Konflikt um Kirchenbänke - Der Hausener Kirchenstuhlstreit von 1860

Kirchengemeinde Hausen an der Fils  
Von Dr. Michael Kannenberg

 

So mancher Konflikt vergangener Jahrhunderte erscheint uns heute nur noch merkwürdig. Wer vermag sich noch vorzustellen, daß man in früheren Zeiten um Sitzplätze in der Kirche streiten konnte? Die Kirche in Hausen an der Fils, die über 600 Jahre alt ist, hat einen solchen Streit erlebt. Er bewegte im Jahr 1860 die Gemüter in Hausen. Was war geschehen?

 

Im Jahr vorher, 1859, war die Kirche von Grund auf erneuert worden. Fenster wurden vergrößert, der Seiteneingang wurde verlegt, eine zusätzliche Seitenempore eingebaut. Durch die Umbauten waren neue Bankreihen entstanden, andere den Veränderungen zum Opfer gefallen. Ein ganz normaler Vorgang, sollte man denken. Doch er wurde zum Auslöser eines Streits, der als Hausener Kirchenstuhlstreit in die Bücher eingegangen ist.

Dorfkirche in Hausen

Auf Platzsuche

 

In der damaligen Zeit war es üblich, bestimmte Sitzplätze in der Kirche zu pachten. Heute ist es allenfalls eine Gewohnheit, sich immer an denselben Platz zu setzen. Aber noch bis in unser Jahrhundert hinein war es ein Recht, das man sich durch Pacht erwerben konnte. Mehr noch, es war durchaus üblich, daß das Pachtrecht auf bestimmte Sitze sich in der Familie vererbte.

 

Das Problem in Hausen entstand, weil zwei Brüder sich nicht einigen konnten, wer von ihnen beiden den vom Vater vererbten Sitz einnehmen durfte. Daß es den Sitz - damals sagte man Kirchenstuhl - wegen des Umbaus gar nicht mehr gab, verschärfte das Problem. Auch für den Schultheiß mußte ein neuer Platz gefunden werden. Zudem war einige Zeit unklar, ob der Gemeinderat bestimmte Plätze bekommen sollte. In den Protokollen des Pfarrgemeinderats findet sich die Bemerkung: "Bei der Zerrissenheit der Gemeinde ist auch hier Zwiespalt, so daß der Gemeinderath in seiner Gesamtheit nie zusammensitzt. Daher wird das Beste sein, ihm keine bestimmten Sitze anzuweisen."

 

Um den Streit der beiden Brüder zu schlichten, mußte der Gemeinderat dann noch gezwungen werden, seine Sitze auf der neu geschaffenen Empore einzunehmen. Der vorher für den Schultheiß vorgesehene Platz wurde wieder frei, der Bruderstreit konnte gelöst werden.

 

Wer gedacht hatte, alle Probleme seien damit aus dem Weg geräumt, sah sich bald getäuscht. Denn die Plätze auf der Empore, die man dem Gemeinderat zugewiesen hatte, waren kurz vorher schon an andere Bürger der Gemeinde für sechs Jahre verpachtet worden. Drei von ihnen weigerten sich standhaft, auf ihre frisch gepachteten Kirchenstühle zu verzichten und setzten sich sonntags trotzig genau auf diese. Sie wurden vom Kirchenkonvent mit einer Strafe von 15 Kreuzern belegt.

 

Der danach eingetretene Waffenstillstand hielt nur wenige Wochen. Es ist für uns heute nur schwer erklärbar, warum sich ein derart heftiger Streit über Sitzplätze in der Kirche entzünden konnte. Es ist offensichtlich, daß es nicht um den Nachweis von besonderer Kirchlichkeit ging. Der sonntägliche Kirchgang war damals für die meisten eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit. Nicht mehr selbstverständlich waren aber Rechte, die einzelne Gemeindeglieder für sich in Anspruch nahmen.

Sitzplatz als Eigentum?

Acht Bürger eröffneten das nächste Kapitel des Hausener Kirchenstuhlstreits.

 

Sie wandten sich am 8. September 1860 über einen Geislinger Rechtsanwalt an das Oberamt. Sie behaupteten, ihre Sitzplätze in der Kirche seien ihr Eigentum. Sie hätten sie vor längerer Zeit gekauft und könnten sie innerhalb der Familie vererben, ohne daß die Erben etwas an die Kirche zahlen müßten. Letzteres hatte der Kirchenkonvent gefordert. Der Streit zog sich über fast ein Jahr hin. Das Oberamt sah sich schließlich genötigt, durch eine grundsätzliche Erklärung den Konflikt zu schlichten.

 

Man argumentierte mit einer herzoglichen Resolution von 1640, Kirchenstühle könnten kein Eigentum sein, quia bona ecclesiae non sunt proprietaria, sed tantum usualia (weil die Kirchengüter nicht zum Eigentum, sondern nur zum Gebrauch da seien). Außerdem wurde mit einer Kirchenstuhlordnung von 1733 betont: "Wie alle bona ecclesiae immobilia extra commercio (unbewegliche Kirchengüter außerhalb des Handels) stehen sollen und es sich nicht damit marchandiren (handeln) läßt, also sind auch die Stühle der Kirche nicht zu verkaufen, wohl aber, weil sie von der Kirche zur Bequemlichkeit der Zuhörer erbaut und erhalten werden, so ist es nicht unbillig, daß von denen, die sie ruhig besitzen wollen, der Kirche Etwas zur Erkenntlichkeit dafür geweiht werde." Und dies sei um so notwendiger, als der Gemeinde durch den Umbau der Kirche einige Kosten entstanden seien.

 

Die betroffenen acht Bürger fügten sich der Entscheidung des Oberamts. In der Folge bezahlten die Familien im Erbfall einen bestimmten Betrag an die Kirchenpflege: 2 Gulden für einen Männersitz, 1 Gulden und 45 Kreuzer für einen Frauensitz.

 

Kein Anspruch mehr

 

Das letzte Mal ist in den Protokollen des Hausener Kirchengemeinderats am 19. Juli 1934 von Kirchenstühlen die Rede. Da heißt es schlicht und einfach: "Die Beiträge für die Kirchenstühle sollen nicht mehr eingezogen werden. Damit ist auch der rechtliche Anspruch auf einen besonderen Kirchenstuhl hinfällig."

Heute wissen die Bänke in der Hausener Kirche nichts mehr von dem Kirchenstuhlstreit des vergangenen Jahrhunderts. Sie freuen sich über jeden, der sich auf sie setzt!

 

Dr. Michael Kannenberg, Künzelsau
Pfarrer in Unterböhringen und Hausen 1998 - 2000