Vortrag von Dr. Marlene Crüsemann

 

Am Geislinger Bußtag 2007, 21. November, hielt Dr.  Marlene Crüsemann, Bielefeld, einen Vortrag über "Für alle, die deinen Namen lieben"

(Ps. 5, 12).

 

Der Gottesname stand im Mittelpunkt. Dass Gott überhaupt einen Namen hat, ist vielen nicht bewusst und ist eine Besonderheit biblischer Tradition.

 

Dr. Marlene Crüsemann, Theologin, Übersetzerin und Mitherausgeberin der herausgekommenen Bibel in gerechter Sprache ist diesem Phänomen nachgegangen.

 

In einem Interview äußerte sie sich zu dem Projekt "Bibel in gerechter Sprache":

 


Die Resonanz riss uns mit …
Die Bibel in gerechter Sprache (BigS)

 

 

Kaum war die „Bibel in gerechter Sprache“ Ende 2006 erschienen, war die erste Auflage im Nu vergriffen: 20.000 Exemplare waren innerhalb weniger Tage verkauft. Und auch die 2. Auflage mit weiteren 20.000 Stück ging in kürzester Zeit über den Ladentisch. Die Bibel in gerechter Sprache findet reißenden Absatz.
Die einen sehen in ihr ein ambitioniertes, fundamentales und wegweisendes Werk, das neue Fragen an alte Texte stellt und den Anspruch erhebt, eine Bibel für Frauen und Männer zu sein, die Gott, die Welt und sich selbst entdecken wollen. Feministische Exegese, die Befreiungstheologie und der christlich-jüdische Dialog war die Grundlage des Übersetzungsteams. Andere wiederum sehen in der Bibel in gerechter Sprache ein misslungenes, ein verkrampftes Projekt.

 

Frage: Was war für die HerausgeberInnen der Grund bzw. die Motivation, die Bibel neu zu übersetzen?

M.C.:
Seit Ende der 80iger Jahre wurden für die Bibelarbeiten an den Kirchentage Texte der Bibel neu übersetzt. Diese Neuübersetzungen geschahen in geschlechtergerechter Sprache und hatten darüber hinaus das Anliegen, antijüdische Übersetzungen nicht weiter zu tradieren. Diese Kriterien wurden auch bereits bei anderen Bibelarbeiten und Gottesdiensten in frauengerechter Sprache angewandt.
Hinzu kam, dass für die Buchreihe ‚Der Gottesdienst. Liturgische Texte in gerechter Sprache’ (hg. von Erhard Domay und Hanne Köhler) die gesamten Perikopenreihen neu übersetzt wurde. Daraus entstand das Anliegen, nun die ganze Bibel zu übersetzen. Frauen sollten genannt sein, wenn die Texte direkt und indirekt mitteilen, dass ihre Gegenwart jeweils vorausgesetzt wird oder sie angeredet werden. Denn für viele Texte kann sozialgeschichtlich nachgewiesen werden, dass Männer damals nicht allein die Handelnden waren. Beispielsweise zeigen die Grußlisten der paulinischen Briefe wie Röm 16, dass in den ersten christlichen Gemeinden zahlreiche Frauen eine bedeutende Rolle spielten. Wenn nun in der neuen Übersetzung Frauen ausdrücklich genannt und in den Reden Jesu sowie den apostolischen Briefen angeredet werden, ergibt sich ein ganz anderes, ein zutreffenderes Bild vom wirklichen Leben in frühchristlicher Zeit.

 

Frage: Wie hat sich der Kreis der ÜbersetzerInnen gebildet?

M.C.: Viele ÜbersetzerInnen waren bereits bei den Kirchentags-Übersetzungen und bei der eben genannten Buchreihe dabei. Insgesamt sind von den 52 ÜbersetzerInnen 42 Frauen und 10 Männer.
Dies ist ein Novum in der Kirchengeschichte. Dass Frauen die Bibel übersetzen, war bisher alles andere als selbstverständlich. Aber es gab auch noch nie so viele hochqualifizierte Frauen mit Promotion bzw. Habilitation in den exegetischen Fächern. In den letzten 20 Jahren ist die wissenschaftliche feministische Theologie weit fortgeschritten. Manche männliche Exegeten wissen oft nicht, welche fundierten exegetischen Arbeiten inzwischen erschienen sind. Doch allein ein Blick in das ‚Kompendium Feministische Bibelauslegung’ (hg. v. Luise Schottroff und Marie-Theres Wacker, 3. Aufl. 2007) könnte für mehr Information sorgen.

Für die Realisierung unserer Übersetzung war sehr wichtig, dass die Ev. Kirche in Hessen und Nassau für 5 Jahre eine Stelle für die Projektleitung zur Verfügung stellte, welche von Pfarrerin Hanne Köhler mit Bravour wahrgenommen worden ist. Dadurch hatten wir einen zeitlich begrenzten Rahmen, den wir einhalten mussten.
Es wurden dann ÜbersetzerInnen angesprochen und um Mitarbeit gebeten, die möglichst bereits zu bestimmten Texten bibelwissenschaftlich gearbeitet haben. Ich selbst z.B. habe meine Dissertation über dieThessalonicherbriefe geschrieben und mich auch wissenschaftlich mit dem zweiten Korintherbrief beschäftigt.
Bei Gesamttagungen wurden wichtige Fragen gemeinsam diskutiert, so etwa das Problem der Wiedergabe des Gottesnamens oder die Dimensionen gerechten Übersetzens. Es gab auch Übersetzungsgruppen, zu den 5 Büchern Mose oder zu den Paulusbriefen, die gemeinsam gearbeitet haben.
Jede(r) ÜbersetzerIn steht mit dem Namen für den eigenen Text ein. Die verschiedenen Übersetzenden übersetzen sehr unterschiedlich. Obwohl intensiv gegengelesen, diskutiert und gemeinsam übersetzt worden ist, wurde der jeweils eigene Stil nicht geglättet oder vereinheitlicht. Das heißt nicht, dass bei einer Überarbeitung nicht doch an einigen Stellen konkordanter übersetzt werden könnte oder sollte.
Einige der neuen Texte wurden an der Basis ausprobiert, wir haben viel von den Rückmeldungen gelernt.
Obwohl das Projekt ‚Bibel in gerechter Sprache’ von der Wurzel her protestantisch ist, haben katholische Übersetzerinnen mitgearbeitet, z.B. Professorin Marie-Theres Wacker. Außerdem wurden auch die sogenannten Apokryphen, die zwischentestamentlichen Bücher wegen der möglichen katholischen LeserInnenschaft aufgenommen, was ursprünglich wegen der zusätzlichen Textmenge nicht geplant war.

 

Frage: Waren Sie selbst überrascht von der hohen Verkaufszahl der Bibel in gerechter Sprache? Die ersten zwei Auflagen waren innerhalb kürzester Zeit vergriffen.


M.C.: Wir und auch der Gütersloher Verlag waren überrascht über den großen Erfolg. Spenden ermöglichten, dass der Preis niedrig gehalten werden konnte. Viele UnterstützerInnen sorgten dafür, dass das Projekt in der doch so kurzen Zeit von 5 Jahren verwirklicht und bekannt werden konnte.
Wir bekommen zurzeit, praktisch seit dem Tag der Publikation und sogar schon in den Monaten davor, viele Anfragen zu Veranstaltungen: Pfarrkonvente, Gemeinden, Akademien. Die Resonanz riss uns mit. Der Herausgabekreis hat von sich aus keine Werbung gemacht oder Veranstaltungen angeboten, es sind alles Einladungen, die wir längst nicht alle wahrnehmen können.
Allerdings erhielten wir Werbung besonderer Art: Bereits ein halbes Jahr vor Erscheinen der „Bibel in gerechter Sprache“ erschienen in der ZEIT ein Verriss von Robert Leicht und einer in der FAZ. Diese Vorverrisse zeugten nicht von wissenschaftlicher oder auch nur journalistischer Sorgfalt. Es wurden immer nur dieselben einzelnen Stellen herausgegriffen und kritisiert. Dabei gab und gibt es weiterhin zahlreiche Fehlinformationen, wie etwa die, dass der Teufel allein „männlich“ sei. Viele dieser Urteile und Fragen werden von uns übrigens auf unserer Homepage (www.bibel-in-gerechter-sprache.de) beantwortet. Eine Gesamt-Lektüre der ‚Bibel in gerechter Sprache’ hatte auch direkt nach ihrer Publikation offenbar nicht stattgefunden. Seit einem halben Jahr wird die Kritik etwas sorgfältiger. Wir warten aber noch auf eine Gesamtwürdigung, die die Übersetzungen aller biblischen Bücher berücksichtigt, wirklich ins Einzelne geht und so auch einmal die vielen vielen Schätze hebt und hervorhebt, die entdeckt werden können.

 

Frage: Wie stehen Sie zu der Kritik?

M.C.: Wir freuen uns über berechtigte Kritik, die ohne Hetze und Hohn vorgetragen wird; über Sachkritik, die auf eingehender Lektüre der BigS fußt. Die ist produktiv. Man kann durchaus zu bestimmten Punkten unterschiedlicher Auffassung sein, zumal wir ÜbersetzerInnen kein homogener Block sind.
Das Projekt ist auch nicht abgeschlossen, denn jede Übersetzung, auch die ‚Bibel in gerechter Sprache’, ist revisionsbedürftig, sobald sie veröffentlicht ist. Abstimmungen müssen erfolgen, Fehler weiterhin korrigiert werden, und es muss noch profilierter und plastischer übersetzt werden.
Was aber teilweise an Kritik kam, war mit einem Vernichtungsimpetus vorgetragen, fanatisch und destruktiv. Diese Wut ist unerklärlich Sie erfolgte unreflektiert aus einer theologischen Voreingenommenheit der Kritiker heraus, anscheinend mit wenig Kenntnis philologischer und exegetischer Einzelheiten und ebenso wenig Kompetenz in Übersetzungsfragen, nicht einmal Fachbegriffe der Übersetzungswissenschaft waren einigen besonders lauten Kritikern geläufig. Wir haben von Anfang an das Profil unserer Übersetzung, unsere Hermeneutik, offen gelegt, was bisher zu wenig üblich ist. Aus diesen methodischen Überlegungen den Schluss zu ziehen, wir hätten daher ideologisch gearbeitet, ist allerdings wirklich kurzschlüssig.
Anscheinend hat einer der akademischen Zweige der Theologie bisher die Ergebnisse der feministischen Theologie nicht zur Kenntnis genommen. Dabei gibt es z.B. historische Belege und Quellen für die Existenz von Hirtinnen, Fischerinnen und Zöllnerinnen in biblischer Zeit, Rahel wird in der Bibel selbst Hirtin genannt (Gen 29,9), auf hebräisch steht da ein weibliches Partizip. Wie gesagt, wenn Frauen mitgemeint sein können, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie bei einer biblischen Szene dabei gewesen sein könnten, dann sollen sie auch erwähnt werden.
Die Bibel ist selbst ein dialogisches Buch, und vielstimmig wie sie ist diese Übersetzung und mit ihr zusammen auch alle anderen Übersetzungen. Die ‚Bibel in gerechter Sprache’ ist ein dialogisches Angebot, ein Vorschlag zum Gespräch, zum Vergleich mit vielen Übersetzungen und eine Einladung, zusammen weiter zu übersetzen.

 

Frage: Ist die revidierte Luther-Bibel patriarchal?

M.C.: Die Lutherübersetzung macht Frauenrollen nicht so deutlich, wie es sein könnte. Übrigens besteht in vieler Hinsicht ein großer Unterschied zwischen Luthers Übersetzung von 1545 und der Revision von 1984. Zu Ihrer Frage: Sehen Sie sich nur einmal die Zwischen-Überschriften an. Sie sind ja nicht Bestandteil der biblischen Original-Texte. So werden etwa die Kapitel zu Lea und Rahel überschrieben mit „Jakobs Kinder“, die hauptsächlich agierenden Frauen werden also hier verschwiegen (Gen 29,31ff). Dies ist eine Form der Leselenkung, die nur Männer im Blick hat. Die ‚Bibel in gerechter Sprache’ verzichtet daher ganz auf derartige Überschriften. Auch in den neutestamentlichen Briefen wird die Anrede „adelphoi“, bei der die Frauen mitgemeint sind, auf „Liebe Brüder“ reduziert. Außer uns übersetzt jetzt die Neuübersetzung der Zürcher hier „Brüder und Schwestern“. Die nächste Luther-Revision wird das hoffentlich auch tun.

 

Frage: Die EKD hat die Gemeinden aufgefordert, die Bibel in gerechter Sprache nicht im Gottesdienst zu verwenden. Haben Sie die gleichen Bedenken?

M.C.: Nein. Der Rat der EKD hat sehr schnell erklärt, dass die ‚Bibel in gerechter Sprache’ nicht in Gottesdienst und Liturgie verwendet werden sollte, obwohl er für liturgische Fragen eigentlich nicht zuständig ist, sondern die einzelnen Landeskirchen und auch die Gemeinden. Inzwischen gibt es von mehreren Kirchenleitungen Empfehlungen, die ‚Bibel in gerechter Sprache’ zu studieren und zu verwenden, neben der Lutherübersetzung auch im Gottesdienst. Dies hat außerdem jetzt im November die Landessynode der Ev. Kirche von Westfalen mit Mehrheit beschlossen.
In sehr vielen Übersetzungen der „Bibel in gerechter Sprache“ ist es gelungen, die Texte plastisch und verständlich wiederzugeben. Gerade bei Lesungen ist es wichtig, den Text beim ersten Mal gut verstehen zu können. Es ist abhängig vom liturgischen Anlass und von der Qualität der Übersetzung, welche Bibelübersetzung verwendet wird. Bei einem schwierigen Text wie z.B. Gen 23 ist die BigS gerade bei Lesungen offenbar besser verständlich als der Luthertext. Eine solche Rückmeldung bekamen wir von einer Presbyterin aus Düsseldorf, die zuerst eigentlich die Lutherrevision lesen wollte, dann aber nach der ‚Bibel in gerechter Sprache’ verlangte.

 

Frage: Würden Sie nach all den Erfahrungen das Projekt nochmals anpacken?

M.C.: Das Projekt war notwendig. Die Resonanz zeigt das, sehr viele Menschen haben darauf gewartet. Wenn wir es nicht begonnen hätten, müssten wir es spätestens jetzt tun.


Das Gespräch führten Anita Gröh und Gerlinde Hühn

 

Über Dr. Marlene Crüsemann:

Dr. Marlene Crüsemann


(Jg. 1953); Studium der Ev. Theologie in Göttingen und Heidelberg; Vikariat und 2. theologisches Examen in der Badischen Landeskirche; Promotion über den 1. Thessalonicherbrief 1999 in Kassel; z. Zt. freiberufliche Theologin, Arbeit an einer neutestamentlichen Habilitationsschrift. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Neuen Testament, zur sozialgeschichtlichen Bibelauslegung, feministischen Theologie und zu Themen des christlich-jüdischen Dialogs, hat die ‚Bibel in gerechter Sprache’ mit herausgegeben und mit übersetzt.

Bibel in gerechter Sprache - für eine gerechte Gesellschaft?

Prälatin Gabriele Wulz

 

Kurz und knapp soll meine Antwort auf diese umfangreiche Frage ausfallen und so, dass man sie verstehen kann.

Das ist kein einfaches Unterfangen. Ich versuche es und sage: Ja, die Bibel kann zur Vision einer gerechten Gesellschaft beitragen, aber dazu muss man sie lesen und das Gelesene auch beherzigen.

Wenn es so ist, dass die Bibel das Schicksal der „Klassiker“ teilt (man hat sie im Schrank stehen, liest sie aber nicht), dann ist das kein Zustand, mit dem man sich zufrieden geben kann.

Insofern ist es gut, wenn eine neue Bibelübersetzung („Die Bibel in gerechter Sprache“) Furore macht und die Menschen zu Stellungnahmen herausfordert. An der heftigen Kritik zeigt sich: Die Bibel ist kein Buch wie jedes andere, und es lässt die Menschen keineswegs gleichgültig, wie man mit ihr verfährt.

 

Dabei ist jede Übersetzung eine Interpretation, eine Aneignung, und spiegelt auf die eine oder andere Weise das Vorverständnis des Übersetzers wider.

 

Wenn Martin Luther in Römer 3,28 (So halten wir nun dafür, dass der Mensch

gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.) ein „allein“ hinzufügt, dann steht dieses Wort eben nicht da und ist doch gerade in dieser Zuspitzung sachgemäß. Ob ein solches Urteil auch im Blick auf die Entscheidungen der Herausgeber und Herausgeberinnen der Bibel in gerechter Sprache getroffen werden kann, ist zu bezweifeln. Zu viele Ungereimtheiten (z.B. uneinheitlicher Sprachgebrauch in den einzelnen Büchern) und willkürliche Entscheidungen, die mehr über den Willen der Übersetzer und Übersetzerinnen Auskunft geben als über das, was da steht, machen es nicht leicht, in dieser Übersetzung mehr zu sehen als den Versuch, die Bibel unserem Denken und unserem Zeitempfinden anzupassen. Das allerdings hat nun mit Gerechtigkeit gar nichts zu tun, sondern entwickelt eine Gewalttätigkeit, die im Grunde unter die Rubrik „Terror der Tugend“ fällt.

 

Wenn allerdings über solcher Lektüre und Diskussion der biblische Text (wieder) spannend wird, wenn sich eingefahrene Routinen lockern, wenn Fragen laut werden und das Gespräch über die Bibel und über das, was sie zu sagen hat, in den Gemeinden in Gang kommt, dann ist das eine Chance, für die wir dankbar sein können und die wir nicht unterschätzen sollten.

 

Bei aller Aufregung über die neueste Übersetzung sollten wir aber das Eine nicht übersehen: Die Bibel ist und bleibt ein „fremdes Wort“. Sie lässt sich nicht einpassen in unsere Maßstäbe. An Geschmacksfragen ist sie nicht interessiert. Darin ist sie anstößig. Keine Frage. Sie sagt nicht das, was wir schon immer irgendwie gut und richtig finden. Sie kritisiert uns, sie stellt uns und unser Welt- und Gottesverständnis immer wieder in Frage. Sie irritiert unser Vorverständnis und schafft so eine Unruhe, die sich nicht beruhigen und beschwichtigen lässt.

 

Das „Wort wie Feuer“ entzündet die Herzen und den Verstand und wird, wie es beim Propheten Jesaja heißt, nicht leer zurückkommen, sondern tun, was Gott gefällt (Jes 55, 11). So hält die Lektüre der Schrift wach – geistig und körperlich –, macht aufmerksam für das, was ist, und stärkt in uns die Hoffnung, dass das, was ist, nicht alles ist.

 

Prälatin Gabriele Wulz, Ulm

Durch das Tuch geküsst

Pfarrer Dietrich Crüsemann, Geislingen

Wer einen Text nicht im Original, sondern in einer Übersetzung liest oder hört, wer ein Gedicht oder eine Geschichte nicht in der eigenen Muttersprache vernimmt und deshalb zumindest im Kopf übersetzen muss, dem geht es wie einem Verliebten, der seinen Schatz nur durch ein Tuch küssen darf. So sagte es einmal ein Übersetzer, der es wissen muss, und recht hat er. Keine Sprache der Welt lässt sich 1:1 in eine andere übersetzen, immer bleiben Reste, Akzente, die so in der anderen Sprache gar nicht vorkommen, Sinnverschiebungen, Fehler, die nicht zu umgehen sind.

Die Originalsprachen der Bibel, althebräisch und altgriechisch, werden heute nicht mehr gesprochen. Wir sind alle ÜbersetzerInnen oder wir müssen uns anderer Übersetzungen bedienen, wenn wir Gottes Wort lesen und hören wollen.

 

Nun liegt ein neues Tuch auf dem Tisch, mit dessen Hilfe wir uns der Heiligen Schrift nähern können: die „Bibel in gerechter Sprache“. 53 Menschen haben an ihr übersetzt, ein zehnköpfiger Herausgabekreis hat das Großprojekt über Jahre geleitet. Kurz: viele Menschen haben viel Leidenschaft, Enthusiasmus und Arbeitskraft gegeben.

 

Das Echo war gewaltig und sofort wurde geredet über die neue Übersetzung. Vor allem wurde schnell geurteilt und nicht selten verurteilt. Wie haben die das bloß so schnell gelesen, konnte man sich nur bewundernd fragen.

Medienwirksam wurden Ketzerhüte verteilt, und manche der so schnell Urteilenden erweckten den Eindruck, als seien sie ein bisschen traurig, dass man die Scheiterhaufen für solche Fälle abgeschafft hat. Professoren schienen beleidigt zu sein, dass man sie nicht um Mitwirkung gebeten hatte, Kirchenfunktionäre, dass dies keine amtliche Übersetzung mit amtlicher Übersetzerkommission war, in die sie gebührend hineinwirken konnten.

 

Was hat es auf sich mit der neuen Übersetzung? Die „Bibel in gerechter Sprache“ will zuallererst zum Lesen der Heiligen Schrift verlocken. Das Ergebnis ist eine Übersetzung von großer Schönheit und Kraft. Das unterscheidet sie deutlich von anderen neueren Übersetzungen wie etwa der Einheitsübersetzung oder der Guten Nachricht. Das macht sie zu einem großen Geschenk für alle, die an der Bibel interessiert sind.

 

Was brauchen wir aber eine neue Übersetzung, wo wir doch die wunderbare Lutherübersetzung haben, Worte und Texte, die vielen ans Herz und ins Herz gewachsen sind?

Die Übersetzung will, wie jede Übersetzung, zuerst dem Urtext gerecht werden, und sie tut dies auf der Höhe gegenwärtiger wissenschaftlicher Forschung. Daneben gibt sie Anregungen und Anstöße, bekannte Texte neu zu hören, im ungewohnten Wortlaut überraschende Aspekte wahrzunehmen. Wo in anderen Übersetzungen Männer genannt werden, im Original aber Frauen mitgemeint sind, werden sie in dieser Übersetzung etwa explizit genannt und dem Lesenden fällt auf: stimmt, es gab nicht nur Jünger, es gab auch Jüngerinnen.

 

Wo Gott in anderen Übersetzungen nur in männlicher Form vorkam, werden verschiedenen Möglichkeiten durchgespielt: männlich, weiblich, manchmal auch die hebräische Form „Adonaj“, und auf einmal wird klar: Gott lässt sich nicht fassen mit unseren Formen von männlich und weiblich.

Hebräische Wortspiele scheinen auch für uns durch, wenn etwa in der Urgeschichte übersetzt wird: „Die Schlange hatte weniger an aber mehr drauf als alle anderen Tiere des Feldes, die Adonaj, also Gott, gemacht hatte.“ (1. Mose 3,1)

 

Vor allem also ist diese Übersetzung ein Buch, das zu lesen lohnt, mit dem es Spaß macht zu arbeiten und Bibelarbeit zu betreiben. Natürlich lassen sich manche Entscheidungen bei der Übersetzung anfechten und manche mögen falsch sein. Auch Luther hatte freilich an nicht wenigen Stellen falsch übersetzt, – etwa wenn aus der „jungen Frau“ die bei Jesaja schwanger wird, eine „Jungfrau“ wurde. Trotzdem würde deshalb niemand seine Gesamtleistung infrage stellen.

 

Der Bibel in gerechter Sprache sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen, und viele Bibelkreise, die mit ihrer Hilfe tiefer in die Heilige Schrift eindringen.

 

Pfarrer Dietrich Crüsemann, Stadtkirche Geislingen

 

 

 

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