Seelsorge im Rundfunk

"Die Kirche ist eine Wortverleih-Anstalt"

 

Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer bietet Formulierungen an und erzählt Geschichten von gelingendem Leben

 

Die Stimme ist uns wohl bekannt und nun sitzen wir ihr gegenüber in ihrem Büro im Medienhaus in der Augustenstraße in Stuttgart: Lucie Panzer, seit 10 Jahren Rundfunkpfarrerin der Württembergischen Evangelischen Landeskirche. Regelmäßig ist sie im Radio zu hören, in verschiedensten Sendungen, so etwa in den "Anstößen", morgens, 3 Minuten vor 6 bzw. 7 Uhr in SWR 1 und den Morgengedanken zur gleichen Zeit auf SWR 4.

 

Von der Mutter beten gelernt

Ursprünglich wollte sie Journalistin werden, erzählt uns Lucie Panzer. Der Wunsch, Pfarrerin zu sein, kam erst später. Die Kirche habe aber schon immer eine große Rolle für sie gespielt. Geboren ist Lucie Panzer 1955 im Weserbergland, seit 1976 lebt sie in Tübingen. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder. Die für Schwaben typisch kirchliche Sozialisation hat sie nicht. Ihre Bindung zur Kirche verdankt sie ihrer Mutter. "Von ihr habe ich beten gelernt."
Auf die Württembergische Landeskirche angesprochen meint sie, dass sie den schwäbischen Pietismus entspannter sieht als viele Schwaben. Im Pietismus werde ganz viel Gutes gewollt, leider würde es nicht immer so formuliert, dass die Menschen heute es verstehen könnten. Lucie Panzer empfindet hier die Sprache als Problem.

 

Anstöße für Hörerinnen und Hörer

Gerade die Sprache ist im Rundfunk wohl das Wichtigste. Rund 800.000 Menschen hören morgens die Sendungen "Anstöße" und "Morgengedanken".
Die Themen, die dabei besprochen werden, sucht Lucie Panzer selbst aus. Orientierung bei der Auswahl gibt teilweise das Hörerprofil von SWR 1 und 4. Denn während die Gottesdienste in den Gemeinden sehr auf den Predigttext ausgerichtet sind, und die Leute bewusst und aus Interesse dorthin gehen, wollen die Leute im Radio eher Nachrichten hören. Die Morgenandacht direkt vor den Nachrichten nehmen die meisten mehr so nebenbei mit. Deshalb stehen im Radio der Adressat und seine Fragen im Mittelpunkt.


Die Menschen, die SWR 1 hören, sind zwischen 35 und 50 Jahre alt – gehören also in die Altersgruppe von Lucie Panzer: Sie mögen dieselbe Musik wie sie, hören gerne Beatles und stehen am oberen Rand der Gesellschaft. Man könnte sagen, die Entscheider und Macher in Baden-Württemberg hören SWR1.
Die Hörerinnen und Hörer von SWR 4 sind älter und traditioneller. Hier, erzählt Lucie Panzer, stehen Überlegungen an wie: "Was würde ich meinen Eltern sagen, was würde sie interessieren?" Manchmal liegt der Focus mehr auf den SWR 1 – Hörern und Hörerinnen, dann wieder auf denen von SWR 4.


So überlegt sich Lucie Panzer zum Beispiel kurz vor Weihnachten, was den Leuten in diesen Tagen wohl im Kopf herum geht. Oder sie weiß, in 14 Tagen ist Bundestagswahl und denkt darüber nach, was die Menschen beschäftigt. Und daraus ergibt sich dann die Frage, was sie den Hörerinnen und Hörern als Pfarrerin dazu sagen will.


Manchmal greifen die Sendungen auch spezielle Themen auf, zum Beispiel den Kindermangel in Deutschland. Nach dieser Sendung habe sie viele Protestbriefe von Kinderlosen bekommen, berichtet die Rundfunkpfarrerin, die habe dann der Kollege im nächsten Morgengedanken aufgenommen.

 

Lebensnachrichten

 

Ganz wichtig sind ihr auch Themen zu Sterben und Krankheit. Das sei nichts Schlimmes, darüber könne man reden und wäre es den Leuten auch schuldig. Auch wenn es der Sender nicht so gerne hätte, sagt sie leicht schmunzelnd, denn dort mag man natürlich die "Gute-Laune-Themen" lieber.

 

Oft bekommt Lucie Panzer auch von ihrer Familie Anregungen, worüber sie sprechen könne. Der einzelne Mensch dürfe aber nicht persönlich erkennbar gemacht werden. Und sie darf dabei nicht wie eine Blinde von der Farbe reden. Es gelte, die Aussage "Gott liebt dich" auf die verschiedenen Hörerprofile zuzuspitzen. Und wenn sie ein Thema habe, dann denke sie so lange weiter, bis sie selber etwas davon habe. "Relativ nah an den Lebensnachrichten müssen wir sein", meint Lucie Panzer.


Auch die Fußball-WM in Deutschland wird Thema sein. "Ich verstehe nichts von Fußball, aber meine Söhne sind begeistert", erzählt sie. "Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott – das könnte vielleicht mein Thema sein." Aber zum Glück gibt es Kollegen in der Rundfunkarbeit, die begeisterte Fans sind. Es müssten die vorkommen, die begeistert sind, genauso wie die, die es nicht sind. Und auch die Gruppen, die feststellen: "Wegen der Fußball-WM gab es schon im Frühjahr mehr Nutten in Stuttgart."

 

Wenn man versuche, etwas für alle zu machen, weiß Pfarrerin Panzer, dann werde es zu allgemein und man treffe keinen wirklich. Und wenn ein Thema einen Hörer oder eine Hörerin nicht trifft – dann vielleicht die Oma, die Nachbarin oder so.


Am Weltfrauentag hatte sie zum Beispiel einen Beitrag über "Die Frau schweige in der Gemeinde" und erhielt sehr große Resonanz. Oder berichtet sie von einer Sendung zur Ausbildungsmisere, in der sie kritisierte, dass Firmen nur ausbilden, wenn sie davon profitierten. Da hätten sich einige mittlere Unternehmen aufgeregt. Insgesamt gebe es jedoch sehr viele positive Rückmeldungen.

 
Ängste und Sorgen aufnehmen

Besonders im Gedächtnis ist uns der Beitrag von Lucie Panzer am Morgen nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York. Wir sprechen sie darauf an.


Es sei ihre Aufgabe, die Ängste und Sorgen der Menschen aufzunehmen und ihnen Worte zu verleihen. Die Kirche wäre, wie es der Hamburger Religionspädagoge Fulbert Steffensky ausgedrückt hat, eine "Wortverleih-Anstalt". Und immer wieder bekäme sie die Rückmeldung von Leuten: "Genau so habe ich es auch gedacht, aber ich hätte es nie so sagen können". Lucie Panzer bietet Formulierungen an. Sie sagt: "So bete ich. Und andere können diese Worte übernehmen. Wir müssen das Rad nicht immer wieder selbst erfinden. Das Bedürfnis nach religiöser Bindung ist sehr groß. Es traut sich nur keiner mehr – dann helfen fremde Worte".

 

Zuständig für die geistlichen Sendungen sind im Evangelischen Medienhaus Lucie Panzer und ihr Kollege Wolf-Dieter Steinmann. Außerdem gibt es noch einen Pfarrer zur Anstellung für das Jugendradio "Das Ding". Lucie Panzer sucht aber auch andere Sprecher und Sprecherinnen aus. Allerdings ist ein kleines Team wichtig, damit die Einzelnen als Personen mit je eigenen Schwerpunkten erkennbar bleiben.


Die Hauptvorgabe im Radio sind die 3 Minuten – darüber hinaus geht nichts. Gesendet wird auch nicht mehr live. Alles wird vorproduziert, denn die Morgengedanken werden in acht verschiedenen Studios abgespielt. Nichts geht unredigiert über den Sender. Ein Kollege schaut sich den Text an, redigiert und verbessert ihn. Er ist der 1. Hörer. Die Sendung geht dann zweimal über den Äther: 3 Minuten vor 6 Uhr und 3 Minuten vor 7 Uhr.


Am Donnerstag vor der Sendung werden die Anstöße/Morgengedanken aufgenommen, entweder im Studio des Senders in Stuttgart oder in Tübingen. Die Sendepläne liegen für ein halbes Jahr im Voraus fest, im 14tägigien Wechsel mit den katholischen Kollegen.

 

Wir sind den Leuten schuldig zu sagen was wir haben

 

Natürlich ist die Rundfunkarbeit auch eine Art Öffentlichkeitsarbeit für die Kirche. Denn die Verkündigung des Evangeliums ist ja eine ihrer zentralen Aufgaben, die über den Rundfunk "für alle Welt" geschieht. Wenn dort der nichtkirchlichen Öffentlichkeit deutlich wird, dass dieses Evangelium ihr Leben besser machen kann – dann ist das wahrscheinlich sogar so etwas wie Werbung für die Kirche. Überhaupt müsste sich durch den Rundfunk oder in der Gemeinde bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen für die Menschen zeigen, dass die Kirche unser Leben besser mache und Geborgenheit gebe. Die Kirche müsste mehr als bisher Dienstleister für Menschen sein, mithelfen, dass das Leben besser bewältigt werden könne. Kirchliche Events seien oft nur Inseln im Alltag. Menschen sollten aber merken, "was Kirche bringt", wenn sie wieder daheim sind. 


Das Problem ist, so Lucie Panzer, dass die Kirche sich klein redet, statt zu sagen: Schaut her, was wir Tolles haben! "Denn wir haben, wie Fulbert Steffensky sagt, ‚Geschichten von gelingendem Leben’, in denen deutlich wird: Gott will, dass es anders wird. Davon erzählen zum Beispiel die Heilungsgeschichten. Wir sind es den Leuten schuldig, ihnen zu sagen, was wir haben".

 

Freude am Erzählen

 

Lucie Panzer formuliert es deutlich, wie wichtig ihr diese Arbeit ist und dass sie Freude daran hat, von ihrem Glauben und ihren Erfahrungen mit biblischen Geschichten zu reden. Sie möchte Worthülsen, mit denen in der Kirche manchmal umgegangen wird, so aufbrechen, dass alle sie verstehen können. Sie findet es ganz wichtig, über die unglaublichen Chancen, die im Bibelbuch stehen, zu reden. Nach ihrer Lieblingsgeschichte in der Bibel gefragt antwortet sie: die Geschichte von der blutflüssigen Frau. Dieser Frau laufe das Leben davon und sie werde gesund, weil sie sich traut, jemanden zu berühren und "auf Tuchfühlung" von ihrer Situation zu reden.

 

Und was tut der Seele von Lucie Panzer gut?
"Wenn jemand mir - in Gottes Namen – gut zuredet, das kann sonntags im Gottesdienst sein, das kann aber auch ein Kollege sein. Oder wenn jemand sagt, das war schon gut und das schaffen wir auch noch. Und singen tut meiner Seele gut, etwa mein Lieblingslied ‚Du, meine Seele singe’."

Pfarrerin Lucie Panzer

Lucie Panzer
Text der Sendung am 12. September 2001
nach dem Anschlag auf die USA

 

Ich bin entsetzt. Ich habe Angst. Was soll ich sagen angesichts der Bilder von gestern? Können Sie Ihr Entsetzen schon in Worte fassen?

 

New York in Chaos und Rauch, die Menschen in Washington voller Angst, Zehntausende von unschuldigen Opfern – Angst überall in der Welt. Wenn das möglich war: was wird jetzt noch kommen- politisch, wirtschaftlich, für die Menschen dort in Amerika, aber auch für Sie, für mich, für unsere Kinder? War das vielleicht nur der Anfang von etwas, was jetzt sich noch niemand vorstellen kann? So wie sich bis gestern niemand vorstellen konnte, was jetzt geschehen ist?

 

Gott möge sich der Opfer erbarmen – der unschuldigen Männer, Frauen und Kinder. Er möge den Angehörigen nahe sein, möge sie halten, dass sie nicht ins Bodenlose fallen. Mehr kann man wohl kaum sagen.


Gott möge sich auch über uns erbarmen in unserer Angst. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" Das habe ich noch nie so sehr als mein eigenes Wort gehört: "Mein Gott – warum hast du uns verlassen!" Die Angst der ganzen Welt klingt für mich heute in diesem Schrei des gekreuzigten Jesus. Auch mein Glaube ist verunsichert – vielleicht käme ich gar nicht darauf, meine Angst vor Gott auszubreiten. Jesus hat es getan. Er schreit für mich. Und: Er glaubt für mich.

 

Jesus schreit seine Angst nicht ziellos heraus, wie ich es schon manchmal getan habe. Seine Angst, sein Schreien hat ein Ziel: "Mein Gott – warum hast du mich verlassen?" Jesus verliert sich nicht in seiner Angst. Für ihn ist nicht die Angst das Letzte, sondern Gott. Der fängt ihn auf.

 

"In der Welt habt ihr Angst", hatte Jesus einmal gesagt, "aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." Glaube mir, hinter der dunklen Wand aus Rauch und Geschrei und Verzweiflung ist immer noch Gott. Hinter aller Angst ist immer noch Gott – so verstehe ich das an diesem fürchterlichen Morgen.

 

Ich kann nichts anderes sagen. Mir fehlen die Worte. Ich bin froh, dass er für mich schreit und glaubt. Und ich suche meine Zuflucht bei Worten, mit denen Christen seit 1000 Jahren zu diesem Gott beten:
"Verleih uns Frieden, gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten. Es ist ja doch kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine."

 

 

Mehr Informationen:

Kirche im Südwest-Rundfunk

Texte der Sendungen