Evangelisch aus gutem Grund

Pfarrerin Friederike Maier, Süssen

Evangelisch aus gutem Grund? Evangelisch auf gutem Grund!

 

Gründe fürs evangelisch sein, ließen sich spontan einige nennen: Evangelische Pfarrer dürfen heiraten. Eine Frau kann Pfarrerin sein. Lehrmeinungen werden mehr in der Diskussion errungen, weniger von der Kirchenleitung vorgegeben. Und in Gesprächen mit Menschen begegnet mir oft die Aussage: Der evangelische Glaube sei freier, verständlicher, weltoffener, näher am Leben. Es gäbe weniger Dogmen, Regeln und altertümliche Gebräuche. All das könnte man als gute Gründe nennen, evangelisch zu sein.

 

Die Grundlage

 

Doch den evangelischen Glauben nur daran fest zu machen, greift für mich zu kurz. Ich möchte weiter gehend fragen: Was macht unseren evangelischen

Glauben aus? Was ist die Grundlage?

 

Von der ursprünglichen Bedeutung her leitet sich „evangelisch“ von „Evangelium“ ab. Evangelisch ist, was der „guten Nachricht“, was der „frohen Botschaft“ entspricht.

 

Vier grundsätzliche Kennzeichen eines evangelischen Glaubens hat die reformatorische Theologie formuliert: Solus Christus – allein Christus, sola gratia – allein aus Gnade, sola fides – allein im Glauben, sola scriptura – allein die Heilige Schrift.

 

In kurzen Sätzen erklärt, meint dies: Unser Heil kommt allein von Jesus Christus her. In ihm erweist Gott uns Menschen all seine Liebe. Aus eigener Kraft können wir unser Leben nicht zurechtbringen, mit unseren Werken unser Heil nicht verdienen. Gott schenkt uns sein Ja aus Gnade – „gratis“. Allein im Glauben haben wir daran Teil. Und die Heilige Schrift ist es, die uns Gott und seinen Heilswillen für uns offenbart.

 

Im Alltag

 

Was heißt das ins Leben übersetzt? Ein paar Spuren seien angedeutet.
Wer entscheidet darüber, ob mein Leben recht ist? Nicht mein Tun und Lassen; nicht meine Leistung und mein Versagen; schon gar nicht Macht, Geld und Erfolg; auch nicht die Meinung der anderen. Gott ist es, der mein Leben zurechtbringt – obwohl ich Fehler mache, obwohl ich scheitere, obwohl so vieles bruchstückhaft bleibt. Gott ist es, der mir Heil schenkt, mich heil macht und mir zusagt: „Du bist mein geliebtes Kind!“ Darauf zu vertrauen, das ist evangelisch.

Die Heilige Schrift ist so etwas wie das „Grundnahrungsmittel“ für meinen Glauben: Ein Losungswort begleitet mich durch den ganzen Tag. Eine gute Predigt am Sonntagmorgen gibt mir Kraft für die nächste Woche. Ein Denkspruch, ein Wort Gottes, mir persönlich zugesprochen, geht mit mir durch mein Leben. Davon lebe ich, dass Gott mich anspricht – täglich neu.

Das „Priestertum aller Gläubigen“ besagt, dass jeder Christ, jede Christin mündig den eigenen Glauben gestalten kann und soll. Wohl gibt es Pfarrerinnen, Diakone und andere, die speziell zum Dienst der Verkündigung freigestellt und beauftragt sind. Doch sie sind nicht höher gestellt, sie sind genauso Glied am einen Leib Christi. Alle wirken zusammen, jeder bringt sich mit seinen Begabungen ein, zusammen sind wir Kirche!

 

Evangelisch auf gutem Grund

 

All das und noch viel mehr ist evangelischer Glaube - Glaube, der sich aufs Evangelium gründet, der von der frohen Botschaft lebt. Evangelisch auf gutem Grund!

 

Doch da lässt sich fragen: Ist solcher Glaube ein Vorrecht der evangelischen Kirche allein? Erheben die anderen Konfessionen nicht auch den Anspruch, auf dem Grund des Evangeliums zu stehen? Ist evangelisch also nicht gleich evangelisch?

 

Wir wollen das Gespräch darüber eröffnen.
Evangelisch auf gutem Grund, was heißt das für Sie?

 

Pfarrerin Friederike Maier, Süssen