Fulbert Steffensky über die Kirche

Fulbert Steffensky

Gott loben, das Recht ehren und das Gesicht zeigen - die Aufgaben der Kirche


"Stellen Sie sich vor, aus dem Stadtbild würden die Kirchen verschwinden. Es blieben nur der Bahnhof, die Fitness-Center, die Banken. Und mit den Kirchen verschwände ein bestimmter Geist, die Geschichte von Recht und Gerechtigkeit, die Tradition. Es verschwänden so zwecklose Nützlichkeiten, wie in der Kirche Gott zu loben und zu singen. - Ich finde es schön, eine Kirche zu haben, wo Gott gelobt wird, wo Lieder gesungen werden."

 

Fulbert Steffensky sitzt uns gegenüber und antwortet auf unsere Frage, ob wir überhaupt noch eine Kirche brauchen. Er strahlt Ruhe aus. Trotz Termindruck hat er sich die Zeit genommen, über die Kirche und ihre Aufgabe mit uns zu reden. Und was er sagt, ist der Rede wert.

 

Die Kargheit bestimmte das Leben

 

Der Lebenslauf von Fulbert Steffensky ist nicht gerade als alltäglich zu bezeichnen. 1933 ist er im Saarland geboren, in einem strengen katholischem Umfeld. Es war die "alte" Welt des Dorfes, so erzählt er, in der die Frömmigkeit nicht von Zweifeln geschüttelt war, in der man glaubte, dachte und tat, was alle glaubten, dachten und taten. Es gab ein fest gefügtes Wissen, einen unhinterfragbaren Lebensentwurf, was aber mit sich brachte, nicht frei zu sein, nicht selber denken zu dürfen. Rituale inszenierten die Lebensabsicht, Institutionen waren stark und streng. Die Kargheit, so Fulbert Steffensky, bestimmte das Leben.

Steffensky wurde mit 23 Jahren Benediktinermönch, verließ dann nach 13 Jahren den Orden und trat zur protestantischen Kirche über. Zunächst war er Lehrer und Seelsorger, dann Professor für Erziehungswissenschaft und Religionspädagogik in Köln, New York und Hamburg. Er war 34 Jahre lang mit der Theologin Dorothee Sölle verheiratet, die im April 2003 in Göppingen starb. Steffensky beschäftigt sich mit Fragen der Spiritualität und gelebter Religiosität in unkirchlichen Zeiten. Und er ist ein gefragter Redner zu Themen der Bildung und Erziehung in einer Zeit, in der alte Traditionen und Werte verloren gehen.

 

Die Gestalt ist wichtig, nicht die Größe

 

Die Kirche wird sich verändern, sagt Fulbert Steffensky. Sie wird ärmer werden und damit intensiver. Er sieht dies als Konzentrationsprozess an. Es sei doch zu fragen, ob die Kirche bisher nicht auf viel zu vielen Pferden geritten wäre. Konkret nachgefragt, wie sich seiner Meinung nach die Kirche zukünftig gestaltet, spricht er die Ökumene an, die Kirchen mit ihren Doppelstrukturen. "Wissen Sie, unsere Kinder haben kein Verständnis dafür, dass keine gemeinsame Abendmahlsfeier möglich ist, wenn gleichzeitig die Welt brennt."
Die Kirche werde auch frauenbestimmter werden, sagt er voraus und er hoffe, sie werde dadurch gütiger und weniger klerikal. Auch die Zentriertheit der Kirche auf Europa werde sich erweitern, etwa durch Lieder und Tänze aus aller Welt.

"Die Kirche wird nicht so klein, dass sie verschwindet", davon ist Steffensky überzeugt. Was sie verlieren werde, sei ihre Staatsabhängigkeit. Hier verweist er auf die Diskussionen um Kreuze in bayerischen Schulen oder die Gottesformel in der europäischen Verfassung.

Steffensky wünscht sich, dass die Kirche eine Volkskirche bleibt, die sich öffentlich zeigt und die Einfluss behält. Und dass gerade in säkularen Zeiten neu nach Kirche gefragt wird, weiß er zu berichten. So finden in Hamburg neu Schulgottesdienste statt, für die es so gut wie keine Tradition gibt, und auch der Gottesdienstbesuch in Hamburg ist steigend. Steffensky rät, nicht skeptisch auf die Größe der Kirche zu schauen, sondern skeptisch auf ihre Gestalt.

Gibt es eine Agenda für die Kirche, eine Tagesordnung, auf der die Aufgaben verzeichnet sind, die wichtig und nötig sind? Steffensky zögert nicht einen Moment und nennt drei Punkte: Gott loben, das Recht ehren und - Gesicht zeigen. Gott loben, führt er aus, ist mehr als eine Aufgabe, es ist ein Tun, das nach innen geht, es ist ein Dürfen. Wenn Gott zum Gewissen einer Stadt wird, wird das Recht geehrt. Denn jeder öffentliche Ort, wo Menschen zusammen sind, brauche ein Gewissen. Und mit aller Deutlichkeit habe die Kirche vor politischen Gemeinden, vor Jugendlichen, vor gesellschaftlichen Gruppen ihr Gesicht zu zeigen: Wer sie ist, was sie hat.

 

Steffensky geht davon aus, dass mit den geringer werdenden Mitteln die Kirche sich wieder mehr den Menschen zuwende. Dabei zeigt er zwei Strategieformen auf: Die Kirchenleitung vertrete mehr das Bewahrende, Behütende, den Zusammenhalt, die Harmonie. Die verschiedensten Gruppen in der Kirche, egal, ob es sich um Jugendgruppen, Frauengruppen, Friedensgruppen oder spirituell ausgerichtete Gruppen handle, drängten voran. Dabei auftretenden Streit empfindet Steffensky als positiv. Denn zum einen bringe Streit die Wahrheit voran, zum andern bezögen beide Seiten sich in ihren Grundtendenzen auf die Bibel, und das eindeutig. Das sei doch, so Steffensky, ein Vorteil für die Einheit der Kirche. Denn wo gebe es schon so viele verschiedene Menschen und Gruppen mit einer gemeinsamen Tradition?

 

Die Bibel und die Stadt lesen

 

Wichtig sind Fulbert Steffensky die Gottesdienste. Er betont die Kargheit der "Schwarzbrot"-Gottesdienste und den darin enthaltenen Geist. Auf Zweite Gottesdienstprogramme angesprochen, etwa der Geislinger Spätlese, hinterfragt er den merkwürdigen Bedarf der Menschen, sich selbst zu fühlen. Dies habe mit der Entsinnlichung und Denaturierung der Städte, dem Bruch von Traditionen zu tun. Hier müssten sich Pfarrerinnen und Pfarrer aber immer fragen, was sie tun, um nicht der Gefahr der inhaltslosen Interessantheit zu erliegen. Allerdings sei eine Experimentierfreudigkeit zu begrüßen, besonders wenn Menschen zur Sprache kommen, denen die Kirche lange Zeit verweigerte zu sprechen – wie etwa Frauen und Arbeiter.

Und die reine Besucherzahl sage gar nichts aus. Man müsse sich nämlich immer auch fragen, wozu kommen die Menschen, was ist ihr Grundanliegen? Haltbar seien, so Steffensky, Gottesdienste, die karg seien. Dabei setzt er eine gute Form und Sprache voraus. Die Menschen verstünden die religiöse Sprache, wenn diese verbunden sei mit ihrem Erlebnishorizont, mit ihren Ängsten und Sorgen. Pfarrerinnen und Pfarrer dürften sich ihre Sprache, die Form, nicht diktieren lassen von Interessen oder vom Fernsehen. Sie müssten keine Gottesverteidiger sein, keine Kunstgebilde, sondern Zeitgenossen der Menschen, die die Bibel lesen und auch die Stadt.

 

Auch sollten Predigten nicht belehrend sein, sondern Trost und Aufrüttelung enthalten, die Schönheit eines anderen Lebensentwurfes aufzeigen, zum Glauben verlocken statt zu zerren. Ein neues Gespür für Geschichte, Tradition und Orte entstünde bei den Menschen. Steffensky fügt als Beispiel den Widerstand in Ostdeutschland an, der sich regt, wenn Kirchengebäude verkauft werden sollen. Nun, darin haben auch wir in Geislingen durchaus Erfahrung, wenn wir an die Verkaufsabsicht des Martin-Luther-Gemeindehauses denken.

 

Was tut Not?

 

Aber, so meint Steffensky, es könne sein, dass der Fortschritt zuerst durch den Ruin des Alten gehen müsse. Und er ärgert sich über den Pessimismus in der evangelischen Kirche. Wenn die Leute nicht in die Kirche kommen wollen, sei dies nicht die Schuld der Kirche. Und, so stellt er fest, die ersten Adressaten der Kirche seien die Armen, nicht vorrangig andere.

Hier gelte es auch, dass die Kirche sich frage, was Not tut. Die Kirche müsse wahrnehmen, was in der Gesellschaft fehle und sich überlegen, ob dies Aufgabe der Kirche sei. Dabei sieht er im Protestantismus den Nachteil, dass es zu wenige Orte gibt, in denen Themen diskutiert werden. Die katholische Kirche hätte dafür ihre Klöster und Orden, auf evangelischer Seite seien es die Akademien. Aber da spiele die wirtschaftliche Abhängigkeit bei der Themenauswahl häufig eine zu große Rolle. Er frage sich, ob etwa solche Tagungsangebote wie "Instinkternährung und Paddeln" trotz finanziellen Gewinns für die Fortbildungsstätte angeboten werden müssten.

 

Kirche ist ein Ort der Widersprüche

 

Zwei Aufgaben gelte es für die Kirche zu bewältigen: Zu sehen, was schon ist, und sich nicht von dem faszinieren zu lassen, was noch nicht ist. Kirche, sagt Steffensky, ist ein Ort der Widersprüche, und an Widersprüchen kann man arbeiten.

 

Hier spricht ein Mann, der viel Erfahrung hat, der viel nachdenkt, der sich mit Kirche nicht nur beschäftigt, sondern der in ihr lebt. Dies strahlt er aus. Und Fulbert Steffensky versteht es, in einer Sprache zu reden, die verständlich und faszinierend ist.

Ob bei all seinen Verpflichtungen denn noch Zeit für Hobbies bleibt, wollen wir wissen. Hier ist der erste Augenblick, an dem Steffensky stutzt. Tja, meint er, er sei eher ein Workaholic, aber Musik wisse er schon zu genießen, und er lese auch gelegentlich Romane, Gedichte und Krimis. Und eine besondere Lebensschönheit für ihn seien seine Enkel. Da würde er auch vieles liegen lassen, um mit ihnen zusammen zu sein.

Auf seine Lieblingsstelle in der Bibel angesprochen lautet ohne Zögern die Antwort: "Römer 8". Hier gehe es um die Gnade, und das sei die Mitte der Schrift. So unruhestiftend sie auch sei. Und er schmunzelt bei diesem kleinen Nachsatz.