Aus den Verkündbüchern der Kirchengemeinde Kuchen

Mittels alter sogenannter Pfarrer Verkündbücher lassen sich interessante Einblicke in das Leben der evangelischen Kirchengemeinde Kuchen vor mehr als hundert Jahren tun. Auch die Auswirkungen der großen Politik spiegeln sich in diesen inoffiziellen Aufzeichnungen.

Von Ulrich Schlecht

 

Personen  und Familien daten einer Glaubensgemeinschaft sind in den Kirchenbüchern, also Tauf , Trau  und Begräbnisbüchern, verzeichnet, und die Verwaltungsgeschäfte jeder Kirchengemeinde sind in offiziellen Sitzungsprotokollen oder dienstlichen Erlassen dokumentiert. All dies ist in der Regel gut archiviert und kann bei Bedarf eingesehen und nachgelesen werden.

 

Was der Gemeinde noch zu sagen ist ...

 

Ein etwas anderes Bild ergibt sich bei der Durchsicht sogenannter Verkündbücher. Darin haben Pfarrer notiert, was am Ende der Liturgie bekanntzugeben war. Das sind zum einen die regelmäßig wiederkehrenden Angaben zum Opfer und zu den kirchlichen Veranstaltungen der kommenden Woche (1889: "Pfingstmontag wegen des Marktes schon um 7 Uhr Gottesdienst") sowie Ehe Proklamationen. Dazu werden Hinweise zum gemeindlichen Leben verkündet ("Bei guter Witterung beginnt morgen die Erntevakanz") und Sorgen des Seelsorgers vorgetragen ("Gemachte Beobachtungen legen mir nahe, die Eltern und Angehörigen aufs neue dringend zu bitten, ihre Kinder nicht nach der Abendbetglocke sich noch länger auf der Straße herumtreiben zu lassen.")

 

Aus der Zeit zwischen 1888 und 1930

 

Drei derartige Notizbücher, die von den Jahren 1888 bis 1917 und 1930 bis 1937 reichen, wurden 1975 beim Abriss des Kuchener Pfarrhauses auf dessen Speicher gefunden und von Kirchengemeinderat Konrad Eisele aufbewahrt.

 

Baumaßnahmen und ihre Finanzierung bestimmten in den 1890er Jahren die Einträge von Pfarrer Kullen. Nachdem er zwei Jahre zuvor gemeldet hatte, "Von heute in 8 Tagen wird die erkaufte Orgel eingeweiht werden", kündigte er 1892 eine Kollekte "für unsere Kirchenheizung (Kosten 450 Mark ca)" an. Drei Wochen danach heißt es: "Der Kirchengemeinderat dankt allen gütigen Gebern, und wird später die noch fehlende Summe von 100 und ungeraden Mark aufzubringen suchen, da Stiftungen hiefür nicht vorhanden sind." Und nach weiteren Spendenaufrufen "zur Tilgung der Schuld für die beiden Öfen" kann im Jahr danach festgestellt werden: "Die Gaben für unsere Kirchenheizung sind … noch so reichlich geflossen, daß unsere Schuld nun völlig gedeckt ist."
Im Zusammenhang mit einer nicht näher bezeichneten "Kirchenreparatur" im Jahr 1898 ist erstaunlicherweise nichts über die Finanzen notiert. Es wird nur der Hinweis gegeben, dass während der Baumaßnahme die Gottesdienste im Schulhaus gehalten werden, und fast fünf Monate später heißt es dann: "… dürfen wir durch Gottes Güte und der Menschen Fürsorge wiederum unser Gotteshaus einweihen."


Keine Bibelstunde weil Sr. Majestät Geburtstag hat

 

"Lasset uns den Wechsel der Jahre und der Jahrhunderte mit ernstem frommem Sinn begehen im Gefühl der Flüchtigkeit unserer Tage" lautet die Notiz zum Silvestergottesdienst 1899. Waren im Übrigen etliche Einträge des von 1888 bis 1906 amtierenden Pfarrers Kullen von Bausachen und ihrer Finanzierung bestimmt gewesen, so durfte er 1904 ankündigen, "daß die Kleinkinderschwester Philippine Braun voraussichtlich am 9. Januar bei uns eintreten kann", und drei Wochen später folgt die Mitteilung: "Die Bibelstunde fällt am Mittwoch aus, da an diesem Tage, dem Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers, feierlich die Einweihung unserer Kinderschule stattfinden wird."
Der danach aufgezogene Pfarrer Sautter rechnet gern und sehr genau: "Opfer im Sept. 58 M 5 Pf, macht auf das Gemeindeglied 3 1/7 Pf." Und er notiert, dass die zu den zehn Abendmahlsfeiern eines Jahres gekommenen Gäste exakt 53,27 Prozent der Kirchengenossen darstellen. Oder, bei der Aufzählung der im vergangenen Jahr beerdigten Personen: "Das durchschnittl. Lebensalter 29 J. 1 M. 6 ½ Tg."

 

Sangesfähige und Sangesfreudige sind gesucht

 

Sautter gibt auch den Anstoß zur Gründung eines Kirchenchores und bittet "sangesfähige und sangesfreudige Männer und ebenso Frauen und Jungfrauen zu einer Besprechung der Sache." Einige Jahre später muss festgestellt werden: "Leider fehlen im Tenor und Baß noch viele Männerstimmen; ich bitte dringend einige sangesfähige Männer dem Kirchenchor ihre Gabe zu widmen, das ist doch eine schöne und gute Sache. Die sangesfähigen Männer sollten es doch als eine Schande empfinden, wenn in einer so großen Gemeinde der Pfarrer an den Gottesdiensten auch noch im Kirchenchor mitsingen soll."

Immer wieder zeigt sich Pfarrer Sautter als wahrer Seelenhirte, der sich um das Heil vor allem der Jugend sorgt: "Es ist mir in den letzten Tagen aufgefallen, daß Kinder, Knaben und Mädchen sich noch nachts lärmend auf der Straße herumtreiben. Ich bitte die Eltern dringend, das nicht zu dulden, ich erinnere sie an ihre Verantwortung, die sie haben bezüglich ihrer Kinder an Leib und Seele! Soll denn die Zügellosigkeit auch schon bei den Kindern immer noch größer werden!" Auch müssen Andersgläubige abgewehrt werden, wenn "ein auf dringlicher Kolporteur der Adventisten, auch eine der aus dem sauberen England und Amerika eingeschleppten Sekten, unsere Gemeinde abgegrast hat. Ich bitte dringend, solchen Leuten nichts abzukaufen und wenn sie anmaßend werden, ihnen sofort die Türe zu weisen."

 

Die Politik zeigt ihre Auswirkungen

 

Wie die große Politik in die kleine Gemeinschaft der Kuchener eindrang, zeigen die Einträge nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1.8.1914. Pfarrer Sautter muss jetzt neben seinen allgemeinen Aufforderungen zu Opfergaben auch um Spenden für die "Ausmarschierten" bitten. Bereits zehn Tage nach Kriegsbeginn wurde eine erste Kriegsbetstunde abgehalten, in der aufgefordert wurde, für die Soldaten Strümpfe zu stricken und sonstige Gaben zu spenden. Bald heißt es dann: "Für das Rote Kreuz bis jetzt eingegangen: 143,50; dazu ein Topf mit Gsälz, 2 Flaschen Saft und Socken." Im September ist der erste aus der Gemeinde zu beklagen, der "den Heldentod fürs Vaterland erlitten hat" und dem bis zum Ende des Buches (20.5.1917) noch 28 weitere folgen, die vermutlich alle lieber am Leben bleiben anstatt Helden werden wollten.

Törichtes und bösartiges Geschwätz

 

Im Mai 1916 wird der Ernte gedacht und "ihrer großen Bedeutung gegenüber den Aushungerungsplänen unserer Feinde." Und energisch setzt sich Sautter zur Wehr: "Es ist mir zu Ohren gekommen, daß auch hier das Gerede geht, der Pfarrer bekomme für jede Kriegsbetstunde 10 M. Selbstverständlich ist das ein törichtes und zugleich bösartiges unwahres Geschwätz, von Leuten ersonnen, die gewohnt sind, keinen Finger für das allgemeine Beste ohne Bezahlung zu rühren. Wir Pfarrer bekommen auch für die außerordentlichen Kriegsgottesdienste keinen Deut, würden auch nichts dafür nehmen. Wer also solche Behauptungen aufstellt, ist ein Tor oder auch ein Lügner!"

Dass der Feind zur Einsicht komme ...

 

Weitere Kriegsfolge: "Kirchenchor seit 1. August (1917) Übungen eingestellt wegen Einberufung des Dirigenten." Und die Appelle an die Opferbereitschaft setzen sich fort. "Vergeßt nicht, Gold und Gold schmuck an die Reichsbank ab zugeben … Es ist eine 5. Kriegsanleihe notwendig … Es ist notwendig, daß dieselbe so gut ausfällt als die bisherigen, damit unsre Feinde sehen wir können auch wirtschaftlich den Krieg noch aushalten und müssen nicht einen faulen Frieden schließen. Vielleicht daß sie endlich zur Einsicht kommen und zum Frieden geneigt werden, wozu Gott helfe … Es ist vorgeschlagen, die Kinder mögen sich heuer ihre Ostereier ungekocht und ungefärbt geben lassen und dieselben bei der Sammelstelle gegen Bezahlung abliefern."

Darob vergisst Pfarrer Sautter je doch keineswegs die Sorge um das Heil der ihm anvertrauten Seelen: "Ich möchte aber besonders auch den Mädchen sagen: Anständige Mädchen treiben sich nicht bis in die Nachtstunden auf der Straße her um!"

 

Ein Sack Zement für das neue Gemeindehaus 

 

Nach dem Ersten Weltkrieg blieb die große Politik wieder eine Zeitlang ausgeblendet und die Kuchener Kirchengemeinde konnte sich mit eigenen Anliegen befassen. Unter dem von 1926 bis 1950 amtierenden Pfarrer Ulrich Lutz wurde der Bau des Gemeindehauses in Angriff genommen, wozu wieder nicht vergebens an die Spendenbereitschaft appelliert wurde. "Zum Beginn des Gemeindehausbaues sind 80 M an Gaben eingegangen, darunter beim Opfer des letzten Sonntags 3 M in einen Zettel eingewickelt, auf dem zu lesen stand: Fürs Gemeindehaus zum Fundament / schnell ein Sack Zement! Wer gern ebenfalls einen oder mehrere Sack Zement stiften möchte, ist herzlich dazu eingeladen." Auch wurde ein Gemeindehausbauverein ins Leben gerufen, und noch im gleichen Jahr 1931 konnte das Haus, das heute einen Großteil des Gemeindelebens beherbergt, eingeweiht werden.

Die Glocken läuten zum Zeichen der Trauer

 

Wegen nicht näher bezeichneter Reparaturarbeiten in der Kirche fanden im Dezember 1933 zwei Gottesdienste im Gemeindehaus statt. Und in dieser Zeit kam auch erneut die Politik in die Gemeinde. Gelegentlich kommen Mitteilungen "auf Anordnung des NS Reichsbischofs", später werden dann immer öfter Ansprachen des standhaften Landesbischofs Wurm verlesen. 1935 gab Pfarrer Lutz bekannt: "Die Lage in unserer evangelischen Kirche ist erneut so ernst geworden, daß in vielen evangelischen Kirchen am letzten Sonntag zum Zeichen der Trauer die Glocken nicht geläutet haben. Im Hinblick darauf hat der Landesbischof für heute abend in allen Gemeinden unserer Landeskirche einen Bekenntnisgottesdienst angeordnet." Und 1937 wird bekannt gegeben, "daß der Herr Kultusminister einen Erlaß über die Gestaltung des Religions-Unterrichts herausgegeben hat. Im Auftrag des Herrn Landesbischofs wird der Gemeinde mitgeteilt, daß die Kirchenleitung aus ihrer kirchlichen Verantwortung heraus bei der zuständigen staatlichen Stelle ernste Vorstellungen erhoben hat, um unsern Kindern die Darbietung des unverkürzten Evangeliums auch für die Zukunft zu erhalten."

 

Auch in seinen beruflichen Belangen war Pfarrer Lutz nicht mit allem einverstanden. "Der Gemeinde habe ich mitzuteilen, daß mir vom Herrn Landesbischof die Pfarrei Höfingen übertragen wurde. Aufzug 11. Dez. (1936), Aufschub erbeten." Sechs Wochen später kann er melden: "Der Pfarrer ist vom Antritt der Pfarrei Höfingen enthoben." Dadurch sind noch viele der heutigen Gemeindeglieder von Pfarrer Lutz getauft, konfirmiert oder getraut worden. 

Mit diesem Bezug zur Gegenwart soll das Blättern in den drei alten Notizbüchern beendet werden.