Seelsorge

Der christliche Glaube will im Alltag gelebt sein

 

Um den Glauben miteinander oder allein leben zu können, braucht es verschiedene Angebote in der Kirchengemeinde oder im Kirchenbezirk. Die Seelsorge ist dazu eine Grundlage.

 

 

Wusstest Du schon.

 

Wusstest du schon,
dass die Nähe eines Menschen gesund machen,
krank machen,
tot oder lebendig machen kann?

Wusstest Du schon,
dass die Nähe eines Menschen gut machen,
böse machen,
traurig und froh machen kann?

Wusstest Du schon,
dass das Wegbleiben eines Menschen sterben lassen kann,
dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt?

Wusstest Du schon,
dass die Stimme eines Menschen
einen anderen Menschen wieder aufhorchen lässt,
der für alles taub war?

Wusstest Du schon,
dass das Wort oder Tun eines Menschen wieder sehend machen kann,
einen der für alles blind war,
der nichts mehr sah,
der keinen Sinn mehr sah in dieser Welt und in seinem Leben?

Wusstest Du schon,
dass das Zeit haben für einen Menschen mehr ist als Geld,
mehr als Medikamente,
unter Umständen mehr als eine geniale Operation?

Wusstest Du schon,
dass das Anhören eines Menschen Wunder wirkt,
dass das Wohlwollen Zinsen bringt,
dass ein Vorschuss an Vertrauen hundertfach auf uns zurückkommt?

Wusstest Du schon, dass Tun mehr ist als Reden?

Wusstest Du das alles schon?

Wusstest Du auch schon,
dass der Weg vom Wissen über das Reden zum Tun unendlich weit ist?
                  Dichter und Pfarrer Wilhelm Willms, „Roter Faden Glück“

Seelsorge

Pfarrer Volker Weiß, Helfenstein-Klinik Geislingen



Ein Beispiel:

 

Frau B.  sitzt schon einige Tage am Bett ihres kranken Kindes und macht sich Sorgen. Es klingelt. Die Gemeindepfarrerin steht vor der Tür.
Sie kennen sich von der Krabbelgruppe, die Frau B. leitet und die beiden schätzen sich gegenseitig. Frau B. bittet die Pfarrerin im Wohnzimmer Platz zu nehmen, während sie das Babyphon installiert. Die Pfarrerin sieht Frau B. die Sorgen an und ermutigt sie zu erzählen, was sie bedrängt und ihr zu schaffen macht. Frau B. schüttet ihr Herz aus. Tränen treten ihr in die Augen, die Pfarrerin nimmt ihre Hand. Ehe sie aufbricht, bietet sie Frau B. an, sie zu segnen, was Frau B. gerne annimmt. Als Frau B. wieder am Bett ihrer Tochter sitzt, die mit rotem Fiebergesicht schläft, atmet sie tief durch. „War das gut“ denkt sie, „dass sie mir zugehört hat.“ Und sie legt ihrer kleinen Tochter die Hand auf die Stirn. Sie spürt, sie und ihre kranke Tochter sind nicht allein. Da ist noch ein Dritter im Bunde, der mitträgt und stärkt.


Ihr ist, als breite sich über dem Bett ihres Kindes eine Atmosphäre aus, die von Ruhe und Frieden erfüllt ist, als spüre sie Gottes Gegenwart.

Seelsorge als Sorge für das Leben
Seelsorge ist Sorge für die Seele, Sorge für das Leben, Sorge, dass das „Leben in Fülle“ (Joh. 10, 10) erlebbar und erfahrbar wird. Die Sorge um das seelische Erleben umfasst den ganzen Menschen: den Menschen in seinen sozialen Bezügen genauso wie in seinem Verhältnis zu sich selbst, zu seinem Körper, zur Welt seiner Gefühle, Empfindungen, Ahnungen, Zielen, Motiven und Gedanken, seiner Biografie und zum Grund allen Lebens, zu Gott.


Wenn die Seele eines Menschen unter Druck gerät und in Not kommt, wird das Leben schwer. Seelsorgerliche Gespräche und Begleitungen  sind Angebote – einmalig oder mehrmalig - , um Menschen auf ihrem jeweiligen  Lebensweg mit seinen Höhen und Tiefen zu unterstützen, ihnen im Alltag aber auch in krisenhaften und konfliktreichen Situationen zur Seite zu stehen  und bei schwierigen Entscheidungen und in Veränderungsprozessen das Rückgrat zu stärken. Seelsorge vertraut darauf, dass Gott neue Perspektiven und Freiräume ermöglichen kann und wir nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Seelsorge als „Muttersprache der Kirche“
Für uns ist Seelsorge – in Anlehnung an einen Workshop der Evangelischen Kirche in Deutschland 2009 in Hannover – „die Muttersprache der Kirche“ (Petra Bosse-Huber). Denn Seelsorge gehört zu den Kernaufgaben von Pfarrerinnen und Pfarrern in den Gemeinden und in speziellen Bereichen wie Krankenhäusern und Gefängnissen, diakonischen Einrichtungen und Heimen.
Pfarrerinnen und Pfarrer sind durch ihre Ordination an das Beichtgeheimnis gebunden und sichern absolute Vertraulichkeit zu.
Seelsorgerliche Begleitung von Menschen hat wie eine Ellipse zwei Brennpunkte: das qualifizierte Gespräch und das Angebot von heilsamen Ritualen wie Segnung, Abendmahl etc.   
Seelsorgerliches Engagement respektiert die jeweiligen persönlichen Überzeugungen und Glaubensvorstellungen der Beistand suchenden Menschen, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zur Evangelischen Kirche.




Seelsorgerliche Kirche
Seelsorge als Lebens-, Krisenbewältigungs- und Glaubenshilfe ist aber nicht nur eine Aufgabe von Spezialisten und Amtsträgern. Einfühlsam zuhören, mitfühlen oder ganz praktisch einen Menschen zu unterstützen, ist Sache aller Christen.
„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen – so Jesus Christus – da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt. 18,20)
Was zählt, ist eine Haltung der Achtsamkeit, Wertschätzung und gesprächsfördernde Kompetenzen. Indem Menschen einander hilfreich zur Seite stehen, miteinander sprechen, sich gegenseitig stärken, und einander ermutigen, werden sie zum Spiegel der Menschenfreundlichkeit Gottes.

Merksätze für das Gelingen eines seelsorgerlichen Gespräches:

1. Wertschätzung spürbar machen
Respekt und Wertschätzung des Gegenübers schaffen eine Atmosphäre der Akzeptanz und helfen dem andern, sich zu öffnen. Es gilt, die Persönlichkeit der Ratsuchenden zu akzeptieren und ihre Überzeugungen zu respektieren.
Konkret: Ihre Not und Hilflosigkeit sind ernst zu nehmen.
Besserwisserei ist von Übel.

2. Aktiv zuhören
Hinhören, Einfühlen und Verstehen schafft Nähe und Begegnung, die Hilfe ermöglicht.
Konkret: Erst einmal zuhören, nicht selber reden, den anderen ausreden lassen! Geduld. Das eigentliche Thema kommt oftmals erst nach einigen Sätzen. Hilfe zur Selbsthilfe anstatt Ratschläge, die mit „Du musst" oder „Du sollst" beginnen und die Betroffenen in schwieri¬gen Situationen oftmals überfordern. Eine mitgeweinte Träne ist oft mehr Trost als zig kluge Gedanken.
Bemerkungen „Das wird schon wieder“ oder „Irgendwann ist man darüber weg“ enthalten zwar eine Wahrheit, nehmen aber die Gefühle des Gegenübers in seiner Situation nicht ernst.
Praktische Hilfen sind tätige Seelsorge wie die Unterstützung beim Einkaufen, bei der Kinderbetreuung oder bei den Anforderungen im Büro, wenn der Betroffene es möchte.

3. Ringen um Verstehen
Wir sollten uns immer vergewissern, ob das Gegenüber sich verstanden weiß, um nicht in unserer eigenen Vorstellungswelt hängen zu bleiben.
Konkret: Bemerkungen, die den andern von sich selbst wegführen, wie "Kennen sie Herrn X. bei dem war es auch so…“ vermeiden und dem anderen die Zeit lassen, die eigene Sicht zu schildern.

4. Angebote des Vertrauens machen
Im Begleiten von Menschen ist herauszufinden, was ihnen Halt und Kraft gibt im Leben und im Sterben, so dass jede und jeder die eigene Spiritualität wieder oder neu entdecken kann.
Konkret: Neben Gesprächen können Angebote des Vertrauens und des Glaubens aus unserer Tradition hilfreich sein: Gebet, Segen, Abendmahl, Gottesdienst, Salbung, Singen.
Äußerungen wie  „Ich denke an dich", „ Ich bete für dich" oder "Ich wünsche dir viel Kraft und Gottes Segen" sind hilfreicher als aus dem Zusammenhang gerissene Bibelzitate.

5. Sich füreinander Zeit nehmen
Seelsorgerliche Gespräche benötigen klare Absprachen, äußere und innere Anwesenheit, Ratsuchende sollen wissen, woran sie sind und worauf sie sich verlassen können.
Konkret: Störungsquellen, die das Gespräch im vereinbarten Zeitraum stören, sind soweit wie möglich zu entfernen: sowohl äußere (z.B. Telefon) wie auch innere (ein anderer Termin steht an, bin persönlich unter Druck etc.).