Wir erleben alle Tiefen des Menschen

Erste Polizeihauptkommissar Manfred Malchow

 

 

 

Der Leiter des Polizeireviers in Geislingen, der Erste Polizeihauptkommissar Manfred Malchow erzählt von der tagtäglichen Arbeit der Polizei vor Ort.

 

Frage: Herr Malchow, hat die Polizei seelsorgerliche Aufgaben?

Malchow: Häufig. Wir haben sehr viele Einsätze wegen Haus- und Familien- und Partnerschaftsstreitigkeiten sowie Streit in der Nachbarschaft. Im letzten Jahr waren wir dazu 328 Mal unterwegs. Diese Konflikte fallen ja nicht in den strafrechtlichen Bereich. Unsere Aufgabe ist es, deeskalierend zu wirken. Die Leute sind nicht mehr in der Lage, ohne fremde Hilfe klar zu kommen. Hier erleben wir Polizisten alle Tiefen des menschlichen Lebens und haben Sozialarbeits-Aufgaben. Die Streitigkeiten sind ja in der Regel in den Abendstunden oder am Wochenende, wenn soziale Dienste nicht mehr erreichbar sind. Und meist sind es Konflikte, die sich langfristig aufbauen und dann eskalieren und die langfristige Hilfe bräuchten. Aber Beratungsdienste werden in aller Regel nicht angenommen.

 

 

Frage: Gibt es für das Eingreifen in solche Konflikte eine spezielle Ausbildung für die Polizisten?

Malchow: In der Ausbildung wird Wert auf psychologische Schulung gelegt. Durch Situationsdarstellung und Rollenspiele wird viel praktisch geübt und durchgespielt. Auch im täglichen Dienst, insbesondere bei den Kollegen im Streifendienst, wird situatives Verhalten laufend geübt. Dazu haben wir in Göppingen Verhaltenstrainer. Sie sind zuständig für Verhaltensschulung und Schusswaffentraining, damit nicht voreilig zur Waffe gegriffen wird. Es ist ein ganzheitliches Konzept. Sechs mal im Halbjahr, etwa drei bis vier Stunden, wird jeder Beamte geschult und es findet Erfahrungsaustausch im Gruppengespräch statt. In diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Die Notwendigkeit ist erkannt worden.

 

 

Frage: Haben Polisten die Möglichkeiten, bei schwierigen Ereignissen oder Vorfällen, die sie belasten, Beratung und Hilfe zu erhalten?

Malchow: In jeder Direktion gibt es Konflikthandlungs-Beamte, an die einzelne Beamte sich wenden können. Auch stehen Polizei-Psychologen zur Verfügung. Wir haben auch guten Kontakt zur Polizei-Seelsorge. Für die katholische Kirche ist Pater Ehrenfried für uns zuständig, für die evangelische Kirche Pfarrerin Eva-Maria Agster. Frau Agster war eine gute Hilfe, als ein Kollege im Dienst zu Tode kam. Manchmal sollten Kollegen solche Angebote mehr wahrnehmen. Aber die Hemmschwelle, sich dazu zu bekennen, psychische Probleme zu haben, ist sehr hoch. Dies ist wohl system-immanent. Im Einsatz schaffen die Beamten viel, aber die Probleme kommen hinterher. Ich habe dies selbst erlebt, als Kollegen beschuldigt wurden, Asylbewerber misshandelt zu haben. Es hat mich sehr belastet und ich war ein Getriebener in diesem Verfahren. Mit der Polizeipfarrerin, Frau Agster, habe ich Kontakt aufgenommen. Dies hat mir geholfen. Wichtig war, dass ich dieses Problem aktiv angegangen bin. Bei den Möglichkeiten zur Beratung und Hilfe wurde viel getan, aber es muss jedem einzelnen bewusst werden, dass es kein Zeichen der Schwäche ist, über Erlebnisse zu reden. Eine gute soziale Einrichtung ist bei uns noch die gemeinsame halbe Stunde nach Schichtende. Da sitzen die Beamten zusammen, reden über die Dinge und bearbeiten die Ereignisse. Das Bedürfnis dazu ist da.

 

Landeskirchliches Pfarramt für Polizei und Notfall-Seelsorge:   

Kirchenrätin  Eva-Maria Agster:

 

Kontakt: 

Telefon: (0711) 46 2001

Email:

Eva-MariaAgsterdontospamme@gowaway.fh-pol-vs.de

Polizeipfarramt.Stuttgartdontospamme@gowaway.elk-wue.de

 

Bezirksbeauftragter für Polizei und Feuerwehr im Kirchenbezirk Geislingen:

Pfarrer Dietrich Crüsemann

Kirchplatz 2

73312 Geislingen (Steige)

Tel. (07331) 42 773

Email: pfarramt.stadtkirche-2dontospamme@gowaway.ev-kirche-geislingen.de

Bild links: Kirchenrätin Eva-Maria Agster,

Bild rechts: Pfarrer Dietrich Crüsemann