Singen ist evangelisch

Die Geschichte der evangelischen Kirche ist zugleich eine Geschichte der Kirchenmusik

 


Als in den Tagen der Reformation, so erzählt man, die Ideen dieses Wittenberger Mönches zur Reform der Kirche auch in die Stadt Lemgo gedrungen waren, entstand auf dem Rathaus eine gewisse Unruhe, denn Gerüchte schwirrten durch die Stadt, in den Gottesdiensten würden sich merkwürdige Dinge zutragen, Leute gäb’s, die wollten in der Kirche alles anders machen. Der Luther würde noch gefährlich werden, wenn man nicht aufpasste. Sicher konnte man nicht alles lassen, wie’s war, aber die Sache durfte auch nicht aus dem Ruder laufen. Der Bürgermeister wollte genauer Bescheid wissen und schickte seinen Stadtschreiber in das Gotteshaus, er solle da mal nach dem Rechten sehen und ihm von diesen Umtrieben berichten. Nach geraumer Zeit kam der Schreiber wieder zurück ins Rathaus. „Und?“ fragte der Bürgermeister. „O Herr, die singen schon alle!“ antwortete der Ratsschreiber nur, und der Bürgermeister stellte lakonisch fest: „Ei, dann ist alles verloren.“ Der Mann hat etwas von Musik und ihrer Kraft verstanden! Singen ist evangelisch.

 

Noch eine Geschichte: die Stadt Süßen war früher durch die Fils konfessionell getrennt in das evangelische Großsüßen südlich und das katholische Kleinsüßen nördlich der Fils. Im Be-wusstsein mancher Älteren ist das bis heute so. Großsüßen unterhielt auf Kleinsüßener, also katholischem Gebiet am andern Ufer der Fils ein Zollhäuschen, damit sich die Kaufleute nicht nördlich der Fils ohne Obulus vorbeischmuggelten. Die Grundbesitzverhältnisse um das Zoll-haus waren sehr kompliziert, sodass es immer wieder zu Auseinandersetzungen kam. 1720 wurde nach dem Tod der evangelischen Zollnerin ein Rechtsgutachten in Ulm eingeholt, wie und von wem denn nun der Leichnam vom Zollhaus in Kleinsüßen auf den Großsüßener evangelischen Friedhof zu bringen sei. In diesem Gutachten heißt es: ”Den Leichnam tragen in dem Sarg vier Männer von Großsüßen aus dem Zollhaus heraus und die Stafflen hinunter. Dann übernehmen den Leichnam zwei Männer von Groß- und zwei von Kleinsüßen und tra-gen denselben über den gemeinschaftlichen Platz zu dessen vorderen Eck- und gemeinschaftlichen Grenzstein Numero 3, dann aber die von Kleinsüßen allein durch das Weiler und zwischen die Grenzstein Numero 15 et 16 ... Von da an aber wird der Leichnam denen von Großsüßen auf dem dasigen Gottesacker zur Begräbnis zu bringen allein überlassen. Vor dem Zollhaus wird christlichem Gebrauch nach gesungen, durch Kleinsüßen mit dem Gesang innegehalten, bei den zwei Grenzsteinen aber gleich wieder angefangen und bis auf den Großsüßener Gottesacker mit dem Gesang continuiert.”  Auf katholischem Gebiet wird geschwiegen, auf evangelischem Terrain gesungen. Die Evangelischen sind die, die singen.

 

Das Wort wird lebendig im Klang

 

Die Reformation ist eine Singbewegung und die Geschichte der evangelischen Kirchen von Anfang an zugleich eine reiche Geschichte der Kirchenmusik. Kirchenmusik ist in der evangelischen Kirche deshalb unverzichtbar, weil die Lebendigkeit des Evangeliums an seiner Mündlichkeit hängt, an seinem Erklingen. Der Glaube kommt nach Paulus aus dem Hören, wie es Römer 10,17 im Grunde heißt. Das Evangelium ist ein Klangereignis. Was wir gedruckt in Büchern haben, ist eine Gedächtnisstütze für unser schwaches Gehirn, das die Bibel nicht auswendig kann. Lebendig aber wird das Wort erst im Klang.

Grundlage aller Kirchenmusik ist das geistliche Singen. An Luthers Auffassung vom Lied zeigt sich Grundlegendes und Unaufgebbares. Der Reformator zieht nämlich, wenn er Lieder schreibt, „die schöne Musica“ dem Wort Gottes an, „dass also solcher schöner Schmuck der Musica in rechtem Brauch ihrem lieben Schöpfer und seinen Christen diene, dass Er gelobt und geehret, wir aber durch sein heiliges Wort, mit süßem Gesang ins Herz getrieben, gebessert und gestärkt werden im Glauben“. So heißt es in einer seiner Gesangbuchvorreden. Kir-chenmusik ist Gotteslob, aber nicht nur das. Das Lied ist auch Träger der biblischen Bot-schaft, Medium des Evangeliums. Es hat eine doppelte Richtung. Zu den Grundlagen der e-vangelischen Kirche gehört ja die Auffassung, dass Gottes Gegenwart nicht an die vom ge-weihten Priester gewandelten Abendmahls-Elemente auf dem Altar gebunden sind, sondern an das erklingende Wort Gottes. Seine Wirksamkeit hängt nicht von einem geweihten Priester ab. Gott kommt in seinem Wort. Er kann sich die Stimme jedes Menschen leihen. Bei Luther sind nun geistliche Lieder eine Gestalt des Wortes Gottes, und damit nichts weniger als ein Medium der Präsenz Gottes. Gerade im Singen nimmt die Gemeinde also ihr allgemeines Priesteramt wahr, von dem so viel die Rede ist. Kirchenmusik hat immer eine Doppelrichtung.

 

Lieder sind Gottesrede

 

Es gibt von Luther jene berühmte Definition des Gottesdienstes, die er in der Predigt zur Ein-weihung der Torgauer Schlosskirche formulierte, in diesem Haus solle nichts anderes gesche-hen, „als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm durch Gebet und Lobgesang.“ Das könnte man oberflächlich so deuten, als habe eben der Pfarrer oder die Pfarrerin das göttliche Wort zu sagen, und die Gemeinde antworte darauf unter anderem mit ihrem Singen. Und die Kantoren gehörten damit auch gleich auf die Antwortseite. Und nur dahin. So denken ja manche. Wenn wir die Lieder Luthers aber selbst anschauen, sehen wir sofort, dass das Singen auf beiden Seiten der liturgischen Kommunika-tion seinen Ort hat. Viele Lieder sind Lob- und Danklieder, Klage- und Bittlieder. Wenn wir sie singen, dann loben und danken wir, klagen und bitten. Aber das ist nur die eine Seite. Geistliche Lieder sind nicht nur das eigene Wort derer, die Gott gemeinsam antworten, sondern sie sind auch das fremde Wort, das paradoxerweise in unserem eigenen Mund von außen auf uns zukommt, ja in ihnen spricht unter Umständen Gott selbst: „Er sprach zu seinem lieben Sohn: ‚Die Zeit ist hie zu erbarmen …“ (EG 341,5), wer das singt, ist nicht einfach er selbst. Er ist mehr. Im Klanggewand menschlicher Stimmen redet Gott selbst. Oder: „Er sprach zu mir: ‚Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen; ich geb mich selber ganz für dich …“ (EG 341,7) Das sage nicht ich, wenn ich singe, das sagt Christus. Die letzten Strophen von Luthers „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ redet Christus. Auch Jochen Kleppers „Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin“ (EG 380) könnte man nennen, das ganze Lied ist pure Gottesrede nach Jesaia 46, 3.4.

 

 

Die evangelische Kirchenmusik hat auf dieser anspruchsvollen Grundlage in mehreren Jahr-hunderten einen riesigen Aufschwung genommen, nicht zuletzt dadurch, dass an den großen Kirchen und Höfen auch große Musiker angestellt waren, zu deren Aufgaben die Komposition gehörte: Johann Walter, Michael Prätorius, Melchior Vulpius, Johann Herrmann Schein, Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, der katholische Max Reger, um nur wenige zu nennen. Bis in die Gegenwart entstand eine unübersehbare Fülle von Musik für den Gottesdienst, aber auch geistliche Musik im weiteren Sinn. Im 20. Jahrhundert wirkten, um nur drei herauszugreifen, Hugo Distler, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, der in Lübeck, Stuttgart und Berlin mit vielfältig-bedeutender Chormusik wirkte. Helmut Bornefeld in Heidenheim hinterließ ein großes Werk der Bearbeitung von Chorälen, oder der Theologe und Komponist Dieter Schnebel, der Schlüsselwerke der geistlichen Chormusik des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Die Kirchenmusik der Gegenwart kommt allerdings nicht aus ohne die Orgelwerke des französischen Katholiken Olivier Messiaen, der ebenfalls in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.

Für alle erdenklichen Anlässe entstanden Oratorien, Kantaten, Liedsätze, Motetten, Sologesänge, Singsprüche, groß besetzt und für die kleinen Verhältnisse, Orgelmusik en miniature und im großen Stil, die geistliche Bläsermusik und auch die populäre Musik der Gegenwart nicht zu vergessen. Bach versah seine Partituren grundsätzlich mit dem Kürzel SDG, „Soli Deo Gloria“, dem einig-einzigen Gott zur Ehre. Singen und Musik haben immer diese beiden Richtungen: Gott zur Ehre und dem Menschen zur Stärkung des Glaubens, wie Luther einst formulierte, oder in Bachs Worten: „zur Ehre Gottes und zur Recreation des Gemüths“. Kirchenmusik ist Seelenmusik und Predigtmusik, Spruch- und Evangelienmotetten machten den Chor zum Prediger und Seelsorger.

 

Singen ist fühlen und handeln

 

Die Grundlagen der Kirchenmusik und damit des Singens in der Kirche verstehen sich heute nicht mehr von selbst. Was das Singen in der Kirche anbelangt, sind wir heute alle vom Pie-tismus geprägt, denn im Singen drücken wir uns selbst aus, außerdem sind wir alle Romantiker, denn wir empfinden Singen und Musik als Sprache des Gefühls. „Was ich nicht fühlen kann, kann ich auch nicht singen“, sagt Herbert Grönemeyer. Heute tritt die Popularmusik an mit dem Anspruch, gerade in der Kirche am Musikgeschmack der jüngeren Generation anzu-knüpfen, Selbstausdruck und Gefühl eine ansprechende Gestalt zu geben und die jungen Leute musikalisch zu beheimaten. Dabei ist die Popularmusik keine Jugendbewegung mehr, wie man an Udo Lindenberg oder den Rolling Stones sehen kann. „Wir müssen die Menschen doch da abholen, wo sie sind“ wird oft als Motivation genannt. Vorausgesetzt wir wissen, wo die Menschen sind, worüber man streiten könnte, habe ich manchmal den Eindruck, wir holen dann zwar die Menschen da ab, wo sie vermeintlich sind, wir gehen aber nirgendwo hin mit ihnen, drehen uns ein paar Mal, und bleiben am Ende da, wo wir angefangen haben. Dass wir im geistlichen Singen und Musizieren nicht nur wir selbst sind, sondern mehr, ist aus dem Blick geraten: geistliches Singen ist auch Rollenhandeln. Wer singt, geht immer über sich hinaus.

 

 

Das Singen der Gemeinde ist die Matrix aller Kirchenmusik. Wo dieser Mutterboden nicht gebildet und gepflegt wird, hängen Passionen und Motetten von Heinrich Schütz oder ein Deutsches Requiem von Brahms, hängt die Kirchenmusik, die auf weite Strecken Liedbearbeitung ist, auf die Dauer in der Luft. Die Kirchenmusik macht einen großen Teil unseres kulturellen Erbes als evangelische Kirche aus. Wie können wir wissen, wohin wir wollen, wenn wir nicht wissen, woher wir kommen? Wie können wir wissen, wer wir sind, wenn wir unsere Herkunft nicht kennen? „Wer die Vergangenheit nicht kennt, den kann es die Zukunft kosten“, schrieb der Dichter Reiner Kunze. Zwei Drittel der Orgelwerke Bachs sind Choralbearbeitungen, die zur schönen Klangsoße werden, wenn wir die zugehörigen Lieder nicht mehr assoziieren und innerlich mithören können. Es gibt heute neue geistliche Lieder in unüberseh-barer Zahl, deren größter Teil dazu dient, bestimmten Milieus stets neue Klangmittel zur Dar-stellung ihrer selbst an die Hand zu geben. Das ist schön. Musik allerdings, die ursprünglich dazu diente, Menschen miteinander zu verbinden, dient heute weithin dazu, sie voneinander zu unterscheiden. Das kann man bedauern, es führt aber nichts an dieser Feststellung vorbei.

 

 

Bei Fulbert Steffensky lese ich den schönen Satz: „Die Kirche hat Traditionen und heilige Texte, die die Menschen davor bewahren, in der puren Gegenwart zu versinken.“ Nicht zu-letzt die kirchenmusikalischen Traditionen gehören zum Reservoir unserer Identität. Wenn wir sie selbst nicht ernst nehmen, wie wollen wir erwarten, dass wir damit ernst genommen werden?

 

30 Lieder für alle Gemeinden

 

Der weiträumige Verlust einer gemeinsamen, generationenübergreifenden Liederkenntnis hat kürzlich zu der Initiative der „Kernliederliste“ geführt. In Württemberg und Baden wurde eine Liste von 30 Liedern und 3 Kanons erarbeitet und von beiden Kirchenleitungen allen Gemeinden empfohlen.  In allen kirchlichen Bereichen, in denen gesungen wird, möge man sich an der Bildung eines gemeinsamen Liederrepertoires beteiligen und sich dabei an der Kern-liederliste orientieren. Inzwischen empfehlen sogar alle evangelischen Kirchen in Deutsch-land ihren Gemeinden die Kernliederliste zur Übernahme, um langfristig wieder auf ein ge-meinsames, generationenübergreifendes Liederrepertoire zuzugehen. Die Resonanz vor allem unter Religionslehrerinnen und –lehrern ist groß. Repertoirebildung ist das zentrale Stichwort. Das Singen mit Kindern im Kindergarten und in der Grundschule, in Kinderchören und im Kindergottesdienst, die langfristig überlegte und wiederholte Verwendung dieser Lieder auch im Gottesdienst wird das künftige Bild der Kirchenmusik entscheidend prägen. Nicht nur zuhören, wie andere uns Lieder vorsingen, sondern selber singen, nicht sich im Stillen ärgern, wenn Lieder unbekannt sind, sondern fragen: wo können wir sie lernen, wenn sie interessant sind, das würde ich evangelisch nennen, die Mündigkeit der Christen an ihrer Mündlichkeit festmachen und sich inhaltlich nach wie vor daran orientieren, was Luther in seiner ersten Gesangbuchvorrede schrieb, „dass Christus unser Lob und Gesang sei“, auch wenn seit der Reformation im 16. Jahrhundert und Süßen 1720 einiges Wasser die Elbe und die Fils hinun-tergeflossen ist.

 

 

Prof. Bernhard Leube, Süßen
Pfarrer im Amt für Kirchenmusik, Stuttgart