEDIS INDUCTUS HOC ORATORIVM A FVNDAMENTIS EREXIT: ATQVE ROGATV IPSIVS A VENERABILI VIRO DOM(i)NO GEBEHARTO (consecratum).

 

Auf deutsch: Im Jahr 984 seit der Fleischwerdung des Herrn, unter der Regierung des Herrn Königs Otto des Jüngeren, hat Abt Salman in der Hoffnung auf sicheren Lohn diese Kirche von Grund auf errichtet, und auf seine Bitte ist sie von dem ehrwürdigen Manne Herrn Gebhard (geweiht worden).

Einzigartig durch Datumsangabe

 

Vor mehr als tausend Jahren also, während für den gerade vierjährigen König Otto III. dessen Mutter, die aus Byzanz stammende Kaiserinwitwe Theophanu die Regentschaft führte, wurde das auf Veranlassung des Abtes Salman errichtete Bauwerk von Bischof Gebhard von Konstanz geweiht. Damit sind gleich drei wichtige Persönlichkeiten genannt: der König, der Grundbesitzer und Bauherr und der zuständige Bischof. Was der Inschrift jedoch ihre Einzigartigkeit verleiht, ist die Datumsangabe. Zum ersten Mal wird hier bei einer Bauinschrift Bezug genommen auf die Geburt Christi als Fixpunkt, von dem aus gezählt wurde. Dieses Verfahren geht zurück auf den römischen Abt Dionysius Exiguus (etwa 497 - 545), der es seiner Berechnung des Ostertermines zugrunde gelegt hat. Genannt wird es deshalb auch die dionysische Zeitrechnung. Bis dahin hatte man bei Datumsangaben auf die Zahl der Regierungsjahre des jeweiligen Herrschers Bezug genommen. Im Falle der Gingener Kirchenweihe hätte es geheißen: "Im zweiten Jahr der Regierung des jüngeren Königs Otto". Die auf die Geburt Christi bezogene Zählweise war um das Jahr 984 noch nicht überall im Gebrauch, doch hat sie sich bald darauf im christlichen Europa vollends durchgesetzt.

 

Den Ort Gingen verschenkt

 

Angeregt wurde der Bau also durch einen Abt Salman, der nun aber nicht einem Kloster der Region wie Wiesensteig oder Ellwangen vorstand, sondern sein Kloster war das mächtige Lorsch an der Bergstraße (heute zu Hessen gehörig). Die schwäbische Grafentochter Kunigunde, die mit König Konrad I. verheiratet war, hatte diesem Kloster den Ort Gingen im Jahre 915 geschenkt. Auf diese Verbindung mit Lorsch deuten auch die Namen der Kirche: Quirinius, Basilius, Naborius und Nazarius. Diese dienten noch im 19. Jahrhundert zur Bezeichnung des "Heiligen"; gemeint war allerdings damit das Ortskirchenvermögen.

 

Vermutlich war die hölzerne Kirche baufällig geworden und wurde 984 durch einen Steinbau ersetzt. Ziel einer Stiftung, wie die Königin sie gemacht hatte, war die Stärkung des Klosters, damit die dortigen Mönche desto eher für das Seelenheil der Stifterin beten konnten. Königin Kunigunde wurde nach ihrem Tod auch in Lorsch beigesetzt. Ähnlich wie die Königin hoffte auch der Abt auf sicheren Lohn im Himmel durch den Bau einer Kirche, in der Gott angebetet werden konnte.

 

Rein räumlich lag Gingen zu dieser Zeit innerhalb des Bistums Konstanz, wogegen Lorsch zum Gebiet des Erzbistums Mainz gehörte. Für die Weihe der Kirche war deshalb der Konstanzer Bischof zuständig. Daher wird Bischof Gebhard in der Inschrift genannt. Es heißt sogar, der Abt habe den Bischof um die Weihe gebeten, was sicher auch ein Akt kluger Diplomatie war. Viele Rechte des Klosters Lorsch in der Zeit seines Niedergangs gingen auf die Erzbischöfe von Mainz über. Darum besaßen diese auch noch bis zur Reformation das Recht, den Gingener Pfarrer zu ernennen.

Berühmte Bauinschrift in der Kirche von Gingen

Sinn und Zweck der Inschrift

 

Für wen aber war die Inschrift gedacht? In Gingen konnte damals außer dem Pfarrer kaum jemand lesen und schreiben. Ob die späteren Amtsinhaber mit den historischen Namen viel anfangen konnten, muß auch bezweifelt werden. Was also war die Absicht?


Jedem Schriftkundigen (wer lesen und schreiben konnte, tat dies damals in lateinischer Sprache) wurde vor Augen geführt, wem die Kirche zu verdanken war, und der jeweilige Ortspfarrer konnte mit dem Hinweis darauf die Gemeinde zur Fürbitte für dessen Seelenheil anhalten. Auf diese Weise hatte Salman auf jeden Fall einen Nutzen. Sicher genauso wichtig war jedoch der Umstand, daß durch die Inschrift gerade angesichts der großen Entfernung niemand Zweifel hegen konnte an der Zugehörigkeit der Kirche zum Kloster Lorsch und damit an der Zuständigkeit des Klosters in allen geistlichen und zum Teil wohl auch in weltlichen Angelegenheiten.

 

So enthüllt diese einzigartige Inschrift eine ganze Menge aus dem beginnenden Hochmittelalter: wir erfahren etwas über die politische und kirchenrechtliche Situation zur Zeit des Kirchenbaus, wir erhalten einen Hinweis auf die Veränderungen in der Chronologie um jene Zeit (dionysische Zeitrechnung), und wir sehen noch heute, welche religiösen Hoffnungen mit diesem Kirchenbau verbunden waren.

 

Hermann Schick, Marbach
Studiendirektor i.R., war in den sechziger Jahren Lehrer am Helfenstein-Gymnasium in Geislingen