Die religiöse Vielfalt explodiert

Pfarrerin Annette Kick, Weltanschauungsbeauftragte der Landeskirche Württemberg

Annette Kick ist Pfarrerin der Württembergischen Landeskirche. Sie hat das Amt der Weltanschauungsbeauftragten inne.

 

Über diese Berufsbezeichnung stolpert mancher: „Weltanschauungsbeauftragte“. Was heißt das, fragen wir Annette Kick, von Haus aus Theologin. Nun, die Weltanschauungsbeauftragte informiert und berät Menschen, die Fragen haben oder in Konflikte geraten im Zusammenhang mit religiösen Gruppen und Orientierungen.

2001 hat Annette Kick diese Beauftragtenstelle der Württembergischen Landeskirche übernommen. Sie findet, dass es eine der interessantesten Stellen ist, welche die Landeskirche zu vergeben hat. Kein Tag verläuft wie der andere. Wenn Leute sich bei dieser Stelle melden, haben sie fast immer existenzielle Fragen, von tiefgreifender seelsorgerlicher und theologischer Art.Es geht oft um religiöse Sehnsüchte, die Menschen zu extremen Gruppen treiben, und um Konflikte, die dann entstehen. Oft reißt bei den Anhängern von Sondergemeinschaften der Kontakt zu den Angehörigen ab, und es sind keine Gesprächemehr möglich. Viele Angehörige haben an Annette Kick die Erwartung einer Art „Religionspolizei“. Sie soll die betroffenen Familienmitglieder aus diesen spirituellen Gruppen wieder herausholen. Da versucht sie zu erklären, dass es Gründe gibt, warum jemand einer Gruppe beitritt, und dass Erwachsene, um die es meist geht, selbst merken müssen, welchen Preis sie zum Beispiel für die Geborgenheit oder die klare Orientierung bezahlen.

Zunehmend kleine, unbekannte Gruppen sind zum großen Thema geworden, erläutert Annette Kick. Die kirchlichen Ränder fransen immer mehr aus, und die religiöse Pluralität explodiert. Deshalb wäre es nötig, dass die Landeskirche mehr Weltanschauungsbeauftragte hätte.



Das Gottesbild

Das Gottesbild dieser verschiedensten Gruppen hat nach Beobachtung von Annette Kick häufig eine zentrale Bedeutung.



Wie sieht dies bei der Neuapostolischen Kirche aus?


Mit ihrem neuen Katechismus entwickelte die Neuapostolische Kirche zum ersten Mal so etwas wie Theologie. Die Bibel war früher der Lehre der Apostel untergeordnet. Nach wie vor hält sich die Neuapostolische Kirche mit ihren Aposteln für die richtige Kirche, sieht sich aber nicht mehr als die einzige. Sie hat sich geöffnet und ist ökumenefreundlicher geworden. Früher war das Gottesbild sehr streng, Jesus hatte wenig Bedeutung. Die Unterordnung unter den göttlichen Willen ist allerdings nach wie vor zentral. Gehorsam, Pflicht, Opfer und Verantwortung prägen das Glaubensleben der neuapostolischen Christen. Gott wird jetzt aber freundlicher, fürsorglicher dargestellt. Er ist vergleichbar mit einem Vatervonkleinen Kindern; mit einem verständnisvollen, etwas betulichen Ton, aber doch recht bevormundend. Befreiung, Mündigkeit, Aufmüpfigkeit kommen nicht vor, auch nicht das Ringen mit Gott oder Zweifel. Auch wenn man Gott nicht versteht, so die neuapostolische Haltung, muss man ihm vertrauen. Bibeltexte werden gerne in diese Richtung umgebogen. So fällt zum Beispiel die Gattung der Klage weg, wenn von den Psalmen gesprochen wird. Wenn die Gethsemanegeschichte nacherzählt wird, wird das Ringen und der Widerstand Jesu übersprungen und nur betont: „Nicht wie ich will, sondern dein Wille geschehe“. Die Ämter in der neuapostolischen Kirche sind nach wie vor nur von Männern besetzt, was ein sehr männlich geprägtes Gottesbild unterstützt.


Der Esoterische Markt


Bei den zahllosen Angeboten auf dem esoterischen und dem sogenannten Psychomarkt geht es meist um Methoden und Mittelchen zum garantiert erfolgreichen und glücklichen Leben. Das Göttliche ist einfach die Energie, derer sich die Menschen bedienen. Es tritt dem Menschen nicht als Schöpfer, als unverfügbare Macht aus einer ganz anderen Dimension gegenüber. Das Göttliche ist alles Vorfindliche, und alles Vorfindliche ist göttlich, nur auf verschiedenen Entwicklungsstufen.Der Mensch kann sich weiter entwickeln bis hin zur Vergöttlichung. Man betet nicht einen jenseitigen Gott an. Dem Göttlichen zu dienen, heißt sich den Gesetzmäßigkeiten des Kosmos zu unterwerfen. In diesem Gottesbild gibt es nichts Widerständiges.
Krankheit z.B. gilt als Symptom dafür, dass man das Göttliche noch nicht genug ergriffen hat. Krankheit macht klar, dass der Mensch sich weiter entwickeln muss. Rebellion, Streit, Klage, Bitte und Dank,etwa im Fall von Krankheit und Gesundheit, sind unangemessen. Der Mensch muss sich dem ergeben, was ist.Das Menschenbild istelitär und individualistisch. Wer das Richtige tut, kommt weiter von Leben zu Leben. Wer das Falsche tut, ist selber schuld. Alles bewegt sich in dieser unserer Wirklichkeit, es gibt keine andere, unverfügbare Wirklichkeit.

Charismatisches Gottesbild


Manche Vertreter charismatischer Frömmigkeit haben die Gedankenmagie des„positiven Denkens“ verchristlicht: Wenn man Gottes Geist hat, kann man mit Christus siegen. Dadurch entsteht eine Art Wohlstandsevangelium. Dies funktioniert im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gut. Familie und Beruf werden aufgebaut, schwere Erkrankungen sind seltener. In der Konsequenz dieses Verständnisses hat man nicht genug geglaubt, wenn die Dinge nicht gut laufen. Mit einem solchen Verständnis wird Gott funktionalisiert und methodisiert. Gott wird ähnlich wie in der Esoterik zur Energie, zur verfügbaren „Power“. Der Heilige Geist wird als „Power“ losgelöst von Gott dem Schöpfer und dem Sohn, der ja auch der Gekreuzigte ist. Lobpreis, Gebet, das Geben des Zehnten etc. werden zu Methoden, wie man sich die Power aneignen und sogar den Teufel austreiben kann.
Das Weltbild ist bei den meisten Neucharismatikerndualistisch. Man ist entweder vom Heiligen Geist oder vom Teufel beherrscht. Exorzismus, der so genannte Befreiungsdienst, den viele neucharismatische Gemeinden praktizieren, führt zu vielen Problemen und zu Beratungsbedarf. Diese Gemeinden ziehen zwar mit ihren modernen Formen junge Leute an, vielfach steht dahinter aber eine extrem konservative,antimoderne Theologie.


Welches Gottesbild hat Annette Kick


In der Auseinandersetzung mit so unterschiedlichen Gottesvorstellungen entdeckt und schätzt Annette Kick die biblische Weise, sowohl die jüdische als auch die christliche, von Gott zu reden, ganz neu.
Die alttestamentlichen Gottesbilder prägen das Judentum, das Gottesverhältnis von Jesus und die christlichen Gottesbilder. Die Gottesbilder des Alten Testamentes (AT) sind sehr vielschichtig. Gott begegnet dem Menschen meist als personales Gegenüber, der Glaubende kann ihm vertrauen. Gott lässt sich in das Schicksal eines Menschen oder eines Volkes hineinziehen. Man darf ihm alles sagen, ihn sogar beschimpfen. Andererseits ist Gott nicht der „liebe Gott“, der es allen recht macht. Gott kann zornig sein, gegen Menschen und Völker wüten, aber auch leidenschaftlich lieben. Das Bilderverbot im AT ist wichtig: Gott zeigt sich immer wieder neu, anders, lebendig und ist immer mehr, als Menschen sich zurecht denken.


Annette Kick ist wichtig, dass Gott unverfügbar ist. Das Erkennen Gottes ist Stückwerk, er/sie ist immer noch einmal viel größer und anders als wir denken.Gegen eine zu enge Festlegung hilft auch, dass die Bibel beides kennt: Einerseits personale Bilder wie Vater, Mutter, Hirte usw. Ein Du, mit dem man vertrauensvoll reden, streiten kann, dem man danken und Fragen stellen kann. Die personale Seite ist auch wichtig, um sich geliebt zu wissen und selbst lieben und vertrauen zu können. Das geht nicht ohne ein Du. Damit unser Bild aber nicht zu eng wird, sind auch die überpersönlichen Bilder wichtig. Gerade auch Frauen, die mit den überwiegend männlichen personalen Bildern Mühe haben, sprechen Bilder an wieQuelle, Fels und Licht. Annette Kick ist es wichtig, beides in Balance zu wissen und festzuhalten, dass Gott immer noch viel weiter und größer ist.


Diese Balance und dieses Wissen um die eigene Begrenztheit im Verstehen fehlt bei all den Gruppen und Gurus, mit denen sie täglich zu tun hat.Gerade sektiererische Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas oder auch christliche Fundamentalisten machen sich ein sehr enges Gottesbild zurecht und fordern diesem von Menschen gemachten Gott gegenüber Gehorsam.