"... ein König aller Königreich..."

© Evangelischer Kirchenbezirk Geislingen

Pfarrer Bernhard Leube

Von Bernhard Leube

Pfarrer beim Amt für Kirchenmusik der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Dozent an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen

 

 

Gottesbilder im Gesangbuch

Bildhafte Vorstellungen von Gott haben sich vielfach in Gesangbuchliedern niedergeschlagen, viele davon sind direkt aus der Bibel übernommen, da und dort poetisch ein wenig weiter ausgeführt. Trotz Bilderverbot! Mit dem zweiten der zehn Gebote sind aber Bilder gemeint, die in religiösen Kulten im Zentrum stehen, Bilder also, die als solche verehrt, wenn nicht gar angebetet werden. Dem schiebt die kultische Bildlosigkeit Gottes in der Bibel einen Riegel vor, um nicht Irdisches zu Himmlischem zu machen. Etwas anderes sind Sprachbilder, um Erfahrungen mit Gott überhaupt ausdrücken zu können. Solche Sprachbilder über Gott finden sich auch in der Bibel in Hülle und Fülle: „Der Herr ist mein Hirte“, „Ich bin der Weinstock, „Ich bin das Licht der Welt, „Du bist mein Fels“.
Das sind schöne, heilsame Gottesvorstellungen, aber Gott wurde auch als „Garant der jeweiligen Erziehungsideale“ (Peter Bubmann) oder als Kriegsgott missbraucht, und so berichten nicht wenige nicht zuletzt mit Blick auf das Gesangbuch von einengenden, angstmachenden Gottesbildern.


Biblische Sprachbilder in Gesangbuchliedern

"Jesus Christus herrscht als König" - "Pantocrator" Fresco in Troodos, Zypern, in der Kirche in Asinou

1.

Im Gesangbuch werden biblische Gottesbilder vielfältig aufgenommen. Ganz selbstverständlich redet eine Fülle von Liedern von Gott dem Herrn, dem Herrscher („Wunderbarer König, Herrscher von uns allen“ – EG 327,1), alle Kyrie-Gesänge tun das. Wir reden von der Macht des Ohnmächtigen, wie es das Kruzifix in jeder Kirche zeigt, das zentrale christliche Gottesbild, was aus den Liedern selbst aber nicht immer hervorgeht. Nicht wenige verwenden, wiewohl seit einem Jahrhundert die Monarchie bei uns abgeschafft ist, monarchische Metaphern, „… ein König aller Königreich“ in „Macht hoch die Tür“ (EG 1) aus Sacharja 9,9, „Tochter Zion“ (EG 13) genauso. Aus Ps 24 stammt die Formel vom „König der Ehren“, die uns mehrfach im Gesangbuch begegnet (EG 29,1; 66,5; 70,6 und öfter). Interessant ist, dass sich betont modern gebende Anbetungslieder häufig einer ungebrochen monarchischen Sprache von „Königtum“ und „Majestät“ bedienen, z.B.in „Ein König voller Pracht“ („Feiert Jesus“ 4, 129). Auch der Thron als Machtplatz taucht häufig auf, beim schwäbischen Pietisten Hiller in seinen Liedern „Jesus Christus herrscht als König“ (EG 123) oder „Wir warten dein, o Gottes Sohn“ (EG 152) mit kritischem Seitenblick auf den herzoglichen Thron in Stuttgart, der dem Land beileibe nicht nur guttut. Lieder, die von Herrschaftsbildern geprägt sind, bestätigen und bekräftigen also nicht automatisch irdische Herrschaftsverhältnisse, sondern sehen sie oft gerade kritisch.


Um weiteres nur eben anzudeuten: Gottesbilder werden gern aus der Natur genommen, sei es aus der Astronomie den Morgenstern (Offenbarung 22,16 und EG 69,1.4; 70; 158,1), oder die Sonne (EG 7,5; 37,3; 40,5; 165,6), aus der Flora die Blume (EG 7,3; 30; 47,2), das Weizenkorn (EG 98; 585), aus der Fauna den Adler (EG 317,2; 325,2) oder die Henne (EG 477,8), ansonsten den Edelstein (EG 70,2.3), den Fels (EG 130,5), die Quelle (EG 64,4; 66,7), den Brunnen (EG 58,8; 126,2; 127,7; 140,1.5), das Feuer (EG 126,2; 127,1.4) und viele andere.


Ganz weiblich ist das Sprachbild des „Schoßes“, wenn in Weihnachtsliedern Gottes Schoß als Herkunft Jesu (EG 27,2; 42,7; 76,1; 399,1) oder als eine Schutz- und Rettungserfahrung umschrieben wird (EG 58,7; 144,5; 145,3; 289,1; 369,5; 447,4). Paul Gerhardt vergleicht Gott in seinem Neujahrslied mit einer Mutter (EG 58,4.5). Weitere Gottesbilder stammen aus der sozialen Welt. Lieder kennzeichnen Gott z.B. an Weihnachten als den Armen (EG 5,1), den Bruder (EG 25,3; 33,3), oder als den Freund (EG 147,2; 209), den Lehrer (EG 129,3; 130,2.5; 161,1), den Bräutigam (EG 33,2), den Gast (EG 10,1; 23,5), den Hirten (EG 72,3; 81,4; 85,5; 128,2), den Anwalt (EG 84,6; 149,6), aber auch den Richter (EG 3,5; 5,8; 6,5; 11,10; 97,4; 136,6; 149,1.7), und natürlich – in engem Anschluss an Jesu Gebetspraxis - als den Vater (EG 35,3; 43; 58,12; 67,4; 75; 76 und öfter).


Erfahrungen mit Gottes Anwesenheit und Abwesenheit in Gesangbuchliedern

2.


Diese und eine Menge weiterer Gottesbilder im Gesangbuch gehen unausgesprochen davon aus, dass Gott da ist. Auch wenn die Alten längst nicht immer mit ungebrochener Gottesgewissheit durch das Leben gingen, muss man heute doch begründen, warum wir auch Lieder aus völlig anderen Zeiten singen. Eine Schwierigkeit, die Menschen heute mit älteren Gesangbuchliedern und vielleicht grade ihren Gottesbildern haben, ist sicher die Selbstverständlichkeit, mit der traditionelle Kirchenlieder von der Anwesenheit und Ansprechbarkeit Gottes ausgehen. Das mag noch vor der Frage nach dem einen oder anderen Gottesbild liegen. Erfahrungen von Gottesferne sind aber nichts Neues. Lieder, die das aufnehmen, lehnen sich gern an die Struktur der Klagepsalmen an, die biblisch sehr deutlich von Erfahrungen der Gottesferne reden können (Ps 13; 86 und öfter), die aber oft auf einen Weg von der Klage zum Lob zurückschauen (besonders Ps 22). Bei Liedern von Jochen Klepper kann man diese Weg-Struktur finden (EG 50; 532). Vielleicht nimmt man heute Lieder, die der eigenen Befindlichkeit ferngerückt sind, nicht so gern in den Mund.

 

Dass geistliche Lieder aber immer auch Rollentexte sind, die einem helfen können, etwas in Worte zu fassen, wofür eigene Worte fehlen, gerät dabei aus dem Blick. Mit Liedern mehr zu sagen, als man mit eigenen Worten zu sagen im Moment in der Lage ist, ist nicht nur eine heilsame Erweiterung der eigenen Sprachkompetenz, sondern auch eine Körpererfahrung der Kirche aller Zeiten. Dazu gehören auch Gottesbilder, die vielleicht nicht zu hundert Prozent unsere eigenen sind. Nirgendwo anders als im Singen lässt sich diese Erfahrung der Kirche aller Zeiten so direkt machen. Neuzeitlicher Authentizitätsdruck allerdings, der nur gelten lässt, was im eigenen Garten gewachsen ist, verhindert dies.



Nun kann man aktuelle Befindlichkeiten und die Mühe, die manche mit traditionellen Kirchenliedern haben, nicht einfach überspringen und so gibt es einige bemerkenswerte neue Lieder, die die Erfahrung der Abwesenheit Gottes zum Ausdruck bringen. Im Evangelischen Gesangbuch zählen dazu sicher die beiden Lieder „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“ (EG 382) und „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (EG 381). Aus dem Heft „Wo wir dich loben, wachsen NEUE LIEDER“ rechne ich z.B. die Lieder „Aus der Tiefe rufe ich zu dir“ (Nr. 4), „Bist du mein Gott“ (Nr. 7) und „Gott, du gingst fort“ (Nr. 45) dazu. Es lohnt sich, sie in der Gemeinde zu lernen. Wo nicht vorhanden, ist eine Anschaffung des Büchleins nach wie vor sinnvoll.


Das Gottesbild der klingenden Stimmen

"Ein feste Burg ist unser Gott"

3.


Schließlich will ich der Frage nachgehen, welche Gottesbilder sich aus unserem Singen, also dem Klang unserer Stimmen selbst erschließen lassen.

 

Meiner Wahrnehmung nach klingt zum Beispiel Luthers „Ein feste Burg“-Lied (EG 362) heute immer wieder wie mit angezogener Handbremse. Die Burg, von der im Lied die Rede ist, steht bei uns nicht so stabil, wie der Liedtext glauben machen will. Wenn hingegen bei einem großen Treffen evangelischer Diaspora-Christen etwa in einer der alten schlesischen Friedenskirchen, die Tausende fassen, im Stehen Luthers „Ein feste Burg“ gesungen wird, kommt etwas anderes in die Darstellung. Auch Riethmüllers „Herr, wir stehen Hand in Hand“ (EG 594), das vor Jahrzehnten viele Gruppen, nicht zuletzt im Kirchenkampf während des 3. Reiches zusammengeschweißt hat, scheint heute im Singen seine Kraft einzubüßen. Dabei hat die württembergische Gesangbuchkommission aus dem allzu militärischen Bild der 2. Strophe mit „deine Fahnen ziehn voran“ (EG 594,2) einen Singular gemacht: „deine Fahne zieht voran“ – und ruft damit das Bild des österlichen Christus mit der (einen) Fahne in der Hand hervor.

 

Es hört sich angesichts eines nicht allzu kräftigen Gemeindegesangs so an, als trauten die Menschen der Gottesgewissheit, die einem Lied innewohnt, nicht mehr recht über den Weg, als seien die schönen Gottesbilder zu schön, um wahr zu sein, und von den anderen möchte man sich gerne distanzieren. Dabei ist schon viel gewonnen, wenn wir im Gottesdienst mehr im Stehen singen. Dann wird im Singen, d.h. im Körper etwas leichter mitvollziehbar und plausibler, was es außerhalb des Singens vielleicht nicht ist. Nicht zuletzt das fremde Gottesbild im Kirchenlied kann zu einer neuen Erfahrung führen: sich im Singen mit fremden Federn zu schmücken und eben darin als singende Gemeinde echt und authentisch zu sein.