Gott ?

Pfarrer i.R. Klaus Hoof

Von Pfarrer i.R. Klaus Hoof

ehemals Pfarrer an der Helfenstein Klinik Geislingen

 

„Ich bin getauft worden und zur Konfirmation gegangen, bin jedoch seit einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten… Ob man glaubt oder nicht: Das Neue und das Alte Testament sollte man kennen. Ich persönlich bin nicht auf einen Gott festgelegt. Je nach Lebenssituation suche ich mir einen raus, der gerade am besten passt“,sagt die Schauspielerin Katharina Thalbach im Interview mit der Zeitschrift „Publik Forum“ (Heft 2/2014 S. 35).


„Gott?? Ob es den gibt? –Ogottogott! Woher soll ich das denn wissen!? Ist mir ehrlich gesagt aber auch egal. Mag sein, dass es vielleicht so ein übernatürliches Wesen gibt. Aber sicher ist das ja wohl kaum. Da halte ich mich lieber an das, was ich sehen kann und was mir die moderne Wissenschaft sagt“, so eine deutsche Sprachstudentin in einem Pausengespräch in der Cafeteria.


„Gott – ich fürchte, das ist eine bloße Einbildung oder Projektion von uns Menschen, die Angst vor dem Tod und dem Danach haben. Und die Kirchen haben diese Angst genutzt und aus Gott einen strafenden Richter gemacht, der alles sieht. Mit dieser Angst haben sie jahrhundertelang die Menschen beherrscht. Dieser Gott hat abgewirtschaftet, und die Kirche hat mit ihren Skandalen der letzten Zeit für mich alle Glaubwürdigkeit verloren“, sagte mir unlängst ein katholischer Mitchrist.

 

Gott hat abgewirtschaftet. Kaum einer nimmt ihn noch ernst. Ist es so?
Mir scheint, dass die Menschen unserer Tage ein eigenartig zwiespältiges Verhältnis zum Thema Gott haben. Einerseits glauben vieleMenschen an ein höheres Wesen oder eine höhere Macht und beten in Notsituationen zu Gott. Doch wer dieser Gott ist, bleibt unbestimmt oder den eigenen Vorstellungen überlassen. Ein wirkliches Interesse, der Frage nach Gott ernsthaft nachzugehen, gibt es selten. Andererseits ist ein weithin praktizierter Atheismus zur weitverbreiteten „Normalreligion“ der Zeitgenossen geworden. Nicht ein denkerisch-philosophisch begründeter Atheismus, sondern ein alltäglich praktizierter Atheismus, dem die Frage nach Gott gleichgültig oder lästig ist. Der sich aber in Internetforen oder Leserbriefen manchmal durchaus arrogant-besserwisserisch zu Wort meldet, sich selbst jedoch nur ungern kritischen Fragen stellt.

 

Doch häufig macht es sich ein solch populistischer Atheismus zu leicht. Nicht selten hängt er einem simplen Wissenschaftsverständnis an, das die umwälzenden Entwicklungen in den Naturwissenschaften des vergangenen Jahrhunderts, vor allem durch die Relativitätstheorie und die Quantenphysik nicht zur Kenntnis nimmt.

 

Ja, es gibt ernstzunehmende Einwände gegen die Existenz Gottes – so wie es auch ernstzunehmende Argumente für die Existenz Gottes gibt. Ob es uns Christen gefällt oder nicht – Tatsache ist, wir haben keinen Beweis dafür, dass es einen Gott gibt. Wir können Gott nicht beweisen, wir können „nur“ an ihn glauben. Doch gleichzeitig stellen wir fest: Der Atheist kann seinen Atheismus nicht beweisen, auch er kann „nur“ glauben, dass es Gott nicht gibt. Joseph Ratzinger schreibt: „Es gibt keine Flucht aus dem Dilemma des Menschseins. Wer der Ungewissheit des Glaubens entfliehen will, wird die Ungewissheit des Unglaubens erfahren müssen, der seinerseits doch nie endgültig sagen kann, ob nicht doch der Glaube die Wahrheit sei“.

Keiner kommt letztlich um diese Grundentscheidung „Gott oder nicht Gott“ in seinem Leben herum. Und das ist keine Wissensentscheidung, keine Kopf-Entscheidung, sie gründet auf Erfahrungen und Begegnungen, sie ist verwurzelt im Erleben eines Menschenund darin, wie er sich und die Welt wahrnimmt und ernstnimmt.

 

Da stehe ich nach einem langen, schweißtreibenden Aufstieg überwältigt auf einem Alpengipfel oder schaue in einer sternklaren Nacht hingerissen nach oben in den unendlichen Glanz des Alls und staune, bin tief in meinem Inneren angerührt und spüre: Da ist mehr als ich bin. Und ich fühle mich darin gehalten und umfangen. Oder ich sitze am Sterbebett eines geliebten Menschen und höre von ihm: „Alles ist gut. Ich gehe ein in eine große Geborgenheit und nicht nur ich, sondern alle Menschen“. Und neben allem Schmerz spüre ich: Ja, so ist es und fühle mich gehalten von Größerem und bin erfüllt von Dankbarkeit. Die Frage nach dem Warum und Wieso stellt sich nicht. Es ist wie es ist,und tief in mir keimt die Gewissheit: Ob ich lebe oder sterbe, letztlich bin ich geborgen in IHM.

 

Suche ich mir den Gott raus, der gerade am besten passt? Nach solchen Erfahrungen geht das wohl kaum, denn da bin ich ergriffen worden, da ist mit mir etwas geschehen. Da bin nicht ich der Handelnde, der etwas aussuchen könnte, da hat das Leben (Gott?) mich ausgesucht, an mir gehandelt. Und wenn ich mich und mein Leben ernst nehme, dann haben solche Erfahrungen Folgen für mein Denken und Handeln,darauf, wonach ich mein Leben ausrichte und worauf ich meine Existenz baue.

 

Nur - wir müssen es wohl zugeben - so konsequent sind wir Menschen nicht immer. Der Theologe und Psychiater Manfred Lütz meint:„Atheisten… leben manchmal so, als gäbe es Gott vielleicht ein bisschen doch. Und Gläubige leben oft die meiste Zeit ihres Lebens so, als gäbe es Gott nicht. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Moment des Lebens unwiederholbar ist, dann ist beides fatal.“

 

Deshalb einmal Hand aufs Herz, liebe Leserin, lieber Leser: Würde sich in Ihrem Leben etwas ändern, wenn Sie an Gott glauben oder nicht an Gott glauben? Hätte es Konsequenzen für Ihre beruflichen, finanziellen, familiären Entscheidungen? Würden Sie die Welt, sich selbst und die Menschen, mit denen Sie zusammenleben, dann mit anderen Augen ansehen, als Sie es jetzt tun?
Lohnende Fragen – zum Nachdenken und zum Besprechen mit Freunden.