Seelsorge in der "guten, alten Zeit"

Karlheinz Bauer

Von Karlheinz Bauer, Stadtarchivrat i.R., Amstetten

 

 

Seelsorge war zu allen Zeiten eine hohe, aber auch eine schwierige Aufgabe. Sie steht in einer ungewollten Wechselbeziehung zu den Launen des Zeitgeistes. Die Unterstützung und Begleitung des einzelnen Menschen in Fragen des Glaubens und der Lebensführung durch Pfarrer oder andere entsprechend ausgebildete und von der Kirche beauftragte Personen stößt heute in einer säkularisierten Gesellschaft oftmals an ihre Grenzen. Mit traditionellen Formen der Seelsorge wie Gottesdienst, Predigt, Katechese oder Spendung von Taufe und Abendmahl werden, zumal in verstädterten Bereichen, zunehmend nur noch Minderheiten erreicht.

 

Die Launen des Zeitgeistes

 

Heute bestimmen zentrifugale Kräfte den gesellschaftlichen Prozess, zweifellos auch als Ausfluss des demokratischen Verständnisses von Freiheit und Gleichheit, wonach der Einzelne zwar seinem persönlichen Gewissen folgen, aber häufiger nach Lust und Laune tun und lassen kann, was ihm gefällt. In einer pluralistischen Welt ist vieles beliebig geworden. 

Wie einfacher gestaltete sich Seelsorge früher, als der Einzelne, eingebettet in den Konsens einer allumfassenden „Ordnung“ (wie man auch diese heute bewerten mag), seinen ganz bestimmten Platz im gesellschaftlichen Gefüge einnahm. Da gab es keinen großen Spielraum für persönliche Meinungen und Sonderwege, wenn man nicht in den Augen der Anderen ins Abseits geraten wollte. Auch die Lebenswege waren für die meisten durch Eltern, Erziehungsinstitutionen und soziales Umfeld vorgegeben. Von solchen gesellschaftlichen Strukturen profitierten zweifellos auch die Obrigkeiten – Staat und Kirche.

 

Ein scheinbar gottgegebenes Weltbild

 

Charakteristisch für die „gute, alte Zeit“, die es selbstverständlich nie gab, war der hierarchische Aufbau der Gesellschaft. Das öffentliche und private Leben beruhte auf der Ungleichheit der Menschen. Das begann im Ständewesen des Staates, das sich in der Abstufung nach Adel, Klerus, Bürgertum und Bauern definierte, und endete in den Familien, wo sich das patriarchalische Raster in der Dominanz der Väter zeigte.

 

Aber auch das Bild einer alten Stadt spiegelte in seiner baulichen Entwicklung und Sozialstruktur ein scheinbar gottgegebenes Weltbild. Innerstädtische Bereiche waren privilegiert; die wohlhabenden Bürgerschichten waren rings um Markt, Rathaus und Kirche anzutreffen. Außerstädtische Bereiche waren vernachlässigt; gegen die Stadtmauern zu und in den Vorstädten wohnte die ärmere Bevölkerung.

 

Auch das alte Geislingen bestätigt die überall zu beobachtende Regel. Im Anfang war der Straßenmarkt, die heutige Hauptstraße. Schon seit der Stadtgründung um 1200 siedelten entlang des Marktes und damit in der günstigsten Geschäftslage die Familien, aus denen sich später das „ratsfähige“ Bürgertum entwickelte. Es besetzte die Ämter in Rat und Gericht und griff handelnd in die Geschichte ein. Die Familien der „Ehrbarkeit“ waren eng verwandt; so blieben Besitz und Ämter stets zusammen. In den vom Markt abgekehrten Quartieren wohnten dagegen die kleineren Handwerker und die sozial schwächeren Schichten, die „armen Leute“, die keinen Einfluss auf die Geschicke der Stadt hatten.
 
Der soziale Unterschied der Wohnlagen kommt noch bis heute zum Ausdruck, vergleicht man die großen, ausladenden Gebäude der Hauptstraße mit den kleinen, eng aneinander geschmiegten Häuschen in den hinteren Gassen und in den beiden schon im 13. Jahrhundert entstandenen Vorstädten (Hauptstraße zwischen Sonne-Center und Radplatz bzw. zwischen Karlstraße und Altem Bau).

Bedingt durch die unterschiedliche soziale Struktur der einzelnen Wohngebiete bestand ein erhebliches Vermögensgefälle zwischen der Innenstadt und den Vorstädten. Die Steuererträge bei der Türkensteuer 1544 zeigen, dass die Hälfte der Vermögenslosen in der oberen Vorstadt (vom Sonne-Center aufwärts) hauste und die Hauptsteuerkraft auf dem Stadtzentrum beruhte. Der Geruch sozialer Minderwertigkeit der Vorstädte wirkt noch bis heute nach, wenn ältere Mitbürger etwa das Gebiet der heutigen Ledergasse „Rebelleninsel“ nennen.

 

Die Stadtkirche als Bürgerkirche

 

Reichtum und Armut waren so sehr die Pole der Gesellschaft, dass sich gerade in der Rechtssprache die Formel „reich und arm“ durchsetzte, wenn man von „allen“ oder „jedermann“ im Sinne von Gleichheit und Gerechtigkeit sprechen wollte. Das Leitbild des sozialen Ansehens wirkte selbst tief in die Seelsorge hinein.

Alte Städte hatten in der Regel drei Kirchen: Pfarrkirche, Arme-Leute-Kirche und Begräbniskirche. Dieser Fall traf auch in Geislingen zu. Die Stadtkirche in der Innenstadt diente vor allem der Bürgerschaft, die Spitalkirche in der unteren Vorstadt (ehemals am Wilhelmsplatz gelegen) den armen Leuten, und bei der (ehemaligen) Peterskirche in Rorgensteig fanden die Geislinger ihre letzte Ruhe.

In einer glaubensstarken Zeit verhielt sich die Bevölkerung sehr opferwillig und spendenfreudig. Dabei profitierte gerade die Stadtkirche von den betuchten Bürgern der Innenstadt. Sie trugen maßgeblich das Leben der Kirchengemeinde, und an ihrem Wohl und Wehe nahm auch der Stadtpfarrer regen Anteil. Die Spitalkirche konnte von ihrer ärmeren Klientel weniger an Zuwendungen erwarten, und ihr finanzieller Spielraum war entsprechend gering. Starb ein Geschäftsmann, erhielt er ein ehrendes Begräbnis, von dem die ganze Stadt sprach. Starb jedoch ein „Spitalmensch“, brachte man ihn ohne Glockengeläute zum Friedhof.

 

Nonnen und Spital betreuen Randgruppen

 

Eine maßgebliche Rolle in der Seelsorge der Randgruppen spielten die Nonnen in der Klause und das Spital. Klösterliche Niederlassungen suchten in alten Städten meist abgeschiedene Stellen in der Innenstadt, Spitäler findet man eher in den Vorstädten und im Umkreis der Stadttore.
In Geislingen lässt sich seit 1355 eine Klause der Franziskanerinnen nachweisen. Es handelt sich dabei um das heutige evangelische Pfarrhaus neben der Stadtkirche. Seine Lage in einer Ecke der Stadtmauer ist charakteristisch für ein Bettelkloster. Hier wohnten so genannte Beginen. Das waren Jungfrauen oder Witwen, die meist den weniger begüterten Schichten angehörten und die unter der Leitung einer „Mutter“ und unter Aufsicht des Stadtpfarrers in klosterähnlicher Gemeinschaft zusammenwohnten.

Ihre Aufgaben bestanden in Spinnen und Weben, Nähen, Krankenpflege, Dienst an Sterbenden und Toten, Beten für die Seelen Lebender und Verstorbener. Wegen ihrer Tätigkeit waren die Nonnen bei der Bevölkerung sehr geschätzt und beliebt. Im Lauf der Zeit gewannen die Schwestern mancherlei Einkommen und Besitz in der Stadt und im Umland. Sie erwarben sich diesen Besitz durch ihrer Hände Arbeit, durch den Bettel und durch fromme Stiftungen von Seiten der Bürger.

 

Das beschauliche Dasein im Geislinger Klösterlein wurde durch die Reformation jäh erschüttert. Die Schwestern sahen sich in den Glaubenskampf hineingestellt, wollten aber katholisch bleiben und zogen 1590 nach Wiesensteig.

 

Beim Heilig-Geist-Spital, 1351 gegründet, bestimmte die Aufgabenstellung seinen Standort. Es lag am heutigen Wilhelmsplatz, unmittelbar neben dem Stadttor und an der Durchgangsstraße, also an der Stelle der Not. Die am Tor ankommenden Armen, Durchreisenden, Hungernden, Gebärenden konnten dort aufgenommen und gestärkt werden. Man hielt es für sinnvoll, eine Versorgungsanstalt der Armen und Kranken vor allem an den Stadteingang zu legen, wo sich unmittelbar die Werke der leiblichen Barmherzigkeit erfüllen ließen. Damit erreichte man auch, dass das sozial Schwache unmittelbar am Stadttor seine Versorgung erhielt und gar nicht erst in das Zentrum der Bürgerschaft hereinzukommen brauchte.

 

Die Evangelischen in der Arme-Leute-Kirche

 

Wegen der schwachen Stellung ihrer Bewohner steckte in den Vorstädten reichlich sozialer Zündstoff. Im Zeitalter der Reformation fand die Lehre Martin Luthers ihre Anhänger besonders auch in ärmeren Bevölkerungskreisen. Protestanten findet man oft in Vorstädten. Es ist wohl kein Zufall, dass in Geislingen in der Reformationszeit die Stadtkirche als Bürgerkirche noch lange dem katholischen Gottesdienst vorbehalten blieb, die Spitalkirche in der unteren Vorstadt als „Arme-Leute-Kirche“ dagegen für den evangelischen Gottesdienst zur Verfügung gestellt wurde. 1526 hatten 39 Geislinger in einer Bittschrift den Ulmer Rat gebeten, ihrem Prediger Paulus Beck ein armes Pfründlein mit einem baufälligen Häuslein zu geben. Der Ulmer Rat entsprach dieser Bitte und verwies Beck auf das Spitalkirchlein. Die evangelische Bewegung setzte sich in Geislingen ursprünglich in der Hauptsache aus kleinen Leuten zusammen, und es bedurfte Jahrzehnte, bis die neue Lehre die ganze Bürgerschaft erfasst hatte.