Was kommt nach dem Tod?

Friedhof in Geislingen

Was kommt nach dem Tod?

Hoffnungsbilder von Tod und ewigem Leben aus der biblischen Tradition

Vortrag am Tag des Friedhofs am 25.9.2011 in Geislingen von Krankenhauspfarrer Klaus Hoof

 

1. Einleitung

Was kommt nach dem Tod? Eine Frage, die die Menschheit von Anbeginn an umgetrieben und zu den unterschiedlichsten Antworten geführt hat.
Ist mit dem Tod alles aus? Enden wir ausgelöscht im großen Nichts? Vergeht und verwest zwar unser Leib, aber unsere unsterbliche Seele lebt nach dem Tod weiter? Wartet ein strafender Richter-Gott auf uns, der unser Leben mit unbestechlicher Gerechtigkeit beurteilt und uns je nachdem ins Fegefeuer, in die Hölle oder in den Himmel schickt? Oder ist der Tod der Übergang in ein anderes, ein ewiges Leben? Werden wir in diesem ewigen Leben die uns im Tod vorangegangenen Menschen - etwa unsere Eltern, unsere Frau oder unseren Mann wieder sehen? Werden wir wiedergeboren und kommen als anderer Mensch, oder – wenn wir ein verwerfliches Leben geführt haben - womöglich als Tier wieder auf diese Erde zurück?

Was kommt nach dem Tod? Es gibt keine Kultur und keine Religion, die sich mit dieser Urfrage menschlichen Lebens nicht auseinandergesetzt und nach Antworten gesucht hat. Vielleicht ist die Auseinandersetzung des Menschen mit dem Tod sogar der entscheidende Antrieb, der Religion und Kultur hervorgebracht hat. Denn der Tod ist die größte Kränkung des Menschen, verliert er im Tod doch jegliche Selbstbestimmung, muss alles aus seinen Händen hergeben und loslassen, ja, nicht nur alles, sondern sich selbst.

 

2. Erfahrungen
In meiner Tätigkeit als Krankenhausseelsorger mache ich die Erfahrung, dass Menschen sehr unterschiedlich mit ihrem Sterben umgehen, manchmal geradezu gegensätzlich.

 

Da will und kann der bis vor Kurzem noch rüstige und aktive 75-jährige seine Ohnmacht und Hilflosigkeit nicht ertragen und sagt: „Wissen Sie Herr Pfarrer, das ist doch kein Leben mehr. Besorgen Sie mir die Spritze und dann den Bestatter her und ab in die Kiste!“ - Und die seit 30 Jahren MS-kranke 65-jährige, die jetzt auch noch krebskrank geworden ist, antwortet auf meine Frage, ob sie denn nicht enttäuscht oder gar verbittert sei, dass ihr das Leben so vieles zu ertragen aufgegeben habe: „Nein, ich bin nicht verbittert. Traurig, ja, das war ich manchmal. Doch eigentlich bin ich dankbar für das Leben, das ich haben durfte. Ich habe eine gute Ehe mit meinem jetzt schon 10 Jahre verstorbenen Mann gehabt. Meine Kinder besuchen mich, obwohl sie so viel Arbeit und ihre eigene Familie haben. Die Schwestern hier sind so freundlich zu mir und helfen wo sie nur können. Und sehen Sie wie das Sonnenlicht den Blumenstrauß dort auf der Fensterbank leuchten lässt? Den hat mir meine Freundin gestern vorbei gebracht. Nein ich bin nicht enttäuscht, ich bin dankbar.“

 

 

Meine Erfahrung ist eine Doppelte:

1. Wie wir auf unser Sterben auf unseren Tod zugehen und mit ihm umgehen, hängt entscheidend davon ab, wie wir gelebt haben. Wer versucht, sein Leben mit Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung zu führen, der wird auch eine größere Chance haben, mit mehr Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung seinem Tod entgegen zu sehen.

2. Die Vorstellungen, die wir uns vom Tod machen und von dem, was uns nach dem Tod erwartet, bestimmen unseren Umgang mit dem Tod. Sie machen uns entweder Angst oder sie tragen bei zu Vertrauen und Zuversicht. Sie machen es uns schwer, an den Tod zu denken, oder sie helfen uns, den Gedanken an unseren Tod in unser Leben hinein zu nehmen und gelassener und achtsam zu leben.

Doch es ist wichtig festzuhalten: Tod ist nicht gleich Tod. Der Tod eines alten Menschen am Ende eines erfüllten Lebens ist etwas anderes als der Tod eines jungen Menschen, dessen Leben noch gar nicht recht begonnen hatte, oder als der Tod einer noch jungen Mutter von drei kleinen Kindern. Und der plötzliche Unfalltod ist kaum zu vergleichen mit dem lange erwarteten und manchmal ersehnten Tod nach jahrelangem, quälendem Leiden.
Je nachdem wie der Tod eintritt, wird er von uns als Katastrophe erlebt, als Vernichtung der Person, als Zerstörung aller Beziehungen, als absurde Sinnlosigkeit. Er kann aber auch als Freund erlebt werden, der von einem langen Leiden erlöst. Er kann zu der Haltung führen: „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“oder zur Einsicht: Das Leben ist ein einmaliges Geschenk und jeder Augenblick kostbar.

 

3. Seelische Bilder von Tod und Leben und die Notwendigkeit sie ernst zu nehmen

 

Was kommt nach dem Tod? Niemand von uns weiß es liebe Zuhörer, denn es ist noch Keiner zurückgekommen und hat es uns berichtet. Und doch ist damit nicht alles gesagt. Tief in uns drin, in unserer Seele, leben Bilder und Symbole, Hoffnungen und Ahnungen, die sich mit unserem Tod auseinandersetzen und die sehr wohl unser Leben und unseren Umgang mit Tod und Sterben bestimmen.

Vor allem in unseren Träumen tauchen Symbole und Bilder auf, die um den Tod kreisen. Es sind Bilder aus der Tiefenschicht unserer Seele, die uns dazu anhalten wollen, uns mit der Frage unseres herannahenden Todes zu beschäftigen. Der Schweizer Psychologe und Therapeut C.G. Jung hat sich in seinem Aufsatz „Seele und Tod“ damit auseinandergesetzt. Seiner Erfahrung nach gehört es zur ersten Lebenshälfte, zu kämpfen und ein starkes Ich zu entwickeln. Aufgabe der zweiten Lebenshälfte ist es hingegen, sein Ich loszulassen und sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Nach C.G. Jungs Meinung bleibt ab der Lebensmitte „nur der lebendig, der mit dem Leben sterben will“ (Jung, S. 466), der bereit ist, sich darauf zuzubewegen, sich mit seinem Tod auszusöhnen. In diesem Zusammenhang weist er auf die Bedeutung der religiösen Symbole und Bilder hin, die nicht in der Vernunft des Menschen zu Hause sind, sondern in seinem Herzen. Sie entstammen „einer psychischen Tiefenschicht, die dem Bewusstsein, das immer nur Oberfläche ist, wenig ähnelt“ (Jung, S. 468).

 

Jung will nicht ein Leben nach dem Tod beweisen, aber er schreibt, dass es der Seele des Menschen mehr entspricht, „wenn wir den Tod als die Sinnerfüllung des Lebens und als sein eigentliches Ziel betrachten anstatt als ein bloß sinnloses Aufhören“ (Jung, S. 469). Jung weiß natürlich, dass wir nichts Konkretes über das Leben nach dem Tod sagen können, aber er nimmt ernst, was ihm die Seele von uns Menschen vor Augen führt. Vor allem die unserer der Seele entspringenden Träume zeigen ihm, dass die Seele nicht – wie unser sonstiges Sein – an Raum und Zeit gebunden ist, sondern „dem angehört, was unzulänglich und symbolisch als „Ewigkeit“ bezeichnet wird“ (Jung, S. 474).
Theologisch möchte ich an dieser Stelle einfügen: Ewigkeit im biblischen Sinn ist keine Quantitäts-, sondern eine Qualitätsbestimmung des Lebens. Ewiges Leben ist nicht endloses Leben, sondern von Gott erfülltes Leben. „Ewigkeit ist der unbegrenzte, ganze, gleichzeitige und vollkommene Genuss des Lebens“ (Moltmann, S. 75).

„Die Psychologie ermutigt uns also, den Ahnungen der eigenen Seele zu trauen. Unsere Seele weiß in ihrer Tiefe, dass mit dem Tod nicht alles aus ist und dass es noch eine andere Form des Lebens gibt, die nicht an die Kategorien von Raum und Zeit gebunden ist“ (Grün, S. 19). Vorstellen oder gar beweisen können wir uns das mit unserem Verstand nicht, da er an Raum und Zeit gebunden ist.

Und doch zeigt die Erfahrung, dass es sinnvoll ist, darauf zu vertrauen, dass uns die Bilder unserer Seele nicht in die Irre führen. Wer sich auf Dauer gegen die Einsichten seiner Seele sperrt, der wird innerlich orientierungslos und ihm schwindet der Glaube an den Sinn in seinem Leben. Er erkrankt seelisch. Und von der Häufung und Zunahme seelischer Erkrankungen in unserer Zeit können Psychologen und Seelsorger ein trauriges Lied singen.

 

4. Biblische Bilder vom Leben nach dem Tod

 

Alle Religionen kennen Bilder und Symbole, mythologisch zu verstehende Erzählungen und Schilderungen, die sich mit dem Leben nach dem Tod beschäftigen. Ich möchte heute auf drei Bilder und Vorstellungen eingehen, die aus unserer christlichen, genauer, aus der biblischen Tradition stammen. Es sind tröstliche Bilder, die Hoffnung machen wollen, Bilder, die die Tiefenschicht unserer Person ansprechen. Sie wollen die Angst vor dem Tod und dem Unbekannten, das uns in ihm erwartet verwandeln, indem sie uns mit dem Vertrauen und der Hoffnung verknüpfen, die in unserer Seele lebendig sind. Viele Menschen haben Angst machende Bilder in sich, Bilder von Gericht, von Fegefeuer und Hölle. Leider haben die Kirchen jahrhundertelang kräftig daran mitgewirkt, diese Bilder in die Seelen der Menschen zu pflanzen, um sie durch Angst zu besseren Menschen zu erziehen, oder, wie es leider oft war, um besser über sie herrschen zu können.

Umso wichtiger ist mir, heute hier mit Ihnen heilende Bilder der Bibel anzuschauen. Bilder, die das Wissen unserer Seele berücksichtigen, unsere tief sitzenden Ängste vor dem Tod ernst nehmen und sie zugleich verwandeln. Jedes dieser Bilder hat seine Wahrheit, jedoch nicht die ganze Wahrheit. Es ist als ob uns jeweils ein kleines Fenster einen Spalt weit geöffnet würde zum großen Geheimnis Gottes und dem was nach dem Tod kommt.

 

4.1 Das erste Bild: Eine Wohnung bereiten

 

Als Jesus von seinem bevorstehenden Tod weiß, spricht er den zurückbleibenden Jüngern Trost und Mut zu. In seiner Abschiedsrede, die das Johannesevangelium überliefert heißt es: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. (Joh 14,1-3)
Das Bild der Wohnung ist es, das Jesus hier verwendet. Wohnung – das ist mein geschützter Bereich, mein Rückzugsort, dort fühle ich mich wohl, geborgen und sicher. My Home is my Castle. In meiner Wohnung kann ich mich ausruhen und Kräfte tanken. Dort lebe ich mit den mir liebsten Menschen zusammen und kann Freunde und andere Menschen als Gäste einladen. In meiner Wohnung kann ich offen und vertrauensvoll reden, dort wachsen meine Kinder auf und finden ihre Heimat.

 

Indem Jesus dieses Bild verwendet, verspricht er uns, dass er uns durch seinen Tod eine Wohnung vorbereitet, in die wir nach unserem Tod einziehen dürfen. Wir sterben also nicht ins Unbehauste hinein, in etwas Unbekanntes und Dunkles, sondern in einen geschützten und bergenden Raum des Vertrauten. Wir werden erwartet. In einer letzten Geborgenheit wohnen – das ist ein Sehnsuchtsbild, das wir alle kennen, denn wir erfahren hier auf dieser Erde immer wieder, dass Leben ungeborgen und gefährdet ist.
Das Bild von der Wohnung, die Jesus für uns bereitet, sagt: Wenn wir sterben, dann kommt Jesus zu uns, um uns zu sich und in die Wohnung seines Vaters zu holen, damit wir auf immer dort sind, wo er ist und in unzerstörbarer Geborgenheit bei Gott und in Gott wohnen.

 

 

4.2 Das zweite Bild: Vom Engel in Abrahams Schoß getragen werden - Das Paradies

 

Der Evangelist Lukas verwendet in der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus ein wunderschönes Bild für unser Sterben: Als Lazarus starb, wurde er von den Engeln getragen in Abrahams Schoß (Luk 16,22). Eigentlich sind es zwei Bilder, die Lukas benutzt. Da ist zum ersten das Bild von den Engeln, die uns über die Schwelle des Todes tragen und zum andern das Bild von Abrahams Schoß. Für die frommen Juden z.Zt. Jesu war Abrahams Schoß ein Bild für den Ehrenplatz, den der Arme nun beim ewigen Festmahl einnehmen darf.
Diese Bilder bringen zum Ausdruck: Wir werden in unserem Sterben also nicht allein sein. Engel sind da, begleiten uns und bringen uns zu unserem Platz. Wir werden über die Angst machende Schwelle des Todes in die bergenden Arme Gottes getragen und so für immer in Gottes Liebe geborgen.

J. S. Bach lässt seine Johannespassion mit diesem tröstlichen Bild im Schlusschoral ausklingen:   „Ach Herr, lass dein‘ lieb‘ Engelein
  am letzten End‘ die Seele mein
  in Abrahams Schoß tragen!“

Diese tröstliche Vorstellung – zumal in der schlichten und zu Herzen gehenden Vertonung Bachs - kann uns helfen, uns von beängstigenden Bildern des Todes zu lösen.

Zwischenspiel: J.S. Bach: „Ach Herr lass Dein lieb Engelein...“

In seiner Erzählung vom Tod Jesu am Kreuz verwendet Lukas ein ähnliches Bild. Er erzählt, dass mit Jesus noch zwei Verbrecher gekreuzigt wurden. Einer zu seiner Rechten und der andere zu seiner Linken. Der Linke verhöhnt Jesus: Wenn er denn schon der Messias sei, dann solle er doch gefälligst sich selbst und ihn retten. Ganz anders reagiert der Mitgekreuzigte an Jesu rechter Seite.

 

Er weist den anderen zurecht:
Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir ... empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23, 40-43)

Das Paradies – in vielen Religionen ist die Vorstellung von einem Paradies bekannt. Oft wird es mit dem Bild eines wunderschönen Gartens umschrieben, in dem Harmonie und Frieden herrschen, in dem Mensch und Gott Tür an Tür zusammen wohnen.

Es ist eine hoffnungsvolle Szene, die Lukas erzählt. Selbst wenn wir am Ende unseres Lebens glauben, wir hätten unser Leben verfehlt und an uns und unserer Bestimmung vorbeigelebt, dürfen wir uns voller Vertrauen Jesus zuwenden und sagen: Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst. Dieser Blick auf Jesus lässt uns hoffen, dass wir mit ihm ins Paradies eingehen werden, dass wir umfangen sein werden von seiner vergebenden und annehmenden Liebe.

Wir alle leben ja in der Spannung, dass wir uns einerseits bemühen, unser Leben gut zu führen und gleichzeitig machen wir die Erfahrung, dass uns das oft nicht gelingt, dass wir immer wieder einmal nicht so sind, wie wir gerne sein wollen. Trotz allem Bemühen ist und bleibt unser Leben Stückwerk. Wenn wir diese Erfahrung ernst nehmen und die Erkenntnis zulassen: Manches, was mir nicht gelungen ist, lag nicht an anderen, oder an den Verhältnissen, sondern es lag sehr wohl auch an mir und daran, wie ich gedacht und mich verhalten habe; wenn wir das erkennen, dann ermutigt uns die Erzählung vom Schächer am Kreuz darauf zu vertrauen, dass trotzdem noch ein Weg der Umkehr und Zuwendung zu Jesus besteht, dass es bei Gott für uns immer eine Chance gibt, dass er uns in Jesus anschaut und zusagt: Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein.

 

4.3 Das dritte Bild: Der Himmel

 

Das ist vielleicht das bekannteste Bild, das wir für uns und vor allem für unsere fragenden Kinder verwenden. Der Verstorbene, die Oma, der Opa ist jetzt im Himmel. Doch was heißt das? Wie können wir uns den Himmel vorstellen? Paulus spricht in seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth von „der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist“ und die Gott nur durch seinen Geist offenbart. Was Gott uns im Himmel bereitet hat, das hat – so Paulus - kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und es ist in keines Menschen Herz gekommen (1. Kor, 2,7ff). Was immer wir uns vom Himmel vorstellen, reicht nicht hin, um dem Himmel gerecht zu werden. Was uns im Himmel erwartet, übersteigt unsere Vorstellungen.

Die Theologie hat den Himmel immer wieder als den Ort beschrieben, an dem wir eins sind mit Gott. So sagt etwa der katholische Theologe Gerhard Lohfink: „Himmel – das ist nichts anderes als die Begegnung mit Gott selbst.“ (Lohfink, S. 39).

Von der Psychologie her können wir sagen, im Himmel wird unsere tiefste Sehnsucht erfüllt. Gott sei Dank können wir ja schon in unserem jetzigen Leben Erfüllung und Glück erleben: Das Glück der Begegnung und der Liebe, des Einsseins mit einem geliebten Menschen. Das Glück des Gelingens und des Erfolgs. Doch wir wissen alle, dass wir das Glück nicht festhalten können. Jede Glückserfahrung setzt neues sehnsüchtiges Streben frei: nach mehr Liebe, nach noch mehr Intensität, nach noch größerem Erfolg. Erst im Himmel kommt dieses sehnsuchtsvolle Streben an ihr Ziel und wird erfüllt. Dort wird es uns in der Begegnung mit Gott wie Schuppen von den Augen fallen, „...wer wir in Wirklichkeit sind. Dort wird das einzigartige Bild, das Gott sich von uns gemacht hat, in seinem ursprünglichen Glanz aufstrahlen“ (Grün, S. 89) und ich werde eins sein mit mir selber und mit Gott. Alle Sehnsucht ist gestillt.
Es wird deutlich: Der Himmel ist außerhalb der uns bekannten Dimensionen von Zeit und Raum. Er ist er etwas völlig anderes als unsere jetzige Existenz, die ja gerade durch Zeit und Raum bestimmt ist.

Und doch können wir etwas davon erahnen, was Himmel meint. Manchmal machen wir sozusagen himmlische Erfahrungen. Eine Musik kann uns so in ihren Bann schlagen, dass wir völlig in ihr aufgehen und Zeit und Raum vergessen. Der Blick auf dem Gipfel eines Berges, den wir mit viel Schweiß und Anstrengung erstiegen haben, kann uns so überwältigen, dass alle Mühe vergessen ist und wir völlig hingerissen sind. Oder wir erleben Augenblicke, von denen wir im Nachhinein sagen: Da stand für uns die Zeit still.

Solche erfüllten Augenblicke können uns eine Ahnung davon geben, was Himmel sein kann. Es ist das intensive Erleben der Gegenwart, die pure Präsenz. Wer von einer Begegnung, einer Musik, einem Bild, einer Landschaft tief angerührt wird, der vergisst die Zeit um sich her und geht ganz im Augenblick auf. Ihm tut sich eine neue Welt auf. Er ist sozusagen im Himmel. „Jeder so erfüllte Augenblick des Lebens ist ein ‚Atom der Ewigkeit‘, wie Kierkegaard sagte, und eine Verheißung kommender Vollkommenheit. ...Jeder erfüllte Augenblick wird zum Vorgeschmack des ewigen und vollkommenen Genusses des Lebens“ (Moltmann, S. 76).

Auch wenn wir uns den Himmel immer wieder wie einen Ort vorstellen, letztlich ist das Bild des Ortes ein unzulängliches Bild. Gott selbst ist der Himmel. Und ihn können – wie es Salomo bei der Einweihung des Jerusalemer Tempels sagt – ihn können aller Himmel Himmel nicht fassen (1. Kö 8,27). Himmel ereignet sich. Er ereignet sich, wenn ich Gott begegne und mich ihm öffne und dadurch zu dem Menschen werde, als der ich gedacht bin und nach dem ich ein Leben lang gesucht habe und unterwegs war.

Das Vorbild für diesen Menschen ist Jesus Christus. Alle Bilder der Bibel vom

Himmel wollen letztlich das Geheimnis umschreiben, dass wir im Himmel bei Christus sind, der sich für uns hingegeben hat, auf dass wir hinfort in Gott leben können. Dann ist unser Leben wie das Leben Christi: „Ewige Hingabe, ewige Liebe, ewige Offenheit für Gott und für die Menschen“ (Grün, S. 91) und uns selbst.

 

4. Aus der Hoffnung leben

 

Und was tun wir jetzt mit diesen drei biblischen Hoffnungsbildern von Tod und ewigem Leben? Es mag ja durchaus interessant sein, sie zu kennen, aber haben sie eine Bedeutung für mich und mein Leben und mein Sterben? Können sie meine Furcht mindern vor dem Unbekannten, das im Tod auf mich zukommt? Helfen Sie mir in meiner Angst vor dem Dementwerden, der drohenden Hilflosigkeit und den Schmerzen, die dem Sterben womöglich vorausgehen?
Niemand von uns wird diese Ängste je verlieren. Es sind existentielle Ängste, die zu unserem menschlichen Leben dazugehören. Und doch können die biblischen Hoffnungsbilder meine Angst relativieren, wenn ich die Augen vor der Angst nicht verschließe und gleichzeitig meine Hoffnung anschaue und sie mit meiner Angst ins Gespräch bringe. Denn nicht nur meine Angst ist eine seelische Realität, auch meine Hoffnung ist eine seelische Wirklichkeit.
Hoffnung kann ich mir nicht selbst backen. Sie braucht einen Anhaltspunkt in meinem Leben. Ich muss etwas erlebt haben, an dem sich meine Hoffnung festmachen lässt und aus der heraus sie dann wachsen kann. Hoffnung macht sich an Erfahrung fest. Gleichzeitig überschreitet sie jedoch die bloße Erfahrung.
Ein Beispiel: Jedes Kleinkind schreit und hat Angst, wenn es zum erstenmal mitbekommt, dass seine Mutter weggeht. Da kann die Mutter ihm noch so eindringlich sagen, dass sie bald wiederkommt und es nie allein lassen wird. Das Kind wird Angst haben und schreien. Erst wenn das Kind wieder und wieder die Erfahrung macht, dass die Mutter tatsächlich zurückkommt wenn sie weggegangen ist, weicht mehr und mehr die Angst vor dem Alleingelassensein. Das Kind hat erfahren: Die Mutter kommt wieder. Und irgendwann vertraut es darauf und hofft, dass es immer so sein wird.

Aus dieser Erfahrung kann dann die weit über unsere irdisch-menschliche Wirklichkeit hinausgehende tranzendente Hoffnung wachsen, dass ich als Mensch letztlich nie alleingelassen bin, selbst im Sterben und im Tod nicht. Auch wenn das eine nicht zu beweisende religiöse Glaubensüberzeugung ist, so ist sie doch nicht aus der Luft gegriffen. Sie basiert auf Erfahrungen und sie hat direkte Auswirkungen auf meine Lebensführung und darauf, wie ich mich der Herausforderung des Sterbenmüssens stelle. Es ist so, wie ich zu Beginn gesagt hatte: Wie wir auf unser Sterben, auf unseren Tod zugehen, hängt entscheidend davon ab, wie wir leben. Wer versucht, sein Leben mit Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung zu führen, der hat die Chance, mit größerer Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung seinem Tod entgegen zu sehen.

Dazu kommt: Wie wir das Sterben erleben – mehr mit zuversichtlicher Hoffnung

oder eher in Angst oder gar Verzweiflung – das hängt auch von den Vorstellungen ab, die wir uns vom Tod machen und von dem, was danach kommt.

Die hoffnungsvollen Bilder der Bibel vom Sterben wollen uns ermutigen, mit Vertrauen auf den Tod zuzugehen. Sie wollen uns beim Schritt durch das Tor des Todes die Zuversicht geben, dass wir nicht allein sind. Jesus ist uns diesen Weg vorangegangen und begleitet uns. Er hat uns unsere Wohnung bereitet, in der wir umgeben sind von der Liebe Christi. In dieser Liebe werden wir uns selber erkennen. Und das wird uns so verwandeln, dass wir alles durch das Licht dieser Liebe schauen und selber ganz Liebe werden. So wird unser Leben zur Vollendung kommen.

 

 

 


Pfarrer Klaus Hoof

Verwendete Literatur:
Anselm Grün: Was kommt nach dem Tod? – Die Kunst zu leben und zu sterben, Münsterschwarzach
 2. Aufl. 2009
Carl Gustav Jung: Seele und Tod, in: Gesammelte Werke Bd. 8, Zürich 1967
Gerhard Lohfink: Der Tod ist nicht das letzte Wort, Frankfurt 2009
Jürgen Moltmann: Ethik der Hoffnung, Gütersloh 2010