Hosianna- Hilf doch!

© Kirchenbezirk Geislingen

Pfarrer Dr. Tobias Kaiser


Was für ein Kontrast, liebe Leserinnen und Leser, Palmsonntag heute und Palmsonntag damals in Jerusalem. Die Menschen sind unterwegs, wollen zum Fest, freudig sind sie und voller Erwartungen. Lebendig geht es zu und laut. Jesus ist mitten unter ihnen, reitet auf einem Esel in die Stadt. Die Menschen erkennen ihn: Der Heiler, derjenige, der Geschichten über Gott und sein Reich erzählt, der Messias, der Heiland, der, mit dem so große Hoffnungen verbunden sind. Sie winken und jubeln, Hosianna rufen sie, ein Hilferuf eigentlich. „Hilf doch“ rufen sie Jesus zu. Jede und jeder mag da ein Anliegen haben, jede und jeder eine andere Hoffnung.


Käme Jesus heute, leere Straßen würde er vorfinden, geschlossene Geschäfte und Kaffees, laut ist es nicht und lebendig auch nicht. Unsere Straßen sind leer, unser Alltagsleben steht still. Menschen würde er auch kaum antreffen. Zuhause sind sie, müssen dort bleiben, zu mehreren draußen sein ist verboten und gefährlich. Eine Krankheit bedroht uns und hat alles verändert.

 

Alles? Nein, nicht alles, das spüren wir. Angst haben wir immer noch und Erwartungen und Hoffnungen. Das hat sich nicht verändert in diesen vielen Jahren. Das spüren wir heute vielleicht sogar mehr als an anderen Palmsonntagen. Noch immer haben wir Menschen vieles nicht im Griff, verstehen vieles nicht und hoffen auf Gott, dass er uns hilft und beschützt, uns tröstet in unserer Trauer, uns beisteht in diesen Tagen. Geblieben ist die Hoffnung und die Bitte, die wir in diesen Tagen mitsprechen „Hosianna – Hilf doch!“

Pfarrer Dr. Tobias Kaiser, Geislingen-Altenstadt

Pause

Pfarrer Dietrich Crüsemann



Corona, oder Coronata, also wird von den Italienern dieses Zeichen (   ) genennet, welches, wenn es über gewissen Noten in allen Stimmen zugleich vorkommt, ein allgemeines Stillschweigen, oder eine Pausam generalem bedeutet…


Diesen Ausschnitt aus einem alten Musiklexikon schickte mir die Tage ein Freund, selbst Musiker.

 


Eine Generalpause für die ganze Welt. Man könnte sich daran freuen, wenn nicht so viele Unsicherheiten wären. Wie sieht das Danach aus? Bleibe ich, bleiben die meinen gesund? Wenn nicht, wie komme ich dann durch? Was ist mit meinem Geschäft, meinem Einkommen? Was mit Reiseplänen, Prüfungen, Vorhaben?


Die Pandemie trifft alle, doch nicht alle gleich. Manche haben in diesen Tagen größere Sorgen als andere. Und in manchen Gegenden der Welt lassen sich die Auswirkungen so gut wie gar nicht abfedern. Weder medizinisch noch, später hoffentlich, materiell.


Was kommt nach der Generalpause?


Nein, das Virus hat keinen Sinn und ist auch nicht von Gott geschickt. Wenn alles vorbei ist wird sich hoffentlich in China der Umgang mit Wildtieren verändern. Damit die Wahrscheinlichkeit, dass sich dergleichen wiederholt, ein bisschen sinkt.


Aber vielleicht werde ich, aus den Rhythmen und Strukturen des Alltags gerissen, ein bisschen wesentlicher. Was ist wichtig? Was will ich unbedingt? Wer ist mir wichtig? Was ist überflüssig – auch an Sorgen, Gedanken, Ärger?


Der Sonntag mit dem diese Woche begann trägt den Namen „Lätare“ – „Freut euch!“. Mitten in der Zeit, in der in der Kirche der Leidensweg Jesu im Mittelpunkt steht, auf einmal dies. Worüber freue ich mich? Wofür bin ich dankbar?


Mitten in der großen Pause, mitten in all dem Nichtwissen, mitten in allen Sorgen und manchmal auch: mitten in allen überflüssigen Gedanken nach der Freude gefragt werden. Vielleicht ist das kein schlechter Impuls in dieser an Ratschlägen so reichen Zeit.

 

Pfarrer Dietrich Crüsemann, Geislingen

Fürchte dich nicht, glaube nur!

Pfarrerin Magdalena Smetana


Vor 35 Jahren – ja solange ist es schon her – bekam ich diesen Satz zur Konfirmation. Von meinem Papa. Er war auch Pfarrer. Ich habe mich ein bisschen geärgert. Weil er so kurz ist. Und weil es da um Glauben geht. Ich hätte lieber was mit Engeln oder so gehabt. Mit dem Glauben hatte ich es als 14-jährige nicht so gehabt.


Fürchte dich nicht, glaube nur – dieser Satz ist dann im Laufe des Lebens zu einer Art roter Faden geworden in meinem Leben. Der zieht sich durch, manchmal ist er ganz schön verknotet, manchmal unsichtbar, aber er ist da. Immer wieder habe ich gemerkt, es hilft, meine Sorgen und Ängste in Gottes Hand zu legen. Nein, sie sind dann nicht weg, oder nicht immer, aber ich spüre, ich bin damit nicht allein. Ich glaube, Gott trägt mich. Manchmal kann ich Dinge klarer sehen und plötzlich entdecke ich die Lösungen. Manchmal wird mir bewusst, dass ich ein bisschen geduldiger sein muss, um ans Ziel zu kommen. Wenn ich bete, muss ich meine Ängste nicht mehr mit mir herumtragen. Ich kann sie aussprechen. Und ich bin sicher, Gott hört.

 

Fürchte dich nicht – ich mag diesen Satz inzwischen sehr. So oft, wie er in der Bibel auftaucht:
Als der Engel Gabriel Maria ankündigt, dass sie schwanger wird, sagt er: fürchte dich nicht.
Als die Hirten erschrocken waren über die Engelsschar am Himmel, hörten sie: fürchtet euch nicht, euch ist heute der Heiland geboren.

Bei der Taufe wird jedem und jeder Getauften zugesprochen: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Wie großartig ist es denn? Gott kennt uns alle beim Namen. Jeden und jede einzelne. Dadurch wird das Leben nicht von jetzt auf nachher besser, aber mir tut es gut. Gott kennt meinen Namen und mir sagt er zu: Fürchte dich nicht.

 

Ich vertraue auf Gott, ja. Bedingungslos. Und ich vertraue auch darauf, dass unsere Regierung die richtigen Schritte tut, ich vertraue darauf, dass ein Mittel gegen das Virus gefunden wird. Und ich hoffe, dass wir als Gesellschaft barmherziger, freundlicher und vielleicht sogar ein bisschen demütiger werden. Und vernünftiger. Bleibt gesund und bleibt gesegnet.


Magdalena Smetana, Pfarrerin in Gruibingen

Strecke dein Herz aus und wisse, dass du verbinden bist

Pfarrerin Antje Klein



Was in diesen Tagen in der Welt vor sich geht, macht Angst. Mir und vielen anderen. Für mich als Pfarrerin die bisher schlimmsten Maßnahmen waren der Verzicht auf Besuche und die Absage von Gottesdiensten. Als Kirchengemeinden sollten wir doch zusammenstehen und gerade jetzt für Menschen da sein. Und wer weiß, was noch kommt.

 


Es berührt mich, wie sich in so vielen Regionen der Welt Menschen trotzdem verbinden. Ohne sich physisch nahe zu sein. Die Italiener, die am Balkon ein Gute-Nacht-Konzert geben. Die Spanier, die die Menschen beklatschen, die sich in der Pflege und an anderen Orten für die Kranken engagieren. Und die Menschen, die an vielen Orten im Internet und anderswo bekunden, im Gebet zusammenzustehen. Füreinander da zu sein vor Gott, wenn auch nicht in physischer Präsenz.

 

Auf einer dieser Seiten im Netz habe ich das englische Gedicht „Pandemic“ („Pandemie“) von Lynn Ungar gelesen. Darin heißt es unter anderem (in meiner Übersetzung):

„Und wenn dein Körper zur Ruhe gekommen ist /

strecke dein Herz aus /

wisse, dass du verbunden bist /

auf erschreckende und auf schöne Weise. /

(Du kannst es jetzt kaum verneinen.) /

Wisse, dass wir unsere Leben /

gegenseitig in der Hand haben. /

(Sicherlich ist das nun klar.) /

Strecke nicht deine Hände aus. /

Strecke dein Herz aus. /

Strecke deine Worte aus. /

Strecke deine Ranken aus /

des Mitleids, die bewegen, unsichtbar /

wo wir nicht physisch berühren können. /

Versprich dieser Welt deine Liebe …“

 


Wir stehen zusammen und sind füreinander da, auch wenn wir uns nicht direkt begegnen können. Durch ein Gebet. Durch gute Gedanken. Bleiben Sie in Verbindung! Durch ein Telefonat oder eine Email. Durch einen Brief. Auch wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind so zu erreichen und für Sie da!

 

Pfarrerin Antje Klein, Geislingen-Altenstadt

Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2.Tim 1,7)

Pfarrer Matthias Ebinger

Mir ist in den vergangenen Tagen folgendes Bibelwort besonders wichtig geworden:

Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2.Tim 1,7)

 

1. Der Geist der Kraft: Kraftvoll wollen wir gemeinsam versuchen, Ideen zu entwickeln und umzusetzen, um dennoch weiterhin in Kontakt zu bleiben und uns als Gemeinden zu stärken und ermutigen.

Beten wir füreinander und vielleicht ja auch in digitaler Form miteinander!

 

2. Der Geist der Liebe: Lassen wir uns von der Liebe Gottes leiten und „lieben wir unseren Nächsten wie uns selbst“. Dort wo wir helfen und unterstützen können: Helft einander!

Ich habe die Tage in einem Bericht auf „Spiegel online“ folgendes gelesen: „Denn nie waren die Brutalsten, die als einsame Sieger nach Katastrophen übrigblieben, sondern die Gemeinschaft, deren Mitglieder sich halfen. […] Gerade wenn man Angst hat, hilft es, die anderen zu sehen, sich zu helfen, anzulächeln, zu schauen, ob jemand Hilfe braucht oder Trost.“

 

3. Der Geist der Besonnenheit: Lassen wir uns nicht von Angst, Hysterie und Panik anstecken, unser gesunder Menschenverstand ist ebenfalls ein Geschenk Gottes!

 

Bleiben Sie zuversichtlich!

 

Matthias D. Ebinger, Pfarrer

 

P.S. Eine kleine Geschichte der Zuversicht zum Schluss.

 

Die Parabel von den drei Fröschen

Drei Frösche fallen in einen Topf Sahne. "O je, wir sind verloren", stöhnt der erste Frosch pessimistisch und ertrinkt.

Der Optimist hingegen glaubt: "Keine Sorge, irgendjemand wird uns schon retten." Er wartet und wartet und ertrinkt ebenso.

Der zuversichtliche Frosch sagt sich: "Da bleibt mir nur zu strampeln." Er reckt den Kopf über die Oberfläche und strampelt - bis die Sahne zu Butter wird und er aus dem Topf springen kann.

 

Nehmen wir uns den strampelnden Frosch zum Vorbild und werden nicht zum Vogelstrauß der den Kopf in den Sand steckt…

 

Anderes Leben

Pfarrerin Kathinka Kaden


Was Umweltbewegte seit Jahrzehnten nicht geschafft haben, gelingt einem Virus: Der Ölverbrauch sinkt, der Klimawandel wird abgebremst. Satelliten-Aufnahmen zeigen, wie sich die Luftverschmutzung in China drastisch verringert, weil weniger produziert wird. Schulunterricht fällt aus, Geschäftsleute verständigen sich über Videokonferenzen, Urlaubstage in der Ferne werden verworfen. Man kocht zuhause statt ins Restaurant zu gehen, besucht keine Events mehr, schränkt Shoppingtouren ein.
Zusammenkünfte in Kirchen, Moscheen, Synagogen und die Zusammenkünfte anderer Glaubensgemeinschaften sind seit Montag bis auf Weiteres verboten, also alle Gemeindeveranstaltungen und auch Gottesdienste.

Die großen Religionsgemeinschaften haben davor bereits schnell und besonnen reagiert: Das Abendmahl wurde nur mit Einzelkelchen gefeiert, aus den katholischen Kirchen verschwand das Weihwasser. In jüdischen Gemeinden hat man darauf verzichtet, Gebetsbücher zu küssen – und die Mesusot, die Schriftkapsel am Türrahmen. In der islamischen Welt wurden Freitagsgebete und Pilgerfahrten abgesagt.

 


Wir leben innerhalb von wenigen Tagen anders. Der Virus zwingt uns dazu. In der jüdischen wie christlichen Glaubensgeschichte waren Seuchen ein Signal dafür, das mit der Lebensweise eines Volkes etwas Grundlegendes nichts stimmt.

 

In unseren Zeiten ist diese Sicht, dass die Schrecken, die über die Menschheit kommen, eine Strafe Gottes seien, nicht mehr plausibel. Doch positiv gewendet könnten wir die turbulenten Zeichen der Zeit nützen für eine nüchterne Überprüfung unseres verschwenderischen Konsums. Besinnung, Gewissenerforschung, Reue, Buße und Umkehr passen in die Passionszeit.


Allerdings bewahren viele gerade in Krisenzeiten keinen kühlen Kopf. Es scheint vielmehr, als wecke das Virus in vielen Menschen die Unvernunft, meint Michael Blume, der Beauftragte der Landesregierung in Baden-Württemberg gegen Antisemitismus. Er ist sehr besorgt, dass sich im Internet viele Verschwörungsmythen über Corona verbreiten. Sein Rat: „Glauben Sie nicht alles, was Ihnen im Internet angeboten und gepredigt wird. Halten Sie sich an die Institutionen – ob das Medien oder Religionsgemeinschaften oder was auch immer sind – die auch in der Vergangenheit Ihr Vertrauen verdient haben. Und nicht an irgendwelche Scharlatane, die letztendlich Ihre Angst verstärken und manipulieren wollen.“ Ein guter Rat!

 

Pfarrerin Kathinka Kaden, Donzdorf

Corona schlägt Wellen

Pfarrer Dr. Tobias Kaiser

 

Erst vor ein paar Tagen noch war ich im Kindergarten. Da habe ich mir noch nicht denken können, dass er nun zu ist. Den Kindern habe ich die Geschichte von der Sturmstillung erzählt. Jesus ist mit seinen Jüngern auf einem Boot unterwegs. Jesus ist müde und schläft, bekommt gar nicht mit, wie Sturm aufkommt und das Wasser aufpeitscht, wie Wellen in das Boot schwappen und es vollläuft. Es geht um Leben und Tod.

 

Corona schlägt Wellen, wir spüren sie überall. Alles hat sich verändert. Gefahr ist um uns her und Angst in uns. Wie wird das weitergehen? Wird es mich treffen, meine Familie, meine Freunde?

Bedrohlich spüren wir die Wellen näherkommen. So wie die Jünger auch. Hatten sie denn zuvor nicht aufgepasst, was Jesus ihnen vom Himmelreich erzählte, es nicht verstanden? Hatten sie nicht gehört, dass das Himmelreich schon da ist, es wächst, auch dort, wo wir es nicht sehen. Zum Sorgen war kein Grund.

Sie wecken Jesus, voller Vorwürfe, ihm sei egal, dass sie umkommen. Jesus stillt den Sturm, der Wind legt sich, es wird still. Und in die Stille hinein fragt Jesus, ob sie denn keinen Glauben hätten. Sie wissen nicht was sagen, staunen nur über Jesu Kraft.

 

Eine Geschichte vom Glauben und vom Vertrauen, eine Geschichte über Gott und die Menschen, über unser Leben und Gottes Zusage.

Wir sind unterwegs in den bedrohlichen Wellen unserer Tage. Allein sind wir nicht im Boot, da fahren andere mit, einander zu helfen und zu trösten. Dabei ist Gottes Sohn.

Fahren Sie, liebe Leserinnen und Leser, beruhigt und getrost durch all die Wellen, der, dem Wind und Meer gehorsam sind, der fährt mit uns.


Pfarrer Tobias Kaiser, Geislingen-Altenstadt

Menschen sind uns nicht egal

Vikar Clemens Dinkel


Unsere aktuelle Lage, so bedrückend sie auch ist, bietet uns als städtische Gemeinschaft auch eine riesen Chance. Jetzt können wir zeigen, dass uns die Menschen in unserer Umgebung nicht egal sind.

 

Ein gemeinsamer Feind hat schon immer unterschiedliche Menschen dazu bewegt zusammen zu arbeiten. Geislingen setzt sich aus vielen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammen. Machen wir das Coronavirus zu unserem gemeinsamen Feind, der unseren Zusammenhalt stärkt.

Vermutlich wird es bald Menschen in unserer Nachbarschaft geben, die das Virus tragen und das Haus nicht mehr verlassen können. Wir können Netzwerke gründen um sie mit allem Nötigen versorgen, dass sie beruhigt zuhause bleiben können. Es wird alleinstehende Menschen geben, die zuhause vereinsamen, wenn sie das Haus nicht verlassen können.

Wir könnten Besuchsdienste in Schutzkleidung oder ähnliches organisieren um den Menschen ein Gegenüber zu geben. Die Arbeitslast wird in der kommenden Zeit ungleich verteilt sein. Manche Berufsgruppen haben jetzt erst einmal weniger zu arbeiten. Für Mediziner wird die kommende Zeit aber zur Hölle werden. Vielleicht finden wir da auch einen Ausgleich?

 

Als Mutmacher für die kommende Zeit möchte ich Ihnen noch folgende Zeilen aus Psalm 23 mit auf den Weg geben:
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Amen

Vikar Clemens Dinkel, Geislingen