Seelsorge im Evangelischen Gesangbuch

Singen als Salböl der Seele


"So ein 'Befiehl du deine Wege' zum Exempel, das man in der Jugend, in Fällen wo es nicht so war wie's sein sollte, oft und andächtig mit der Mutter gesungen hat, ist wie ein alter Freund im Hause, dem man vertraut und bei dem man in ähnlichen Fällen Rat und Trost sucht."

 

In diesen Worten von Matthias Claudius aus dem Jahr 1798 begegnet uns, was für Seelsorge grundlegend ist: das Vertrauensverhältnis zwischen zwei Gesprächspartnern.
Wer bin ich, wenn ich singe? Erst einmal: ich bin ich, und ich singe ein Lied. Dass aber Singen, selbst wenn ich für mich allein singe, ein Gespräch darstellt, ist vielleicht nicht sofort hörbar. Schon im Singen für sich allein können zwei miteinander reden, das zeigt zum Beispiel "Du, meine Seele, singe" (EG 302). Nach der Vorlage von Psalm 146,1 redet hier die Seele mit sich selbst, geht also mit Hilfe des Liedes in einer Art Selbstgespräch aus sich heraus, tritt sich selbst gegenüber und fordert sich selbst auf zum Singen.

 

Lieder sind wie Gäste

Wenn zwei miteinander reden, muss ein Abstand da sein, damit sich eine Beziehung einstellen kann. Das fremde Wort eines Gesangbuchliedes im eigenen Mund stellt einen solchen Abstand her. Manche Lieder verhalten sich wie ungebetene Gäste und lösen Widerstand aus, der Abstand wird größer. Manche sind ein wenig seltsam kostümiert und wir lächeln zunächst, dulden aber eine gewisse Nähe. Andere sind uns auf Anhieb sympathisch, oder sind interessant, auch wenn sie sich nicht schnell ergründen lassen. Immer wieder wachsen Freundschaften, manchmal sogar lebenslange. Das Lied wird förmlich zu einer Person, "ein alter Freund im Hause", der zum Begleiter und sogar Seelsorger wird. Dann singe nicht nur ich das Lied, sondern die Richtung kehrt sich auch um: das Lied redet mit mir, ja: es singt mich. Diese Umkehrung der Sprechrichtung erfahren wir zum Beispiel in einem Lied wie "Nun freut euch, lieben Christen g’mein" (EG 341), wenn darin und durch unseren Mund Christus selbst spricht: "Halt dich an mich!" (EG 342,7), oder Jochen Kleppers "Ja ich will euch tragen" (EG 380), in dem Gott selbst redet durch den Mund derer, die singen. Damit sind wir bei den Ursprüngen des evangelischen Kirchenliedes angelangt, wonach das Lied, sogar wenn ich für mich singe, eine Form des Wortes Gottes darstellt, eine Form der Anrede Gottes an uns.

Du meine Seele, singe

Singen ist selbstgenügsames, nach innen gerichtetes Reden mit sich selbst, gewiss, aber wer singt, überschreitet Grenzen, geht immer auch über sich hinaus, richtet Wort, Blick und Gehör nach außen, tritt in Kontakt mit Mitsingenden, oder mit Gott selbst. Singen ist in jedem Fall Kommunikation: "Du meine Seele, singe, wohlauf, und singe schön dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn." Wer singt, geht im Grunde immer auch über seine Möglichkeiten hinaus und nimmt den Mund zu voll. Das ist in Ordnung – das muss so sein. Ich nenne Gerhard Tersteegens Lied "Nun schläfet man" (EG 480), das einzige ausgesprochene Nachtlied im Gesangbuch, eine Perle, die schon mancher Seele in einer durchwachten Nacht Frieden gebracht hat, Selbsttherapie in schlaflosen Nächten: "Nun schläfet man, und wer nicht schlafen kann, der bete mit mir an den großen Namen …" Selbstgespräch vor Gott und Reden mit Gott gehen ineinander über wie in vielen Psalmen auch.

 

Lieder geben Sprachhilfe

Zwischen Selbstgespräch und Gottesanrede steht das Lied von Mensch zu Mensch. Zu meinen frühesten Seelsorge-Erfahrungen gehören Besuche bei einer Tante, die mit Multipler Sklerose im Bett lag. Es war nicht leicht, als Jugendlicher hier Worte zu finden. Mit Gesangbuchliedern aber konnte ich etwas sagen, meine Tante konnte Lieder noch lange mitbrummen, und als die Stimme versagte, bewegte sie die Lippen zu meinem Singen. Das war ein Fundament, aufgrund dessen wir ohne eigene Worte dennoch miteinander reden konnten. Dafür bietet das Gesangbuch ein fast unerschöpfliches Reservoir. In Situationen, in denen die eigene Sprache versagt, an Krankenbetten, an Sterbebetten, geben Lieder und Zwischentexte Sprachhilfe.

 

Man könnte unzählige Beispiele nennen. Immer wieder ist es Dietrich Bonhoeffer mit seinen beiden Liedern "Von guten Mächten treu und still umgeben" (EG 65) und "Menschen gehen zu Gott in ihrer Not" (EG 547) und weiteren Texten, deren Fundstellen im Verzeichnis EG 845 aufgelistet sind.

 
Allen Unkenrufen zum Trotz, der größte Teil der Gesangbuchlieder habe abgedankt und seine Zeit gehabt, erweist sich etwa ein Paul Gerhardt, dessen 400. Geburtstag im kommenden Jahr ansteht, immer wieder von neuem als Liederdichter, in dessen abständigen Worten wir uns mit unseren heutigen und sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Sorgen und Freuden dennoch zusammen bergen und auch ausdrücken können.

Singen hilft der Seele auf

Ich singe nicht nur für mich, nicht nur für andere, sondern auch mit anderen. Ich singe sogar zusammen mit den anderen, die ich gar nicht höre, denn auf der ganzen Erde ist "immer ein Loblied wach, das vor dir steht" (EG 266,3) und in das ich einstimme.


Schließlich: Die anderen singen mir, sogar und insbesondere dann, wenn ich selbst nicht singen kann, zum Beispiel auf dem Friedhof, bei der Beerdigung eines Angehörigen. Wenn der Sarg in die Erde gesenkt wird und ich nichts sagen und schon gar nichts singen kann, stehen andere um mich und – so ist die Perspektive unseres Gottesdienstbuches Bestattung – singen "Christ ist erstanden von der Marter alle" (EG 99) und sorgen dafür, dass meine Seele wieder aufkommt.

 

Lieder öffnen Räume über Generationen

Solche Formen von Seelsorge stoßen bei den jüngeren Generationen kaum auf Widerhall. Dass Lieder in der Tiefe etwas anrühren, setzt ja voraus, dass etwas vorhanden ist, was Resonanz geben kann. Wie entstehen diese Resonanzräume? Wir sollten uns, denke ich, systematisch auf ein gemeinsames Grundrepertoire von Gesangbuchliedern verständigen, und wo wir mit Kindern zu tun haben in der Familie, im Kindergarten oder der Schule, im Konfirmandenunterricht oder im Gottesdienst, immer wieder darauf zurückkommen, um ein Lieder-Repertoire zu bilden, das uns miteinander verbindet, das uns in Fragen des Glaubens sprachfähig und auch ansprechbar macht.

 

Singen ist weissagen und zaubern

 

Das regelmäßige abendliche Singen, wenn man Kinder zu Bett bringt, ist ein unverzichtbares Stück musikalischer Seelsorge. Ihr Trost und Frieden liegt gewiss in der Stimme der Mutter oder des Vaters. Aber die Worte gehen ja weit darüber hinaus. Haben Abendlieder ihre Kraft nicht auch darin, dass sie Sterbeübungen sind? Ich tippe nur an: "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" (EG 511), "Hinunter ist der Sonnen Schein" (EG 467), "Mit meinem Gott geh ich zur Ruh" (EG 474), "Mein schönste Zier und Kleinod bist" (EG 473) und "Meinem Gott gehört die Welt" (EG 408). Das lateinische Wort "cantare" bedeutet nämlich nicht nur "singen", sondern auch "weissagen" und in seiner Grundbedeutung sogar "zaubern". Welch ein Trost, den Tod bei hereinbrechender Nacht zu benennen und so zu bannen: "… und im Leben und im Tod bin ich dein, du lieber Gott!" (EG 408,6).

Lieder nehmen das Leid in den Blick

Unter den neueren Liedern, die Liederbuch für Liederbuch ihren Weg machen, finden sich nur wenige Lieder für Unglück, Krankheit und Sterben. Gewiss, das ist nicht alles im Leben, zum Glück, und das Christentum ist nicht nur die Religion für die Randsituationen des Lebens! Aber gerade hier haben wir neue Lieder nötig, nicht allein für den Lobpreis! Gute neue Passionslieder sind rar. Perlen im Evangelischen Gesangbuch sind allerdings: "Holz auf Jesu Schulter" (EG 97), "Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (EG 381), auch "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege" (EG 382). In dem ganz neuen Liederheft "Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder" finden sich Lieder wie "Wir wissen nicht, wann diese Zeit zum letzten Ende geht" von Wilma Klevinghaus und Christoph Lehmann oder das neu von Jürgen Henkys übertragene "Bist du mein Gott?" aus den Niederlanden, das aus der Situation des Jona heraus, also in der Situation der Entfernung von Gott um Worte zu Gott ringt. Das sind endlich Lieder, die die Erfahrung der Abwesenheit Gottes ausdrücklich thematisieren! In so gut wie allen Liedern des Gesangbuchs wird Gottes Anwesenheit ganz selbstverständlich vorausgesetzt. Die Abwesenheit Gottes, die heute viele Menschen erleben, wird damit praktisch nicht ernst genommen. Die Erfahrung der Abwesenheit Gottes ist in den genannten Liedern nun aber bereits in eine Anrede an Gott gebracht. Wer diesen Weg gehen kann, hat den ersten Schritt zu Gesundung schon getan oder einem anderen im Singen dazu geholfen und für dessen Seele gesorgt.

Musik ist Gottes Gabe

Man kann im Lied mehr sagen, als mit eigenen Worten möglich ist, und lügt dennoch nicht. Das ist dieser heilsame Abstand, ohne den wir nur bei uns selbst stehen bleiben. In diesen Abstand kann sogar Gott selbst eintreten. Martin Luther hat erfahren: "Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag." (EG Seite 628)

Bernhard Leube, Süßen
Pfarrer im Amt für Kirchenmusik, Stuttgart

Weiterführende Links

Kirchenmusik in Württemberg